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Die schöne Kastellanin

Hans Grasberger: Die schöne Kastellanin - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorHans Grasberger
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik Band 3
titleDie schöne Kastellanin
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeDritter Band
printrun
editor
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
projectid0a5c19e5
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III.

Eine Schlittenfahrt und Fronleichnam.

Wagner sah die Seinen nicht ungern ziehen; sie sollten unterwegs nicht zu leiden haben und noch Zeit finden, sich ihr Winternest behaglich zu gestalten. Aber er vermißte sie doch auch nicht wenig; denn an herzliche Zwiesprach', an eine liebevolle Umgebung gewöhnt man sich nur zu bald, und ist's damit plötzlich zu Ende, so fällt die Vereinsamung auf, mit der man sich sonst leidlich vertragen. In sommerlangen Tagen ergeht man sich mit Behagen in weiten Räumen, aber die Winterabende möchte man eng- und trautgesellt verbringen.

Der Tätige findet allerdings immer etwas zu tun, und tätig war der Verwalter von Haus aus, nicht bloß des guten Beispiels wegen, das er seinen Leuten geben wollte. Auch fühlte er sich zu rüstig, als daß er passender Unterhaltung aus dem Wege gegangen wäre. Er schob ab und zu, und solange es im Freien anging, mit den Bürgern des Marktfleckens beim Kronenwirt Kegel.

Nachdem der erste ausgiebige Schnee gefallen, unternahm er aber mit anderen, die dazu Lust hatten, eine Schlittenfahrt in die Kreisstadt. Er hatte dort zu tun und das winterlich-würzige Vergnügen genoß er nebenbei. Das Schauspiel, Schlitten auf Schlitten unter Schellengeklingel, von dampfenden Pferden gezogen, die weiße, glitzerige Straße dahersausen zu sehen und darauf die pelzumhüllten Gestalten zu mustern, läßt sich jung und alt selten entgehen. Es ist das eine wilde, verwegene, aber zugleich wohlig wiegende Jagd, die jeder Beschauer selbst auch mitmachen möchte. Und auf Zuschauer beim Einzuge rechnete der Verwalter und unter den Zuschauern auf ein Gesicht, das ihm einst vor so vielen anderen reizenden, blühenden Gesichtchen lieb gewesen. Rosa! erklang es in seinem Herzen, Rosa! kam es schier auf seine Lippen. Und warum sollte er den süßen Namen nicht flüstern dürfen? Die Schellen lassen den leisen Ruf nicht aufkommen; er gefriert wie ausgehauchter Atem in der schneidigen Luft und verweht wie ein Seufzer.

Jetzt muß das Bäckeranwesen in Sicht kommen und jetzt steigt die Straße so sehr, daß es unmöglich wie im Fluge zum weiten Platz hinauf vor das Wirtshaus gehen kann, das seine Gäste mit Tee und Punsch schon erwartet, und die Rampe gestattet nur auf der einen Seite eine größere Ansammlung von Schaulustigen, und gerade auf dieser Seite liegt das Bäckerhaus, und ein Jägerblick faßt schnell und sicher.

O du barmherziger Gott! Dies die schöne, vielumschwärmte Rosa von einst? Nichts als die vornehm gezogenen Brauen und die Seidenwimpern der blauen Augen läßt sie erkenntlich erscheinen, aber diese Augen blicken müde, unglücklich und elend. Und dieses schmale, engbrüstige Mädchen mit dem gesenkten Köpfchen, gleich einer geknickten Knospe, ihr Kind? Vorüber, vorüber, holder Jugendtraum! Dein heutiger Anblick tut – weh.

Auf dem Heimweg schienen die Schellen den Enttäuschten auslachen zu wollen. Er hatte vorderhand in der Kreisstadt nichts mehr zu tun!

Eine andere Unterhaltung gewährte der Schloßteich. Zugefroren ergab er den glattesten Spiegel und das »Eisschießen« konnte angehen. Es ist dies ein männliches Vergnügen, wenn auch dem städtischen Billardspiel vergleichbar. Statt des grünen Tuches die schimmernde Eisfläche, statt des Stoßstockes eine unten glatte, oben kegelförmig anschwellende, eisenbeschlagene Holzscheibe mit einer gerade aufstehenden Handhabe! Die gegnerischen Parteien werden ausgelost. Das »Ziel« wird geworfen; wer demselben mit seinem zum Hinsausen geschwungenen Eisstock zunächst kommt oder andere nähere davon »hinwegschießt« und an deren Stelle bleibt, hat gewonnen. Das alles in der grimmigsten Kälte! Wer sich nicht rührt, friert auf der Eisdecke an; wer aber die wuchtige Scheibe wieder und wieder schwingt, bringt sein Blut in Wallung. Wagner liebte dieses Spiel und lud gern die Honoratioren des Marktes dazu ein; es durfte nicht hoch gehen, und die Bewirtung war einfach, aber reichlich.

Einmal während des Eisschießens sah er die närrische Urschl am Teich vorüberkommen, ganz so phantastisch angetan wie damals auf der Gemeindeweide. Das liebliche Kind an ihrer Seite fehlte, aber an dasselbe mußte er unwillkürlich einen Augenblick lang denken.

Beim Jahresabschluß kam er dem Schreiber Mayer auf Schwindeleien. Derselbe mußte gewisse Kohlenfuhren für das untere und für das obere Werk zugleich angeschrieben, also doppelt verrechnet haben, vermutlich um mit dem Lieferanten den Gewinn zu teilen. Erst vergewisserte sich Wagner der Sache und dann ließ er den Schuldigen vor sich kommen.

Derselbe trat ziemlich zuversichtlich auf, hatte aber ein Gesicht, das dem Verwalter gleich anfangs unangenehm aufgefallen war.

Zur Rede gestellt, schwatzte Mayer vom Usus unter der früheren Verwaltung, von üblichen Nebensporteln, und daß man ohne dieselben nicht auskommen könne.

Damit kam er aber schön an. In Amtssachen verstand Wagner keinen Spaß, und davor, daß der Schuft, um sich rein zu waschen, die alte Wirtschaft verdächtigte, ekelte ihm nicht wenig.

Er entschied daher kurz und gut, Mayer habe das widerrechtlich Eingesackte in kleinen Raten bei Heller und Pfennig zu ersetzen; er könne gehen, wenn ihm das nicht behage, und beim nächsten Verstoß sei seines Bleibens in gräflichen Diensten nicht länger.

Wie nun der Wicht zusammenknickte und sich demütigte! Aber ehe sich die Türe hinter ihm schloß, warf er einen grimmigen Seitenblick auf den Gestrengen.

Von selten des Verwalters war der ärgerliche Vorfall abgetan, vergessen.

Im Frühjahr gab's Arbeit an allen Orten und Enden. Wagner kam selten vom Gute ab, das er in dessen weitestem Umfange zu überwachen hatte. So rückte Fronleichnam ins Land und er merkte es kaum.

Am Festmorgen begab sich Wagner aber ziemlich früh in den Markt hinunter. Er mit den Seinen hatte beim Umgange die Herrschaft zu vertreten; er hätte sich aber auch sonst kaum von der lieblichen Feier ausgeschlossen, als Landmann im Volke wurzelnd und dessen Sitten und Gebräuchen zugetan.

Was ihm am unteren Ende des Marktes, den er von der Seite betrat, zunächst auffiel, das war die Altarschmückerin. Er sah sie selbst nur von rückwärts, hatte aber ihr Werk voll vor sich. Schon war der rote Baldachin aufgeschlagen und hing das Bild: schwebende Engel, die das Allerheiligste anbeten, darunter. Die Unbekannte ordnete die niederhangenden Falten, sie breitete das schneeweiße Altartuch aus und stellte die halbverblaßten Sträuße von Kunstblumen und die Leuchter auf. Das alles geschah schnell, schicklich und mit einer Aufmerksamkeit, die ganz von der Aufgabe in Anspruch genommen war. Nun wurden aus einem Korbe frische Blumen hervorgeholt, um mit deren zartesten die Kerzen zu umwinden, mit den volleren ab erklaffende Stellen auszufüllen, Schadhaftes zu ergänzen, Plumpes zu verdecken und den Farben nach gleichzeitig Abwechselung und Übereinstimmung zu erzielen.

Wenn die Ordnerin im Zweifel war, so trat sie ein paar Schritte vom aufgeschlagenen Altar zurück, prüfte mit scharfem Blick, und verbesserte mit rascher Hand. Wenn sie so das Ganze musterte, wiegte sie sich leicht nach rechts, nach links hin und nickte schließlich zufrieden. Immer aber so ganz bei der Sache, daß sie gar nicht bemerkte, wie sich Zuschauer ansammelten. Ihr Werk war ein Poetisches, ihr Gebaren ein graziöses.

»Ja, die versteht's,« bemerkte einer zum andern.

»Woher sie's nur hat?« fragte man sich verwundert.

In diesem Augenblicke hörte man vom nächstoberen, improvisierten Altar herab: »Resi, komm! Wir kennen uns nicht aus.«

»Gleich! Ich bin hier so gut wie fertig,« lautete die bereitwillige Antwort, von einem vertröstenden Seitenblick begleitet.

Schon der Anruf Resi hatte die Aufmerksamkeit des Verwalters erhöht. Die erwidernde Stimme kannte er zwar nicht, aber sie paßte wie ein Festglöcklein in die Stimmung des Tages.

Und nun dieses Profil, diese Augen, die er einmal gesehen und nicht wieder vergessen hatte: kein Zweifel, das ist das seltsame Kind von der Gemeindeweide. Aber wie hat es sich entwickelt seither! In der Tat, in dieser Umgebung erscheint es wie ein Mädchen aus der Feenwelt. Die Mutter hat recht: es wäre schade, wenn's in vergröbernde Hände geriete. Und sie soll auch nicht mehr nachts in der garstigen Vermummung auf die Gasse, und auf der einsamen Trift ist sie auch nicht genugsam gehütet. Wie das Bild, so der Rahmen: so sollt' es sein ... Unter diesen Gedanken schritt der Verwalter weiter.

Unter den weißgekleideten Mädchen war beim Umgange die Altarschmückerin nicht zu entdecken. Sie folgte diesen glücklicheren Kindern allein, in ärmlichem Braun, mit nichts als einem weißen Röslein im geordneten Haar.

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