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Die Schnepfe

Guy de Maupassant: Die Schnepfe - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDie Schnepfe
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume8
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectidc69ceb7b
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Pierrot

Frau Lefèvre war eine Dame vom Lande, eine Witwe, eine jener Halbbäuerinnen, die einen städtischen Hut tragen, möglichst gebildet zu reden und vor den Leuten großartig aufzutreten suchen, dabei aber doch nur eine kleinliche Philisterseele unter lächerlichem und geschmacklosem Äußeren verbergen, genau so, wie sie ihre dicken, roten Hände unter gelbseidenen Handschuhen verstecken.

Sie hatte eine Dienerin, ein einfaches Bauermädchen, Rosa geheißen.

Die beiden Frauen bewohnten ein kleines Haus mit grünen Läden, das an der Landstraße lag in der Normandie im Herzen der Gegend von Caux.

Da sie vor dem Hause einen kleinen Garten hatten, zogen sie dort etwas Gemüse.

Da geschah es eines Nachts, daß man ihnen ein Dutzend Zwiebeln stahl.

Sobald Rosa den Diebstahl bemerkte, stürzte sie herbei, um ihre Herrin zu benachrichtigen, die sofort im wollenen Unterrock herunter kam. Sie war außer sich und hatte fürchterliche Angst. Man hatte gestohlen, um Gottes Willen, man hatte Frau Lefèvre bestohlen, man stahl also hier in der Gegend und das konnte sich wiederholen.

Die beiden Frauen betrachteten verstört die Fußspuren auf dem Boden, schwatzten und stellten allerlei Vermutungen auf.

– Da dort sind sie gegangen, dort sind sie über die Mauer geklettert und auf das Beet 'runtergesprungen.

Und sie hatten fürchterliche Angst vor allem, was nun noch passieren möchte. Wie sollten sie nun ruhig schlafen?

Die Nachricht von dem Diebstahl verbreitete sich. Die Nachbarn kamen, besichtigten alles, besprachen es ihrerseits und beide Frauen teilten jedem Neuangekommenen ihre Beobachtungen und Vermutungen darüber mit.

Der Nachbar riet ihnen, sich einen Hund zu halten.

Das war richtig, sie mußten sich einen Hund halten, wenn auch nur, um durch sein Gebell zu warnen. Aber um Gottes Willen, keinen großen Hund. Was sollten sie mit einem Hofhunde anfangen? Der würde sie arm fressen. Nein, es mußte ein kleiner Hund sein, ein kleiner Pinscher, der ein bißchen kläffen konnte.

Sobald die Nachbarn fortgegangen waren, sprach Frau Lefèvre lange über diesen Gedanken der Hundeanschaffung. Sie überlegte alles genau, machte tausend Einwürfe, und der Gedanke, seinen Freßnapf immer füllen zu müssen, flößte ihr Entsetzen ein. Denn sie gehörte zu jenen kleinlichen, geizigen bäuerlichen Frauen, die immer eine Kupfermünze in der Tasche haben, um den Armen ein Almosen zu geben, wenn andere es sehen, und Sonntags etwas in den Klingelbeutel zu thun.

Rosa liebte die Tiere. Sie gab auch ihren Senf dazu und verteidigte ihre Ansicht. Es wurde also beschlossen, einen Hund anzuschaffen, einen ganz kleinen Hund.

Man ging auf die Suche. Aber es waren nur große zu finden, die soviel fraßen, daß einem Angst und Bange werden konnte. Der Krämer von Rolleville hatte allerdings einen, einen ganz kleinen, aber er verlangte zwei Franken dafür, um die Kosten der Aufzucht zu decken. Frau Lefèvre erklärte, daß sie wohl einen Hund ernähren wolle, aber kaufen – nein.

Da brachte eines Morgens der Bäcker, der von all dem wußte, in seinem Wagen ein seltsames, kleines Tier mit. Es war ganz gelb, hatte fast keine Pfoten, einen Krokodilsleib, einen Fuchskopf und einen Schwanz wie eine Trompete, den reinen Federbusch, der so groß war, wie das ganze übrige Tier zusammen. Ein Kunde des Bäckers wollte ihn los sein. Frau Lefèvre fand diesen schmutzigen Bastard, der nichts kosten sollte, wunderschön. Rosa küßte ihn sofort und fragte wie er hieße. Der Bäcker sagte:

– Pierrot.

Er wurde in eine alte Seifenkiste gethan und man gab ihm zuerst Wasser zu trinken. Er trank. Dann bekam er ein Stück Brot. Er aß. Frau Lefèvre erregte sich dabei und es kam ihr sofort der Gedanke: wenn er sich ordentlich ans Haus gewöhnt hat, werden wir ihn frei lassen, dann wird er schon, wenn er in der Gegend umherstreift, etwas zu fressen finden.

Und man ließ ihn in der That frei. Aber trotzdem hatte er immer Hunger. Übrigens bellte er nur, wenn er etwas zu fressen haben wollte. Dann aber kläffte er auch ununterbrochen.

Jedermann konnte ruhig in den Garten kommen, Pierrot wedelte jeden Fremden an und bellte niemals.

Frau Lefèvre hatte sich aber an das Tier gewöhnt. Sie kam sogar dahin, es zu lieben und ihm von Zeit zu Zeit ein paar Stückchen Brot eigenhändig zu geben, die sie in die Sauce ihres Essens getunkt.

Aber sie hatte nicht an die Hundesteuer gedacht. Und als man acht Franken – ganze acht Franken! – für dieses Biest von Hund haben wollte, das nicht einmal bellte, wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen.

Es wurde sofort entschieden, daß sie sich Pierrots entledigen wollten. Aber niemand mochte ihn haben. Auf zehn Meilen in der Umgegend wollte kein Mensch etwas von ihm wissen. Da faßte man den Entschluß, weil es keine andere Möglichkeit gab, ihn Mergel fressen zu lassen.

Mergelfressen lassen, bedeutete: ihn in die Mergelgrube werfen, wohin man alle Hunde schmiß, die man los sein wollte.

Mitten auf einer weiten Ebene ruht eine Art von Hütte oder vielmehr ein kleines Hüttendach auf dem Boden, das ist der Eingang zur Mergelgrube. Ein großer Schacht geht zwanzig Meter tief gerade in die Erde hinab, und auf ihn stoßen dann eine Reihe von langen unterirdischen Gängen.

Einmal jährlich zur Zeit, wenn man den Mergel heraus befördert, steigt man in die Grube hinab. Die übrige Zeit des Jahres dient sie den zum Tode verurteilten Hunden als Kirchhof und oft hört man, wenn man an der Öffnung vorüberkommt, Winseln, Geheul und fürchterliches verzweifeltes Bellen herauftönen. Die Jagd- und Schäferhunde fliehen entsetzt vor diesem grauenvollen Loch und wenn man sich darüber beugt, entströmt ihm ein gräßlicher Verwesungsgeruch. Entsetzliche Dramen spielen sich dort unten in der Dunkelheit ab.

Wenn in der Tiefe ein Tier zehn oder zwölf Tage im Sterben liegt und sich nur von den Ueberresten seiner Vorgänger nährt, wird plötzlich ein neues kräftiges Tier hinabgeworfen. Dann stehen sich die beiden allein, hungrig, mit leuchtenden Augen gegenüber. Mißtrauisch betrachten sie sich, folgen einander ängstlich und zweifelnd. Aber der Hunger quält sie. Sie greifen sich an, kämpfen lange verzweifelt und dann frißt der Stärkere den Schwächeren lebendig auf.

Als es beschlossene Sache war, Pierrot Mergel fressen zu lassen, sah man sich nach jemand um, der das Tier dort hinbringen sollte. Der Straßenwärter, der die Straße in Ordnung zu halten hatte, verlangte zehn Sous für den Gang.

Das schien Frau Lefèvre eine unerhörte Forderung. Der Junge vom Nachbarn begnügte sich zwar mit fünf Sous, aber das war immer noch zuviel. Und als Rosa zu bedenken gab, daß es wohl das beste wäre, sie trügen Pierrot selbst hin, damit er unterwegs nicht geschunden und so auf seinen Tod vorbereitet würde, entschlossen sie sich beide bei Dunkelwerden selbst hinzugehen.

An diesem Abend bekam der Hund eine gute Suppe mit einer Spur Butter darin. Er fraß sie bis zum letzten Tropfen. Und als er befriedigt mit dem Schwanz wedelte, nahm ihn Rosa in die Schürze.

Mit eiligen Schritten wie ein paar Verbrecher liefen sie über die Ebene hin. Bald gewahrten sie die Mergelgrube und standen daneben. Frau Lefèvre beugte sich über die Öffnung, um zu lauschen, ob ein Tier dort unten stöhne. Nein. Es war keins darin. Pierrot würde also allein sein. Da küßte ihn Rosa weinend und warf ihn dann in das Loch hinunter und sie beugten sich beide gespannt lauschend über die Öffnung.

Zuerst hörten sie ein dumpfes Geräusch, dann das scharfe, herzzerreißende Geheul eines verwundeten Tieres, darauf mehrere kleine Schmerzensschreie hinter einander, darauf verzweifeltes Winseln des Hundes, der unten wimmerte, den Kopf zur Öffnung emporgerichtet.

Jetzt bellte er. O jetzt konnte er schön bellen.

Da packte sie die Reue, das Entsetzen, eine Art unerklärlicher toller Angst. Und sie rannten spornstreichs davon. Da Rosa schneller lief als Frau Lefèvre, so rief jene:

– Rosa, warte doch, warte doch!

In der Nacht hatten sie fürchterliche Träume.

Frau Lefèvre träumte, daß sie sich zu Tisch setzte, um ihre Suppe zu essen, aber als sie den Deckel von der Terrine hob, lag Pierrot darin, sprang heraus und biß sie in die Nase.

Sie wachte auf und glaubte ihn noch immer heulen zu hören. Sie lauschte, aber es war eine Täuschung.

Sie schlief von neuem ein und da befand sie sich im Traume auf einer großen Straße, einer unendlichen Straße, die sie entlang ging. Plötzlich sah sie mitten auf dem Wege einen Korb, einen großen Korb ganz allein stehen und sie fürchtete sich vor dem Korbe.

Endlich öffnete sie ihn aber dennoch und Pierrot, der darin saß, biß sie in die Hand und ließ nicht mehr los. Da riß sie erschrocken aus und an ihrem Arme hing immerfort mit zusammengepreßten Zähnen der Hund.

Als es kaum Tag geworden war, stand sie auf, beinahe verrückt vor Entsetzen, und lief an die Mergelgrube.

Er bellte, er bellte immer noch. Er hatte die ganze Nacht gebellt. Und da fing sie an, zu schluchzen und rief ihm tausend Schmeichelnamen zu. Er antwortete in allen zarten Tönen seiner Hunde-Stimme.

Da wollte sie ihn wieder haben und versprach sich, ihn bis zu seinem Tode zu pflegen. Sie lief zu dem Mann, der mit der Heraufbeförderung des Mergels betraut war, und erzählte ihm die Sache. Der Mann hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Als sie fertig war antwortete er:

– Wenn Sie Ihren Hund wieder haben wollen, gut, kostet aber vier Franken.

Sie fuhr auf, und ihr ganzer Schmerz war in einem Augenblick verflogen:

– Vier Franken, nu, Sie sind wohl verrückt, vier Franken.

Er antwortete:

– Nu, glauben Sie denn, daß ich meine Stricke, meine Winde eigens hole, alles das uf den Buckel nehme und mit mei Jungen da 'runter krieche und mich von Ihrem verfluchten Köter ooch noch beißen lasse, bloß um das Vergnügen zu haben, daß'chn Sie wiedergeben kann? Da mußten Sie 'n nich 'runterschmeißen.

Empört ging sie davon.

– Vier Franken!!

Sobald sie zu Hause war, rief sie Rosa und erzählte ihr von der Forderung des Mannes. Rosa war ebenso empört und sagte:

– Vier Franken das ist ein Sündengeld.

Dann fügte sie hinzu:

– Wenn man dem armen Hund was zu essen 'runterschmisse, daß er nich so krepiert!

Frau Lefèvre war glückselig über die Idee, und sie liefen beide davon mit einem großen Butterbrot in der Hand.

Sie schnitten es in kleine Stücke und warfen eines nach dem andern hinab, indem sie immerfort Pierrot anriefen. Und sobald der Hund ein Stück heruntergewürgt hatte, heulte er wieder um von neuem eins zu erhalten.

Sie kamen am Abend wieder, dann am nächsten Tag, kurz täglich. Und endlich waren sie fortwährend unterwegs.


Da hörten sie plötzlich eines Morgens, als sie den ersten Bissen hinabwerfen wollten, unten in dem Loch ein fürchterliches Gebell. Es waren ihrer zwei. Man hatte einen andern Hund hinuntergeworfen, einen großen.

Rosa rief: »Pierrot!« und Pierrot bellte, bellte. Da fingen sie an, das Brot hinunter zu werfen, aber sie hörten jedesmal einen entsetzlichen Kampf dort unten, dann das gräßliche jammernde Geheul von Pierrot, der von dem andern Hund gebissen wurde, der ihm alles wegfraß, da er der stärkere war.

Sie hatten schön hinunterrufen:

– Das gehört dir, Pierrot.

Pierrot kriegte offenbar nichts ab.

Die beiden Frauen sahen sich erschrocken an und Frau Lefèvre sagte mit bitterem Ton:

– Ich kann doch nicht alle Hunde unterhalten, die man da 'reinschmeißt. Wir müssens aufgeben.

Und bei dem Gedanken, daß alle die Hunde da auf ihre Kosten leben sollten, verlor sie beinahe den Atem, lief davon und nahm sogar das Stück Brot, das noch übrig geblieben war, mit und aß es unterwegs.

Rosa folgte ihr und wischte sich mit dem Zipfel ihrer blauen Schürze die Augen.

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