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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Sechstes Kapitel.

Der schlug die Augen nieder und sagte ganz beschämt: »Fünftens ward beschlossen, daß Bischof Truchtigisel von Soissons wegen allzuheftigen Trinkens seinen Verstand verloren habe, jetzt schon im vierten Jahre. – Es fing aber schon an – ich bitte, daß ich es sagen darf –« unterbrach er sich, »mit jenem Keulenschlag ... –« »Ja, ja,« nickte der gute König, »da hast du ganz recht.« »Es behaupten nämlich viele der Einwohner,« fuhr der Riese im Aufsagen fort, »daß ihn dies befallen habe durch Zauberei – auf Anstiften seines« – da zitterte die Stimme des starken Mannes vor Weh und Zorn – »seines Archidiakons, den er seiner Würde entsetzt hatte.« »Jawohl,« zürnte der Domesticus, »weil der Schuft viele Tausend Solidi an Steuern unterschlagen hatte. Der gutmütige Bajuvare zahlte sie aus eigener Tasche, vertuschte lange Zeit das Verbrechen, aber entsetzte natürlich den Betrüger!« »Durch Zauberei« – wiederholte der Bischof. »Aber – ich bitte, daß ich es sagen darf – es war weniger der Zauber ... –« »Der half wohl nur nach,« meinte Felix. »Nein! Er weckte mich immer nachts um zwei Uhr, mir Vokabeln abzufragen. Und – Und –« er hob dräuend den Speer und ballte die Faust darum – »er wollte – das war das Ärgste! Verschlage mich der Donnerhammer, wenn ich ihm je verzeihe!« »Was?« fragten alle drei Hörer besorgt. »Griechisch wollte er mich lehren, der Elende!«

»Ja, das ist grausam,« sagte Felix. »Ich kann es selber kaum.« »Truchtigisel hatte,« fuhr der Große fort, als ob er von einem Wildfremden erzählte, »das Leiden in der Art, daß es ihm besser ging, wann er die Stadt verließ, schlimmer in den Mauern. Das kam aber daher: – nicht von Zauber, wie die Amtsbrüder annahmen: in der Stadt war der Archidiakon, auf dem Land aber war – Sie.« »Wer?« fragte Felix neugierig. »Meine liebe Ehefrau,« sprach der Starke und seine Augen wurden feucht. »Es war so arg mit ihm geworden,« fügte der König, »daß, als ich in seine Stadt kam, die Synode ihm – dem Bischof! – verbot, mich in seiner eigenen Stadt zu begrüßen.« »Obwohl Truchtigisel,« fuhr dieser in seinem Aufsagen fort, »ziemlich – speisegefräßig war und ein Weinzecher ... –« »Jetzt gebt acht, Herr Felix,« schmunzelte der König – »das sind des Bischofs Gregor eigene Worte. –« – »Weinzecher über das Maß hinaus, welches bischöflicher Fürsichtigkeit zukommt ... –« Der Bischof von Nantes lächelte: »O Gregorius! Du bist ein großer Meister des Stils.« – »Hat ihm doch niemand je was Übles nachsagen können, was keusche Zucht betrifft. – Nun ist's aus. – Das letzte – Gregorius hat's gut gemeint, – aber das letzte allein hat mich gekränkt.« »Ei, wie, Herr Bruder?« staunte Felix. »Weil's sich von selbst versteht. Und weiß doch Gregor, daß ich eine Ehefrau habe. Freilich nicht, wie gut sie ist. Niemand weiß das als ich. Und – vielleicht – der liebe Gott.« – Und die tiefe Baßstimme ward ganz leise – vor Rührung. »Und sie suspendierten ihn auf ein Jahr,« fuhr der Domesticus fort. »Aber ich,« fiel der König ein, »überzeugte mich alsbald, daß er gebessert, geheilt war. Und schon nach einem halben Jahr erlangte ich, daß ihm die Synode zu Sauricy den Rest erließ. Und ich gab ihm das Privileg – weil er doch noch manchmal wankt im Gange, so was wirkt nach! – daß er allein aus allen Bischöfen meines Reichs beim Gehen sich statt des Bischofstabes ... –« »Alle zu dünn,« sagte Truchtigisel, »und zu kurz.« – »Des Speeres bedienen darf, dankbar gedenkend der Avarenschlacht, wo er sein Leben für mich eingesetzt.« Herr Felix versuchte, dem Bajuvaren freundlich auf die Schulter zu schlagen, kam aber nur wenig über den Ellbogen empor: »Herr Bruder,« sagte er herzlich, »ich gäbe gern mein bischen Verstand, hätte ich jenen Keulenschlag empfangen dürfen, der Euch den Eurigen ein wenig durcheinander geschüttelt.« »O nein! Wäre nichts für Euch gewesen!« sagte der Riese. »Euer kleines Köpfelein! Eure glasdünnen Knöchlein! O weh! Ich sag' Euch, Herr Bruder: noch heute brummt mir der Schädel, denk' ich dran.« »Aber,« forschte der Kelte, »ein solches Leiden – wie das Eure war – ich meine: das – das Feuchte! – wenn einmal eingewurzelt, ist schwer, ist erst nach Jahren auszutreiben. Ein großes Wunder sah wohl darin Gregorius?« »Ist auch eins! Ist's auch!« eiferte der König. »Ich habe selbst sein Gewicht in Wachs – er wiegt Unglaubliches! – der Heilgen Chrothilde, meiner Ahnfrau, gelobt und wir haben in Prozessionen mit lautem Psallieren in den Straßen von Soissons neunundsechzig Tage lang – alle Bürger und Weiber und Kinder – den heiligen Geist gebeten, daß er doch ihrem Bischof den Trunk abgewöhne. Und so ...–« – »Nein, Herr König. Mit Vergunst. Nicht so! Ganz anders. Alle Verehrung für die heilige Chrothilde, Eure Ahnfrau, und auch für den heiligen Geist. Aber geheilt haben mich nicht die beiden. Sondern ganz wer anders.« »Und wer?« fragte der König.

»Meine liebe Ehefrau, Irmintrudis. Gott segne ihre treuen Augen! – Ich konnt's nicht lassen. Lange nicht! Sah ich den Archidiakon, fielen mir seine Vokabeln ein – oder auch nicht ein! – und seine je zwei gottverfluchten griechischen Haken für e und für o – dann ward ich erst wütig. Und dann trauersinnig. Und dann – dann trank ich. – Aber wie ich draußen in unserer Villa einmal aufwachte in der Nacht von einem Rauschschlaf: da sah ich auf dem Estrich im Mondlicht knieen meine Frau, meine liebe Irmtraut; und große, große Thränen flossen ihr langsam über die lieben, alten, runzlichen Wangen – o wie waren sie so schön glatt gewesen vor dreißig Jahren! – Und ich hörte, wie sie bitterlich schluchzend betete: ›o treuer Himmelsherr! Nimm doch dieses große Leid von mir, daß mein lieber Mann, ein so wackerer, ehrenreiner Held, verlacht wird und geschändet von den Leuten, die alle lange nicht so gut sind wie er. Und da er – scheint es – nicht davon lassen kann, so oft ich ihn darum gebeten‹ (– »und o, das ist wahr gewesen,« stöhnte der Riese –) ›so nimm mich aus dieser Welt, daß ich es nicht mehr ansehen muß.‹ – Begreift Ihr das? Sie – sie hatte sich den Tod gewünscht! Wegen meiner Ehrenschmach! Ich kniete neben sie und hob die Schwurhand zu Gott dem Herrn empor und küßte ihr die Thränen von den Wangen. Und seitdem – nie mehr! Die heilige Chrothildis und der heilige Geist haben mich im Stich gelassen: – gerettet hat mich meine Frau, – sie ganz allein! – Und Heil dem Mann, Bischof oder König, der ein wacker Weib hat. Heil dem lieben Herrgott, der das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt! Heil ihm und Preis in Ewigkeit. Amen!«

Eine Pause entstand: die Hörer waren ergriffen.

»Ich werde nie mehr sagen, daß Ihr nicht sprechen könnt, hochehrwürdiger Bruder mit dem Speere,« sagte Felix nach einer Pause. – »Übrigens habt Ihr wohl nun in der Ehe das Allheilmittel und den helfenden Zauber für alle schlimmen Dinge gefunden,« lächelte er. »›Verheiraten,‹ das war Euer erstes Wort beim Eintritt.« »Ja, und Ihr wußtet noch gar nicht, von welchem Übelstand die Rede war,« lachte der König. – »Doch.« – »Nun wovon?« – »Von den schlimmen Nonnen von Poitiers. Ganz Gallien spricht von ihnen.« – »Von meinen Nichten! Angenehm! Kann mir's denken, wie die Leute reden. – Übrigens Truchtigisel hat ganz recht! – Es wäre gar nicht so übel! – Dann wäre Friede! – Mir wäre geholfen, – der Äbtissin, – den beiden Mädchen, – kurz allen.«

»Ausgenommen vielleicht den beiden Ehemännern,« meinte Felix. Da hörte man plötzlich draußen vor dem Vorhang laute Stimmen: »Gleich muß ich ihn sprechen – gleich! Es ist Gefahr im Verzug.« Und halb eigenmächtig eindringend, halb von dem Velarius eingeführt, erschien, staubbedeckt, ein Bote, neigte sich tief vor dem König und sprach: »Herr König Guntchramn! Also meldet dir, sehr bestürzt, dein treuer Bischof Herr Gregorius von Tours: ›o Herr König,‹ spricht er. ›Laß es mich nicht entgelten. Sie sind mir ausgekommen: alle einundvierzig. Sie ziehen hierher zu Euch, sie ziehn auf Orléans. Noch heute können sie hier sein‹« sprach's, verneigte sich wieder und verschwand.

Da hob König Guntchramn seinen weiten Purpurmantel und sein wallendes Untergewand, die ihn beide sehr in der Bewegung hemmten, mit beiden Händen an den Seiten auf und rief: »Alle einundvierzig? Ich verreise! Zur Stunde! Laßt satteln! Rasch.« »Aber,« rief der Domesticus, »was soll geschehen mit den Mädchen?« – »Wofür bist du Domesticus des Reiches? Das hast du zu entscheiden. Und die beiden Bischöfe da mögen dir dabei helfen.« »Aber, Herr König? Wohin begebt Ihr Euch?« rief Flavianus dem Enteilenden nach. »Jawohl,« rief der sich wendend und pfiffig lächelnd, »jawohl! Daß sie mir nachkämen? Ich schicke dir schon Botschaft, bin ich weit genug – in Sicherheit.«

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