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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Bellis Fernau kam. Immer noch eine jener Frauen, um die ewiger Frühling ist. Sie war voll Geschmeidigkeit und Frische und ausgerüstet mit der ganzen Wachheit der Sinne ihres erdenfreudigen Mischlingstums. Sie war durchsonnt wie in den Tagen, da ihr durstiger Mund aufblühte unter den Küssen des Geliebten. Aber manchmal hatte sie harte Augen, und sie war schon ehemüde.

So hielten sie sich wieder in den Armen, Bellis und Lilofe, die eine der anderen Werkzeug und Wille, die eine Körper, die andere Schatten, die eine in ihrem Herzen der anderen ähnlich wie zwei Schmetterlinge der gleichen Art. Sie waren in die Sonne geflattert und hatten nach Süßigkeiten des Lebens gesucht, die in bunten Schalen an ihren Wegen wuchsen sechzehn Jahr. Nun standen sie offen wie Blumen am Morgen.

Romald Eskriebens fand eine flüchtige Gelegenheit, mit Bellis allein zu sein.

Da fuhr er in sie wie ein verstürmter Schiffer in den rettenden Hafen und zog sie in sein Geheimnis.

Aber Bellis Fernau, von der er gedacht hatte, daß sie nun aufjubeln würde, starrte ihn an – »Unverzeihliche Männerselbstsucht,« sagte sie und lächelte sich zwischen Ernst und Scherz hindurch. Das andere sprach sie mit schweigendem Munde. Aber sie suchte nach einem Weg in den fremden Mann. Über die Brücke des Vertrauens, die er geschlagen hatte, fand sie sich zu ihm.

»Wie könnten Sie jetzt schon den frohen Traum Wahrheit werden lassen?« fragte sie, »jetzt, da dies Kind mit seiner ganzen Freudigkeit aufblühen wollte zu stolzer ersehnter Frauenschönheit? Mußten Sie denn nicht Ihre Hände über dies Kleinod breiten, das sich von Ihnen finden ließ, viel, viel zu früh – ein Quell voll Leben, ein Jauchzer des Frühlings!«

Darüber fiel der Wille zur Sanftmut in letzten Stücken von ihm ab –

»Ja, bin ich denn ein Kind, daß Sie mir nun mit den gleichen Albernheiten aufwarten? Wozu läßt sich ein Mädchen denn eigentlich heiraten? Zum ...«

Eine Flamme des Zorns schlug ihm in Stirn und Stimme. Er stand vor dieser Frau und zerwühlte sich mit beiden Händen das Haar. Aber er zerbiß die Rede, die ihm im Munde lag.

»Es ist gut, daß Sie sich scheuen, Ihre Gedanken auszusprechen, Herr Eskriebens,« sagte Bellis. »Wir Frauen wissen, daß wir uns vor dem Egoismus der Männer zu schützen haben. Und wir schützen uns, sonst heißt es: durchjubelte Nächte, durchschluchzte Tage – Frauenlos!«

Eskriebens lachte in belustigter Verzweiflung hell auf. Aber sein Lachen ward bitter, es ward qualvoll. Dann brach es jäh ab.

Bellis Fernau trat hochaufgerichtet an ihn heran: »Sagen Sie mir noch ein Wort ...«

Aber er wartete nicht auf sie, er sprach den Gedanken mit entsetzten Augen aus, den einzigen, der ihn erfüllte: »Romald Eskriebens, du Narr, du tausendfältiger Narr!«

Die beiden Frauen redeten in den folgenden Tagen von der Ehe wie ein Volk vom Krieg während der Mobilmachung. Jede hielt sich für zuständig; sie redeten sich in eine angriffswütige Stimmung und merkten gar nicht, daß sich ihre Erfahrungen nicht zusammenbringen ließen. Sie schweißten aneinander Holz und Eisen, Liebe und Haß, Erfüllung und Enttäuschung. Sie wußten, daß sie sich all die Jahre verstanden hatten und verstanden nun das Unverständliche. Aber das sahen sie nicht, daß Bellis Indens Erwartungen an den Gewohnheiten eines späten Junggesellentums scheiterten, und daß in ihrem Falle zwei angejahrte Menschen im Kampf um ihre verhätschelte Selbständigkeit lagen – zwei Menschen, die sich sofort mit steilen Sinnen gegenüberstanden, wenn sie fühlten, daß der eine den anderen in die neue unbequeme Lebensform zwingen wollte. Sie sahen nicht, daß sich in dem Schwabinger Landhause Jugend zu Jugend sehnte, daß die Sonne einer himmel- und erdenfreudigen Liebe in alle Fenster scheinen wollte und daß man diese Fenster nur aus wunderlich kindhaften Meinungen heraus verhing.

Die Frauen schritten wieder Arm in Arm wie in der anderen Zeit, sie tändelten sich ins Leben wie in der anderen Zeit und wurden licht in den alten Freuden.

Romald Eskriebens schloß sich nicht zu.

Er kannte nun auch die Ehemüdigkeit der Frau Bellis und fürchtete sich doch nicht; denn solch ein gefestigtes Mannesherz ist weit schwerer umzubringen als alles hirnlose Politisieren eines Frauenkopfes.

Während er in neugesammelter Schaffensfreudigkeit wieder in seiner Werkstatt festwurzelte, würden sich ja wohl auch die Frauen in Herzenshelligkeit reden, würden sich hinanreden an das ›Geheimnis‹, das Eskriebens der Freundin des Hauses sacht enthüllt und um dessen schonende Prüfung er sie gebeten hatte.

Das Lachen der Frauen über seine vermeintliche Entdeckung fand sich nicht hinüber bis in die Ateliereinsamkeit und die Hoffnung Romalds. Ihre erheiterten Augen, in die die Lust an diesem neckischen Spiel aus allen Winkeln kicherte, deutete er sich ahnungslos als die Sonne auf dem Wege zum Glück. Und als ihnen auch noch der lange Doktor Fuhr vor dem Odeon-Café in der Briennerstraße an einem der Vorabende des Festes in die Arme lief, war Lilofe wieder ganz voll von dem belebenden Glanze ihrer Mädchenzeit.

Doktor Fuhr plätscherte gleich vor den Türen des Cafés die frische lange und quellhafte Rede einer neuen Theatergründung in den bayrischen Bergen über die erstaunten Drei. Er überschüttete sie in dem Augenblicke verscherzter Geistesgegenwart, den sein unvermutetes Erscheinen verursacht hatte, mit einem Platzregen von Zahlen über den zu erwartenden Besuch des Unternehmens, über die Eisenbahnlinien, die dahin führten, die Extrazüge, die Bevölkerung, die in Frage kommenden Stücke und den wahrscheinlichen Gewinn – ein Gesamtbild von verblüffender Wirkung und eingerahmt in einen stammdicken Optimismus.

Die Verkehrsstockung, die durch diese Theatergründung der vier auf dem Bürgersteige zu einem bedrohlichen Stau anwuchs, übersah des Doktors weitschauende Begeisterung. Endlich erfaßten ihn die Damen am Steuer, er glitt aus dem Strom ins Café und war schon übergrünt von der Hoffnung, daß er den frühlingsäugigen Germanen Romald Eskriebens bis in das Guthaben bei seinem Bankhause für seine Idee erwärmt habe.

»Unheilbar!« konstatierte Lilofe mit ausgelassenem Lachen. Bellis und Eskriebens klatschten Beifall, und Doktor Fuhr nahm die Einladung, das Fest in dem Schwabinger Landhause zu feiern, mit geschmeichelter Dankbarkeit an.

Dann zogen sie durch die Schneenacht der Stille des Englischen Gartens entgegen.

Vor der Behaglichkeit des Hauses, das eingebettet war in flimmernde Winterherrlichkeit, hielt das Leben den Atem an für den, der gewohnt war, im Strome der Straßen dahinzutreiben. Fuhr sagte: »Man hört hier den Herzschlag des Glücks.«

Lilofe hatte nun all' ihr Jubeln wieder angelegt. Die Werkstatt war verwaist und die Zerrissenheit der anderen Tage überhellt von dem silbernen Schimmer der Weihnachtszeit.

Nach den Mahlzeiten, wenn die Herren bei der Zigarre und die Damen bei der Zigarette angelangt waren, begann Lilofe zu plänkeln.

Es war unbeschreiblich neckisch und von einem ganz neuen Reize für sie, nun in ihrem Hause als Gast den Doktor zu haben, in den sie sich während der goldgrünen »Wagenfahrt« an der Ilm bis zu blutroter Selbstvergessenheit hineingeschmiegt hatte – den langen Doktor Fuhr, der ihr damals die Küsse zwischen den Lippen herausgepflückt hatte wie Mohnblumen zwischen den Sommerhalmen!

Die Erinnerung streichelte alle Sinne; und ob der Doktor von dem Theater in der Kulissenwelt der Berge redete, oder von seinen unaufgeführten Dramen oder von seinen verliebten Abenteuern – immer schaute der Schelm, der sie damals überrumpelt hatte, aus einem Winkel seines Gesichts und lächelte keck und geheimnisfroh: »Weißt du noch, du liebes kleines Mädel, weißt du noch?«

Das lief ihr über Herz und Lippen und lief über all ihre sinnenselige Aufgeblühtheit – nicht zu sagen, wie süß und aufwieglerisch!

Im Gedenken des gemeinsamen Waffenganges von einst forderte sie nun den frechen kußfrohen Mann zu ihrem Sekundanten. Die Waffen waren scherzende Gedanken, in das Rüstzeug herüber- und hinübergelachter Worte gekleidet. Fuhr ahnte noch nicht, um welchen Preis dieser lustige Kampf geführt wurde.

Aber wie es im Haus und Herzen seines Weimarer Freundes, des Doktors Fernau aussah, wußte er. Und daß die Freudenfeuer der Liebe jenes Sommers in Frau Bellis nicht mehr zu allen Decken herausschlugen, dessen mußte er bei seinen fachmännischen Kenntnissen gewiß sein. Ob er etwa gar in einer diplomatischen Sendung in München erschienen war, für welche die Theatergründung nur als Vorwand diente, ließ sich seitens der Frauen nicht herausbekommen. Deshalb waren sie doppelt wach, und Bellis vermied es, mit Fuhr allein zu sein. Sie verzichtete im Vorhinein auf seine Vermittlung in ihren Eheangelegenheiten.

Und Lilofe begann den Kampf: »Nicht wahr, Doktor, wenn Sie drei Monate verheiratet wären, so vergeudeten Sie nicht lange Tage mit dem Dichten einer Ihrer neuen berühmten Tragödien?«

»Ich dächte nicht daran, liebe gnädige Frau!«

Das schmetterte er ihr zu wie einen goldgelben Trompetenstoß. Aber an dem würdevollen »gnädige Frau« kletterten kichernde Schelme empor, wie lose Jungen an einem Gartenzaune und riefen: »Schönes kleines Mädel, weißt du noch, wie du das verschwiegene Hütchen vor dem Schnellfeuer meiner Küsse rettetest?«

»Na, und was würden Sie denn tun, Doktor?«

»Ich würde in jedem Monat fünfundzwanzig verliebte Einakter schreiben und meine kleine Frau als Mitarbeiterin wählen.«

»Sie sind ausgelassen wie immer, Doktor! Sie sind auch ein bißchen zu verheiratet,« drohte sie, »aber in anbetracht des edlen Zweckes sei es Ihnen verziehen.«

Fuhr warf den Mantel der Unschuld um sich und forderte allen Ernstes, Lilofe Eskriebens möge ihm erklären, was an dieser schlichten Fassung seines Eheprogramms so aufregend gewesen wäre.

»Die Eindeutigkeit,« sagte Lilofe schlagfertig. »Aber weiter: was würden Sie von einem Manne halten – nehmen wir an, er sei Naturforscher und er sei wohlhabend – von einem Manne, der gleich in der ersten Woche nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise in ein arbeitswütiges Forschen verfiele, sich in seine Werkstatt einsiegelte und nur von der Nacht zu seiner jungen schönen sehnsüchtigen Frau gescheucht würde?«

»Ein Mann solcher Art ist eine Ausgeburt Ihrer Phantasie, gnädige Frau! Aber wenn es doch einen gäbe, so wäre er ein Barbar und verdiente – die Scheidung.«

Jubelnder Beifall.

Der Dramatiker durchlebte in dieser Stunde des Erfolges die Erfüllung seiner kühnsten Dichterträume. Die weiblichen Besucher tobten über das vergnügliche Ehedrama, das hier aufgeführt wurde. Der Vorhang hob sich von neuem –

»Doktor Fuhr, was muß ein Weib besitzen, um glücklich zu sein?«

»Hm,« sagte er, »das ist der Höhepunkt des Stücks: sie muß schön sein, blütenoffen, sehnsüchtig nach der Sonne, die ihr vom Manne kommt, und ein bißchen leichtsinnig.«

»Und wenn sie das alles ist, und die Sonne kommt doch nicht?«

»Hm, hm,« hüstelte der Doktor ein wenig verlegen – »Auflösung des dramatischen Konflikts –: na, dann wird sie sich die Sonne verschaffen müssen; die ganze Welt ist ja voll davon.«

So umgrenzte Doktor Fuhr die Gärten des Glücks just an den Stellen, bis zu denen die Blicke und Wünsche Lilofes geeilt waren, seit sie an jenem bereiften Rodeltage in die Fernen des Lebens ahnen und in der Folgezeit sehen gelernt hatte.

Darüber wurden ihre Augen blitzender Sieg. Und Bellis Fernau, die während ihrer Ehe immer nur Bellis Inden geblieben war, wiegte zu dem Schelmenliede des unterhaltsamen Doktors mit allen Sinnen im Tanzschritt.

Eskriebens schaute der lachenden Stunde zu als einem Spiel, das er kurzweilig fand und dem er nicht mit ernsthafter Kritik begegnete, weil es fertigbrachte, was ihm seit den Flitterwochen nicht wieder gelungen war.

Deshalb klopfte er dem scherzhaften Doktor seinen Beifall auf die Schulter, und dieser ließ sich denn doch zu dem Geständnisse herbei, daß er den Sprung in die Ehe bisher nicht gewagt hätte, weil er fürchtete, er wäre für den ernsteren Teil des Verkehrs mit Frauen nicht hinreichend gerüstet. Zudem wisse die Welt, daß sein Leben zwischen dem Dichten und dem Theatergründen eine lange bunte und zumeist sehr lustige Jungmädelgeschichte sei. Dabei guckte er schon wieder durch eine Luke im Zaun und fragte: »Weißt du noch, Lilofe Vanderey?«

Und Lilofe Eskriebens rollte Rauchringe aus ihrem geranienroten Munde und schaute ihnen auf einmal ganz besinnlich nach.

Sie hörte nicht mehr, wie sie über die Blumenwiesen tollten, die ihnen Fuhr freigegeben hatte, und sie dachte: »Es ist eine Zeit gewesen, in der hab' ich diesen baumlangen Doktor so lustig genommen wie einen Jungen, der nackt in einem knietiefen durchsonnten Wasser steht und mit seinen Händen den klingenden Spiegel zerpatscht. Damals hab' ich Angst vor mir selber gehabt, und ich rief nach einem hellen starken Männerherzen. Ich rief nach Hilfe. Aber was ist das nun für eine Sache! Die Jugend läuft einem darüber aus den Händen, und das ›helle starke Männerherz‹ erzählt das spießige Märchen vom Glück des Kinderkriegens! Und jetzt verfällt es darauf, jetzt, wo ich so schön, so sehnsüchtig und so fein befestigt bin!«

So rückte sie, mit allem Willen, Romald Eskriebens zu verstehen, doch von ihm ab und dachte: »Sie haben beide recht, der Doktor und Bellis – es ist nichts als die krasseste Selbstsucht, die ihm das eingibt!«

In diesen Tagen, die für Romald Eskriebens voll waren von gesammelter Festigkeit und der Hoffnung, das Glück seines Hauses würde sich durch sie hindurch zu sich selbst finden, maß Lilofe ihre Entfernung von den letzten fröhlichen Mädchensommern – Gedanken, die sie verliebt austrug, bis sie mitten darin saß wie in einem heimlich durchsonnten blütenbunten Feldwinkel.

So oft sie in den vergangenen Wochen frostiger spätherbstgrauer Einsamkeit rückwärts gedacht hatte, war ihr dies Glück himmelfern und unwiederbringlich erschienen. Nun stand der leichtbeschwingte Doktor Fuhr aber wieder neben ihr, der hatte Herz und Augen voll der Mitwissenschaft allerliebster Geheimnisse. Es flatterten bunte Bänder aus ihrer beider Herzen in jene jungen verschwiegenen Sommertage, die sich in neckischem Spiele berührten. Und wenn man ihre Enden fing und knüpfte? Nun, dann waren helle Steige geschaffen, auf denen sich verliebtes Lachen wieder wie einst in die Arme fiel ...

Immer inniger sann sie sich hinein in die blumenroten Feldwinkel ihrer Träume, wie sie es in der Zeit wißbegieriger Mädchenjahre so süß berauschend getrieben hatte.

Nach den Mahlzeiten, wenn man die Stille im Haus atmen hörte, schlief sie nicht – ihr Herz ging aus, sich zu schmücken zu einer kurzweiligen tändelnden Liebe ... Gott, dieser Romald nahm alles so furchtbar ernst! Sie selber nahm er so furchtbar ernst und stellte die Ruhe der vielen schönen Zimmer vor sie hin, damit sie sie belebe!

Sie mußte an Walter von Harden denken, der ihr einst zugemutet hatte, daß sie das wunderliche Geheimnis Ernst Gast mit der Sonne ihrer Jugend und Schönheit durchstrahle – nein, nein, den Einsatz einer solchen Kraft sollte man nicht von ihr fordern! Dazu taugte sie nicht, und ein solches Verlangen stand allzu sehr im Gegensatz zu dem, wie sie gelehrt worden war, das Leben zu nehmen. Mit einem Worte: dazu war sie nicht erzogen!

Und nun schlugen sich die ersten Gäste ihres Hauses auf ihre Seite und schäkerten sie erst recht fest in die Auflehnung gegen das ›Unrecht‹ hinein, zu dem sich die Eigensucht Romalds hatte hinreißen lassen.

Darüber gab sie den Kampf mit sich selbst vollends auf, und in den Weihnachtstagen, die sich den weißen Pelzkragen bis über die Ohren hochgeschlagen hatten, waren ihr Herz und Augen voller Geheimnisse.

Sie hatte an einem Vormittage mit Doktor Fuhr noch einige Besorgungen gemacht. Darüber war sie sich vollends abhanden gekommen. Dieser Doktor, der sich so willig für sie mit einer Unzahl kleiner Pakete ausrüstete und immer scherzend und durchsonnt von ihrer Schönheit neben ihr herflatterte – nein, ein Mann zum Heiraten war er nicht, aber »zum entzücken« war sein eiferndes Dienen, seine sehnsüchtige Kußbereitschaft, war sein heimliches Lugen durch das Zaunstaket, hinter dem sie sich einst mit ihm durch die süßesten Lehrstunden hindurchgeschäkert hatte, die solch einem kleinen Frühlingsmädel nur blühen können.

Ein Glück war es, daß er das jähe Feuer ihres Gesichts auf Rechnung des Wintertages setzte, der es sonderlich gut mit ihr meine.

An diesem Vormittage, an dem sie die festlichen Erker der Handelsgeschäfte nach letzten kleinen Freuden und Überraschungen durchsuchten, kamen sie einander nahe bis zur Verwirrung.

Nach Tisch, als Lilofe sich auf die Chaiselongue hingestreckt hatte, dachte sie an Fuhr – dieser Tag der Geheimnisse schützte sie mit beiden Händen wider jeden Verdacht, der in Romald gegen sie erwachen konnte ... In den anderen Tagen hatte sich solch ein Gedanke nie an sie herangestohlen – warum war er nun da?

Sie lehnte sich in die Kissen und legte die Hände über das Gesicht. Und – was sie sonst für diese Stunde nie zu tun pflegte – sie hatte das Kleid mit dem morgendlichen Kimono vertauscht. Übrigens – in den Teppichen versank ja jeder Schritt ... sie hätte dem Doktor Fuhr doch eine Besprechung über die am Morgen bewirkten Einkäufe für diese stille Stunde nahelegen können!

Auf einmal tat sich die Türe auf, leise wie ein Traum, und der Doktor glitt lächelnd hindurch.

Sie tat nicht überrascht, sie sprang nicht auf, sie schaute ihn durch die gespreizten Finger an wie ein Kind, das Verstecken spielt, und sagte: »Sehen Sie denn nicht, daß ich nicht da bin, Doktor?«

Er aber saß schon neben ihr auf dem Rande des Lagers, nahm ihr die neckischen Hände vom Gesicht und schüttete seine Küsse über sie.

»Liebe kleine Lilofe Vanderey!« jubelte er.

Da schlang sie ihm ihre Arme um den Hals, die wehenden japanischen Ärmel fielen zurück, weiter als es gehen mochte – sie hing sich fest und stürmisch an ihn ...

»Sag' das noch einmal!« bat sie mit selig geschlossenen Augen.

»Liebe liebe kleine Lilofe Vanderey!«

Und sie fühlte seine Hände auf ihrem Herzen und fühlte sie tasten an den bloßen weißen sehnsüchtigen Armen. Sie fühlte seine dürstenden Lippen an ihrer Brust. Ihr Leib wölbte sich unter ihm empor wie ein Bogen, den leuchtende Kraft spannt. Dann brach sie nieder unter den wilden Küssen und schmiegte ihre Lippen in die seinen wie die seidenen Blätter des roten Feldmohns.

»So voller Sehnsucht bist Du nach mir gewesen, und Du wolltest diese flammende Blüte verkommen lassen?« flüsterte er ihr ins Ohr.

Auf einmal erschauerte sie in seinen Armen. Sie drängte ihn mit beiden Händen fort und ihre Augen wurden weit und fremd.

»Ich habe keine Sehnsucht nach Ihnen gehabt,« sagte sie – »nein nein, das wäre Sünde und eine Niedertracht obendrein! Ich habe Sehnsucht nach der anderen Zeit gehabt ... nach der anderen schönen jungen Zeit, wissen Sie ... die wollt' ich noch einmal so heiß ans Herz drücken ... noch einmal in wilden Küssen durchkosten ... ich wollte wissen, daß ich sie nicht ganz verloren hätte! Ach, Romald ist so gut zu mir, aber es stehen hundert Dinge steinern zwischen uns und lassen sich nicht lebendig machen, nie, nie!«

Sie richtete sich halb auf und deutete mit der Linken: »Setzen Sie sich auf jenen Stuhl da ... wir müssen laut miteinander reden, man muß uns hören! Es ist mit einem Male ganz hell in mir geworden ... oder gehen Sie und bitten Sie Frau Bellis, daß sie komme!«

Der Doktor erkannte: es ist alles so geblieben an ihr und in ihr wie in den Tagen der Pfirsichblüte ihres Lebens. Sie hat ein Gewissen, das sich von ihrer mädchenhaften Eitelkeit, von ihren verliebten Träumen einwiegen läßt, aber es hat einen zu leisen Schlaf. Es ist eine gute helläugige Art – sie wollte damals mit den ersten heimlichen Küssen auf dem Munde allen Ernstes an das Tote Meer fliehen ...

»Warum rufen Sie Frau Bellis nicht? Schämen Sie sich!«

Bei den letzten Worten ward ihre lichte Stirne finster. Da ging er, ihren Wunsch zu erfüllen.

Als der Doktor mit Bellis zurückkehrte, setzte sich die Freundin mit erschreckten Augen neben sie und sah sie weinen. Sie lag erschöpft in den Kissen, der rechte Arm hing seitlich am Langstuhl herab. Sie hatte die Decke über sich geworfen.

»Lilofe!« rief Bellis sie an und streichelte ihr Stirn und Haar.

»Ich bin ganz von mir – auf der Flucht vor mir selber ganz von mir gekommen,« stieß sie hervor. »Warum bin ich nur so geworden?«

Die Tränen rollten in ihr verzweifeltes Lachen.

»Wo ist Romald?« fragte sie nach einer Weile.

»Er ist mit zweien seiner Schüler zur Stadt gegangen.«

»Er ist nie da, wenn ich ihn brauche! Heute, an diesem Tage, hat er Zeit, sich seinen Schülern und seiner Arbeit zu widmen! Aber es ist doch alles zu spät! Vielleicht ist es gut, daß er nicht da ist. Ich würde mir vor ihm alle Schuld von der Seele reden, und was wäre damit gebessert? Ich habe den Tagen ins Herz gejubelt, in denen ich die ersten lieben Gäste im Hause hätte – nun bin ich nur noch tiefer in die Verwirrung geraten! Lassen Sie uns allein, Doktor! Ich habe mit Frau Bellis von Dingen zu reden, die nur uns Frauen angehen.«

Die Stunde war gekommen, die die Erzieherinnenweisheit Bellis Indens zerriß und ihr den Bettel vor die Füße warf.

 

Aber diese Abrechnung erkannte niemand.

Nur eine einzige kleine Frage verirrte sich zwischen den vielen, die sie bestürmten, aus dem Munde der gequälten Frau –: »Warum bin ich nur so geworden?«

Diese kleine Frage wurde nicht gehört. Oder man fand es nicht der Mühe wert, darauf zu antworten. Ein Rätsel, finster und peinigend, stand für Lilofen dahinter. Aber sie riet sich in der Not ihrer Seele nicht an die Lösung dieses Rätsels heran.

Unter den hastigen Bildern, die sie bedrängten, war auch jenes der stillen leidenden Schwester in dem vereinsamten Hause von Weimar aufgetaucht – sie beide einer Mutter Kind, in den gleichen Räumen aufgewachsen, und doch beide von ganz anderem Willen und Wesen ... »Warum bin ich nur so geworden?«

Und just in dieser Stunde drängte sich das Bild der stillen Duldsamkeit Luisabeths in ihre zerstürmte Seele!

In der anderen Zeit hatte sie dies Bild fremd und mitleidsvoll betrachtet als ein Ding, das vom Leben zur Seite gestellt worden war. Jetzt aber schien sie ihr stark in ihrer Ruhe. Jetzt schien ihr jene gefeit vor all dem Jammer und der Zerrissenheit, in der sie nach sich selber suchte und sich nicht fand. Und jetzt stand Luisabeth vor ihr in schier heiliger Leuchtkraft. Ihre frohe, vertändelte, sonnenhaft verflatterte Mädchenzeit hatte sie durch blitzende Eitelkeiten hindurchgelebt – noch vor Minuten waren ihr diese Jahre über die Maßen köstlich erschienen, so köstlich, daß sie ihre Arme in gefährlicher Selbstvergessenheit um den Mann warf, der für sie von Erinnerungen umrankt war. Nun aber sah sie jene Jahre an als die Quellen ihres Leides. Bitternis rann aus ihren goldenen Gründen, und eine jähe Erleuchtung schien ihr gekommen, daß sie damals untauglich geworden wäre für die Stille und Stete des Lebens, das man nun von ihr forderte.

Aber sie fand sich nicht bis zum Kerne dieser Erkenntnis.

Sie sann und redete sich immer tiefer in das Wirrsal ihrer Gedanken, so tief, daß Frau Bellis hartmütig aufstand und ans Fenster trat.

Doktor Fuhr hatte das Zimmer kopfschüttelnd verlassen, und Lilofe forderte von Bellis: »Sage dem Doktor, er soll abreisen. Heute soll er abreisen! Sag' ihm, ich sei krank geworden oder Du fürchtetest ernstlich für meine Gesundheit. Sage was Du willst – nur reisen soll er! Reisen ohne Abschied von mir zu nehmen!«

Bellis sah Lilofen abwesend an. Wie die Gedanken in ihr aufgewirbelt waren, klirrten nun die Worte aus ihrem Munde – Scherben. Etliche las Bellis daraus hervor und sagte: »Du tust gerade, als wäre es ein Verbrechen, eine Mädchenzeit durchlebt zu haben, wie sie Dir beschieden war.«

Da starrte Lilofe eine stumme Minute lang in sich hinein: »Ich glaube es, jawohl, es ist ein Verbrechen gewesen. Oder ein unerhörter Leichtsinn. Eine Verirrung zum mindesten. Denn das Leben ist nun doch ganz anders, als es aus jenen Jahren heraus anzusehen war.«

Aber sie erhob nicht den Arm gegen Bellis Fernau und sagte nicht: »Du bist es gewesen, die all den tauben Samen oder den der blendenden Blumen in mich gesäet hat! Du bist es, die mich den Traum von einem närrischen Glück lehrte! Du – und Du hast ja selbst Havarie gehabt mit all Deiner Weisheit! Du bist daran schuld, daß das Leben und ich nichts Gescheites miteinander anzufangen wissen!« Nein, nein, in dieses Licht reichte ihre Erkenntnis nicht; denn der Begriff Erziehung geht auf als ein später Stern im Denken der Menschen. Und wenn sie ihn sehen, so sind ihrer nur wenige, die etwas Kluges mit seinem hellen Scheine beginnen.

Bellis Fernau fühlte, daß verwirrte Anklagen gegen sie geschleudert wurden. Darüber wuchs ihre Empörung. Aber auch ihrer Erkenntnis blieb es versagt, diese Beschuldigungen auf ihre Schwere zu wägen. Sie war, die sie immer gewesen; und sie antwortete Lilofen aus der Nichtigkeit ihres Durchschnittsfrauentums heraus und redete etwas daher von Undank und von der Aufopferung ihrerseits durch eine lange Reihe von Jahren – von einer Aufopferung, die keine Grenzen gekannt hätte und so weit gegangen wäre, daß sie selbst darüber das Glück ihres Lebens in die Schanze geschlagen hätte.

Es war ein Gespräch voller Erregung und Wirrnisse. Verletzte Eitelkeit, landläufige Verblendung, Enttäuschung schlugen ihre Trümpfe wechselseitig hin, aber das Spiel wurde von keiner Seite gewonnen.

Allmählich verschwelte der Zorn unter der plätschernden Flut von Reden, allmählich brannte das Gefecht hüben und drüben ab. Bellis Inden nahm freilich das Gefühl eines überlegenen Sieges mit aus der Schlacht, und zuletzt blühten unter dem Tau der Tränen Reue, Küsse und Versprechungen empor, und eine heimelige Szene schloß den aufgeregten Akt ab. Sie sah jenen aufs Tüpfelchen ähnlich, die vor dem Einschlafen im Mädchenzimmer an der Elisabethstraße zwischen Bellis und Lilofe Vanderey mit verliebtem Kichern und Geheimnissen die Regel gewesen waren. –

Doktor Fuhr in seinem Zimmer dachte währenddem wahrhaftig an die Abreise. Er suchte nach einem überzeugenden Vorwande für seinen plötzlichen Entschluß und murmelte zwischendurch: »Der Teufel soll so etwas heiraten, so etwas Unerzogenes, Neckisches, Verwirrtes und doch über die Maßen Hübsches!«

Er war der Einzige, der einigermaßen erleuchtet aus diesem närrischen Einfall der Stunde hervorging. Aber natürlich ahnte auch er nicht, wie es zu diesem Umschlag der Gefühle hatte kommen können. Nun quälte er sich ab, jeden Augenblick des Hergangs in sein Gedächtnis zurückzurufen. Da war nichts – keine Hand, kein Wort, keine Liebkosung, die ungeschickt gewesen wären. Da war nichts, was Lilofes Augen, ihre Lippen, ihr rotes Begehren nicht von ihm gewünscht hätten. Zwar – nachdem die Sache einen so jähen Ausgang genommen – wog er die Behauptung der kleinen Frau noch einmal: sie hatte gesagt, sie umarme nicht ihn, sondern ... Was war das doch gleich gewesen? ... Na, irgend ein Unbestimmtes, irgend etwas an ihr Vorübergeblühtes, das sie noch einmal in rückschauender Seligkeit halten und streicheln wollte! Er hatte gar nicht Zeit gehabt zum Hinhören. Danach hatte sie ihn aber ziemlich ungnädig hinausgeschickt, und das Wort, das sie vorhin wie in Bedrängnis und Scham gestammelt hatte, bekam einen Sinn, es bekam Schärfe und Gift ... Auf einmal kam sich der Liebhaber Lilofes vor wie als Mittel zum Zweck – als nichts weiter. Es hätte irgend ein anderer, mit dem sie in ihrer Mädchenzeit eine verschwiegene Stunde verlebt, in ihren Armen liegen können, und sie hätte ihm genau so liebgetan!

Die Zunge ward ihm bitter über dieser Erkenntnis.

Er warf sich in den Schaukelstuhl. In diesem Stuhl hatte er vor seinem Einbruch in ihr Zimmer alle Süßigkeit eines verliebten Traumes und einer wunderlichen Hoffnung durchkostet. Die Bande, dachte er, die sich zwischen Romald Eskriebens und Lilofen unaufhaltsam lösten – ließen sie sich nicht schon in diesen Tagen verheimlichten Erlebens zwischen ihm und ihr schlingen? Ließen sie sich nicht schlingen dem alten Vanderey zum Trotze? Jetzt war Lilofe freier als in jener unseligen Stunde, in der er sich einst zu dem nüchtern rechnenden Kaufmanne verirrt hatte ...

So spannen sich vor einer Stunde all seine Gedanken zusammen zu einem leuchtenden Schleier. Mit diesem Schleier hatte er ihrer beider Herzen zudecken wollen. Nun aber saß er angesäuert vor einer verrückten Wahrheit. Kalt und mitleidlos war diese Wahrheit über Lilofes lockende Lippen gekommen – sie hatte ihm einfach gesagt: »Narr, bildest Du Dir etwa ein, Du taugtest mir zu dem Glücke, das ich suche?«

Es war unerhört, unerhört.

Er fing an, die Dinge, die da herumlagen, in den Koffer zu werfen. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und kritzelte in fliegender Hast ein paar Worte zum Briefe für Bellis Fernau. Er schrieb einen Abschiedsgruß an Romald Eskriebens, sprach darin von einer Privatangelegenheit, die ihm verbiete, seine unverzügliche Abreise näher zu begründen, und telephonierte nach einem Auto. Zehn Minuten später übergab er die Briefe dem Kammermädchen und flog im Wagen hinaus in den grauen Tag.

Bellis Fernau vernahm durch die Winterfenster hindurch nicht das Surren des Motors. Der Chauffeur, der sich erwartet sah, hatte nicht nötig, die Hupe rufen zu lassen. Als Frau Bellis ans Fenster trat, sah sie den Wagen verschwinden.

Von einer peinlichen Ahnung getroffen, öffnete sie die Tür und bemerkte das Mädchen, das aus ihrem Zimmer kam ... »Ich habe einen Brief von Herrn Doktor auf den Tisch gelegt, gnädige Frau!«

Eine Frage klärte die Lage, und Bellis trat eine Minute später mit dem wehenden Briefbogen und dem jäh aufgerissenen Umschlage an das Lager Lilofes.

Sie drang auch jetzt nicht mit einem Wort in sie. Sie kannte die beiden Menschen zu gut, die vor einer Stunde allein in diesem Zimmer gewesen waren. Die Umstände, unter denen sie gerufen worden, bedurften für Bellis keiner Erklärung. Das Bild, das sie sich von den Vorgängen machte, stimmte wohl nicht Zug für Zug; aber darauf kam's ja auch gar nicht an.

»Peinlich! Über alles Erfassen peinlich!« sagte sie im nervösen Hin- und Herschreiten. »Dies äußerste hättest Du auf alle Fälle vermeiden sollen; bedenke doch nur: Dein Mann!«

»Ich bedenke garnichts – wenn ich Krieg wollte, so brauchte ich ihn ja nur daran zu erinnern, daß er sich mit seinen Modellen stundenlang hinter verschlossenen Türen aufhält, angeblich, weil diese Damen zu feinfühlig sind, daß sie die Entblößung vor einer Frau scheuen. Ist das nicht köstlich?« lachte Lilofe bitter.

»Ich habe Dir schon einmal gesagt, daß ich glaube, Du bist in diesem Punkte zu empfindlich.«

»Na, und wenn schon – ich komme nicht darüber hinweg. Nein, ich komme nicht darüber hinweg. Seit dieser Stunde weiß ich auch, warum. Oh!« Sie drückte beide Fäuste gegen ihre Augen. Ihr Körper zuckte wie unter harten Schlägen – »Oh, meine Schuld, meine gräßliche Schuld!« stammelte sie, »kann man denn in einer einzigen Stunde, in einer einzigen unbedachten Stunde, das Glück seines Lebens verspielen?«

»Du redest wahrhaftig irr, Lilofe!« sagte Frau Bellis. »Laß mich einen Schlitten rufen. Du sollst Dich auf einer langen stillen Fahrt beruhigen.«

»Ach Unsinn – irr! Ich bin klarer denn je. In jener Stunde, in der ich in Romalds Atelier im Tempelherrenhause des Weimarer Parks eindrang, habe ich die grausame Dummheit begangen! Denn das konnt' ich wissen, daß Romald auf den verrückten Einfall kommen mußte, ich suche ihn, oder ich wolle ihn gar für mich haben. Ich habe gewußt, daß meine aufgeblühte Jugend, meine helle Mädchenart die Männer keck macht ... und nun frag' ich Dich tausendmal: hat diese Art etwas so Ungedecktes? Oder hat sie gar etwas Herausforderndes? Wenn es nicht wäre – hätte dieser Doktor Fuhr mich so ohne Umstände umringeln können wie eine Riesenschlange ihr Opfer? Erst wehrte ich mich nicht, nein – ich will Dir nichts verbergen, Bellis: einen Augenblick hatte ich sogar Sehnsucht danach – aber dann fielen Angst und Reue über mich wie die Wasser der Sintflut, und ich hatte nichts als einen gräßlichen Schrei nach Hilfe ...«

Und nun klirrte dieser Schrei aus ihrem Munde. Es war als zerbräche das strahlende Gefäß, aus dem die vielen schönen Blumen leuchten.

Bellis eilte zu ihr an das Lager, legte ihr die Hände an die Schläfen und streute warme, liebe, verängstigte Worte über sie. Aber sie konnten den Sturm nicht stillen.

Lilofe lachte qualvoll auf: »Was willst Du? Bildest Du dir ein, Du kenntest meine Verworfenheit? Und weißt nicht einmal die Geschichte von Genua! Was machst Du denn da für Augen? Ganz richtig, die Geschichte von Genua! Du hast keine Ahnung, daß ich mal mit einem verrückten Liebhaber dahin eine Extratour getanzt habe, und Du willst mir helfen?«

Bellis raffte sich zusammen, umschloß die Handgelenke Lilofes und preßte ihr die Arme in die Kissen. »Jetzt ist es genug!« rief sie, »entweder Du schweigst oder ich schicke das Mädchen nach dem Arzt. Weißt Du, daß Du unsinnig verlogene Reden führst? Lilofe, weißt Du, daß Du Dich und mich mit fieberischen Fantasien quälst?«

Bellis griff nach kölnischem Wasser und besprengte sie. Sie rieb ihr die Schläfen damit und rieb ihr die Handgelenke, in die sie ihre Nägel in wilder Erregung eingegraben hatte.

»Hast Du einen Wunsch, so rede! Aber halte an Dich, Lilofe – ich versichere Dich, ich schlage sonst Lärm ... ich kann, ich kann das nicht länger ertragen!«

Danach versuchte Lilofe gefaßt zu lächeln und sagte: »Ach, ich habe Sehnsucht nach Luisabeth!«

Es war, als fiele mit diesem Namen ein Schleier über sie, als fielen die weichen Blätter kühler Blumen und deckten sie zu.

Bellis horchte mit ihrer ganzen Seele in diesen Wunsch, der ihr so wunderlich vorkam wie vorhin die verwirrten Worte von dem Abenteuer am Mittelmeer.

Aber sie sprach nicht aus, was sie dachte.

Welche geheimnisvollen Umwälzungen gingen in dieser Jugend vor, daß sie aus ihren Dämmerungen heraus nach der kranken verkümmerten Schwester rief, die für sie von Kindheit an in rätselhaften Fernen gestanden hatte?

Bellis hatte keine andere Erklärung als die der krankhaften Erregung, die der aufgepeitschten Nerven. Sie dachte: die Enttäuschungen der Ehe, die sie selbst erfahren, sind von dieser sensiblen verwöhnten Jugend getragen worden bis zur Erschöpfung; unter dem Drucke der vorigen Stunde ist vollends auseinandergebrochen, was in verquälten Wochen rissig geworden war. Warum rief die Sehnsucht dieses Herzens nach der Kümmernis der Schwester? Weil sie auch dort ein tiefes unverstandenes Leiden wußte?

Zu höherem Fluge kamen Bellis Fernaus Gedanken nicht. Sie ahnte nicht das Vorhandensein jener stummen Mächte, die als Erzieher im Leben des Menschen stehen und kaum von einem erkannt werden. Sie ahnte nicht, daß diese stummen Mächte gewaltig und beredt werden, wenn ihre Stunde gekommen ist. Sie ahnte nicht, daß das lautere Bild der Schwester, das gleich einem Schatten nur am Rande der sonnigen Gärten Lilofes gestanden hatte, so mächtig war, daß es nun an einem Tage den ganzen Flitter herabriß, mit dem ihre erzieherische Sorge dies lachende junge Leben behängt hatte. Behängt hatte in der besten Absicht, mit der je ein daseinsfrohes Kinderfräulein über seinem Zögling wachte. Herr Achilles Vanderey hatte es ihr bestätigt, daß sie dieser Jugend gegenüber ein Muster der Pflichterfüllung und Feinfühligkeit gewesen sei, und hatte dabei ganz übersehen, daß ihr schon die kleine Luisabeth glattweg aus den Händen gefallen war. Er war darüber längst nicht mehr nachdenklich gewesen.

Aber das Leben teilte diese Gedankenlosigkeit des Herrn Achilles Vanderey nicht. Und als es seine Rechnung aufwies, war kein Mensch da, der das Schuldkonto einer landläufigen und dennoch von Grund aus verlorenen Erziehung darin entdeckte.

* * *

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