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Die Schmiere

Otto Stoeßl: Die Schmiere - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Schmiere
authorOtto Stoessl
firstpub1927
year1927
publisherWeltgeist-Bücher
addressBerlin
titleDie Schmiere
pages3-64
created20070327
sendergerd.bouillon
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Die Schmiere

Novelle

von

Otto Stoessl

 

 

Weltgeist-Bücher
Verlags-Gesellschaft m.b.H.
Berlin
(1927)


In einer Sommerfrische am Salzkammergutsee machten eines Augusttages große Plakate Aufsehen, die teils von einem jungen Manne in nachlässigem Touristengewand, mit einem Jägerhütel auf dem braunlockigen Kopfe, teils von einem alten, glatzigen und rotnasigen Menschen ausgetragen wurden, der wie ein Laternenanzünder herumlief, mit einer Schirmkappe und in einem Leinenkittel, in dessen Taschen er fünfundzwanzig Gegenstände verwahrte: eine Brille, eine Pfeife, ein rotblaukariertes Sacktuch, eine hölzerne Dose, ein Stück betagtes Brot, eine Tüte mit Malzbonbons gegen seinen Husten, einen Tabaksbeutel, »Schillers Räuber«, ein zerlesenes Büchel aus Reclams Universalbibliothek, ein Feuerzeug, einen Pinsel zum Kleistertopfe. Den trug er in der linken Hand, deren Arm, an den Rumpf gepreßt, ein Bündel solcher Anschlagzettel festklammerte. Sie sollten nämlich aus Ersparungsrücksichten womöglich verteilt und nur an besonders auffallenden Stellen angeschlagen werden: beim Hotel und Bürgermeisteramt, am Platze und an der Badeanstalt. Sonst aber wurden sie in die Häuser persönlich getragen mit der Bitte, sie gütig aufzubewahren, damit sie seinerzeit wieder abgeholt werden könnten. Der Alte erklärte sich den Herrschaften, besser noch den Dienstpersonen weiblichen Geschlechts und jeden Alters recht ausführlich über das Institut, das er zu vertreten die Ehre hatte: Madame Überackers, Friederike Therese Überackers modernes Ensemble. Er war vormittags Zettelausträger, aber auch Markteinkäufer für die Frau Direktor, abends Inspizient, Requisiteur, Beleuchtungsmeister, Souffleur, komischer Alter im Nebenfach, Gewitter und Donner, diensthabender Regisseur, platzanweisender Billetteur. An der Kasse saß die Direktorin persönlich.

Der Junge im Touristengewand betrieb das Geschäft weniger dringlich, mehr als Sport, oder tat und meinte so. Er hatte ein kühnes, beinahe wildes Abenteurergesicht – oder meinte so –, dessen braune Augen lebhafter schienen als der Mund unter dem kecken Schnurrbart. Der Mund war nämlich an den Winkeln leicht herabgezogen, von der eingeklemmten Zigarette, aber wohl auch von allerhand Erlebnissen. Der Herr benahm sich so ungezwungen, als betriebe er diese Zettelverteilung zum Extravergnügen, um nebenbei eine Seitenbekanntschaft, eine außerberufliche Anregung zu suchen und um zu erproben, wie weit seine Blicke verfingen und seine Persönlichkeit als solche bedeutend und gewinnend wirkte – von der Kunst vorläufig ganz abgesehen. Er hatte aber diese Verteilung bald aufgegeben, als ihn die Doktorsfrau so merkwürdig mitleidig angesehen hatte. Mitleidig, statt interessiert. Das sagte ihm nicht zu. Im Gegenteil, das Mitleid war durchaus auf seiner Seite. Das Touristengewand war wohlerhalten und von gutem Schnitt, er trug es vornehm nachlässig, mit breit umgeschlagenem, weißem Hemdkragen und einem violetten machtbewußten Schlips. Daß er der jugendliche Held, der Bonvivant, der erste Liebhaber, die Haupstütze des modernen Ensembles war, mußte man bemerken, wenn man überhaupt auf der Welt etwas bemerken konnte, was übrigens nicht so häufig vorkommt, wie die Leute glauben, weil sie Augen im Kopfe zu haben behaupten. Junge Mädchen bemerken so etwas von Natur und von weitem noch am ehesten, sie wittern es, besonders wenn sie sich auf Sommerfrische langweilen und eine Abwechslung nach den gewohnten Courmachern verlangen, etwas Gruseliges, Verbotenes, etwas Bescheiden-Ungeheuerliches, ähnlich wie ein Trinker manchmal nach Fusel. Sie sind großartig, diese kleinen Mädchen in den kindlichen Dirndlgewändern, die gar so viel lachen, tuscheln, Nachrichten verbreiten, Schauergeschichten und Heiratssachen, die ihre Mitgiften alle für ein Abenteuerchen zu vergessen bereit sind und erst wieder in ihren Gedanken hervorholen, wenn es halb gut, halb schlimm ausgegangen ist. Schlimm für sie natürlich, für ihn konnte nichts schlimm ausgehen. Nichts mehr.

Der Tourist, Held, Liebhaber, Bonvivant stand nach aufgegebenem Zettelaustragen eine Viertelstunde vor der Badeanstalt und schaute zigarettenrauchend dem Treiben im Wasser unten zu. Er hatte einen recht guten Platz dafür, wie in der Fremdenloge gegenüber der Bühne. Er konnte die Damen in den gefallsamen, dezent-schamlosen Schwimmkleidern beisammen sitzen sehen, oder wie sie schmachtend stehen bleiben und unbestimmt wohinblicken, oder wie sie wiegend über die hölzernen, eingeländerten Wege gehen oder im Bade langsam schwimmen, lachend einander und die Herren bespritzen, endlich tropfnaß unter Mänteln und Tüchern schauernd in die Kabine laufen. Er genoß alle Phasen dieser bewegten Herrlichkeit, wie ein Fachkundiger etwa im Mikroskop die Infusorien durcheinanderwirbeln sieht, und überlegte dabei, ob er eine Karte lösen und hinuntersteigen sollte, um zu baden; heiß war es, und unten ergab es sich etwas leichter . . . Was denn? Er wartete immerhin gelassen darauf, als sei es schließlich doch nur eine Belästigung. Es gehörte zur Sache, zu einem normalen Sommerschauspielerleben. Der Winter! – Sprechen wir lieber nicht davon, er hatte noch kein solides Engagement. Viele Briefe waren unbeantwortet geblieben. Aber wer denkt an den Winter, solange die kleinen Fräulein da – im Badekostüm sind sie alle so klein, lauter Kinder Evas – plätschern und einander zuwinken und ihn meinen. Schaut denn diese Schmachtende, Mandeläugige, die in der weißen Sonne, die Arme über dem Knie gekreuzt, gerade unter ihm sitzt und gelegentlich ihr tadelloses Bein, ihren Fuß mit den kleinen parallelen rundlichen Zehen betrachtet, um in den Pausen, welche ihr Vollkommenheitsbewußtsein zuläßt, aufzublinzeln, etwa zur Sonne oder zu ihm hinauf? Kann es darüber eigentlich eine Frage geben? Und wenn ihr die lebhafte Braune, die so tut, als wenn sie fünfzehn Jahre alt wäre, entgegenlacht, die Zähne zeigt und etwas schreit, einen Namen oder um den Kabinenschlüssel oder eine Verabredung für heute nachmittag, so meint auch sie nur ihn. Winkt auch sie nicht nach ihm, wenn sie vom Wetter spricht? Er vertritt die Himmelsgegend und Windrichtung und jegliche sonstige Verabredung.

Die Badenden wissen in der Tat, wer der interessante Mann da oben ist. Die Kunde verbreitet sich so wie eine Skandalnachricht aus der Stadt oder wie Wolken am Himmel. Mit einem Wort: man kennt ihn, man ist auf ihn gespannt. Was ist er für einer, ein »großer Künstler«? Nein, das braucht man nicht zu glauben, daß ein Mitterwurzer sich just in eine Schmiere verirren würde, obschon auch solche Wunder vorkommen. Aber was ist er für ein Mensch? Kann man mit ihm was anfangen? Wie würde er sich beispielsweise beim Tanzen benehmen? Sie schauen zu ihm hinauf, indem sie die Augen mit der Hand beschützen, angeblich vor der Sonne; sie unterhalten sich über ihn, sie machen Witze, sie tun, als ob sie spotteten. So tun sie immer. Das schadet gar nichts. Spott nicht, nur Mitleid tut ihm weh, Spott, Mädchenspott ist sogar eine Erleichterung für das Spätere. Er hört dieses Lachen immer gern, obgleich es immer so ähnlich klingt wie dieselbe Rolle, die von verschiedenen Personen gespielt wird. Den Text kennt er auswendig, aber die Auffassung ist so verschieden, heute hier, in vierzehn Tagen drei, vier Stunden weit weg, kurz fünf-, sechsmal in einem Sommer kann man rechnen. Im Herbst geht es schon schwieriger zu, in den kleinen Städten bei den ansässigen Hausfrauen, nur die kommen dann in Betracht. Diese Hausfrauen aber haben Mitleid, gemischt mit Grauen, und tragen Flanell. Die Angelegenheiten nehmen dann einen ängstlicheren Verlauf, zwischen Küche und Treppe, es gibt allerhand Hindernisse, Unannehmlichkeiten, Prügeleien, Szenen der Wirklichkeit fallen vor, es wird auch schon kühl, man schläft im Theatersaal oder in Heuböden, das Gewand wird abgenützt. Die Wintergarderobe erneuert sich schwieriger. Überhaupt der Winter – was schiert ihn diese trostlose Zeit. Hol' sie der Geier! Ja, was die Frage betrifft, ob er baden sollte? Es war ihm heiß, aber eine Krone Eintrittsgeld schien ihm immerhin verschwendet, er konnte ja später am Seeufer weitergehen und ohne Förmlichkeiten die Kleider am Ufer ablegen, ins Wasser springen und sich's wohl geschehen lassen. Die Schmachtende gab sich gar keine Mühe, den Eindruck zu verbergen, den er auf sie gemacht hatte, schon teilte sie ihre Aufmerksamkeit nicht mehr zwischen ihren Fußspitzen und ihm, sondern zwischen dem blauen Himmel und ihm, ein entschiedener Fortschritt. Er rauchte weiter. Er ging auch auf dem Wege auf und ab, um andern Blicken zu begegnen. War er etwa auf sie allein angewiesen? Da sei Gott vor! In der »Saison« hatte er die Wahl.

Die Schmachtende war in einer Kabine verschwunden. Nun galt es aufzupassen, ob sie vom Bade hierher kam, das heißt: wann sie kam, denn es blieb ihr ja keine Wahl. »Durch diese hohle Gasse« – Ein Gärtnerbursche trottet mit einem Korb Rosen vorbei. Kind Gottes, schaut der aber blöd' drein! Er grinst, beim lebendigen Gott, er grinst. Aus Verehrung oder aus Dummheit? Dem Touristen juckt es in den Fingern, sei es zu einer Ohrfeige oder nach den Rosen. Nein, er kann nicht mehr Einhalt tun, er pfeift dem Jungen zu, gebieterisch, er winkt ihn herbei, er schneidet ihm eine drohende Fratze, so daß der Minderjährige ein schiefes Maul zieht, er faßt den vollen Korb an und prüft die Rosen, er wählt mit sicherer Hand die schönste, indessen der Jammerfritze für alle zittert, eine gelbe, leicht zugespitzte, in sich geschlossene wählte er, ha, darauf versteht er sich, eine wilde, keusche, eine frommabenteuerliche Maréchal Niel. Er denkt an die leicht gebräunte Haut und an das glatte, sanfte Haar der Schmachtenden da unten. Dafür passen gerade diese Rosen. Er wirft dem Jungen eine Krone zu und gibt ihm einen leichten Stoß, um ihn in Bewegung zu setzen. Er hält die Maréchal Niel vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. Endlich kommt die Person in dunkelblauem Matrosenkleid mit gelblichem Kragen – alle Achtung! – Das glatte Haar fällt offen über ihren schönen gefühlvollen Rücken, sie steigt langsam die steile Holztreppe hinauf, Schritt um Schritt, sie überlegt sich in ihrem Gang, sie hält den Kopf geneigt und blickt zur Erde, mit der Rechten stützt sie sich auf das Geländer. Ach, wie lange sie braucht zum Vorüberkommen! Sie überlegt das Vorüberkommen. Und wie atemlos ist dieser Verzug! Weile mit Eile. Ganz zwecklos, ganz überflüssig überlegt sie, aber sie hält es für unerläßlich, so wie sie früher ihre Aufmerksamkeit zwischen ihm und ihren Zehenspitzen zu teilen für nötig erachtet hatte. Sie überlegt ihn. So ist es. Jetzt hat sie endlich den Weg erreicht, sie geht, sie kommt näher. Warum gar so langsam? Noch immer den Kopf gesenkt?! Endlich, einen Schritt vor ihm, hebt sie den Kopf, als hätte sie erst jetzt gespürt, daß jemand vor ihr, in ihrem Wege steht. So ist die vorgeschriebene Szene! Regiebemerkungen der weiblichen Psyche, denkt der jugendliche Held des modernen Ensembles! Aber schon überreicht er die Rose. Es gibt keine Wahl, wenn sie vorbei will, als ihn anzusehen und die Rose und seine ganz zwanglose, leichte Gebärde, welche die Rose anbietet. Es kommt wie immer. Sie errötet bis zu den schwarzen Haaren hinauf, sie wird ernst, sie überlegt ihn, sich, die Rose, den Weg an ihm vorbei, die Leute im Bade unten, ob es wer sieht, überlegt blitzschnell, daß es nur eines gibt, die Rose nehmen, um unbemerkt davonzukommen, denn jede Weigerung könnte, müßte zu weiterem führen, das möchte auffallen, und so fort. So langt sie nach der Rose, blickt ihn aus den mandelförmigen, listig geschlitzten, schläfrigen, samtschwarzen Augen an, lächelt, wobei sie eine Reihe leuchtender Zähne zeigt, natürlich, dazu ist das Lächeln da, für sie, für ihn, faßt ihren Rock fester mit der Linken, macht eine leichte, schmiegsame Wendung an ihm vorbei, einen Zentimeter verfehlt, und ihre Hüfte hätte ihn gestreift. Sie nickt langsam, deutlich und doch nur um einen Deut, während sie mit der Rechten die Rose hält. Endlich ist sie an ihm vorüber, er glaubt einen Atem von Kühle, einer gebadeten, frischen braunen Haut zu spüren, einen Nixenhauch, er hört das leise Rauschen ihrer Kleider. Sie geht langsam weiter, er sieht sie mit der Rechten die Rose empor an ihre Brust heben. Sie steckt sie dort an, am richtigen Platze. So . . .

Am Nachmittage wird beim Kaffee an den Tischen vor dem Hotel das Ereignis der Saison besprochen: Modernes Ensemble der Madame Überacker. Heute: »Der Sohn der Wildnis«, dramatisches Gedicht von Friedrich Halm. Bei der Parthenia standen drei Kreuzchen. Unten waren sie erklärt: Madame Friederike Therese Überacker als Debut. Daß man gehen wollte, war selbstverständlich; man versprach sich auf jeden Fall Unterhaltung. Der Baron Bühl, ein stattlicher Fünfziger, der hier ein großes Gut hatte und die meiste Zeit des Jahres hier verbrachte, ein weltkundiger, kunstfreundlicher Herr, sagte: »Ich möchte lieber nicht hingehen.« »Warum nicht?« bedrängte man ihn. »Ich kenne diese Schmieren. Ich habe schon so viele gesehen. Elend und Armut, Unfähigkeit und Eifer, Pathos, das sich lächerlich macht, ein Unternehmen, das auf den Hohn, auf die Schadenfreude der Zuschauer berechnet ist und sich dabei doch selbst durchaus ernst nimmt. Eine Kunst, die wirklich nach Brot, nach dem armseligen Stückchen trockenen Brotes geht und dabei zu den Sternen schmachtet. Sie spielen die »Räuber« mit fünf Personen, und nicht nur Franz und Karl Moor werden von einer, sondern auch die ganze Bande von einer einzigen andern gegeben. Sie haben nichts gelernt und alles vergessen. Als sie jung waren und hoffen durften, war es ganz zulässig, aber nach einem Dutzend Jahren? Sie weinen und brüllen und reißen Kulissen und schämen sich nicht im mindesten, ebensowenig wie wir, daß wir Menschen auslachen, die es so ernst meinen und sich so treu bemühen. Sie müssen zusehen, wie wir lachen, bei allem Schweiß und im Angesicht des Souffleurs auf uns Publikum achten. Dabei könnte es doch sein, daß sie zu etwas anderem, Nützlicherem taugten, wobei ihnen wohl wäre, wobei sie mehr verdienten und endlich aus der ewigen Sorge herauskämen. Aber das wollen sie ja gar nicht, wollen nur ›ihre Kunst‹ – ihr Hundeleben!«

Die Schmachtende, die noch die gelbe Rose an der Brust trug, sagte nachdenklich: »Und doch haben die meisten großen Schauspieler so angefangen.« Sie senkte rasch die Wimper, den langbefransten Vorhang über dem dämmrigen Schauplatz ihrer Gefühle. »Aber sie haben nicht so aufgehört.« »Vielleicht gibt es auch heut einen Helden für die ›Burg‹ zu sehen!« »Nun und wenn! Um so trauriger, daß er dann für uns hier spielen muß.« »Ich freue mich, bevor wir fortfahren, noch den Spaß zu haben«, sagte die Schmachtende, die mit einem gichtbrüchigen alten Herrn hier war, ihrem reichen Onkel, der ihre Launen und Einfälle mit gelassenem Witze hinnahm. Sie wollten bald nach Linz und von dort mit dem Schiff nach Wien reisen.

Am Abend fand sich der Theatersaal des Einkehrgasthofes »Zum braunen Ochsen« gesteckt voll. Der »Braune Ochse« war ein altes Bauernwirtshaus, das nur von Viehhändlern, Schwerfuhrwerkern im Vorüberziehen, sonst von den Ortsansässigen besucht wurde. Die Sommergäste kamen für gewöhnlich nicht hin. Es lag in einer Ecke des Marktes, an der Straßenkreuzung, weit weg vom See und von den hellen Landhäusern und vornehmen Hotels. Aber es hatte eben den Theatersaal, das heißt eine geräumige Diele, wo ein Podium aufgeschlagen war. Auch ein Vorhang, rot mit goldener Lyra, war vorhanden und ein Souffleurkasten. Im Winter wurde hier getanzt. In den vorderen Reihen saßen die hochgeehrten Zuschauer, die Sommergäste, die gelangweilten jungen Herren in weißen Anzügen, mit Nelken im Knopfloch, die verheirateten Damen mit den Gatten, die jungen Mädchen. Weiter hinten das weniger hochgeehrte, aber das eigentliche Publikum, das für eine Krone Entree mindestens einen Kunstgenuß fürs Leben gewärtigte und fand. Es kam darauf an, für wen gespielt wurde. Auch da gab es wieder »Schichten« der Gesellschaft: den beleibten Tierarzt mit Gemahlin und Töchterchen, den Bürgermeister, seines Gewerbes Fleischhauer, den Bäcker, den Tischler, den Schuhmachermeister, alle mit ihren Frauen in schwarzen Kleidern mit goldenen Broschen und modernen Hüten. Die Fräuleins in den ersten Reihen trugen Dirndlkleider und benahmen sich gar nicht zurückhaltend. In den hinteren Reihen, wo man noch wußte, was sich gehörte, befliß man sich würdiger Zurückhaltung. Noch weiter hinten waren die Namenlosen, die Bauern in schweren Stiefeln, Knechte, Mägde, die auch schon wieder mit dem Dirndlgewand ein ungezwungeneres Benehmen vereinbar fanden und kicherten, Kinder, viele Kinder von sechs bis vierzehen Jahren, standen ganz hinten, blonde blauäugige Einfalt, vielleicht wartet die eine oder andere auf den Funken, der von der Bühne in ein Herz, in ein Gehirn fallen konnte. Wer weiß? Die meisten aber lutschten Erdäpfelzucker. Ein Klavierspieler, der zu solchen Gelegenheiten immer verfügbar war, klapperte etwas wie eine Ouverture. Dann begann die Komödie.

Frau Friederike Theresia Überacker als Parthenia. Ihre Tectosagen, es waren nur zwei wilde Männer, die Bauernlammfelljacken mit nach außen gewendetem Futter umgehängt und mächtige Bärte trugen, sagten immer »Bardenia«. Die edle Zähmerin des Widerspenstigen hatte ein rosa Tarlatankleid, das ihr nur bis an die Knöchel ging und mit geringen Veränderungen jedenfalls auch im modernen Lustspiel als Balltracht der »Naiven« verwendet zu werden pflegt. Vorsichtshalber – für den Salongebrauch – war es unter dem Halse – zu weit darunter – ausgeschnitten und mit Rüschen besetzt, aus denen knochige Schulterblätter und ein langer Schwanenhals – einer der Herren nannte ein genießbares Federvieh – hervortraten. Auf diesem Halse saß ein großer sorgfältig frisierter Kopf mit gebrannten Löckchen, ein altes, abgebrauchtes Gesicht mit großem, vom vielen langen, lauten Sprechen ausgearbeiteten Munde. Der Mund und die noch ganz anständigen Zähne besaßen ohne Zweifel Ausdruck. Den Ausdruck von müder Schwärmerei, von abgerackerter Sehnsucht, von alltäglicher Berufsleidenschaft, Brotsorge und Trotz und – Gefallsucht. Ihre Augen, braun und flink, sahen gewissermaßen überall hin, ob alles recht war und am Platze, Publikum, Mitspieler, Requisiten, Petroleumlampe in der Mitte – sie rauchte doch wohl nicht? – und Kerze im Souffleurkasten! War der alte Glatzkopf verläßlich? Ihre Arme, bis zu den Schultern bloß, schienen sehnig und hager, die Ellenbogen stachen spitz hervor, und am Halse hatte sie viele Falten. Übrigens auch an den Schläfen und Augenwinkeln. Sie lächelte als junge Griechin wie eine Fünfzehnjährige, sie sprach ihre Verse, wie man vor zwanzig Jahren mit zwanzig Jahren gefühlvoll und sentimentalisch redete. Die Bühne war sehr eng, kaum zwei Leute hatten hintereinander Platz. Sie mußte sich nach ihrer eigenen Inszenierung und Vorschrift, von der sie sich Wirkung versprach, in der Ecke niederlassen. Die Decke stand niedrig über ihr. Friederike Theresia war zu hoch gewachsen, beim »Schreiten« schien sie die Wolken zu berühren. So waren die Vorzüge ihrer Bühnenerscheinung hier nachteilig. Aber wenn sie saß, hockte und ihr sinniges Körbchen hielt, aus welchem Ingomar die Blumensprache lernen sollte, erwies sich der Raum auch wieder als zu schmal, sie mußte also die Beine über das Podium herabhängen lassen, was einerseits auf moderne unmittelbare Wirkung berechnet war, aber anderseits wieder zu Bemerkungen des vordersten Publikums Gelegenheit bot. Die Mädchen lachten, je inständiger sie es ihnen gleichtun wollte, die doch aus einer ganz andern Schule kamen und anders Theater spielten. Die Herren rissen gewagte Witze und redeten in den Dialog hinein. Madame Überacker aber ließ sich weder aus ihrem Lächeln, noch aus ihrer Rede bringen, unaufhaltsam strömten die glatten Verse von ihren bitterlich süßen, überroten, schmalen Lippen, und ihre gehetzten braunen Augen nur sprangen unruhig überallhin, wie Vögel im Käfig. Ingomar war nachlässig, ein wilder Gentleman, er benahm sich auf gute Manier unmanierlich, er sprach modern, schon weil er über der Rolle stand und dem Souffleur folgte; er hatte ein gewisses spöttisches Lächeln über Madame Überacker, aber auch über die Herren da unten und über die Damen, denen er seine eigene Poesie gab, statt der papierenen des Herrn von Halm. Je weiter das Stück vorwärts ging, desto lauter wurde in den vorderen Reihen mitgespielt, manchmal schien sich alles in einen wunderlichen neuen Dialog zwischen den Herrschaften unten und Parthenia mit ihren Tectosagen oben zu verwandeln. Als so die Handlung verdunkelt wurde, beschwerte sich das hintere Publikum mit Zischen, gebot Ruhe. Die Vorderen besannen sich dann einerseits der eigenen, anderseits der Würde des Ortes und schwiegen ein Weilchen, so daß Parthenias Rede wieder mächtiger anschwoll. Hinten wurde Beifall geklatscht. In dem Wogen und Murmeln der staunenden Bewunderung dieser Wilden hinten, die hier auch von der Kunst gebändigt und erzogen werden wollten, hatten die Unerziehbaren vorn Gelegenheit zu lachen. Den Baron Bühl schüttelte es. Er stand in einer Ecke, Parthenien gegenüber, und lachte lautlos, das Gesicht mit der Rechten bedeckend, denn er schämte sich. Sie mußte ihn ja sehen. Die schmachtende, bräunliche Mandeläugige aber neben ihrem alten Onkel lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und war ernst. Der wilde Ingomar spielte für sie. Ihr galten seine kecken Nebenbemerkungen, sie fing seine Blicke auf, die er ihr statt Rosen zuwarf, wobei er aber nachlässig stand und ging und frei war, als stünde und ginge er unter hohem Himmel. Sie blickte kühl und gelangweilt, damit niemand bemerkte, daß diese Unverschämtheiten auf sie gemünzt waren.

So ward ein Akt nach dem andern abgespielt unter Lachen und Spott vorn, unter Beifall und kämpfender Aufmerksamkeit hinten. Für wen plagte sich Madame Überacker, für wen Ingomar? Sie nahm Rücksicht auf die »Gebildeten«, indem sie ihre Zwischenrufe ertrug, ja sogar gelegentlich wie in einem schweren Einverständnis mit einem Lächeln beantwortete, das um Geduld bat, sie zeigte ihre mageren Beine, hob ihre dürren Arme verführerisch auf und wand ihren faltigen Hals hierhin und dahin, ganz wohl wissend, daß alles den Teufeln vorn ein Extravergnügen war. Aber die Rolle nahm sie dennoch hin, riß sie fort und machte ihre Rede über die Vordern hinweg zu denen hinten dringen. Die Verse sprangen und schwangen sich zu den Bauern, zu Tischler und Schuster, zu den Knechten und Mägden, zu den mit offenen Mäulern staunenden Kindern hinüber. Denen galt sie, galt die Komödie, Handlung und Gedicht, Leben und Kunst, galt ihre eigene, Friederike Theresia Überackers Absicht, Bedeutung, Schönheit und edler Anstand. Sie spielte für beide Teile, für zwei Wesen in ihrem eigenen Selbst und für zwei Ungeheuer da unten. In ihr stand eine alte, wetterharte, versorgte, Truppe, Geld, Requisiten und Mannschaft zusammenhaltende, faltenhalsige Prinzipalin, die selbst die noblen Bestien bei ihren Schwächen packen wollte, und die war Parthenia heut, Amalia oder Wildfeuer morgen, war Selbstberauschung trotz allem, war Theaternärrin und Gedicht, Schwung und Begeisterung, gelebtes Leben im Spiel, war höhere Wirklichkeit, wörtlichere Wahrheit, als diese Elenden auch nur ahnen konnten. Sie verneigte sich nach jedem Akte, indem sie zierlich ihren Rock mit den Fingerspitzen aufhob vor den Vorderen, ihnen lächelte sie zu. Sie ertrug ihr rohes Lachen. Denen da hinten aber schenkte sie den ruhigen, gebieterischen und dankbaren Blick ihrer traurigen Herrscheraugen. Den Vorderen warf sie, damit sie ihren Spaß hatten, zu guter Letzt noch ein Kußhändchen hin, ehe sie neckisch hinter die Kulisse zurücktrat. Sie verstand ihr Geschäft, sie fühlte ihre Kunst: Madame Friederike Theresia Überacker. –

Ingomar aber tat nur gezähmt und setzte seine im Stücke angebliche erlernte Erfahrung über das Wesen der Liebe praktisch ins Gegenteil um. Denn wahrlich, nicht auf sittige Gezähmtheit kam es heute an, das wußte er aus besserer Einsicht, als der Herr von Halm. Vielmehr auf Wildheit und Raub, auf unverschämte Herrschaft: Liebe oder Leben. Liebe und Leben! Einbruch ohne viel Zweifel und Bedenken! Dazu waren diese Herzen da und bereit, das wurde verlangt. Sie sollten auf ihre Kosten kommen. Er schminkte sich rasch ab und erreichte die Schmachtende eben, als sie vor dem Hotel einen Augenblick allein stand, um auf jemand zu warten. Er verneigte sich eilig vor ihr. Sie dankte mit einem fremden, erstaunten Blick. Er aber staunte darüber gar nicht, vielmehr flüsterte er, indem er langsam weiterging: »Ich warte am Ufer.« Sie warf ihm einen Blick zu voll Verwunderung, Belustigung, Ärger, als sei seine Zumutung ein Mißverständnis. Das klärte sich später schon auf. Er nickte noch einmal leicht mit dem Kopfe und verschwand in den dunklen Büschen, denn eben kam ein ganzes Rudel aus der Halle des Hotels hervor, junge Männer, Damen in Dirndlkleidern, Schals umgeschlungen, lachend, angeregt, vor dem Speisen und bereit zu allerhand abendlichen Unterhaltungen. Ingomar hörte noch, wie sie »Bardenia« riefen.

 

Er beeilte sich mit seinem Nachtmahl im »Braunen Ochsen« und ließ sich weder von der durch den Erfolg erfreuten Prinzipalin noch von seinen minder unternehmenden Kollegen abhalten, weitere Krügel des angenehmen braunen Bieres zu vertilgen, das hier ausgeschenkt wurde. Vielmehr empfahl er sich kurz, warf sein »Mahlzeit« fast verächtlich hin, zahlte seine Zeche und verschwand, nicht ohne daß die Überackerin ihm ängstlich nachsah. Sie hatte eine mit Geschäftseifer gemischte, durch die Rücksicht auf ihr Ensemble weise eingeschränkte Vorliebe für ihn. Er gefiel ihr als Mensch, als junger unbändiger Bursch, als Abenteurer, sie konnte ihn in der Truppe gut verwenden, darum übersah sie auch seine häufigen Launen, genügte, so weit es nur irgend angängig war, seinen oft unverschämten Ansprüchen und Vorschußforderungen, aber sie zitterte um ihn, denn er war immer auf dem Sprunge, alles stehen und liegen lassen, wenn ihm der »Raptus« kam. Dieser Halbjahrsraptus erschien aber immer gerade in der guten Jahreszeit, wo solche Seitensprünge am gefährlichsten waren. Im Winter, wenn sie selbst nicht aus noch ein wußte, wenn sie in ungeheizten Quartieren lagen, froren und vor leeren Häusern spielten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, war er ganz vernünftig und anhänglich. Schon das dritte Jahr. An ständige Bühnen kam der arme Kerl wohl nicht mehr. Sie beobachtete im stillen ganz genau, wie er im Winter Briefe nach allen Weltgegenden ausschickte und vorteilhafte Photographien zusammensuchte. Es mangelte an Garderobe, an Gelegenheit, an Reisegeld. Immer fehlte etwas und immer war es gerade das wichtigste. Aber trotzdem stand er immer auf dem Sprunge, als wollte er noch anderes als Engagement, Rollen, Vorschuß und Beifall. Sie kannte diese Schmerzen, würdigte sie und fürchtete für ihn. Wenn er einmal den Raptus bekam und wirklich aussprang, dann war alles aus! Ihr Ensemble war auf ihn gestellt. Er war sozusagen der männliche Stern. Die Kritik hat leicht reden, daß man eine Bühne nicht so führen dürfe! Wachsen einem die Genies aus der flachen Hand, konnte sie die gleichwertigen Kräfte aus der Erde stampfen? Fand sie denn gleich einen andern? Ingomar hatte die Vorzüge seiner Mängel. Da war nichts zu machen, als daß man ein Auge auf ihn hatte. Das andere mußte man zudrücken. Heute hatte der Junge gewiß etwas Neues vor. Die Gage hatte er auch schon bekommen, einen Vorschuß dazu. Wolle Gott, daß er vernünftig blieb! Ihre Augen flatterten unruhig wie die Vögel im Bauer, indem sie den gefährlichen Helden begrüßten, aber zugleich den andern in der Runde die Honneurs machten.

Ingomar aber betete um eine tolle Bestätigung seiner Unvernunft. Er wandelte an dem einsamen Uferweg unter den tausend blinkenden Sternen der klaren Nacht, rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete, ob die Schmachtende käme. Er befaßte sich mit dem Gedanken, wie es auszulegen wäre, wenn sie nicht erschiene. Das mußte keineswegs eine Ablehnung sein, mußte keineswegs bedeuten, daß sie ihn als einen Frechling nicht weiter beachtete. Sie konnte ja eine Abhaltung haben als junge Dame, deren Schritte bewacht wurden.

Er wartete. Allerhand Herrschaften kamen vorbei, Paare, größere Trupps. Gelegentlich bemerkte man ihn und flüsterte sich etwas zu, das sich auf ihn bezog. Seine Zigarette funkelte wie ein böses Raubtierauge. Er lauerte in ihrem Rauch. Vom Hotel drangen Lärm, Tellerklappern, das Geräusch von Bestecken, Stimmen herüber. Ein Klavier spielte einen Walzer. Wurde dort getanzt? Er überlegte, ob er nicht hingehen und eintreten sollte. Der große Speisesaal mit den noblen Leuten schreckte ihn aber ab. Er paßte nicht in solche aufreizend wohlhabende Gesellschaft, obschon er gerade bei Kasse war. Sie konnten ihn über die Achsel ansehen, er bekäme dann aber unweigerlich Lust, mit einem solchen Affen anzubinden. Dann gab es einen Krawall. Duelle mit einem Wandermimen? Sein Touristenanzug war für Gottes freie Natur, für Sternenhimmel und leisen Wellenschlag der Ufer bestimmt, für Menschenkinder, nicht für Hotelsaalgäste. Hier scheute er keinen Fürsten, dort war er ein unzuständiger Zaungast. Er wußte genau, wohin er sich zu stellen hatte. Und diese Schmachtende mußte es auch wissen, wenn sie überhaupt ein Gefühl ihrer eigenen Menschenwürde besaß. Vielleicht tanzte sie dort oben. Er stellte sich ihre volle, schlanke Figur vor, wie sie im Arm des Tänzers fast lag, den schweren schwarzen Kopf über seine Achsel herüberhängen lassend, gleich einer überschweren Rose, die Augen halb geschlossen. Er hätte gern mit ihr getanzt, einen Walzer mit schiebendem Zweischritt, als wiegte man sich zwischen Himmel und Erde, aber irgendwo unter Sternen, auf einem weißen. stillen Kiesplatz nach einer fernen Musik, sie zwei ganz allein auf der Welt unterm Licht der stillen Lichter oben, unter wehendem Bäumerauschen, erschrocken, wenn über ihnen ein Vogel mit schwerem Fluge auffuhr. Aber das ließ sich wohl nicht machen. Nie konnte er zu einem solchen Tanze kommen, ebensowenig wie zu einem in der Reunion eines Kursaales oder dort im Hotel. Das war vorläufig zu viel verlangt. Vorläufig! Wenn sie heute nur überhaupt kam. – Halt! Da kam sie! Sein Wunsch hatte sie gerufen. Sie kam auf das Stichwort. Die verstand ihre Rolle! Er war auf ihre spätere Auffassung gespannt. Nicht allein kam sie, sondern in Begleitung des alten Herrn, der sich mühselig an seinem Stocke fortbewegte, und eines jüngeren, der sehr beflissen lächelte. Hinter ihr folgten aber noch etliche junge Damen und Herren; sie alle gingen langsam, lachten und flüsterten. Hier und da gab es ein ordentliches Geschrei und einen richtigen Lärm von Stimmen durcheinander. Er stand still, er wich sogar einen Schritt zurück, um dem Zuge Platz zu machen. Es war hell genug, daß man ihn sehen konnte, mußte, so wie er die andern sah. Aber das hatte auch seinen Nachteil, denn die ganze Gesellschaft, die eben noch sehr laut und ungezwungen gesprochen und gelacht hatte, schwieg plötzlich, wie auf ein Zeichen, und bewegte sich behaglich, aber rücksichtsvoll abgeschlossen – o diese guten Manieren! – an ihm vorüber, als an dem Fremden. Gewiß hatten sie über das Theater geredet, über diese unglückliche alte Madame und über ihn. Sicherlich über ihn. Und hatten ihre Witze gerissen und fühlten nun Mitleid mit ihm und schwiegen darum. O daß einer es gewagt und ein Wort hätte laut werden lassen! Er war gerade in der Stimmung, sich heute einen ungebetenen Zwischenrufer auszuleihen, auch ohne Stock, bloß mit beiden Fäusten. Aber nein, diese Kanaillen waren taktvoll. Sie gingen in ihren weißen Sommerschuhen wie auf Filzsohlen vorüber, und die Schmachtende warf ihm nicht einmal einen Blick zu. Das war übrigens ein feiner Zug, auch dieses Ausweichen des Blickes war ja gerade auf ihn gemünzt, also mehr als ein Blick. Lautlos, wie die Puppen in einem Marionettenspiel, zog die Gesellschaft an ihm vorüber und verschwand hinter den Fichten und Sträuchern vor dem Hotel. Gleich nachdem sie durch diese Kulisse verborgen und von ihm getrennt waren, begannen sie wieder zu lachen, zu schwatzen, er unterschied deutlich die Stimmen. Da gähnte die langweilige des schlanken, eleganten Kavaliers, der neben der Schmachtenden ging, die kurze, behaglich muntere des dicken Barons Bühl rief darein, er kannte ihn, das war der Herr dieser Gegend, der das schöne alte Schloß und Gut besaß und den jeder gleich schätzte, der hierher kam. Dann hörte er mehrere Mädchenstimmen, belanglose, die so lachten, als stiegen sie in ein kaltes Bad. Jetzt mußte die Schmachtende etwas gesagt haben. Das war ihre Stimme, ein gurrender Taubenton, aus diesem vollen, schönen Busen, fast aus dem Herzen, aber da sie vielleicht keines hatte, wenigstens kein moralisches Herz, wenn man so sagen darf, so kam der Ton von etwas höher oben, zwischen Hals und Brust. Ingomar hätte die Stelle mit dem Finger bezeichnen können, woher sie diesen Ton ihrer gurrenden Stimme zog. Ja, das hätte er können. Übrigens nahm er sich vor, diese Prüfung nachzuholen, wenn es einmal so weit war. Aber kam es so weit? Was bedeutete dieser Spaziergang mit Gesellschaft am Seeufer? War das ihre Art, seiner Aufforderung zu entsprechen? Wollte sie ihn so zum Narren haben, just indem sie ihm gehorchte, aber nur halb? Bei einem solchen holden, sanften, schweigsamen und immerhin tausendfach bewachten Gurrekind war nicht ein Schrittchen, nicht ein Wörtchen, nicht ein Lächeln, nicht ein Schmachten und Vorüberwandeln, Stehenbleiben, Sichumschauen oder Sichnichtumschauen ohne feinere Absicht, ohne tiefere Bedeutung. Darum auch nichts, das nicht ihm galt, nicht auf ihn gemünzt war, denn wenn ein Frauenzimmer unter Tausenden den einen spürt, der es auf sie abgesehen hat, so spürt der es gewiß unter Tausenden in Stockfinsternis und Wüste, wie und wann sie ihm antwortet. Denn alles ist Antwort, was sie tut und unterläßt. So kam die Schmachtende entweder in Gesellschaft hierher, weil sie anders überhaupt nicht hätte kommen können, oder sie ging so stumm vorüber, um später allein wieder zu erscheinen, damit er sich bis dahin gedulde und wenigstens vorläufig einen Schimmer von ihr habe und behalte. Geduld, liebes Herz!

Er ging langsam den Verschwundenen nach und sah, wie es seiner erprobten Gewohnheit entsprach, zu Boden. Da lag weißer Sand. Halt! Unmittelbar vor dem Föhrenwäldchen, durch dessen Stämme die Lichter des Hotels schimmerten, hob sich etwas kleines vom lichten Kies ab. Er bückte sich danach. Hoho! Ein weißer, seidener Handschuh, ein langer, der bis zu den Ellenbogen reichte, mit halben Fingern, leicht gewebt wie aus Spinnfäden und – er führte ihn zum Munde – wohlriechend, nach ganz fernem, leisem, unbestimmtem Parfüm und nach einer holden, leicht gebräunten kühlen Haut. Sie hatte ihn verloren. Natürlich sie! Konnte er sich nicht erinnern, ob sie heute im Theater solche Handschuhe getragen hatte? Das war zu viel verlangt, daß er sich diese Einzelheit ihrer Kleidung hätte merken sollen, aber es war nicht anders möglich. Es paßte zu ihr, die Form, das leichte, hohle, seidene Gewebe mit den dünnen Maschen, der Atem fernen Wohlgeruchs wie aus fremdem Morgenland und des nahen kühlen, gebadeten Arms, der gebräunten Haut. Gewiß, sie hatte den Handschuh verloren. Verloren? Mehr, sie hatte ihn verlieren wollen! Für ihn! Als Zeichen und Gewähr, als Wink und Antwort, als Bestellung und Abrede. Sein Herz klopfte. Trotzdem das Herz in solchen Angelegenheiten zuletzt gehört werden sollte, machte es sich doch zuerst vernehmbar, und wohl nur, weil es immer klopft, glaubt man, jede Liebschaft poche an dieser Tür, und man spricht vom Herzen, wenn alles andere mitbeschäftigt bleibt. Er liebte mit den Sinnen, mit den Augen, die in der Nacht so viel, mehr noch sahen als am Tage, mit dem Geruch, der die Herkunft des Duftes eines Handschuhes erkannte, mit dem Gedächtnis, das sich jede Linie eines Körpers, einer Gehenden, Verweilenden merkte, mit den Händen, mit den Ohren, die das Taubengurren einer Stimme aus vielen gleichgültigen auf die richtige Stelle bezogen, von der es kam. Er liebte aber auch mit dem Verstande und wollte daher überlegen, was mit diesem Zeichen gemeint war. Sie hatte den Handschuh im Weitergehen verloren, nein besser: fallen lassen. Also mußte, nein sollte er ihr nachkommen, um ihn zu finden. Und dann? Dann, eben in ihrer Nähe warten. Auf sie, oder auf ein neues Zeichen. Er schlich daher durch das kleine Gehölz weiter, bis er an der Seeseite des Hotels, außerhalb der Terrasse ankam. Das mehrstöckige Haus sah mit vielen dunkeln, vielen hellerleuchteten Fenstern herab auf ihn. Er stand auf dem großen Platz vor der Terrasse allein. Die Terrasse war leer. Die Abende am Ufer waren jetzt schon den verwöhnten Leuten zu kühl, darum saßen sie alle im Saal oder in der geschlossenen Glasveranda. Nur ein paar elektrische Lampen brannten kühl über den leeren, weißen Tischen. Er überlegte, ob er sich hier vielleicht niederlassen sollte. Er allein mußte wohl auffallen, besonders, wenn er nach Bedienung rief und mehrere Kellner durch Bestellung in Atem hielt, in Bewegung setzte und zwang, durch Saal und Veranda hier hinaus zu laufen, Bier, Essen zu bringen, Tisch zu decken, Besteck zu holen und so fort. Er konnte die Burschen mit vielen Gängen in Atem halten, es kam nur auf seinen guten Willen und auf die Ausgaben an, die er sich eben leisten wollte.

Das hatte er denn doch noch in seiner Macht, daß ihn Kellner bedienen mußten, wie sie diese höfliche isolierte Schwefelbande da drinnen bedienten. Vor dem Gesindel brauchte er keineswegs zurückzustehen, es war alles nur eine Geldfrage. Aber wozu solche Depensen? Geduld! Überlegung! Vorsicht! Es handelte sich ja nur darum, wie er am besten für das Beste bereit blieb. Er mußte ganz still und geduldig warten, ob und wie sie sich am Ende neuerlich bemerkbar machte. So stand er auf dem Platze vor den vielen Fenstern und unterlag der Versuchung nicht, ein feines Abendessen auf der Terrasse und mit vielem Hin und Her der Kellner herauszufordern, vielmehr stand er still da und wartete, indem er bloß eine Zigarette um die andere rauchte und ihre glimmenden Augen durch die Dunkelheit funkeln ließ, oben standen und funkelten die Sterne gleich geduldig. Eine Stunde oder mehr. Er hatte Zeit genug. Er war auch das Stehen gewohnt. Hier und da pfiff er etwas vor sich hin. Es möchte sein, daß man ein Zeichen benötigte. Aber das ließ er dann wieder, es war vergeblich, solange drin Klavier gespielt, getanzt, gegessen wurde, solange Teller klapperten und elegante Tiere auf nichts anderes aufmerksam waren als auf ihren Hunger. Aber auch das fand ein Ende. Er konnte sehen, wie die Glasveranda allmählich leer wurde. Auch der Speisesaal wurde leer, das Klavier verstummte. Er sah die Kellner die Tische abräumen. Die Hotelgäste gingen wohl zu Bett. Es schlug zehn Uhr. Im Saal, in der Veranda ließ man nur mehr für etwaige Nachzügler eine und die andere Glühlampe brennen, die übrigen drehte man ab. Auf der Terrasse brannte gar keine mehr. Jetzt war die Zeit günstiger. Jetzt erhellten sich die Zimmerfenster in allen Stockwerken, jetzt gingen die Herrschaften schlafen. Er glaubte, sogar die betreffenden Geräusche zu hören, Wassergüsse in Waschbecken, Türzuschlagen auf den Gängen, vereinzelte Klingelzeichen oben, unten, einmal dem Zimmerkellner, zweimal dem Stubenmädchen, dreimal dem Hausknecht, jetzt rechts, jetzt links, jetzt oben, jetzt unten, die letzten Schlachtrufe eines mühseligen Hoteltages. Dann ward alles mählich ruhig. Der Koloß legte sich in seiner ganzen Masse hin und schwieg, die Lichter in den Fenstern erloschen allmählich. Welches war das ihrige? Denn jetzt war es immerhin Zeit. Es schlug elf. Er pfiff jetzt: hojotohoh, nicht allzulaut, aber immerhin vernehmbar. Im zweiten Stock öffnete sich daraufhin – gewiß – eine Scheibe, klirrte leicht, er sah hinauf. Ein Arm streckte sich aus und warf etwas hinunter, schloß dann das Fenster. Es war das sechste von der Ecke nach rechts gezählt. Er suchte den Gegenstand. Diesmal hatte er schwerer suchen, denn das Ding mußte in den Schatten des Baues auf den Boden gefallen sein. Er maß die voraussichtliche Entfernung ab. Er spürte mit dem Fuße. Er stieß endlich auf etwas kleines Raschelndes und hob eine halb verwelkte Rose auf, mit geknicktem Stengel. Das war ja seine Maréchal Niel, er stach sich noch leicht an einem ihrer Dornen. Nachdenklich steckte er diese welke Botschaft an seinen Jägerhut und ging um die Ecke nach dem Hoteleingang auf der Straßenseite. Hier war noch Licht in einem Zimmer, dem sogenannten »Touristenstüberl!« oder der »Schwemme«, wo die minder zahlungsfähigen Wanderer für geringes Geld abgespeist wurden. An einer Ecke saßen denn auch – er schaute von der Straße hinein – ein paar abgerackerte, von der freiwilligen Anstrengung hergenommene, in alle standesgemäße Verlumptheit, als in das Adelsgewand des Bergsports vermummte sogenannte Naturschwärmer und Fexen, deren Bergstöcke an der Ecke lehnten. An der andern aber machte sich an einer Holzbank vor einem großen gebohnten braunen Tische das Hotelpersonal breit, Garçons in schwarzen Fräcken, Schankburschen, Kellnerinnen, und verzehrten ihr verspätetes aufgewärmtes Nachtmahl, das braune Bier stand in den hohen Gläsern ganz verlockend mit hohen, weißen Borten. Wie wär's, wenn er eintrat und sich einen Schluck vergönnte? Vielleicht war von den Leutchen etwas zu erfahren? Man mußte sie nur richtig zu nehmen wissen und mit ihnen freundlich sein, ohne sie sich zu nahe kommen zu lassen. Auch ein Jäger mit zwei schönen Dobermannhunden zu Füßen saß bei den Schmausenden und rauchte langsam Zug um Zug aus einem Weichselrohr mit einem buntbemalten, geschmacklosen Porzellankopfe.

Als Ingomar eintrat, rührte sich niemand zum Empfange. Es war wohl schon zu spät für Höflichkeiten und Komplimente, am spätesten hier in der »Schwemme«. Er sah sich um, nahm sein Hütel ab, suchte einen Platz und näherte sich endlich mit einer leichten, zugleich freundlichen und den Abstand sichernden Verbeugung der Tafelrunde der dienenden Geister, um Erlaubnis bittend, den freien Stuhl neben dem Herrn Förster einnehmen zu dürfen. Der weltkundige Herr »Ober« erkannte sogleich die Zugehörigkeit des Herrn, begrüßte ihn als vom Theater, fragte nach den näheren Umständen, die übrigen, besonders die Kellnerinnen zeigten sich lebhaft interessiert, durch die Nähe eines »Künstlers« geschmeichelt. Der Pikkolo brachte ihm devot schmunzelnd Bier, Ingomar tat allen herablassend Bescheid, er fühlte sich ganz wohl, er beantwortete mit Offenheit und einiger Übertreibung die Fragen nach woher und wohin und wieviel. Er ließ einige Andeutungen über Affären fallen, Intrigen, die seinem Engagement an einem Hoftheater in X – der Name tat nichts zur Sache – ein vorzeitiges Ende bereitet hatten. Im Hintergrunde der Geschichte, die aus lauter Andeutungen zu erraten war, stand eine schöne Frau natürlich, die sich für ihn begeistert hatte, im Vordergrunde ein gewisser sogenannter erster Liebhaber, ein im Dienst ergrauter Affe, der mit einer hohen Persönlichkeit vertraut, es durchzusetzen gewußt hatte, daß er, der keinen Fürsprecher hatte als sein Talent – oder sagte Ingomar: Genie? – kurz und gut hinausgeekelt wurde. Die Geschichte hatte sich vielleicht einmal irgendwo mit irgendwem zutragen können. Vielleicht lagen ihr auch gewisse ähnliche, sagenhafte vergangene Begebenheiten der eigenen Künstlerlaufbahn Ingomars zugrunde. Jedenfalls paßte sie sehr gut in diese Situation, und Ingomar stattete sie mit allen sorgfältig beobachteten Zügen aus. Er glaubte sie sogar selbst. War sie denn unwahrscheinlich? Wenn sie ihm nicht passiert wäre, das wäre unwahrscheinlich gewesen. Ergo! – Ecco! – Übrigens verlangten die Leutchen hier ja solche Geschichten von ihm, Unterhaltung, nicht Tatsachen. So war er hier, nur zur Erholung, zum Ausspannen und über den Sommer, zum Spaß, damit er nicht aus der Übung kam. Für den Winter war er schon versorgt. Übrigens hielt ihn hier – er lächelt fein – noch etwas anderes zurück, eine besondere Sache, nicht der Rede wert. Der Oberkellner blinzelte: er verstand. Was das betrifft, so war dem Herrn »Ober« nichts unglaublich. Diese reichen Frauenzimmer haben den tollsten Geschmack, sie fliegen auf solche dunkle Abenteuer wie die Mücken ins Licht. Ja – Ingomar zog ihn beiseite – er hätte sich schon längst vorgenommen, sich bei dem Herrn Generalober zu erkundigen – er erfand diesen schmeichelhaften Titel, der immerhin besser wirken mußte als ein Trinkgeld – wer denn eine gewisse Dame eigentlich sei. Er beschrieb sie: eine Schmachtende mit schlanker, aber voller Gestalt, mit langem, glattem, schwarzem Haar, gebräuntem Teint, mit mandelförmig geschlitzten Augen, mit einem dunkelblauen Matrosenkleid und gelbem Kragen, in Begleitung eines alten Herrn, der gichtbrüchig am Stocke trotte und boshaft rede. Ingomar ahmte Stimme und Gangart so lebhaft und natürlich nach, daß alle zu lachen begannen und eine Ahnung bekamen, was ein Schauspieler für ein Kerl und wozu er gut sei. Der »Generalober« gab alle wünschenswerte Auskunft: steinreich, launenhaft, viele Anbeter, keinen aber, »auf den sie fliegt«, bald traurig, bald leidenschaftlich, ungemein gesund, mehr als lieb: Rasse, das heißt nächtelang tanzen, tagelang bergsteigen, stundenlang schwimmen, ein Probestück für einen Verliebten. Habe sie vielleicht dem Herrn eine »Avance« gemacht? Er lächelte bedeutungsvoll. Ingomar gab es zurück, mit einem Finger am Munde. Davon spricht man nicht. Wo ging sie denn gewöhnlich spazieren und wann? Der »Generalober« unterrichtete ihn über eine sogenannte »Seufzerallee«, die eine schmale Landzunge mit hohen alten Linden einsäume und am Ende des Örtchens, den Mauerresten, der einstigen Befestigung entlang, eine Viertelstunde weit hinzöge. Dorthin pflege man nach dem Frühstück zu spazieren bis zur Badezeit, wenn man nicht gerade eine weitere Landpartie, eine Bergbesteigung oder Wasserfahrt vorhabe. »Viel Glück, aber auch viel Geld!« nickte er. Ingomar lehnte sich breitspurig in seinem Stuhle hintenüber, der nur mehr auf den Hinterbeinen stand. Oh, was das betraf! – Man nahm von ihm gar keine Zeche an. Er war Gast bei den freundlichen Gönnern, er lud sie zum Dank dafür zu seinem Benefiz ein, das für morgen angesetzt war. Er versprach ihnen allen Freikarten.

Ja, das wäre schön und gut, wenn sie nur Zeit hätten, aber diese Sommergäste! Immerhin, einige würden sich schon freimachen können. Das Benefiz trüge wohl etwas ein! Ja, ja, das tat es immerhin, eine Kleinigkeit, auch die Sommergage überhaupt, für ihn freilich nur eben das Zigarettengeld, eine Bagatelle, die man gewissermaßen so mitnehme, um den andern armen Teufeln nicht das Brot zu verekeln. Da sei Gott vor, daß er auf solchen Bettel anstünde. Sein Alter müsse schon das Weitere berappen. Er sei ganz gut bei Kasse. Das konnten sie ihm glauben. Dabei streichelte er den einen jungen Dobermannhund, der sich merkwürdig zutraulich gerade zu ihm verhielt. Ingomar fragte den Jäger, der schweigsam rauchend dabeisaß, um auch ihn zu erobern und in den Machtkreis seiner Wirkung einzubeziehen, nach dem Stammbaum des Tieres und nach dessen Kenntnissen, nach dem Rollenfach. Oh, das war ein ganz geschultes, weises Tier, auf Polizeihund gedrillt, fähig, einem Übeltäter nach dem Geruch zu folgen und ihn entweder zu verbellen und mit den Zähnen festzuhalten oder nach besonderer Anweisung und in aller Ruhe zu begleiten, zu stellen und etwas Bestimmtes abzuliefern oder abzuholen, je nachdem. »Nicht möglich!« Der Jäger beteuerte brummend die Verdienste seines Tieres, dessen Bruder nebenan wieder als Jagdgenosse seinesgleichen suche. Ingomar wollte wetten, der gepriesene Dobermann sei nicht fähig, mit einem gewissen Gegenstand dessen Eigentümer aufzusuchen und diesem das Ding ruhig zurückzugeben. Der Förster hielt jede Wette. Nun, sei ihm denn etwa der Hund feil? »Nichts für Sie, lieber Heer!« »Zu teuer?« Nun, für den Gast wolle er schon einen billigen Preis machen, wenn er den Hund durchaus hergeben solle, denn das müsse er, weil er für allzuviele Hunde keine Verwendung habe. Daheim besitze er überdies noch einen Dackel; den »Vorsteherbruder« hier, dessen Mutter, eine gleichgute Jägerin auch, darum habe er den Dobermann als Polizeihund abgerichtet, um ihn eben würdig zu verkaufen. »Wieviel?« drängte Ingomar.

Nun, hundert Kronen, weil es Ingomar sei, einem Protzen von den Sommergästen hätte er ihn nicht für zweihundert Kronen hergegeben. Ingomar überzählte im stillen seine Barschaft, mehr als zweihundert Kronen besaß er auf keinen Fall, aber er überschlug die Summe nur mit einem Gedanken, dann lachte er: »Gut, Menschenskind! Gemacht! Götterfreund! Her damit!« Ob er ihn aber auch anständig halten, füttern, pflegen könne, damit es der Kerl gut habe. »Seh' ich denn wie ein Seelenverderber aus, solange ich einen Bissen habe, will ich ihn mit dem Treuesten der Treuen teilen! Wie heißt er übrigens?« »Hektor.« »Na, Hektor, willst du zu mir? Nun sprich! Was meinst du zu mir, wollen wir zusammenhalten?« Das schöne Tier blickte ihn mit den klugen braunen Augen freundlich an, wedelte leicht und legte sich auf das Gebot des Försters sogleich dem neuen »Herrl« gehorsam zu Füßen. Ingomar entnahm seiner zierlichen Brieftasche – er hielt große Stücke auf alles notwendige Zubehör und Zeugnis besseren Lebenswandels – eine Banknote, nicht ohne die zweite und die wenigen übrigen Lappen zu verbergen. Seine weitherzige Raschheit machte auf die Gesellschaft merkbaren Eindruck, und er empfahl sich dann wie ein großer Herr, leutselig und besser geachtet als vordem. – Das Herz ging einem auf, wenn ein solcher Tausendsassa herkam und seine Windbeuteleien ausstreute.

Ja, war denn alles nicht wahr und richtig? fragte mit treuherzigem Gesicht das demütige Stubenmädchen, das vom Ort stammte und nur hotelmäßig angetan, aber nicht welterfahren war.

Nicht ein Wort war wahr. Das könnte sie sich doch denken. Der arme Teufel brauchte vielleicht morgen schon eine sanfte Unterstützung. Wer weiß, ob er sie nicht gelegentlich anpumpen würde. Aber das mache nicht viel aus, interessant seien diese Herrschaften vom Theater alle, einer wie der andere. Man müsse sie selbst ebensowenig glauben, wie ihre Stücke und Figuren. Dann aber unterhalte man sich recht gut mit ihnen. Die wirklichen Leute sonst seien ja auch nicht wahrhafter, sondern nur dümmer und hinterhältiger. Und sie machten einander und dem Dienstpersonal noch ganz andere Sachen vor, und was sie verrieten, indem sie sich etwa gehen ließen, sei noch viel weniger harmlos, als die Faseleien des munteren Bruders da und wahrlich viel weniger hübsch vorgebracht. Aber die Geschichte mit der Schmachtenden, nach der er sich erkundigt habe? Der Generalober wiegte den Kopf. Da sei er sich nicht ganz klar. Vielleicht bloße Renommage, vielleicht Einbildung! Vielleicht gebe es ein Körnchen Wahrheit dabei. Wenn einer von einer Spukgeschichte erzähle, die sich bei Mondenschein in einer Sommernacht zugetragen habe, können der Mond und die Nacht und die Jahreszeit immerhin wahr gewesen sein. Das übrige – wer weiß? Haben diese Hotelgäste nicht auch ganz gemeine und ganz hochfliegende abenteuerliche Grundsätze, Launen, Stimmungen? Auch er könnte Geschichten erzählen aus jüngeren Jahren, wo er noch freiwilliger und munterer war, wo ihm der Beruf noch eine Herzenssache war. Weiß denn einer, wozu ein solches verwöhntes, verdorbenes Geschöpf einmal Lust bekam, warum sollte sie es nicht darauf abgesehen haben, einem Komödianten den Kopf zu verdrehen oder ihn zu benützen, um einem andern einen Possen zu spielen, oder um wen zu reizen und zu ärgern oder um sich einen guten Tag oder eine gute Nacht zu machen, eine richtige Bewegung? Er lachte unverschämt und zeigte seine Goldplomben. Die kleine Kellnerin errötete. Sie glaubte doch wohl nicht, daß die reichen Leute etwa anständiger seien als die armen, und daß ein sogenanntes Fräulein aus feinstem Hause weniger ausgepicht sei als ein einfältiges Hotelstubenmädchen. Wenn man gewisse Dinge selbst begehe, sei man doch wohl erfahrener, als wenn man ihnen nur zuschaue. Was die Unschuld betreffe, sei sie gewiß noch eher vom Lande als von der Stadt. Auf diese Art wurde noch einiges philosophiert, bevor der Chorus nach dem abwesenden Helden abschloß.

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