Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
Schließen

Navigation:

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Da stand die Klausnerin auf, trat vor und sprach, das Haar aus dem immer noch reizvollen Antlitz streichend: »In Arles bin ich geboren, von Griechen stamme ich, Theophano heiß' ich. Steinmetz, Bildhauer war mein Vater und des Bischofs Freigelassener. Sie sagten, ich sei das schönste Kind in jener an altvererbter Schöne reichen Stadt. O ich sag's nicht aus Eitelkeit: schwer hab' ich gebüßt für diese Gabe. Noch nicht fünfzehn Jahre war ich. Mein Beichtiger war Desiderius, des Bischofs Neffe. Ich war ein Kind, ich liebte ihn nicht, gar nicht, gar nicht ein wenig: ich fürchtete ihn nur so sehr, weil er immer von der Hölle sprach. Die habe mir meine Schönheit gegeben, um ihn zu quälen. Und ich müsse dafür Buße thun und in allem seinen Willen, sonst sei ich verdammt und er gebe mir nicht die Absolution. Und die Absolution mußte ich doch nach Hause bringen, sonst schlug mich der Vater, der so fromm war; tot war lange schon die Mutter. – Und als ich nun mein Elend sah und meine Schmach Desiderius klagte, da riet der, ich solle sagen, ein böser Geist habe mich bewältigt im Walde, Und ich sagte das dem Vater; der schlug mich halb tot und warf mich auf die Straße. Und ich stand auf und lief zum Bischof, aber an dessen Stuhl stand Er. Und wie ich das vom bösen Geiste sagte, da lachte er. Der Bischof aber lachte nicht, sondern ließ mich ergreifen und geißeln und dann mich fortführen von Arles, weit, weit gen Norden auf einen Hof der Kirche. Und da mußte ich zwar schwer arbeiten, recht schwer. Aber der Villicus der Villa und sein Weib waren mitleidig. Und wie mein Kind heranwuchs, da – ach da liebt' ich es so sehr! Und es war alles, was ich hatte auf Erden. Desiderata hatt' ich es genannt.«

Da fuhr Herr Truchtigisel auf mit einem ungefügen Staunensruf.

»Und ich lebte nur für Desiderata. Sie hatte blaue Augen und goldene Locken – wie sie Frau Genoveva drüben hat. Und zehn Jahre lebte ich nur für dies Kind, das süße Kind. Und mein Geheimnis – sein Geheimnis – keiner Seele hatt' ich es verraten. Da kam er auf den nächsten Hof, nicht auf den unsern. Und unser Villicus erstaunte, da er ihn sah und sagte, bei ihm lebe ein Kind, das sei ihm so ähnlich. Und am dritten Tag, da ich von der Erntearbeit nach Hause kam, da – o Gott! o Gott! – da war die Hütte leer! Und der Villicus sagte, zwei Mönche seien gekommen und hätten das Kind geholt und hätten gesagt, ich sei eine schlechte Mutter, – ich! – und das Kind dürfe nicht bei mir bleiben. Das arme Kind hatte sich an mein Bett geklammert und geschrieen: ›Mutter! Mutter!‹ Aber sie rissen die kleinen Finger los vom Bett und trugen das schreiende Kind davon. Ich lief zum Grafen; der lachte und sagte, ›dein Kind sieht des Bischofs Neffen viel zu ähnlich, der selber Bischof werden will.‹ Ich lief zum Archidiakon, erzählte ihm alles. Der war ein guter Mann. Er weinte. Dann aber sagte er: ›Es darf nicht ruchbar werden, daß ein Priester im Beichtamt solch Scheußliches begehen kann. Du mußt dein Kind der Kirche opfern. Es wird Nonne werden.‹ Aber ich ruhte nicht. Ich lief zum Herzog. Der wies mich an den König: das war der gute Herr Guntchramn. Der wies mich an den – Bischof von Arles. Und der Bischof sagte, ich hätte ja selbst gestanden, daß ich mich einem Dämon im Wald ergeben; und ließ mich abermals schwer geißeln. Und ließ mich foltern, ich solle mehr von dem Dämon gestehen, und ich gestand alles, was sie haben wollten: denn das Fleisch hing in Fetzen von mir! Und die Urkunde über mein Geständnis schickte der Bischof dem guten König Guntchramn. Und der entsetzte sich sehr, aber er schenkte mir das Leben, falls ich als Reclausa in das Kloster treten wolle zu Poitiers. Ich that's und zehn Jahre lebte ich hier. Jedoch ich fand nicht Ruhe, Tag und Nacht: ich mußte unablässig fragen: ›wo ist mein Kind?‹ Haben sie es wirklich in solch ein Kloster gesteckt, das lustige, fröhliche Ding? Und muß es da werden wie – wie so viele? Und da kam einmal die Verzweiflung über mich und ich stieg nachts über die Mauer und lief davon, in die Welt hinaus, in die weite Welt: ich wußte nicht wohin, ich wollte die Welt aussuchen, bis ich die Kleine gefunden. Aber die Frau Äbtissin hetzte die Klosterhunde auf meine Spur und die hatten mich bald. Und da ich mich wehrte, zerbissen sie mir das Gesicht und eine Sehne des Fußes, daß ich lahme von Stund an. Und die Knechte trugen mich zurück an die Klostermauer und entkleideten mich und, öffentlich, vor der gaffenden Menge, geißelten sie mich schwer, und an derselben Stelle, wo ich über die Mauer herabgesprungen – der Strick hing noch oben an der Zinne –, wanden sie mich langsam, langsam vor aller Augen in die Höhe, ›damit ich mir die Stelle merke‹, hieß es. Es that sehr weh. Und auf der andern Seite der Mauer stand die Äbtissin, hob den Finger und sprach: ›Mit Recht ist dir dein Kind genommen worden; du wirst es nie wieder sehen im Leben; die Kirche, die allbarmherzige Mutter, hat es in Verwahrung – ich weiß davon – und lehrt es, seiner sündigen Mutter Sünde fluchen!‹ Und da lag ich in meinem Blut und fluchte der Äbtissin und ihm und allen Klöstern und mir selber und Gott. Und da kam des Wegs ein mitleidiger Mensch, des Klosters gezwungener Knecht, der Kellermeister: der erbarmte sich meiner und wusch meine Wunden und gab mir Wein. Aber meines geraubten Kindes dacht' ich nicht minder Nacht und Tag. Und ich wollte die Äbtissin zwingen, mir zu sagen, wo mein Kind versteckt gehalten wird. Deshalb mußte ich sie in meine Gewalt bringen, deshalb ließ ich die Räuber in das Kloster. Und jetzt verlange ich Gerechtigkeit. Straft mich, tötet mich: aber straft auch den Verführer und den Räuber meines Kindes.«

Da brach sie zusammen und fiel nieder auf ihr Angesicht. Chrodieldis und Anna sprangen hinzu und trugen sie hinaus.

Und es ward ein großes Schweigen. – –

Endlich stand Herr Felix von Nantes auf und sprach feierlich: »Ich verlange, daß das Gericht zurücktritt, über das Neue zu beraten, was wir gegen die Äbtissin von Chrodieldis und zumal, was wir gegen den Archidiakon Desiderius von Autun gehört. – Ihr Mädchen aber, die ihr durch solche Dinge Ärgernis nehmen möchtet an der heiligen Kirche und an dem Glauben selbst, euch sag' ich ein Wort, darüber denkt nach euer Leben lang. Wahrlich Christi Wort und Christi Kirche muß in Gott gegründet stehn, daß all' die Frevel, welche seine unwürdigen Diener nun schon ein halb Jahrtausend lang begangen haben, nicht im stande sind, an seinem Werke zu rütteln.«

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.