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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Neunzehntes Kapitel

So scharf entschlossen sprengte der kleine waffenklirrende Reiterzug heran, daß die wenigen Bürger und Wächter, die der Vicarius allerdings vor der Basilika aufgestellt, keinen Widerstand wagten: – er selbst hatte sich weislich in sein Bett begeben. Denn er konnte, so sagte er, die Nachtluft schlecht vertragen.

Die Flüchtlinge waren so zahlreich, daß sie sofort das Hauptgebäude der Basilika für sich in das Auge gefaßt hatten, nicht das gewöhnlich als Asyl dienende Oratorium. Anstrudis und Richauda berichteten, daß wegen der Entweihung der Kirche der ganze, fast ein Stadtviertel einnehmende Bau geräumt war. Die Gefolgen brachten die Rosse in den zu dem Bischofshause gehörigen Stallungen unter, in welchen sowie in Speisekammer und Keller sie Vorräte für Menschen und Tiere genug fanden. Hier, in dem »Bischofshause,« welches hinter dem Schutzgitter der Kirche gelegen und deshalb ebenfalls Freistatt war, nahmen die Brüder mit ihren Gefolgen Quartier, nachdem sie zuerst die Mädchen in das Schiff der Hauptkirche begleitet und dort sicher untergebracht gesehen hatten.

»Genoveva! Genoveva! wo bist du?« riefen Anstrudis und Richauda. Keine Antwort. »Was ist aus ihr geworden?« – »Wo ist sie hingeraten?« – »Ulfia! Ulfia muß es wissen. Wo ist Ulfia?« – »Hier! Neben dem Taufkessel! Unter der ewigen Ampel.« – »Seht, wie rosig, wie vollwangig!« – »Weiß Gott! Sie schläft.« – »Bei all' dem Lärm!« – »Sturm, Waffen und Mord haben die Bürger geschrien!« – »Und auf der großen Glocke im Glockenturm nebenan unablässig den Feuerschlag gehämmert!« »Ulfia!« rief Chrodieldis. »Ulfia! Murmeltier von einer Jungfrau! Erwache! Es regnet! Die Sündflut!« lachte Basina, griff mit beiden Händen in den tiefen gemauerten Marmor-Taufkessel, in welchen erwachsene Täuflinge bis an den Gürtel stiegen, und spritzte ihr einen ausgiebigen Guß in das Gesicht.

Sehr ungnädig richtete sich das dicke Kind auf und reckte beide Arme: »Weißt du, Basina, jetzt sag' ich's aber der Äbtissin! Das ist nun in einer Viertelstunde das fünfte Mal, daß ihr mich weckt. Man kann doch in diesem Kloster nicht einen Augenblick ... –« Und sie legte sich auf die mehr trocken gebliebene Seite. »Halt! Halt! Halt!« rief aber da Basina. »Du thust mir Unrecht mit dem Vorwurf. Wir haben uns ja volle vier Wochen nicht mehr gesehen, du rosenrotes Schlafmäuslein!« »Wo ist Genoveva?« fragte Chrodieldis streng. – »Fort!« – »Wohin?« – »Auf ihre Hochzeit.« »Was? Hochzeit?« riefen da fünfzehn helle Mädchenstimmen. »Ja, Hochzeit!« sagte Ulfia, sich aufrecht setzend. »Aber erst gebt mir was zu essen. Was meint ihr denn? Das ewige Nachtwachen, hier in der öden Kirche. – Und dann – dann muß ich mich auch waschen ... –« »Nachher!« beschwor Basina. »Hier! Hier ist Brot! Lauf eines von euch! Du, Frida, du hast die längsten Beine. Ich hörte Kühe brüllen neben den Pferdeställen. Aber sprich, kannst du melken, o hochgestellte Frida?« – »Ich hab's noch nie versucht – aber ... –«

»Nicht wahr, tanzen wenn es hieße? Das geht ungelernt! Aber dein Vater ist ein weiser Rat. Wirst's schon können! Versuch's nur! Rühr' dich! Da, nimm vom Altare dort die goldne Schüssel. – Geh du mit, wackre Anna, Försterskind, du bist stets zu allen guten Dingen nütz, und hilf ihr. Ich – ich kann wohl melken – aber ich bin zu neugierig! Hochzeit? Da, dickes Kind! Weißbrot. – Nein, mehr kriegst du erst nach der Hochzeit – das heißt: nach der Geschichte davon!« »Nun ja,« sagte Ulfia herzhaft abbeißend und dazwischen durch erzählend, »da Genoveva« – sie schaute sich rings um – »da sie wirklich fort ist, war es wohl kein Traum. Ich erwachte plötzlich ... –« »Von selbst? Ulfchen, das ist unwahrscheinlich! Hübsch bei der Wahrheit bleiben,« mahnte Basina, ihr das reizende Doppelkinn mit dem Zeigefinger in die Höhe hebend. »Weiß ich nicht. Kurz: ich sah Genoveva und einen jungen – sehr! ach sehr schönen! jungen Mann.«

»Wie sah er aus?« – Das waren sechzehn Stimmen gewesen. »Gott, verschreckt mich nur nicht so! Braucht nicht so zu schreien. Bin ganz wach! – Leider! – Nun: schlank und so schöne kastanienbraune, gelockte Haare.« »Ach! Auch einen Bart?« fragte Emma, die Langobardin. »Zu dienen: sehr schönen krausen Bart.« »Ganz mein Josefus daheim,« dachte Emma. Aber sie sagte es nicht. »Und sie saß auf seinem Schos ... –« »Empörend! Abscheulich!« scholl es, durch die Kirche hallend. – »Nur nicht immer zwölf auf einmal! – Und er drückte sie so an sich! – So eng! – Ich glaubte, sie würde ersticken.« »Wie schrecklich!« rief mit leisem, aber süßem Gruseln die junge Margareta. »Das muß ja was Fürchterliches sein! – Und sie ließ sich's gefallen?«

»Mäuschenstill hielt sie. Und erstickt ist sie auch nicht. Und geküßt hat er sie ... –« – »Wie oft? wie oft?« – »Ja, das konnte niemand zählen. In einem fort! Und wenn er aufhörte, dann fing sie an.« – »Nein! Das glaub' ich nicht. Das will ich von meiner Genoveva nicht glauben!« rief entrüstet, aber im Zustand der höchsten Neugier, Antonia, die Tochter des Trollo. »Jawohl, auf den Mund! Und sogar auf die Hand!« Einen Mann! auf die Hand?« rief Hukberta, die Westfalin, und ihre goldgelben Augen wurden so groß, daß sie ganz verglasten. »Und ich hab' ihr die heilge Jungfrau auf ihren Nähkasten gemalt! Die kratz' ich ab. Ich künd' ihr die Freundschaft.« – »Auf beide Hände sogar.« »Und das ließ Er sich gefallen?« fragte entrüstet die lange Frida. »Milch? Ich habe keine. Ich oder die Kuh – wir haben das Gefäß umgestoßen. Anna hat nun gemolken und schleppt schwer daher.« – »Und was sie sich alles für schöne Dinge sagten! Es ist gar nicht zu glauben! Mir ward siedheiß dabei: ich schämte mich zwar ein bißchen! – Und ich war sehr schläfrig, glaubt es mir –« »Wir glauben es dir!« riefen alle. »Nur weiter!« – »Aber meint ihr, ich hätte wieder einschlafen können? Nicht ums Sterben. Es ließ mich nicht! Ganz leise wie ein Mäuslein kroch ich unter der langen Altardecke dicht heran, damit mir ja nichts entginge, und hörte zu. – Ich sag' euch: Sachen giebt's unter zwei Verliebten! Ich habe viel gelernt! Mehr in einer Viertelstunde als im Kloster im ganzen Jahr! – Es war arg, sehr arg. Auch auf die Nase hat er sie geküßt.« »Das ist eine Verschimpfung aller christlichen Jungfrauenschaft!« sprach die strenge Antonia. »Aber bitte, was hat er ihr denn für Namen gegeben. Recht zärtliche?« fragte die blondgezopfte Gertrudis. »Das meiste war nur so geflüstert zwischen dem Küssen durch! Hab leider nicht alles verstanden.« »Nicht eine Silbe wäre mir entgangen,« klagte Christiana, die Tochter des Dosso, die großen, schönen, neugierigen Augen weit öffnend. – »Sogar ihre Zehen hat er gestreichelt und geküßt.« »Was? Hatte sie denn keine Schuhe an?« fragte entrüstet Paula. – »Er streifte ihr den einen ab.« »Das hätt' ich mir nie, nie, nie gefallen lassen,« eiferte Richauda. »Schrei' nur nicht so, wir glauben dir's,« lachte Basina und zischelte der mutwilligen Stephania ins Ohr. »Natürlich,« lachte diese, »Richauda, die arme, hat, wie der Pfau, gar schöne Kleider, aber sehr garstge Füße.«

»Halt, Ulfchen! Dornröslein! Noch nicht einnicken,« mahnte Basina, mit einem gelinden Schütteln. »Erzähle ... –« »Laßt sie erst tüchtig Milch trinken,« sprach die gute Anna, und hielt ihr die tiefe Schale nochmal hin. »Schlucke nur, Kätzchen, ich halte. Stark sind meine Arme.« »Und treu und fleißig allezeit,« sprach Hukberta und schlang den Arm um sie. »Aber das Merkwürdigste ist,« fuhr Ulfia, nachdem sie getrunken, mit einem dankbaren Blick für Anna fort, »daß sich die beiden – denkt euch nur! im Kloster! – Winter und Sommer hindurch fast täglich getroffen hatten.« »Ei du Gott, – das war möglich?« rief Allberahta. »Und mein langer Karolus hat's nicht versucht?« dachte sie im stillen. – »Ja, durch das Kellerloch schlüpfte er. Der Cellerarius war bestochen. Und wißt ihr, wo sie sich trafen?«

»Wo? Wo? Wo? Wo?« fragten alle. – »In der Werkzeughütte im Garten.« »Nein, diese Verschmitztheit! Die Hütte mieden wir alle,« rief Stephania. »Weil angeblich ein Geist dort umgehe und seufze,« meinte Paula. »Nicht angeblich!« beteuerte Basina. »Ich hab' es selbst gehört – einmal in einer Sommernacht.« »Jawohl,« nickte Ulfia. »Und gar fröhlich lachten beide, als er ihr's vormachte, wie er die Kecke – so sagte er – die Kurznasige, das Wirbelköpfchen, weggestöhnt habe, die Neugierigste von allen: ja, so sagte er, Basinchen! Und zuletzt gebot er ihr, sie möge nur gleich mitkommen: er sei gemahnt durch ein paar Zeilen – wohl von Castula, ... –« – »Die kann ja nicht schreiben.« – »Scheint doch wohl! – sie rasch her zu holen. Er habe einstweilen – deshalb sei er verreist gewesen – ihrer Eltern und der Seinen Zustimmung gewonnen; und drüben, im schönen Senatorenhaus, sei seine Mutter bereit, die Schwiegertochter zu empfangen: schon morgen könne die Hochzeit sein.«

»Oh! Ah! Das ist stark! Diese Unverschämtheit! Die Glückliche!« – so scholl es in der Runde. »Wahrscheinlich zur Belohnung ihrer Tugend,« lachte Basina, »geht es der viel besser als uns allen.« – »Aber ich muß Genoveva loben. Sie sträubte sich. Sie sagte, sie hab' es Chrodieldis gelobt, bei ihr auszuharren.« »Heirat geht vor,« sagte da Chrodieldis, hinwegtretend. »Habt ihr's gehört! Heirat geht vor!« jubelten die Mädchen. »Jawohl,« lachte Chrodieldis, »schafft euch nur Männer: dann braucht ihr gewiß weder bei mir zu bleiben, noch Nonnen zu werden.« – »Als er ihr aber gelobte, treulich zu Chrodieldis stehn, ihr durch seinen Vater heraushelfen zu wollen, – da gab sie nach. Und ... – aber jetzt – kann ich wirklich nicht – mehr.« »Ja, laßt sie schlafen! Sie hat sich's redlich verdient,« lachte Basina.

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