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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Zwanzigstes Kapitel

Die nächsten Tage hätten sich für die Flüchtlinge, zumal für die beiden Liebespaare, recht hübsch und heiter gestalten mögen. Sie schalteten und walteten unbeschränkt in dem ganzen weiten Quartier, das außer den dem Gottesdienst geweihten Stätten Wohnräume, einen großen, schönen, quellendurchrieselten Garten, Wirtschaftsgebäude und reichlichste Vorräte enthielt. Die wenigen Geistlichen, die zur Überwachung des verlassenen »Bischofshauses«, wie der ganze Komplex von Häusern hieß, noch verblieben waren, räumten das Feld, da ihnen die beiden Herzogssöhne in einer Urkunde Bürgschaft für jeden Schaden leisteten und da sie das Bischofsgut in der That durch deren Krieger viel wirksamer als durch sich selbst gehütet sahen.

Basina, Anna und einige andere der Mädchen nahmen sich eifrig, fleißig der Wirtschaft an, kochten und buken, brieten und schmorten in der gewaltigen Bischofsküche nach Herzenslust. Die jungen Gemüse im Garten, die Enten und Hühner im Geflügelhof, Butter, Eier, Milch, Honig in der Speisekammer, der vortreffliche spanische Wein im Bischofskeller wurden weidlich in Anspruch genommen. Und wenn Chrodieldis Bedenken äußerte, strich sich Basina resolut das weiße Fürtuch zurecht, das sie, in der Küche hantierend, vorn übergebunden hatte, und lachte: »Ah bah: muß dem Herrn Bischof eine Ehre sein! Solche Gäste kriegt er nicht wieder in sein langweilig Junggesellenhaus. Sein Schade, nicht unsre Schuld, daß er nicht dabei ist! Du hast es oft gesagt: ›Königinnen sind wir.‹ Und nicht wie Mägde wahrlich wollen wir leben.«

Jedoch Chrodieldis seufzte. Nicht bebte sie vor den Folgen ihres Thuns zurück: aber sie täuschte sich nicht mehr über deren Ernst.

Und ihr bangte um den Geliebten: sein Schwert, sie hatte es wohl gesehen, hatte den Fronboten getroffen. Dazu kam eine recht unliebsame Entdeckung, welche sie gleich am nächsten Morgen machten.

Ihr Ansprengen gegen die vor der Basilika aufgestellten Wachen hatte diese verscheucht, aber nicht nur zu Chrodieldens Gunsten. Auch der Zugang zu dem Oratorium war frei geworden: und alsbald hatten sich Castula, Struzza und ein großer Teil der Räuber darin eingeschlichen und, nach der heillosen Logik des Asylrechts, in ihrer nächsten Nachbarschaft – nur eine Mauer schied sie – den gleichen Schutz wie die Königinnen gewonnen. Mit diesen Verbrechern zusammen im Munde der Leute, wohl bald in der Klage und Anklage von Kirche und Staat genannt zu werden, war nicht fein.

Und endlich fingen denn doch nachgerade Kirche und Staat im Frankenreich an, sich zu rühren: lange genug wahrlich hatte es damit gewährt.

Eilende Boten des Vicarius hatten den Bischof der Stadt zu raschester Rückkehr von der Visitation gemahnt, andere hatten König Guntchramn gedrängt, endlich den tief erregten Bürgern den lang erwarteten Grafen zu schicken mit ausreichender Waffenmacht, um mit beiden Gruppen der Übelthäter fertig zu werden. Beim geistlichen und beim weltlichen Gericht hatte die Äbtissin dringendste Klage erhoben, nachdem sie in das halbverbrannte und ganz ausgeplünderte Kloster war zurückgebracht und dort begrüßt worden war von ihren Nonnen, die sich übrigens alle unversehrt wieder eingefunden hatten; der von ungefähr erstochene Räuber war der einzige Tote im Kloster gewesen.

Durch die Händler und Händlerinnen, die, wie immer, Lebensmittel in den Bischofshof brachten, erfuhren die hier Eingeschlossenen, daß auf allen Straßen Bischöfe, Äbte, Archidiakone, Herzoge, Grafen, Domestici beider Könige heranreisten und heranzogen von allen Seiten auf Poitiers; aber zunächst würden die Geistlichen eintreffen. Und so geschah's.

Eines Morgens erschien vor dem Gitter des Oratoriums ein Aufzug von hohen Prälaten: Bischof Gundigisel von Bordeaux, zu dessen Kirche Poitiers als Tochter gehörte, dann Marovech von Poitiers, Nicasius von Angoulême, Saffarius von Périgueux mit sehr vielen Priestern und Diakonen. Sie forderten die dort Geborgenen auf, ihr Asyl freiwillig aufzugeben, und da diese sich natürlich weigerten, verlangte man für die Bischöfe und ihr unbewaffnetes Gefolge sicheres Geleit in das Innere, um hier mit den Räubern zu verhandeln. Das ward gewährt.

In dem Oratorium angelangt, sprach der Bischof von Bordeaux, eine hochragende, mehr kriegerische als priesterliche Gestalt – er war früher ein gewaltiger Heerführer gewesen –: »Nicht ich will hier das Wort führen, sondern an meiner Statt und an der des Herrn Königs Guntchramn, der es so gewollt, sprich du, mein Sohn, Desiderius, Archidiakon von Autun, da dir der Herr einen scharfen, heiligen, mitleidlosen Geist und eine Zunge wie ein schneidend Schwert gegeben hat.«

Und aus dem Kreise der Bischöfe und der Priester, die, den Rücken gegen die Thüre des Oratoriums gewendet, dessen Vorderraum füllten (während die Flüchtlinge sich um den Altar, die heiligste, also sicherste Freistatt, zusammendrängten), trat hervor ein hagerer Priester von wachsgelber Gesichtsfarbe, aus dessen schwarzen Augen ein unheimlich Feuer loderte, und mit grausam herber Stimme hob er an: »Ich kann es kurz machen. Dem Schwert des Scharfrichters seid ihr verfallen alle miteinander wegen schwerster weltlicher Verbrechen. Und vorher dem Bann, dem großen Anathem der Kirche, wegen noch schwerer wiegender Frevel gegen das geistliche Recht. Mit euch Männern ist's damit genug. Aber ich höre: unter euch sind auch Frauen, die sollen nicht so leicht davonkommen. –« Und seltsamer, wilder Haß loderte jetzt aus der fanatischen Erregung des Mannes.

Schon gleich, als er vortrat, bei dem ersten Ton seiner Stimme war Castula, die bis dahin mit großer Ruhe das geistliche Gericht gemustert hatte – wußte sie doch, daß diese Freistatt unantastbar war – hinter eine Säule geglitten, hinter der sie nun mit weit geöffnetem Munde, mit stierem Blick auf den Redner schaute. »Denn von jeher,« fuhr dieser fort mit greller Stimme, »ist durch das Weib alles Übel, alle Sünde, alle Verführung, alle Untreue in die Welt kommen. Ein gelehrter Kollege hat erst jüngst wieder gezweifelt, ob die Weiber überhaupt zu den Menschen zählen. Aber jedenfalls soll, bevor ihr Weiber getötet werdet, die Folter eure üppigen Glieder zerfleischen. Auf dem Marterholz werde ich selbst sie euch abfragen, eure geheimen Zauberkünste. Denn ohne Zweifel habt ihr, wie Eva ihren Genossen, die Männer verführt. Daher sag' ich euch, Verführerinnen, Ungetreue ... – O weh,« schrie er plötzlich, Glut stieg in seine fahlen Wangen. »Die Toten stehen auf. Theophano! Ihr Geist.«

»Nicht ihr Geist! Sie selbst,« schrie nun die Klausnerin, die bei seinen letzten Worten hinter ihrer Säule hervor langsam auf ihn zugeschritten war. »Verführer! Ungetreuer! Wo ist mein Kind? Wo ist unser Kind?« »Sie – sie raset –« stotterte der Priester, entsetzt zurückweichend – »ich kenne dich nicht, Weib – so wahr mir – Gott ... –« Aber er konnte nicht vollenden: mit dem letzten Wort stürzte er hintenüber, Schaum trat ihm vor den Mund.

»Ein Gottesurteil! Das Gericht Gottes!« schrieen die Räuber und viele der Priester. »Er ist tot.« »Nein, er ist nicht tot,« rief der mutige Bischof von Bordeaux, dessen entschlossener Mut weiland manche wankende Schlacht gestellt und gewendet hatte. Er riß den Priester vom Boden auf, der schwer atmete. »Ihr seht's! Er lebt: aber das Weib ist eine Hexe. Sie hat den bösen Blick. Sie hat's ihm angethan! Ergreift die Unholdin.« Und er faßte sie am Arm.

Castula wand sich in seiner starken Faust. »Asylbruch! Helft, ihr Genossen! Asylbruch! Gewalt! Schützt mich, ihr Freunde.« »Laß sie los!« – schrieen die Räuber. Und da der alte Krieger in seinem Trotz nicht gleich den schweren Fehler, den er begangen, einsehen und bessern wollte, sondern sie gegen den Ausgang hin zog, fielen über ihn und die Priester, die ihn schützen wollten, die wilden Gesellen her, mit den Fäusten, mit Knütteln und Stangen, mit Dolchen und Beilen. Blut spritzte auf. Die vordersten der Kleriker wurden auf den Marmorestrich geschleudert, daß sie sich kaum wieder erheben konnten.

Mit Mühe retteten die Seinen den Bischof von Bordeaux aus dem Getümmel ins Freie. Ein so blinder Schreck hatte die andern Bischöfe und die meisten Geistlichen befallen, daß sie, draußen vor dem Oratorium angelangt, sich nicht einmal mehr Lebewohl sagten, sondern auseinanderstoben, zur Stadt hinaus, und sich, jeder auf dem nächsten Wege, in ihre Heimat davonmachten. Vergebens rief der tapfere Gundigisel, aus einer Kopfwunde blutend, rief auch Marovech von Poitiers den Entsetzten nach. Sie hörten nicht: – sie rannten davon, obwohl kein Mensch sie verfolgte.

Aber am wildesten rannte Desiderius, der Archidiakon von Autun. Er ward verfolgt. Sowie er sich erholt hatte, war er zur Thür hinausgesprungen, die Stufen hinab: – aber an seinem Mantel hing die Klausnerin, unabschüttelbar, wie sein Schatte, wie ein Fluch, wie sein Gewissen.

Er rannte über den Platz: sie hing an seinem Mantel. »Wo ist mein Kind?« scholl ihre gellende Frage laut, weithin über den Markt und die gaffende Menge. Er riß sich den Mantel vom Halse: das Weib flog mit dem Mantel zu Boden.

Aber schon war es wieder auf, schon war es ihm wieder auf der Ferse. »Wo ist Desiderata?« schrie sie. »Wo ist meine Tochter?« Da, vor einer offenen Stallthüre, stand ein ungesattelt Pferd. Im Augenblick saß er auf des Tieres Rücken, stieß ihm die Fersen in die Weichen, schlug es unbarmherzig mit der Faust zwischen die Augen: – das Roß jagte davon wie ein Pfeil.

Aber wehe! Eingekrallt in die Mähne mit der Rechten hing an dem Roß das halb wahnsinnige Weib, die Linke hatte es in des Priesters Soutanengürtel geschlagen. Ihr schwarzes Auge bohrte sich in das seine, und durch das Schnauben des Rosses, durch den Donner der Hufe über die steinige Straße drang ihm grell in das Ohr der Schrei – »Verführer! Wo ist mein Kind?«

So ging der rasende Ritt durch das nächste offene Stadtthor hinaus – bis an den nahen Fluß, den Clain. Das Tier, sinnlos vor Angst, rannte gerade darauf zu, mitten hinein. Da ließ das Weib, wie es das Wasser spürte, von seinem Halt und sank am Ufer zu Boden. Das Pferd sprang mit gewaltigem Satz in die Flut: – der Reiter hielt sich über Wasser, – aber er schwankte, er taumelte, und noch auf dem andern Ufer scholl ihm nach der verzweifelte Schrei: »Mein Kind! Fluch dir! Gieb mir mein Kind!«

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