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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Einundzwanzigstes Kapitel

Der Vorgang in dem Oratorium warf sehr dunkle Schatten auf die schlimmen Nonnen. Bischöfe und Priester waren an geweihter Stätte geschlagen, am Leben gefährdet worden, zwar nicht von den Schützlingen der Hauptgebäude, aber von einer Fluchtgenossin und Eidgenossin Chrodieldens.

Tags darauf erschien Frontinus, Genovevas junger glückstrahlender Gatte – ein Gegenstand unglaublichen Interesses für die jungen Mädchen! – in der Kirche. Nach sorgfältigster Beaugenscheinigung von allen Seiten, an welcher sich auch Ulfia, ohne einmal zu gähnen, beteiligte, ward einstimmig der Beschluß gefaßt, er sei wirklich ein bildhübscher junger Mann. Und wenn auch seine Aufführung in Werkhütte und Basilika die schärfste sittliche Brandmarkung verdiene und kein braves junges Mädchen ihn ohne Entrüstung und Erröten betrachten könne, so habe doch die sanfte, duckmäuserische Genoveva ein höchst beneidenswertes Los getroffen, ihm zum Opfer gefallen zu sein.

Er erklärte, in aufrichtiger Bestürzung, den beiden Alamannen, sie möchten sich und Chrodieldis auf das Äußerste gefaßt machen. Er habe seinen Vater, einen sehr einflußreichen Mann, gewonnen gehabt, bei den Bischöfen und bei dem Domesticus Flavianus alles zu Gunsten der Genossinnen seiner holden Genoveva zu thun. Derselbe habe auch den besten Willen. Aber die im Oratorium geprügelten Priester seien ein himmelschreiender Casus. Mit dem gutmütigen König Guntchramn sei am Ende noch fertig zu werden, – aber die Äbtissin Leubovera!

Sie habe den Klag- und Strafantrag gestellt vor geistlichem und weltlichem Gericht: ihr Antrag gehe – so weit er überhaupt gehen könne. Das Allerärgste jedoch sei, daß bei dem Klosterraub das heilige Kreuz verschwunden, vielleicht entweiht worden. Man glaube, Chrodieldis sei mit Castulas, ihrer Eidgenossin, Plänen von Anfang einverstanden gewesen. Daher auch das höchst verdächtige Zusammentreffen Chrodieldens mit den Räubern auf der Straße. Die scheinbare Befreiung der Äbtissin habe lediglich bezweckt, diese den Räubern abzujagen, um sie in die eigene Gewalt zu bringen, was dann nur zum Glück mißlungen sei durch des tapferen Vicarius Verdienst.

»Es ist aber nicht wahr,« riefen die Brüder mit Einem Mund.

»Ich glaub' euch, tapfere Herren, aber nicht eure Feinde. Das größte Glück ist, daß die Klausnerin wenigstens nicht eure Gemeinschaft teilt und ihr nicht die ihrige.« »Theophano ist hier, bei mir,« sagte Chrodieldis ruhig. »Um Gott,« rief Frontinus erschrocken. »Seit wann?« – »Seit heute Nacht. – Halb tot schleppte sie sich vom Fluß zurück. Sie ist ganz anders, ganz verwandelt. Die Gesellschaft der Räuber widerstrebte ihr, sie bat mich ... –« »Und Ihr ließet sie ein?« fragte Frontinus. – »Gewiß. Ich halte immer mein Wort. Mein Widerwille hat sich in warmes Mitleid verwandelt, seit ich – ihr – ihr Geschick erfuhr. Und sie, wie gesagt, ist ganz umgewandelt. Sie erblickt in der Begegnung mit dem Priester ein Gnadenwunder Gottes. Und sie hofft jetzt auf Gerechtigkeit bei Gott und Menschen: sie hofft ihre Tochter wiederzufinden. Sie bereut, daß sie diese durch Gewalt wiedergewinnen wollte. Sie betet viel und ist ganz gottergeben.« – »Und weiß man, daß sie hier ist?« – »Jawohl. Sie entkam mit knapper Not ihren Verfolgern, den Wächtern, noch in das Gitter, das ich gerade zu rechter Zeit aufriß.« »Das ist schlimm! Wird immer schlimmer,« meinte kopfschüttelnd Frontinus. Als er sich verabschiedete, flüsterte er den Jünglingen zu: »Macht euch gefaßt auf scharfe Stöße. Der neu ernannte Graf der Stadt ... –«

»Wer ist's?« – »Macco, der Sohn des Domesticus.« – »Ei, das ist ja unser lustiger, wackerer Genoß vom Knabendienst her am Hof des Königs. Ein guter, ein trefflicher Kumpan!« – »Und unser treuer tapferer Waffenbruder im Slavenenkrieg!« – »Nun so wißt ihr: er führt ein rasches Schwert. Ehrgeizig ist er auch, hat Schulden wie der Jagdhund Flöhe, will vorwärts kommen, des Königs Gunst gewinnen ... –« »Er soll nur kommen,« lachte Sigvalt. »Er ficht sehr gut: aber ich fechte besser. Hab' ihn jedesmal überwunden in der Waffenschule. »Das ist der furor alamannicus,« sagte der gallische Römer. »Immer mit dem Kopf durch alle Wände! Mich wundert, daß in der Welt noch Eine Wand steht und noch ein Germanenkopf ohne Sprung! Das Reich der Franken, ihr jungen Helden, ist zuletzt doch stärker als ihr beiden. – Ich wollte,« rief er ärgerlich, »alle achtzehn Mädchen hier wären verheiratet.« »Das wollten wir schon lang,« sagte Basina vorbeischlüpfend. »Fahrt wohl, ihr edeln Fräulein und ihr tapfern Männer: mir bangt schwer um euch.« – Und er ging.

In der Nacht war in der Stadt viel Reiten und Sänftentragen, auch Waffenklirren zu vernehmen. –

Am andern Morgen erscholl Drommetenruf vor dem großen Gitter des Haupteingangs. Die kriegskundigen Brüder hatten die wenigen Zugänge des von hohen Steinmauern rings umfriedeten Bischofshofes nach Kräften in Verteidigungszustand gebracht, verrammelt und mit ihren etwa zwanzig treuen Gefolgen besetzt. Chrodieldis und die beiden Brüder eilten nach vorn. Die Schar der Mädchen drängte sich, angsterfüllt und doch von brennender Neugierde verzehrt, an die Bogenfenster: kaum vermochte Basina, sie in Ordnung zu halten. Da, in vollen Waffen, von zwei Drommetenbläsern begleitet, erschien auf der untersten Stufe der Kirchentreppe ein sehr stattlicher, junger Mann, dessen Erscheinung sofort von sämtlichen Mädchen auf das gewissenhafteste mit Frontinus verglichen ward. Die Wahl schien schwer: daß er noch unverheiratet schien – er trug keinen Ehering –, sprach stark zu seinen Gunsten, bis die bildhübsche, sehr lebhafte und noch sehr junge Stephanie voller Entrüstung ausrief: »Nein! Es ist aber doch nicht auszuhalten! Jetzt trägt der auch schon einen Verliebungsreif! Den mit den roten Steinen, am linken Arm! 's ist die jüngste Sitte am Hof,« – worauf seine Wertschätzung merklich abnahm. Ulfia, die merkwürdigerweise die Drommete geweckt hatte, legte sich nach obiger Wahrnehmung sofort wieder auf das zierliche Ohr.

Der junge Mann musterte seinerseits mit lebhaftestem Eifer die vielen hübschen Gesichter, die sich in den Vorhängen und hinter dem Gitterwerk für »versteckt« zu halten schienen: – was, wenn wirklich ihre Meinung, nur geringen Sinn für das Wahrscheinliche bekundete. Als er aber damit fertig war, nahm er eine sehr böse Miene an, verneigte sich feierlich vor Chrodieldis und hob an: »Ich, Macco, durch des Herrn Königs Guntchramn Gnade Graf von Poitiers, fordre euch Freistattgäste des heiligen Hilarius auf, freiwillig diesen Zufluchtort zu räumen und euch euren geistlichen und weltlichen Richtern zu stellen.« Als hierauf, wie er erwartet, keine Antwort folgte, fuhr er fort: »Zu euch geflüchtet ist in dieser Nacht die Klausnerin Theophano oder Castula, die gestern das Asyl des heiligen Hilarius gebrochen und daher jeden Schutz verwirkt hat. Gebt sie also heraus.«

»Niemals,« sprach Chrodieldis. »Sie steht in meinem Schutz und Treueeid.«

»O schöne Königin Chrodieldis,« fuhr der Graf fort, »wisse, daß du durch diese Weigerung mir das Recht giebst, deine eigene Freistatt nicht mehr zu achten und die Verbrecherin mit Gewalt zu holen.« »Hole sie,« sprach Chrodieldis, langte ein nacktes Schwert aus dem Mantel und hob es in die Höhe. »Ihr alle seht es,« fuhr der Graf fort, »eine Waffe blitzt in der Freistatt.« »Nicht Eine nur, glücklicherweise, Freund Macco,« rief da Sigvalt und zeigte sein langes Schwert. »Wir haben's nach der Auswahl,« lachte Sigbert und riß die Streitaxt aus dem Gürtel. »Komm nur.«

»Weißt du noch, in der Waffenschule zu Châlons?« lachte Sigvalt. »Fünfmal besiegt' ich dich im Waffenspiel.« »Liebe Knaben und Schwaben,« sagte Macco gutmütig, hinaufflüsternd, »diesmal ist's leider bitterböser Ernst. Manchen frohen Schelmenstreich, manchen guten Trunk haben wir geteilt: – aber diesmal lacht keiner von uns, wann der Spaß zu Ende. Solang ich kann, will ich gern der bildschönen Mädchen und euer schonen; andernfalls wäre ich schon lang da droben, wie der Wolf unter den Lämmlein.« »Denk an die Schäferhunde,« warnte Sigbert. »Eure lieben Nachbarn, die Herren Räuber – verzeiht, nur wegen der Nachbarschaft vergleich ich euch! – haben bereits klein beigegeben. Sie sahen, daß wir sie bald ausgehungert haben würden. Denn, wenn kein Priester mehr im Asyl ist, hört auch die Asylspeisung von selbst auf: ihnen von außen Speise ins Asyl zu tragen, dazu ist Sankt Hilarius nicht verpflichtet. Ihr könnt es eine Woche weiter treiben: – länger nicht. Also ergebt euch gleich – ihr müßt es doch.« – Laut fuhr er nun fort: »Aus großer Langmut und weil Königinnen unter euch sind, deren edles Blut auch in Thorheit und Unrecht wir scheuen, solang es angeht, wollen die ehrwürdigen Bischöfe und der Domesticus des Königs Guntchramn, die heute Nacht hier eingetroffen sind, noch eine letzte Vergleichsverhandlung mit euch halten, obwohl eure Schuld gestanden und sonnenklar erwiesen. Sie wollen sich zu euch hinein begeben: die Söhne des Herzogs Sigfrid sind mir Bürgschaft genug, daß den Ehrwürdigen diesmal kein Haar gekrümmt wird. Scheiden sie von euch ohne Erfolg, so werdet ihr bald lernen, tapfre Freunde, daß vierhundert Speere bedeutend mehr sind als zwanzig.«

Er trat zurück, da Chrodieldis Zustimmung genickt hatte, die Bischöfe herbeizuholen.

»Laß mich, du Schelm,« hatte Basina gesagt und sich Sigbert entwunden, der ein Küßlein stehlen wollte in dem dunkeln Gang zwischen Bischofshaus und Basilika. »Ich hab's gar geschäftig. Wir bekommen hohen Besuch. Bischof Marovech kömmt bei uns zu Gast: noch dazu in seinem eignen Hause! – Er muß doch sehn, daß saubre Mädchen darin schalten. Sonst meinen die Herren, wir verständen uns nicht genug auf die Wirtschaft, und lassen uns am Ende noch lange nicht heiraten.«

Und sie befehligte die Mädchen wacker hin und her, fleißig selbst mit Hand anlegend. Und als später die Bischöfe, in feierlichem Aufzug, die Vorhalle der Basilika betraten, fanden sie bequeme Stühle und Bänke mit den schönsten Decken und reinlichsten Tüchern belegt; der Boden war mit frischgeschnittenem Schilf bestreut, wie es im Bischofsgarten reichlich wuchs: das roch gar gut. Und Basina hatte sich's nicht nehmen lassen, auch einen Kredenztisch mit kaltem Fleisch und allerlei süßem Gebäck, das sie vortrefflich zu bereiten verstand, und mit silbernen Schalen und Bechern und einem mächtigen Weinkrug zu versehen.

»So vergnüglich wird das hier nicht werden, holdes Bäslein,« meinte Sigvalt. »Nicht für uns, aber vielleicht für sie! Und der Mensch ist immer weniger bösartig, wenn er angenehm gefrühstückt hat.«

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