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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Achtes Kapitel.

Einstweilen hatte Chrodieldis, wie sie Sigvalt an ihrer Seite sah, das schwarze spanische Rößlein mit einem leichten Gertenschlag rasch vorangetrieben, wie ihr Schatte folgte ihr der Jüngling. »Ich hatte Euch gebeten,« sprach sie, »nicht so viel neben mir zu reiten. – Es ist – wegen der andern. Es sind doch noch über ein Dutzend Mädchen.« – »Was liegt an den andern, an der ganzen Welt, wenn du mich nur an deiner Seite dulden willst! Dein Wunsch, deine Huld ist alles! –« Ein warmer, erfreuter Blick aus den dunklen Augen traf ihn. »Ah,« rief sie, sich hoch im Sattel aufrichtend und noch rascher dahinjagend, »das ist was anderes als Litaneien plappern in dumpfer Weihrauchluft. Wie der Wind mir um die Schläfe streicht! Wie das die Brust weitet und die Seele!« – »O jetzt an deiner Seite, herrliche Königin, in den Feind jagen, in die starrenden Speere! Und nach freudigem Kampf ein heißer, ein seliger Sieg – oder ein rascher Tod.« – »Freut es Euch nicht, zu leben?« Eine rasch fertige Antwort fing der Jüngling gerade noch auf. »Jetzt, heute,« sprach er dann gefaßter, »ist's viel seliger auf Erden leben, als im Himmel. Aber – auf Lenz folgt Winter. Wer weiß, wie bald wir Abschied nehmen müssen am Hofe zu Paris. Wie selig waren diese Tage! Welch glücklicher Zufall, daß uns der Herr Vater, Sigfrid der hohe Herr, aus dem fernen Breisgau mit den Ostergaben an König Guntchramn gesandt hatte, noch bevor Ihr ankamt! Und welch Glück, daß der gute Herr vor Euch davonlief und sich verbarg! Und daß der Domesticus und die beiden Bischöfe gerade uns auserkoren, Euch nach Paris zu begleiten zu König Childibert, Euerm Vetter! Doch werdet Ihr in seinem Glanz uns arme Herzogssöhne gar nicht mehr sehen. König Childibert ist ... –« »Achtzehn Jahre. Ein Junge!« sagte Chrodieldis stolz. »Ich bin drei Jahre älter.«

Sigvalts Augen leuchteten auf. »Aber hütet Euch, vielschöne Königin. An diesem Hof geht es nicht so ehrlich, so ungeschlacht gutmütig zu wie in Orléans. Nicht umsonst erreicht Ihr von Childibert irgend etwas.« Chrodieldis lachte: »Arme weggelaufene Nönnlein haben kein Geld, das weiß man.« Sigvalt seufzte. Er lenkte ab. »Wie ist es Euch nur gelungen, ebenso dem heiligen Martinus wie der heiligen Radegundis zu entwischen?« – »Einundvierzig Mädchen werden doch zuletzt mit einem alten Bischof fertig werden? Eine Zeit lang war's ja ganz gut, daß er uns pflegte, der wackere Gregorius und sein dicker Dodo. Denn wir – das heißt viele von uns, ich nicht! – waren doch recht erschöpft nach dem Eillauf von vielen, vielen Meilen. Und die Wege, das Wetter im März waren – den andern, mir nicht! – gar zu schlecht und rauh. Als aber der heitere Aprilwind und die Aprilsonne die nassen Straßen getrocknet hatten, als es draußen in der Welt viel schöner war – das heißt: so ahnten wir! – denn in dem Bischofshause zu Tours, und als wir merkten, daß die listige Gutmütigkeit Gregors uns nur immer hinhielt, gar nicht uns in die Welt hinaus und zu den Königen, unseren Gesippen, lassen wollte, da riß mir die Geduld. Er bildete sich ein, durch unablässiges Wiederholen seiner Bußpredigten und Vorlesen des Stiftungsbriefes der heiligen Radegundis mich umzustimmen, zur Unterwerfung zu bewegen! Er kennt Chrodieldis schlecht, die Tochter Chariberts! – Da stiegen wir in dunkler Nacht im Garten eine auf der andern Schulter und so immer hübsch über die Mauer: die letzte, die lange Frida, zogen wir herauf! Das Bischofshaus steht außer der Stadtumwallung: so waren wir nun frei. Auf der Heerstraße nach Orléans hätte man uns bald eingeholt: wir teilten uns daher in kleine Häuflein und an vorbestimmtem Ort, weit hinter Tours erst, trafen wir wieder zusammen. Zwar« – und hier verfinsterte zornige Trauer ihr Antlitz – »lange, lange nicht mehr alle! Gar viele, viele von den Mädchen ergriffen die erste Gelegenheit, da sie nicht mehr unter meines Auges Herrschgewalt sich fühlten, zu ihren Eltern oder zu Freunden, Verwandten in der Nähe zu eilen, vergessend das Wort der Treue, das eidliche Wort, mit welchem sie alle vierzig sich mir verpflichtet hatten, bei mir auszuharren und diesen Handel nicht schmählich im Sande verlaufen zu lassen, sondern unser gutes Recht durchzukämpfen bis an das Ende, muß es sein: – bis in den Tod.« – »O Königin!« – »Das mußt du nachfühlen können, Herzogssohn! Oder du bist nicht der, – der mir Vertrauen erweckte. Mädchen, – halbe Nonnen – die solches begonnen, gegen die Sitte, müssen es durchkämpfen für ihre Ehre: sonst ist es – gemein. Und vor Gemeinem ekelt meiner Seele.« Sie hob das hohe Haupt: ihre Augen leuchteten: sie war sehr schön in dieser Erregung. Entzückt labte sich an ihrem Anblick der Jüngling. »Viele, viele sind von mir abgefallen, den Spott, die üble Nachrede der Menschen, den Zorn, auch Wohl den Gram der Eltern scheuend. Ich will nicht mit ihnen rechten! Sind schwache Kinder. Aber in das Kloster ist doch keine zurückgekehrt,« fuhr sie freudiger fort. »Constantina, die Sanfte, hab' ich zu heiligem Zweck auf ihren Wunsch beurlaubt und ihr Julia, des Volkhard Tochter, beigegeben. Die Reclausa – ich verstehe sie nicht recht – ist zwar zurück nach Poitiers, aber, beteuerte sie, nicht ins Kloster: sondern ins Asyl: in die Basilika des heiligen Hilarius. Sehr bestürzt war ich, als ich, in Orléans eintreffend, den guten Oheim nicht fand – seinen Versteck hat er noch nicht verraten! – der rasch mir zu meinem Recht verholfen hätte. Denn je länger – ich fühl' es wohl – wir jungen Mädchen so in der Welt umher irrfahren, desto übler wird die Sache. Ich beschloß daher sofort, nach Paris aufzubrechen, wo Vetter Childibert aus Metz zur Zeit verweilt. Ich hoffe nun alles von ihm.« – »Hofft nicht zu viel. Ihr sagtet selbst: er ist noch ein Knabe ... –« – »Aber sein Hof! Seine Räte –« – »Ihr habt einen großen Fehler an Euch für diesen Hof: Ihr seid zu schön. Das wird Euch schaden.« – »Das versteh' ich nicht. Ich führe meine Sache durch bis an das Ende. Schmach überleb' ich nicht. Und Beugung wäre Schmach.« – »O Chrodieldis! Fast freu' ich mich, dunkel Gewölk gegen Euch aufsteigen zu sehen. Und viele, viele Feinde, die Euch bedrohen,« – »Warum freut Euch das?« – »Warum? Fühlt Ihr's denn nicht? Ich will Euer Schild sein! Kein Streich erreicht Euch, der nicht mich zuerst durchbohrt.« Chrodieldis hielt den Rappen und sah ihrem Begleiter fest in die Augen: »Das war ein Manneswort, Herr Sigisvalt aus Alamannenland. Ich danke Euch dafür. Ihr seid von meiner Art, ich fühl's. Doch nein,« fuhr sie errötend fort, das erglühende Antlitz tief gegen die Mähne des Rosses beugend, und holdselige Weichheit verschönte jetzt die sonst so stolzen, strengen Züge. »Das war in Hoffart geredet. Ihr seid ein junger Held: hoch rühmten der Domesticus und der Bajuvare Euren Sieg über die Slavenen: ich bin ein Mädchen nur. Verzeiht! Ich will mich niemals wieder Euch vergleichen. – – Ist der Silbergürtel dort die Seine? Und jene hohen Türme ... –?« – »Es sind die Türme von Paris: hinter jenen Thoren wird die Entscheidung Eures, meines Schicksals fallen. –«

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