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Die schöne Kastellanin

Hans Grasberger: Die schöne Kastellanin - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorHans Grasberger
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik Band 3
titleDie schöne Kastellanin
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeDritter Band
printrun
editor
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080911
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II.

Tagesereignis und Tischgespräch.

Wagner hatte noch kaum völlig Einblick genommen in die weitläufige Verwaltung und die Jagden seines Herrn, des Grafen, der ihm sichtlich viel Vertrauen und Auszeichnung zuwendete, mitgemacht, als er Mutter und Schwester kommen ließ. Und diese hatten bereits mit Ungeduld auf das Doppelgespann, das sie abholen sollte, gewartet. Begreiflich auch; hörte doch, seit der junge Verwalter das Schloß bezogen, im Gartenstöckl das eine vom andern nur: »Der arme Ferdinand! Nichts als die kahlen Wände wird er haben in seinen Stuben! Eh' er die schönen Zimmer bezöge und sich in ein herrschaftliches Bett legte, schläft er gewiß lieber wie ein Knecht bei den Pferden.«

Daher hatten die beiden Frauen längst mit einem wahren Plünderungseifer ihr gemütliches Heim nach nützlichen und niedlichen Hausgeräten durchstöbert und kamen schließlich mit so viel Kisten und Kasten, Bündeln und Schachteln angerückt, daß Ferdinand lachend ausrief: »Ja, wollt ihr denn zu mir ins Schloß übersiedeln? Mir recht!«

Die Frauen taten geheimnisvoll, und er durfte nicht dabei sein, als sie mit vergnügten Mienen und hastigen Händen ans Auspacken gingen.

Übergroße Sorgfalt! Die alte Schaffnerin, Frau Grethi, sah ja doch auch auf den Verwalter und hielt auf Ordnung und Reinlichkeit; ihr Schlüsselbund durchklingelte unermüdlich das ganze Haus, und ihre Kochkunst wußte sogar herrschaftlichem Gaumen zu genügen. Mutter und Tochter konnten sich daher bald auswärts umsehen. Der schönen Stunden des Tages waren freilich nur wenige, aber sie ließen sich um so gründlicher ausnützen, als Wagen und Pferde zu Diensten standen. Man hatte daher auch schon in der Kreisstadt Einkäufe gemacht, über den Grenzsattel geblickt und diesen wie jenen Hammergraben kennen gelernt.

Der gewöhnliche Ausflug galt aber dem Marktflecken, und von da kamen die Frauen einst mit einer grausigen Neuigkeit zurück. Der Weißgerber des Ortes, erst seit gestern eingezogen, hatte sich im »Loch«, in der »Keuchen« mit dem Fürtuchband beim Fensterkreuz – aufgeknüpft. Das gab nun just kein angenehmes Tischgespräch ab.

Um einen anderen Ton anzuschlagen, bemerkte die Mutter: »Glaub' nicht, daß es uns durchaus nur um eine Gänsehaut den Rücken hinab zu tun war. Wir haben auch einen allerliebsten Schatz kennen gelernt. Steht dir – weiß Gott, wie es dahin gekommen, – bei der Tür der schrecklichen Stube ein schmales, ärmliches, aber feines Mädchen und starrt unausgesetzt auf die Leiche. Der krampfhaft geschlossene Mund, die ganze Gestalt zittert. In dem Gesichtchen ist so viel Seele, so viel Gefühl und Schrecken, daß mich der Anblick rührte. Und diese schönen dunklen Augen – ich sage dir, abgrundtief traurig waren sie. Die Anna faßte das bebende Geschöpf bei der Hand, und wir führten es heraus ins Freie. Ich wollte das arme Dirnchen nicht kränken und doch vermeint' ich die Tochter des Selbstmörders vor mir zu haben. »Was ist dir, Mädchen?« fragt' ich; »ist dir so schwer ums Herz, weil du das einzige, das du noch hattest, verloren?«

»Nein! Gott sei Dank, mein Vater lebt!« sagt sie mit einem Ausdruck, als sei ihr eine Erlösung geworden. Und schau nur, wie scharf sie auf meine Frage eingegangen. Ich weiter: »Wer bist du denn?« – »Die Nachtwächter-Resi,« antwortete sie erst, und dann sich verbessernd: »Theresia Teichgruber heiße ich, und mein Vater ist der Nachtwächter.« – »So so, und du machst?«

»Was mir die Leute auftragen; schaffen Sie vielleicht was, gnädige Frau?« – »Das nicht; aber das drinnen ist ein zu trauriger Ort für dich.« So unterhielt ich mich mit dem lieben Kind. Es ist ein gescheites, zartes Persönchen. – Schade, wenn's in grobe Hände kommt! Nicht wahr, Anna?«

»Ja, Mutter! Aber warum erzählst du denn nicht auch, was alles uns die Frau Zeilinger über die herzige Resi gesagt hat?«

»Es langweilt unseren gestrengen Schloßherrn.«

»Das nicht; aber macht mir nicht gleich ein Wunderkind, eine Fee oder verwunschene Prinzessin aus eurem Schützling.«

»Spotte nur! Es trifft nicht mich, sondern die Zeilinger, die in der Kleinen ein besonderes Kind erblickt. Sie ist die Erste in der Schule, obgleich keine so oft ausbleiben muß als gerade sie, sagt die Frau Zeilinger. Sie ist zu allem willig und geschickt, zum Kinderwiegen, zum Viehhalten, zu Botengängen, zum Jäten, zum Nähen oder Stricken, sagt wieder die Frau Zeilinger. Und es muß wohl was daran sein an dem jungen Wesen, dem's gleich ist, ob es in einem warmen Bett oder im Heu oder auf der bloßen Erde schläft, das überall beliebt und nirgends lästig ist, das dem Vater jeden guten Bissen zuträgt und selber von der Luft zu leben scheint und das sich die Frau Zeilinger an Kindesstatt wünschte, wenn sie nicht ihr eigenes mehrfaches Hauskreuz hätte.«

»Das ist warm gesprochen für die kleine Unbekannte,« sagte Ferdinand. »Bring sie nicht ins Gedränge, die gute Anna, deren Herz für alles Notleidende oder Verkannte Partei nimmt. Ein Zug von der Kleinen wird selbst dich überraschen. Wird im vorigen Winter der Nachtwächter, ihr Vater, unwohl, und statt daß, wie sonst, der Faustmann oder der Naglernaz einspringt, setzt sich die schmächtige Resi die Pudelmütze auf, schlüpft in die schweren Schuhe, nimmt den Mantel um, greift zur Hellebarde und zur Laterne und wandert die dunkle Nacht hindurch den Ort auf und nieder, in die Kreuz und Quere, die Stunden ausrufend! Sie wollte ganz der Alte sein und versuchte zum erstenmal, das Sprüchlein wie tief in den Bart gebrummt laut werden zu lassen. Das zog ihr aber einen Hustenanfall zu, und so setzte sie lieber mit ihrer hellen, lieben Kinderstimm' ein. Man hätte selbige Nacht glauben können, ein Engel mit seinem »Gloria in excelsis« schreite das schlummernde Örtlein ab.«

» Sagt die Frau Zeilinger,« fuhr Ferdinand dazwischen.

»Nun hast auch du deinen Teil, Mutter! Aber jetzt ist schon alles eins, jetzt sollst du auch das von der Nähterin noch hören. Daß diese eine geschickte Person ist, kannst du an deinen Hemden ersehen. Gleichwohl sagt sie, die Kleine habe mehr Geschmack als sie selber; die Kleine wisse mit Waldbeeren und Laubwerk umzugehen, wie eine Theaterprinzessin mit ihrem Flitterstaat.«

»Halt, Anna, jetzt hab' ich sie! Auch ich kenne euer Mädchen aus der Fremde. Bei meinem Eintritte war's, und draußen auf der Gemeindeweide fand ich sie mit der alten Urschl beisammen, das Kind mit der Närrin!

Aber merkwürdige Augen hat die Kleine, das ist richtig, und insoferne kann ich euch zu ihrer Bekanntschaft nur Glück wünschen. Prost Mahlzeit! Ich muß draußen noch Umschau halten, sonst entschlüpft mir der Tag.«

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