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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Aber der Domesticus rief: »Das sind alles ... –« »Kindereien,« sprach Chrodieldis vortretend, »Ihr habt recht, Herr. Und gegen meinen Willen haben die Mädchen all' das hineingeschrieben. Aber keine Kinderei ist meine Klage. Die Äbtissin Leubovera ist eine ganz unglaublich beschränkte Frau.« »Die nimmt kein Blatt vor den Mund,« meinte Gregor, ganz erschrocken. »Was? Beschränkt?« fiel da eine kraftvolle Mädchenstimme ein. »Dumm ist sie! Wenn sie so lang wäre, wie sie dumm ist, könnte sie den Mond küssen. In meiner Heimat, an der Lippe, steht eine tausendjährige Eiche Donars: – mit Leubovera könnte man sie umrennen.«

»Was ist denn das für eine?« fragte Truchtigisel. »Die gefällt mir,« »O die? Das ist eine aus Westfalenland: – noch eine halbe Heidin,« erklärte Marovech. »Auf den Namen ›Tarasia‹ folgt sie gar nicht, und auf ›Hukberta‹ wenig! Sie wäre froh, glaub' ich, wenn sie wieder drüben wäre überm Rhein unter ihren Donars-Eichen. Aber ich – ich wäre noch froher; denn das ist die ärgste.«

»Frau Leubovera,« fuhr Chrodieldis fort, »hat nur Eine Sorge: ihrer Nichte unermeßlich Vermögen dem Kloster zu sichern.« »Herr Graf von Poitiers, was stöhnt Ihr? Seid Ihr plötzlich erkrankt?« rief dessen Vater, sich sehr ungnädig wendend. »Nein! Verzeihung! Es ist nur ein Hexenschuß gewesen! Aber ein scharfer!«

»Darauf ganz allein geht all das bißchen Denken, das sie hat,« sprach Chrodieldis. »Mein Gott, sie kann auch nicht dafür, daß es nicht mehr ist,« meinte Gregor beschaulich zu Truchtigisel. »Und seit sie nun glücklich ein solches Testament herausgeschmeichelt hat von Leuba ... –«

Der Graf von Poitiers fuhr sich unruhig, hastig durch das krause Haar und blies Luft vor sich hin, aber so leise, daß es nicht störte.

»ist vollends nicht mehr mit ihr auszukommen. Sie ist maßlos parteiisch für die in der That recht hübsche Kleine (die übrigens unsere um ihretwillen verhängten Bestrafungen herzlich bedauert hat). Das sagte ich der Äbtissin ins Gesicht, als sie – nicht etwa mich ... –« »Oder mich,« rief Basina. »Ich weiß mich schon zu wehren.« »Als sie die sanfte Constantina und die arme kranke, brave Julia, weil sie nicht rechtzeitig mit einem Putzschleier für Leuba fertig geworden waren, zum Osterfest mit zwei Wochen Fasten und beide, – wirklich auch die Kranke! – mit dem Stachelgürtel strafte. Ich sagte ihr, das sei Sünde und sei schwere Ungerechtigkeit und ich würde es den Königen klagen, meinen Gesippen: die würden dem wehren und steuern. ›Was‹ schrie da die Äbtissin. ›Mir wehren? Und ich habe doch Leubas Testament herbeigeführt.‹ Und wollte mich schlagen ins Antlitz. Mich!« Chrodieldens dunkle Augen loderten, »Aber man schlägt nicht König Chariberts Tochter und die Schwester der Königin von Kent. Ich begnügte mich ihre Hand zu fangen – so!« »Ja,« rief Basina. »Wie eine eherne Zange war Chrodieldens Faust. Es war beim Mittagsmahl. Vierzig Mädchen sprangen auf und riefen: ›Recht hat Chrodieldis.‹ Darauf verurteilte sie uns alle vierzig auf vier Wochen zu härtestem Fasten und zur Einsperrung in der Zelle, mich aber und Chrodieldis obenein dazu, ihr und ihrer Nichte zur Beugung unserer Hoffart den rechten Fuß zu küssen.« »Auch der Alten?« fragte der Graf von Poitiers Herrn Felix von hinten her. »Ich würde lieber der Jungen auch den linken geküßt haben.«

»Das that ich nicht,« sprach Chrodieldis. »Erklärte, es nie zu thun. Und deshalb brachen wir nachts aus.« Das Gesicht des Domesticus nahm einen ganz andern Ausdruck an, ernster, aber doch gleichsam befriedigt. »Aber das steht ja alles gar nicht in der Anklage!« – »Nein! Constantina und Julia baten um Schweigen von dem ihnen Auferlegten, solang es angehe. Und ich schämte mich, die mir gedrohte Schmach hinzuschreiben. Nur mündlich wollt' ich es, im Notfall, sagen!« – »Wie ward euch das Ausbrechen möglich?« »Oho,« rief Basina, »brave Mädchen plaudern nicht aus.« – »Ich muß es wissen.« Alle schwiegen. »Hütet euch: ihr verschlimmert eure Sache durch solchen Trotz.« Aber keine rührte sich.

Da trat ganz ruhig und bescheiden die Klausnerin vor und sprach: »Ich verhalf ihnen dazu. Der Kellermeister, ein widerwilliger Schuldknecht des Klosters, neulich glücklich entsprungen, war mein Freund: er ließ sie durch den Keller in einen geheimen Gang, der jenseit der Klostermauer mündet. Es ist derselbe, durch den ich neulich mich einschlich.«

Chrodieldis aber fuhr fort: »Und deshalb unterwerf' ich mich weder irgend welcher Strafe, noch hör' ich auf, zu klagen gegen die Äbtissin, bis diese erklärt hat, daß sie bezüglich ihrer Nichte im Irrtum und gegen uns im Unrecht war.« »Und wir alle,« riefen die Mädchen, »stehen zu Chrodieldis.«

»An dem Überfall des Klosters,« sprach jene weiter. »sind wir unschuldig. Daß ich die gefangene Äbtissin befreit habe, zähl' ich mir nicht zum Verdienst an ... –«

»Aber wir zählen dir's so an, tapferes Mädchen,« sprach Gundigisel von Bordeaux. – »Meine beiden Genossinnen mußte ich retten. Ich hatte es geschworen, sie nicht zu verlassen.«

»Der Vicarius würde sie nicht gefressen haben,« sprach Flavianus.

»Daß ich die beiden Söhne des Alamannenherzogs Sigfrid in diese Schuld hineingezogen habe, schmerzt mich tief. Ich bitte – für sie – um Gnade. Sie glaubten, mir helfen zu müssen.«

»Das ist nicht so schlimm ausgefallen,« sprach der Domesticus. »Der Fronbote hat nur Blut und ein Ohrläppchen verloren. Ich bin von König Guntchramn ermächtigt, Gnade auszusprechen für alle in diesem ganzen Handel von euch begangenen weltlichen Vergehen und ich bin sehr hierzu geneigt. Der Brand des Klosters kommt auf anderer Rechnung, nicht auf eure. Über euch Mädchen werden wir ein mildes Urteil finden. Jetzt aber gebt uns gutwillig Theophano oder Castula heraus, die Führerin der Räuber. Denn alle ihre Mitschuldigen haben, auf Sicherung gegen Tod und Verstümmelung, das Asyl verlassen und sich ergeben, nur sie fehlt uns noch.«

»Niemals,« rief Chrodieldis. »Mein Wort, mein Eid schützt sie wie jede von uns.« Die Klausnerin drängte sich eifrig vor, kniete nieder und sprach: »Um meinetwillen soll euch der Zorn der Richter nicht treffen. Hier bin ich: – ich folge, freiwillig.« – »Mitnichten! Das verbiet' ich!« rief Chrodieldis. »Nach allem, was ich jetzt von dir erfahren, bist du ein Opfer nicht minder als eine Schuldige. Der Strafe kann ich dich nicht entziehen: aber auch dein Recht soll dir werden. Und bevor dir's wird, sollst du diese Zuflucht nicht verlieren. Ich befehl' es dir. Jetzt, nach vielen Jahren, kam die Stunde, da Kirche und Reich dich endlich hören, dich hören müssen. Erhebe deine Klage, erzähle die Geschichte deines Wehs – wie du sie mir erzählt hast – und dann, nachdem du Recht genommen, sollst du auch Recht geben.«

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