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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Und nun begaben sich der Domesticus und die Bischöfe Gundigisel von Bordeaux, Marovech von Poitiers, Gregor von Tours, Felix von Nantes und Truchtigisel von Soissons in feierlichem Aufzug, unter lautem Psallieren von mehr als hundert Priestern, mit starkem Schwingen von Weihrauchfässern der Chorknaben, in die Basilika und nahmen Platz in den von den Mädchen bereiteten Sitzen, nicht ohne Wohlgefallen die säuberlichen Veranstaltungen wahrnehmend.

Der Vorsitz und die Leitung der Verhandlung war durch den König, unter Zustimmung des Metropoliten Gundigisel, dem geschäftserfahrenen Domesticus überwiesen worden. Ihnen gegenüber standen die Mädchen, die Klausnerin und die beiden Herzogssöhne. Gar manches Herzlein klopfte ängstlich; aber Chrodieldis blieb ruhig, trotzig, und Basina blieb heiter; sie würdigte nicht die drohende Gefahr.

Die Verhandlung begann, indem der Domesticus aus der Anklageschrift die Namen der unterschriebenen Mädchen ablas. Es antworteten dem Aufruf: Chrodieldis, Basina, Anna die ältere, Christiana, Hukberta, Richauda, Anstrudis, Paula, Emma die Langobardin, Allberahta, Gertrudis, Frieda, Paula, Antonia, Stephania, Margareta die Kleine, Theophano die Klausnerin und, beim zweiten Aufruf, auch Ulfia. Von den übrigen dreiundzwanzig ward festgestellt, daß, abgesehen von Constantina und Julia, welche aus der nahen Villa der Gratiani herbeigeholt werden sollten, und von Genoveva, deren Hochzeitsfest nach dem fröhlichen, aus dem nächsten Haus herüberschallenden Flötenklang noch immer nicht zu Ende schien, weitaus die meisten die ihnen gegönnte kurze Zeit von zwei Monaten fleißig dazu verwendet hatten, sich zu verloben oder gleich gar zu verheiraten: nur etwa vier von jenen einundzwanzig waren unverlobt und unverheiratet bei ihren Eltern.

Gregor von Tours und Felix von Nantes erhielten den Auftrag, in angemessener Frist dem König genauesten Bescheid über den Verbleib von allen vorzulegen.

Hierauf begann der Domesticus das Verhör der Anwesenden. »Einundvierzig pflichtvergessene Nonnen ...« – hob er an.

»Verzeiht,« fiel ihm Chrodieldis in die Rede, »daß ich gleich zu Anfang unterbrechen muß. Es ist nicht meine Schuld. Ich weise in unser aller Namen das Wort ›Nonne‹ weit von uns zurück. Wir sind nicht Nonnen. Wohl nennt man uns so oder Religiosen oder Sanctimoniales: und, weil es der allgemeine Brauch, haben wir uns wohl auch selber so genannt. Aber wir sind lediglich Schülerinnen, die man, meist ohne uns zu fragen, in das Kloster gesteckt hat, darin den heiligen Glauben und allerlei anderes zu lernen. Und es ist – leider! – auch wahr, daß unsere Eltern oder Muntwalte von den meisten von uns wollen und erwarten, daß wir dereinst Nonnen werden sollen. Aber, abgesehen von Theophano, von uns andern vierzig hat auch noch nicht Eine das Gelübde abgelegt. Wir sind nicht Nonnen. Hätten sonst so viele von uns, wie ihr verlesen, sich verloben und verheiraten können? Nun fahrt fort.«

»Spricht gut, das Kind,« sagte Truchtigisel leise zu Gregor, der neben ihm saß, »Ganz glatt! Ganz flüssig!« »Ist auch sehr stark in der Grammatik,« seufzte dieser.

»Was nun eure lächerliche, sogenannte Anklageschrift angeht,« fuhr Flavianus fort, »so werdet ihr wohl nicht verlangen, daß ernsthafte Männer sich dabei aufhalten, während wider euch die schwersten Anschuldigungen vorliegen. Kindereien! Mädchengezänk gegen andere Mädchen! Es scheint,« – er blickte in die Anklageschrift, – »am meisten hat böses Blut gemacht, daß die Äbtissin ihre Nichte, eine gewisse Leuba ... –«

Da fuhr einer in der Versammlung lebhaft zusammen. Das war der junge Graf von Poitiers, der, das gezogene Schwert in der Hand, hinter seines Vaters hohem Stuhle stand: höchst neugierig spähte er jetzt über dessen Schulter in das Pergament. »Und wäre auch alles wahr, was hier für Schnickschnack gegen die Äbtissin gesagt ist: – da sollt ihr in dem Badhaus haben baden müssen, während es noch ein wenig nach Kalk roch ... –« »Bitte sehr! Bin umgefallen darüber,« rief Basina dazwischen.

»Da soll die Äbtissin mit ihrem Beichtvater des Brettspiels gepflogen haben ... –« »Sieben Stunden! Am Pfingstsonntag! Das Essen ward eiskalt!« rief Christiana.

»Da hat sie im Februar einen großen Mummenschanz im Kloster abgehalten, wobei Nonnen und Gäste aus der Stadt in Tierlarven, auch als Sylvane und Faune, mitgewirkt haben ... –« »Jawohl,« rief Richauda. »Mir hat sie meine schönen aus Byzanz von meinem Herrn Vater mitgebrachten Gewande – ich durfte sie niemals tragen! – abgeschmeichelt und eines nach dem andern ihrer Nichte angehängt. Siebzehnmal trat diese auf! Und mir hat sie einen Wolfspelz umgestülpt, aus dem die Motten stoben, gewölkweise. Ich sollte eine Wölfin darstellen – wozu ich gar nicht passe – und Leuba sollte mich mit goldenem Speer erstechen. Sie hat mich – mit Fleiß – mit dem Speer viermal heftig in die Rippen gestoßen.« »Jawohl!« warf Basina ein, »und wir andern sollten alle Larven und Lemuren sein, das heißt: uns die Gesichter mit Mehl anstreichen, daß wir aussahen wie übel gebackene Semmeln.« »Und nur weiße und graue Tücher sollten wir tragen!« rief Stephania, »die uns sehr schlecht stehen.«

»Ja, und erst noch flicken, weil sie meist zerrissen waren,« klagte Frieda, die Lange. »Sogar nachts; um siebeneinhalb Uhr noch!« rief Ulfia sehr entrüstet. – »Stille! – Ferner: und das scheint euer Hauptseelenschmerz gewesen zu sein: soll die Äbtissin von einem kostbaren Goldstoff, den eine fromme Seele, Donna Didimia, für den Hauptaltar gestiftet hatte, einen Fetzen –« »Hoho, es war ein wunderschönes, großes Stück!« rief Richauda. »Abgeschnitten und samt den ›Goldplättlein‹ – diese ›Goldplättlein‹ ziehen sich durch die Anklageschrift viele Seiten lang hindurch. Ich weiß gar nicht,« schloß er ungeduldig blätternd, »was das sind ›Goldplättlein?‹«

Richauda stieß die strenge Antonia an und sagte sehr verächtlich: »Jetzt will der alte Herr Domesticus des Reiches sein und weiß nicht einmal, was Goldplättlein sind. Da sieht man's, wie wenig oft dazu gehört!« – »Also aus dem Zeug hat sie ihrer Nichte eine Brustbinde gemacht?« »Ach, was nicht gar!« rief Richauda, nun ernstlich entrüstet über solche Unwissenheit. »Eine Stirnbinde.«

»Endlich soll das Essen manchmal weniger schmackhaft gewesen sein, als die verwöhnten jungen Mäulchen wünschten.« Da trat aber Christiana vor, stemmte beide Fäuste in die Hüften und sprach: »Halt! Jetzt red' ich. Ich war immer sehr hungrig. Denn ich war im Wachsen; und bin's glücklicherweise noch. Sie sagten alle, ich sei die hungrigste gewesen. Aber nicht einmal ich konnte es hinunterwürgen! Wißt ihr noch, Schwestern – zumal du, Margaretlein, denn du wuchsest auch so rasch! – die alten getrockneten Erbsen im Juni? Während im Garten schon das schönste Junggemüse stand? Sie und die Nichte freilich! Von Anfang April nichts als Spargel! Und ihre Nichte durfte von den eingemachten Früchten stets den Sanft schlürfen, was das Beste ist. Und wir –? Heilige Radegundis! Verwöhnt? Erst, seit wir in diesem Bischofshause leben, wissen wir, wie diese Herren zu speisen pflegen! Von unseren Erbsen wäre keiner unserer Richter so rundlich geworden unterhalb der Rippen, wie wir sie – mit Freuden – hier bewundern.« »Die schreib' ich mir auf,« sagte erbost Marovech von Poitiers. »Die mag schön gehaust haben in meiner Vorratskammer! Die soll mir einmal fasten lernen! Ich sehe nicht so weit. Wie heißt sie, die Hungrige, Bruder Felix?« »Martina,« sprach der sehr ernsthaft und schmunzelte.

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