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Die schöne Lilofe

Max Geißler: Die schöne Lilofe - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDie schöne Lilofe
publisherAlexander Duncker Verlag
year1916
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid18285ecb
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Als die Hochzeit gewesen war und der Farbenrausch des Oktobers durch die Welt jubelte, brach Luisabeth zusammen. Aber sie blieb mild und träumerisch wie ein Herbstabend.

»Ich bin nicht krank,« sagte sie, »o nein; es ist nichts als die Erschöpfung nach der tötenden Glut dieses Sommers ... Ihr meint, ihr hättet nichts von dieser Glut gemerkt? Es war doch oft nicht zum ertragen! Und nun kommt die Sehnsucht nach Kühle.«

Sie lächelte in die Sorgen Vandereys wie aus sanften Dämmerungen, die vor dem Schlummer weben, und verbat sich das erprobte Hausmittel der Zerstreuung sehr ernsthaft. Sie reiste auch nicht mit ihm nach Holland. Es wußte außerhalb des Hauses kaum ein Mensch, wie sie die Einsamkeit ihrer Tage verbrachte.

Daniel und Vera Kruse durften zu bestimmten Stunden zu ihr. Sie litt ihre Gegenwart gern. Mit Vera Kruse fuhr sie aus, mit dem alten Freund ihrer Kinderzeit unternahm sie nach der Abreise Vandereys einigemale Wanderungen in die herbstlichen wohltuenden Wälder.

Dann wurden auch diese eingestellt. Sie sagte, das Wetter litte keine Spaziergänge mehr, und die Stürme tosten ihr durch Nerven und Seele.

So kämpfte sie den Kampf weiter. Ganz allein.

Sie lernte fühlen, wie krank sie war. Und als, Achilles Vanderey im Novemberausgang von der Reise zurückkehrte, erkannte er, daß die Füße ihr den Dienst zu versagen begannen: sie stieg die Treppen, gestützt von der Fürsorge des treuen Dieners.

Vanderey ließ den Arzt kommen. Der zog die Achseln und gab seine Weisungen. Dann wartete man auf die Heilung durch die Zeit und den Frühling.

Als die Stürme des späten Novembers tosten, lag eine schwere Stille über dem weißen Haus in der Elisabethstraße. Achilles Vanderey hatte Wagen und Pferde verkauft – es verlangte niemand mehr nach ihnen. Luisabeth verließ ihr Zimmer kaum mehr. Es war, als wäre sie untergegangen in Einsamkeit. Besucher, die sie wiederholt nicht empfangen hatte, kamen nicht wieder. Nur Walter von Harden hatte über den Hochzeitstagen Beziehungen zu Achilles Vanderey und Luisabeth geknüpft, die von Dauer waren. Alle anderen gingen nicht über die flachen Gepflogenheiten der Gesellschaft hinaus und lösten sich nach dem Scheiden Lilofes fast ganz.

Später blieb auch Harden weg. Er war mit dem Jahresschluß einem auswärtigen Gerichte zugeteilt worden; und Achilles Vanderey war wieder durch Reisen ins Ausland in Anspruch genommen.

Da waren zwei Ärzte die einzigen Gäste im Hause: ein alter Herr mit weißem Vollbart; der kam und wußte, daß er nicht helfen konnte. Und ein noch älterer, der Generaloberarzt Schwabe, der schon die Schwelle der achtzig überschritten hatte.

Der kam nicht als Doktor, sondern als Freund des Hauses, und hielt sein lachendes Herz in der Hand wie ein Licht, dem diese mühselige junge Seele nachgehen sollte. Der kannte alle Fäden, die sich aus der anderen Zeit in dies Leid schlugen, und erzählte dem Mädchen, wie er sich auf die Zeit freue, in der sie mit ihm zum ersten Mal, wieder gesund, in den neuen Frühling schreiten würde. Er hatte alle Sonne in seinem gütig belebten Greisengesichte gefangen, und Luisabeth wußte: dieser Tag des ersten gemeinsamen Spazierganges war ihm zu einem letzten froherhofften Lebenszwecke geworden; denn: »Das will ich noch gesehen haben,« sagte er, »dann mag der große Vorhang fallen!«

Und Luisabeth, die nun gar nicht mehr ohne Hilfe gehen konnte, blieb über allem mild und träumerisch wie ein Herbstabend.

 

Romald Eskriebens, als er von der Hochzeitsreise heimkehrte und das Leben in dem Schwabinger Landhause sich in die Bahnen lief, die ihm fürder vorgezeichnet sein sollten, ward von einem atemlosen Schaffenseifer befallen. Er arbeitete an einer Brunnengruppe für einen öffentlichen Platz, zu der ihm der Auftrag vom Magistrat nach einem Wettbewerb zugefallen war. Zwischendurch bedrängten ihn die Gedanken zu dem monumentalen Werke der ›Dämmerung‹. Mit der geschwellten Kraft seines Empfindens war er über dieser Schöpfung. Er hatte sich als Zeit der Vollendung einen noch früheren Tag gesetzt als für den Brunnen: den Beginn einer Ausstellung. Und wie Schauer der Erlösung überrann ihn die Freude an diesem Werke; denn er betrachtete sein Gelingen als Bezahlung des Wechsels auf die heimlich und gewissenlos eingegangene Schuld an Luisabeth Vanderey.

Modelle gingen in seiner Werkstatt ein und aus, darunter das Weib eines Arbeiters mit ihrem Kinde, eine junge, schlanke Frau mit üppigem Blondhaar und einem Gesicht, das einmal frei und vielleicht gar herausfordernd gewesen war. Nun lagen darüber die Spinnenfäden der Sorge oder der Enttäuschung und wohl auch die Schatten eines in anderen Tagen zu grell gelebten Lebens.

Und eine andere kam – es kamen mehrere, Mädchen von der Straße, die Eskriebens immer bald wieder wegschickte.

Lilofe konnte nicht erfahren, warum.

»Sie passen mir nicht,« war seine Antwort, und die Rede klang, als schlösse er von drinnen eine Türe zu, damit ihre Neugier ihm nicht nachspüre.

Endlich dingte er sich eine junge Verkäuferin, aschblond und durchdämmert, ganz durchdämmert von einem stillen Lichte. »Sie hat grauseidene Augen,« sagte er lächelnd; und das waren die gleichen Worte, mit denen Lilofe an jenem ersten Tag im Tempelherrenhause vor dem Relief des ›Frühlings‹ von ihrer Schwester zu ihm gesprochen hatte.

Darüber horchte sie auf. Aber was er von dem Brunnen und der Dämmerung zu ihr sagte, rief er doch immer durch die ›verschlossene Türe‹.

Da dachte sie: »Sein Benehmen gegen mich ist verändert. Was ist es mit ihm?«

Sie sah ihn um diese Zeit nur zu den Mahlzeiten und des Abends. Es waren die kurzen Tage. Aber sie waren lang genug für qualvolle Einsamkeiten, und sie waren viel zu lang für die nagende Frage: was ist es mit ihm?

Wenn er dann zwischen Tag und Dunkel in ihr Zimmer trat, brachte er auch die gesammelte Stille der Werkstatt mit herein. Und Lilofe vermochte das Netz ihrer peinigenden Gedanken nicht gleich abzuschütteln. Aber sie erwartete von ihm, daß er wenigstens nun ganz für sie da sei und nach ihrer Helligkeit dürste.

Er versuchte, ihr zu erklären, daß die Stimmung des Arbeitsraums und die Träume des Künstlers nicht Dinge seien, die man aus der Hand legen könne wie Meißel und Modellierholz.

Aber sie fand sich nicht in ihm zurecht, oder sie hatte nicht den Willen dazu, weil sie dachte: was ist das für ein verlorenes Leben, in das er meine Jugend gestellt hat!

Manchmal in diesen Abenden drängte sie hinaus in die glänzenden Straßen der großen Stadt. Sie wollte sich ihre ausgeruhten Augen müde sehen an den Lockungen und den steilen Lichtern der reichen Erker.

Da ging er mit ihr. Er ging eine Reihe von Abenden mit ihren Wünschen und ihrem kindhaften Frohsinn. Sie dachte: er geht nicht mit mir, er wandelt nicht mit meinen Wünschen und meinen Freuden – er steht daneben.

Danach kam ein Tag, der schneite bis oben voll von reinem weißen Schnee, und Eskriebens sagte zu ihr: »Wir wollen heut in der Dämmerung einmal durch den Englischen Garten wandern.«

»Das ist etwas für Kinder oder arme Leute,« sagte sie.

»Nein, es weihnachtet so heimlich auf allen Parkwegen. Es ist eine köstliche Stille.«

Dann fuhr sie allein in die Stadt, und er wanderte in die Schneenacht und hörte auf das Fallen der Flocken und hörte in sein Herz.

Er kam ruhevoll und reingestimmt nach Hause. Auch sie hatte die Augen voll Freude, aber sie gab sich Mühe, es ihm zu verhehlen. Sie hatte sich über ihn geärgert, und doch hatte ihr Herz keinen Teil daran, sondern nur ihre Eitelkeit.

Nach dem Nachtmahle saßen sie an dem Klubtisch, der in der Ecke seines Zimmers stand. Die Zeitschriften lagen dort, Modenblätter darunter, und der grüne Seidenschirm um die elektrischen Birnen wölbte seine mächtige Kuppel über sie beide.

»Weißt Du,« begann sie, »ich habe daran gedacht, Bellis Fernau nach dem Feste für zwei bis drei Wochen zu uns einzuladen. Ich hätte Dir diesen Plan schon früher verraten, aber ich meinte, man könnte in Weimar seine berechtigten Schlüsse daraus ziehen, wenn ich gleich in den ersten Wochen unserer Ehe nach Besuch riefe.«

»Welche Schlüsse?« fragte er aufhorchend.

»Nun, müßte man sich nicht wundern, daß wir uns schon zu Anfang nicht selbst genug sind?«

Da stieß er den Rauch seiner Zigarette durch die Nase, strich die Asche ab und sah Lilofen unter der Stirn heraus an.

»Verstehst Du denn nicht, daß ich nicht monatelang mit einem Maulkorbe neben Dir herlaufen kann?« fragte sie. »Ich bin zu jung dazu, und man hat mich gelehrt, das Leben anders zu nehmen, als Du es zu leben gewöhnt zu sein scheinst.«

»Ich hatte auch einen Gedanken,« lächelte er – »wenn einer jungen Frau die Tage zu einsam sind, etwa weil sie nicht an dem Werke des Mannes teilhaben kann, so drängt sie nicht gleich mit all ihren Sinnen aus dem Hause, sondern sie findet sich zu sich selber in heimlicher großer Freude – nein, Lilofe: sie entdeckt sich; denn sie ist als Frau eine neue Welt geworden. Davon hast Du noch garnichts wahrgenommen. Ich meine: Du sinnst immer rückwärts in vorübergelachte Mädchenjahre; Du solltest Dich aber hellmachen für die heilige Zeit, die vor Dir liegt! Du solltest daran denken, wie übers Jahr wohl ein Paar junge Augen um die Kerzen unseres Weihnachtsbaumes funkeln!«

Da lachte sie ihm aufgewiegelt ins Gesicht: »Ich glaube, Du hast in diesen Wochen am Verstande gelitten! Romald, bist Du wirklich so wunderlich, Dir einzubilden, daß ich meine Jugend und Schönheit hinwerfe um ein Kind? Ich soll das da, dies alles vertauschen gegen eine formlos wandelnde Glocke? Ich soll mich angilben lassen wie ein altes Pergament und sporfleckig werden wie Holzpapier? In den Tagen meiner Jugend reizlos werden wie eine Blume zwischen den Blättern eines alten Buches und von der Erinnerung an die Sonne zehren, die mich umströmte, ehe Du kamst? ... Weißt Du, ich würde diese Zumutung komisch finden, und Deinen Einfall spießig und handwerkerhaft, wenn ich nicht fühlte: Du hast das alles ersonnen, um Dich von mir zu befreien ...«

Sie schmetterte diese Worte in gelber Gehässigkeit heraus.

Eskriebens erschrak vor ihrer harten Unverhülltheit bis zur Erstarrung.

»Was soll das heißen: ich wolle mich von Dir befreien?« fragte er.

»Das soll heißen: Du willst Dich allen verliebten Pflichten gegen Deine junge Frau so früh als möglich entziehen; allen Zerstreuungen – – Himmel, er will eine Mutter seiner Kinder aus mir machen – jetzt, wo ich anfangen wollte zu genießen mit der grenzenlosen Unbesorgtheit, nach der sich das Mädchen vergeblich gesehnt hat! Es ist empörend.«

So war sie losgelassen von sich selber und riß immer mehr von sich ab, was ihr kindhaft unreifes Gemüt vor ihm verborgen hatte.

Darüber wurde er nachdenklich und sagte: »Wahrscheinlich habe ich unerfahren zu Dir geredet, oder in einer gereizten Stunde, die alles heimliche Sehnen und alle natürlichen Wünsche des Weibes in Dir totgeschlagen hat.«

»Nein, nein!« rief sie und lief in angstvoller Erregung durch das Zimmer. »Du hast sehr eindeutig gesprochen, mein Freund! Und ich denke, ich habe Dir mit der gleichen Klarheit geantwortet. Kinder kriegen – Wiege, Windeln, Wickel, Wärmflasche ... ein Weh nach dem anderen! Und jedes soll mich an eine Kette legen, damit Romald Eskriebens nicht eine Minute Zeit für mich zu haben braucht! Damit Romald Eskriebens sich seinem Ton und seinen Steinen und seinen Modellen mit noch ungestörterer Hingabe widmen kann! Warum hast Du denn nicht die Tochter eines Gastwirts oder eines Fleischhauers geheiratet, hüftenbreit, fortpflanzungswütig und von der Natur aufgetakelt zu dem alljährlichen hohen Feste der Kindstaufe?«

Sie redete sich in eine peinigende Selbstverlorenheit, sie redete sich um das Licht des guten Hauses, das sie durchschien, ja, sie redete sich um die frohmütige Verehrung, mit der sich sein Herz vor ihrem jungen allbelebenden Frauentum an jedem Tage von neuem schmückte.

Er zerdrückte seine Zigarette im Aschenbecher, ganz befangen von Lilofes zerstörtem Wesen. Dabei durchleuchtete ihn der Gedanke: vielleicht hat das Wunder sie schon berührt, und sie ahnt es nicht! Vielleicht zerschüttert sie schon der Segen der neuen, ihren Leib durchträumenden Kraft wie das erste Atmen des Frühlings die Erde!

Er stand auf und nahm sie in seine Arme und bog ihren Kopf nach rückwärts –

»Liebes kleines Mädel,« sagte er, »ich glaube, Du sehnst dich nach Wundern und weißt nicht, daß Du selber das schönste bist! Du läufst umher nach einem Lichte für Deine Tage und ahnst nicht, daß Du die aufgehende Sonne in Dir trägst!«

Sie ließ seine Küsse über sich kommen ohne Widerstreben. Ein Sturm, der sich müde gelaufen, lag sie an ihm. Er trug sie auf den Langstuhl und ließ ihre Erregtheit untergehen in einem sachten erlösenden Weinen.

Darüber sprach er sie frei von aller Schuld und strich diese häßliche Stunde aus in seinem Gedächtnis.

Er dachte: »Wie rätselhaft ist das doch! Lilofe Vanderey ist durch ihre Jahre gelaufen als das leibhaftige Glück, und durch ihre Wochen läuft Lilofe Eskriebens als das personifizierte Unglück.«

Er hatte Bellis Fernau in Weimar flüchtig kennen gelernt und versuchte, sich ihr Bild nun zu vergegenwärtigen. Ach ja, Lilofe hatte ihm einmal zugeflüstert, daß diese Bellis mit verhängtem Zügel dem Ziele der späten Hochzeit zugaloppiert wäre, aber als sie im Sommer wieder zusammengetroffen, hätte sie nicht mehr viel von der alten Ehefreudigkeit an ihr bemerkt.

Das machte ihn noch nachdenklicher. Allein – er wollte allen Widerspruch fallen lassen. Bellis Inden genoß nun einmal Lilofes volles Vertrauen, sie war die erfahrene Freundin aus den Jahren ihrer Entwicklung; und vielleicht scheute sich ihre Mädchenhaftigkeit einzig jener gegenüber nicht vor einem Bekenntnisse, das sie nicht einmal sich selbst ablegen mochte. Er dachte auch, daß sie über einer vertraulichen Aussprache mit der gereiften Frau überhaupt erst zu der Erkenntnis ihres Zustandes käme. Dann würde sie den innerlichen Aufruhr gegen beglücktes Erstaunen einwechseln.

Mit diesem Wunsche setzte er sich leise neben sie auf das Lager. Er nahm ihre Hände und weckte sie aus ihrem Dämmern.

»Es wäre doch wohl richtig, wenn Bellis Fernau käme,« sagte er. Er hütete sich aber, noch einmal mit der Andeutung von der harrenden Freude in sie einzubrechen.

Auch in den folgenden Tagen war er mild und durchsonnt von der lieben Ahnung und wog jedes Wort auf der Zunge. So schonte er sie. Sie merkte das und war ihm dankbar. Manchmal war sie von einer ungeheuren Lustigkeit, weil sie sich seine fürsorgliche Art erklärte. Sie sagte das aber nicht, sondern erheiterte sich an dem neckischen Verstecken, das sie mit ihm spielte.

Zwischendurch fand sie Gefallen, ihn zu quälen.

Er verbat sich das nicht; denn er setzte alles auf die Rechnung seiner ›Geheimwissenschaft‹.

Einmal gegen Mittag – es war noch vor Weihnachten – erhielt sie einen Brief von Frau Doktor Fernau, der ihr meldete: »Ich komme schon morgen; die Erklärung für mein vorzeitiges Eintreffen bringe ich mit.«

Lilofe eilte, den knitternden Brief in der Hand, zu Romald. Da fand sie die Türe zur Werkstatt von innen verschlossen. Sie ward gleich ungebärdig. Und da er auch noch durch die Türe mit ihr sprach und eine kleine Frist verging, ehe er heraustrat, bekam sie ihre abwesenden Augen und wurde rebellisch.

»Du weißt doch, daß ich den Akt modelliere,« sagte er.

»Was geht denn das die Türe an?« schrie sie.

»Liebste Lilofe, sei doch nicht kindisch! Du weißt, daß sich ein Modell vor den Augen des Künstlers ohne Scheu entblößt, aber müßige Blicke Dritter nicht duldet. Bei diesem Mädchen ist es ganz sicher so, sie ist nicht zu bewegen, mir zu stehen, wenn sie nicht vor jeglichem Überfall geschützt ist.«

»Ach, diese keusche Nuscha mit den grauseidenen Augen! Ich ertrage solche Geheimnistuerei nicht, nein, ich ertrage es nicht mehr! Für einen Künstler, der eine Frau hat, die hinter den Wänden in Einsamkeit verkommt, ist diese ganze Modellgeschichte ein alberner Vorwand. Du kannst Dich einfach nicht losmachen von Deinen alten Gewohnheiten!«

Sie war schon wieder in brodelndem Überkochen und stürzte davon.

Da ging er zurück in das Atelier und schickte das blonde Mädchen heim.

Der Tag war ihm zerdonnert.

Er kam herunter und wollte in Lilofes Zimmer. Da hatte sie die Türe von innen verriegelt und rief hinaus: »Du führst diesen Brauch ja ein, und Du hast recht: man ist vor jeglichem Überfalle geschützt!«

»Wenn Du wieder bei Dir selbst bist, so erwarte ich Dich im Rauchzimmer,« sagte er.

So rang er sich mühsam zur Ruhe.

Nach einer Weile kam sie und tat zu Tode verwundet und hielt sich mit aller List an dem Geheimnisse fest, das er in sie hineinsah.

»Du sorgst für meine Unsterblichkeit,« sagte er; »denn ich werde draußen in der Stadt unsterblich lächerlich durch Dich. Aber, bitte, nimm Platz; ich möchte Dich vor jeder Aufregung behüten ...«

»Und findest es doch für gut, Dich und Deine Damen durch verschlossene Türen zu schützen?« prasselte sie ihm in die Rede.

Aber die Türen an ihnen selbst gingen angelweit auf, und sie traten durch sie hindurch ohne den Flitter schäkernder Verliebtheit: Lilofe durcheinandergewirrt in allem, was Freude, Eitelkeit, Tand, Schönheit, Licht und Gehässigkeit – was verkehrte Erziehung an ihr war. Dieses Wirrsal hatte die Einsamkeit gewoben. Und als sie den grauenhaften Knäuel erkannte, rief sie die alte wundertätige Bellis Inden zu Hilfe. Die allein wußte ja, daß schon das Mädchen jeder Stunde aus den Händen gefallen war, mit der man sie allein gelassen hatte.

Und der Bildhauer Eskriebens? Nun, der erkannte, daß all seine Geduld und Freudigkeit nicht hinreichte, dieses Gewebe zu entwirren. Der erkannte, daß sich auch an ihm erfüllt hatte, was tausend Künstler und zehntausend phantasievolle Männer unentrinnbar überfällt: er hatte Lilofen aus einer beschwingten Kraft seiner Seele erhöht in die Sterne. Die Allmacht seines Glaubens hatte anbeten wollen, und in der schöpferischen Stille seiner Werkstatt, die ihm den Stein belebte, hatte er sich aus dem Mädchen seines Herzens ein Wunder gedichtet.

Lilofe brauchte Blicke, die sie umfunkelten, sie brauchte Herzen, die ihretwegen Freudenfeuer anzündeten. Ihre Sinne drängten nicht mit klingendem Spiel zu Abenteuern der Liebe, aber ohne die kichernden Verliebtheiten ihrer Mädchenjahre verwelkte sie.

Zwei Monate der Stille waren ihr zu Ewigkeiten geworden und hatten sie oft gepeinigt bis zum Untergange. Sie hatte sich dagegen mit einer Geduld gerüstet, von der sie dachte, sie sei über alles Maß gewesen. Und nun sagte ihr Eskriebens, daß er noch vor einem Jahre tiefen ununterbrochenen Schaffens stünde, und empfahl ihr, sich mit Kinderkriegen die Zeit zu vertreiben! Unerhört! Lieblos! Spießerhaft! Un – er – hört! Übrigens: wann las man in den Zeitungen von Romald Eskriebens? Wo war sein Ruhm?

Sie zerquälte sich das Hirn über dem kindischen Gedanken, daß es unmöglich sei, ohne Förderung bedeutender Meister in seiner Kunst zur Anerkennung zu gelangen. Die Wochen, die ›Ewigkeiten‹, die hingereicht hatten, ihre Nerven rebellisch zu machen, waren durch seine Werkstatt gelaufen, und es war in ihnen doch nichts fertig geworden! Hatte er sich nicht verrannt in Täuschung über sein Talent? In Vermessenheit? Am Ende war er gar unfähig zu einem Künstler, wie er unfähig war, seine junge kleine Frau durch ein Leben zu führen, das nicht all ihre Hoffnungen und Freude an ihrer Jugend und Schönheit zerschlug?

Er erkannte: sie litt, sie litt unsagbar, weil sie sich in all ihren Erwartungen getäuscht sah. Sie forderte ihn an jedem Tage zu vier Stunden entzückten Flanierens in den Straßen der großen Stadt, durch die das Leben so herrlich blühend dahintaumelte. Nun, nachdem sich ihre Liebe diesem Manne ganz ergeben hatte, sollte ihr der eine alles gewähren, was ihre Tage zuvor so strahlend gemacht hatte; und er sollte sie darüber hinaus noch beschenken mit allem, was in ihren Mädchentagen nur als heimliche Wünsche, als verzücktes Ahnen gelebt hatte.

Er aber stellte ein Dasein vor sie hin, eintönig und formlos wie ein Marmorblock.

Was sollte sie damit anfangen?

Er sah ihre Hilflosigkeit und half nicht. Er kam auf den neckischen Einfall ... Schon wieder flog der ›tolle Gedanke‹ der Mutterschaft sie an wie eine aufgeschreckte Amsel, die sich an einer Scheibe das Genick abstürzt.

Da lachte sie klirrend auf, und Eskriebens trat zu ihr und zog sie an sein Herz. Auch jetzt wieder; denn er sagte sich: »Sie handelt aus einem Aufruhr heraus, für den sie ohne Verantwortung ist.«

Dann saß er auf dem Rande der Chaiselongue und sie war an ihm niedergesunken und umfaßte seine Knie. Sie umschlang sie wie eine Ertrinkende und schrie: »Romald, wir treiben von einander fort – Du, Du treibst von mir ...! Fühlst Du es denn nicht? Ich rufe nach Dir, hundertmal an jedem Tage, aber Du bist nicht da! Ich bin eifersüchtig auf Dein Schaffen und auf die Frauen, die dabei um Dich sind!«

Sie lachte und weinte den Wunsch über ihn, er solle sie zu seinem Modell nehmen. Er redete es ihr mit mühsamer Ruhe aus und sagte, daß das über ihre Kraft ginge.

Und dann erschrak er vor der Erkenntnis, daß sie ihn doch eigentlich vor die Wahl stellte: mich oder dein Werk.

Aber er sagte zu ihr: »Wir treiben nicht fort voneinander, Du liebes verängstigtes Kind! Wir treiben einander zu, damit wir einswerden in Lust und Leid. Du hast Dich zuvor als eins gefühlt mit der Sonne, als eins mit allen Menschen, die lieb zu Dir waren, und alle warfen Dir ihr Lachen zu wie goldene Bälle, wo Du Dich zeigtest. So war es bei Dir von Kind an. Nun umklammerst Du das Glück jener Jahre – Lilofe, dies goldene Tändeln läßt sich nicht halten! Ein heißeres Glück mit tieferen Freuden fordert Dich, aber Du erkennst es noch nicht.«

So rief er nach ihr. Er streichelte ihre Wangen und Hände. Er küßte mit seinen Lippen den gesponnenen Sonnenschein ihrer Scheitel und schalt sich selbst, daß er sich einbilde, sein Glaube an diese leuchtende Menschenblüte wäre erschüttert.

Und doch zerriß ihn wieder die Erkenntnis, er habe in einer Verblendung nach ihr gegriffen! Und doch fühlte er die zermahlende Kraft der Reue, die ihn mit Gespenstern schreckte: du hast das Glück dreier Menschen vernichtet!

* * *

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