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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Achtzehntes Kapitel.

Als die Klausnerin mit der Äbtissin, die auf ein Maultier gebunden worden war, den von Qualm und Rauch erfüllten Klosterhof verlassen – das ganze Gebäude stand, gründlich ausgeplündert, in Flammen – und die große Heerstraße erreicht hatte, drang Waffenlärm an ihr Ohr. »Aha,« lachte sie, »jetzt holen sich die Krämer und Schneider von Poitiers ihre Hiebe.«

Und so schien's werden zu sollen.

Sobald man in der Stadt das Feuer im Kloster bemerkt hatte, waren zuerst einzelne Neugierige, dann viele Hilfbereite hinausgelaufen: – und nicht wiedergekehrt. Nur einer kam, nach geraumer Zeit, verwundet, zurück, der nun schreiend meldete, Räuber plünderten das Gotteshaus und fingen alles ab, was löschen wollte.

»Wo ist der Graf?« hieß es nun. Er fehlte. Sein Vertreter, der Vicarius, ein dicker, alter Herr, stellte sich endlich an die Spitze von einigen Fronboten, ein paar Kriegern und einem Schwarm von Bürgern, die zu den nächsten besten Waffen gegriffen. Sie eilten auf die Brandstätte zu. Auf der Straße trafen sie Anstrudis und Richauda, die sehr bald erkannt hatten, was Art von Leuten die Klosterstürmer waren: angesichts der Waffen, der Flammen hatten sie Hochmut und Kleiderlust gar rasch verloren und waren zurückgeeilt, nach der Stadt zu. Hier wurden sie aber von dem Vicarius angehalten und, da sie in der Angst auf die Frage wohin? thörichterweise antworteten »ins Asyl«, sofort festgenommen.

»Hier, auf der Landstraße, ist kein Asyl, meine Täubchen,« meinte der Vicarius. Jedoch dies blieb der Bürger einziger Erfolg; wenige Schritte weiter wurden sie auseinandergesprengt von Gisbrand, der sich mit einem Teil der Seinen in Hinterhalt gelegt hatte, gerade da, wo in einem kleinen dichten Wäldchen die nach Norden, nach Paris führende Straße abbog. Kaum hatten die flüchtenden Bürger die beiden gefangenen Mädchen noch mit sich gegen die Stadt hin zurückführen können.

»Nach, Brüder!« jauchzte Gisbrand. »Ja,« schrie Waroch, »jetzt geht's an die Stadt, an die Kaufherrn! Castula, hast du deine Alte? Gut, schaff sie fort wohin du willst. Halt, horch! Was ist das?« – Ihm blieb nicht Zeit, nochmal zu fragen: denn von der Straße von Paris her sprengten plötzlich – taghell leuchtete der Brand des Klosters – mehrere Rosse, Waffen klirrten. Chrodieldis, Sigvalt, Sigbert und etwa zwanzig wohlbewehrte Reiter drangen auf sie ein. »Mordbrenner und Räuber!« rief Chrodieldis, nun den Rappen anhaltend, der zwei Gegner über den Haufen gerannt hatte. »Euer Blut komme über euch! – Schau, Sigvalt, die Greisin auf dem Maultier dort! Die Äbtissin! Frei muß sie werden. Drauf!«

Und noch ein Anprall der Reiter – ein paar Klingen kreuzten sich – mehrere der Strolche, darunter Waroch, jetzt, mit wildem Fluch, auch Gisbrand, fielen: da stob der Haufe auseinander, der dem Angriff mutiger Krieger entfernt nicht gewachsen war.

Chrodieldis ritt dicht an die Äbtissin heran und zerschnitt ihr mit dem Dolch die Stricke. »Chrodieldis! Dir dank' ich Freiheit, Leben?« Aber diese hielt bereits vor dem Vicarius: »Euch übergeb' ich diese befreite Frau.« Recht jämmerlich klangen da, recht flehend zwei Mädchenstimmen an ihr Ohr: »O Chrodieldis, befrei' auch uns! Wir sind gefangen.« – »Was seh' ich? Anstrudis – Richauda! Wie kommt ihr hierher?« »Hilf, Chrodieldis, nie mehr will ich dir trotzen,« bat jene. »Wir sind unschuldig,« beteuerte Richauda, »ganz unschuldig; hilf uns!« – »Das versteht sich! Ihr seid meine Genossinnen. Vicarius, gieb diese Mädchen frei. Ich bürge für sie.«

Allein unwillig erwiderte, sie mit finstern Blicken messend, der Alte: »Bürg du für dich! Du bist also die schlimme Chrodieldis, die diesen ganzen Handel angefangen hat? Mit dir, mit deiner Schar entwich die Klausnerin, die man als Führerin der Räuber sah. Du wirst den Herrn Königen Rede stehen. – Ihr Leute, gebt die Mädchen nicht heraus! Es sind Asylflüchtige, außer Asyl gegriffen.« – Und noch mehr Bewaffnete drängten sich um die gefangenen Mädchen.

»Laß sie, Chrodieldis,« warnte Sigvalt leise. »Es geschieht ihnen nichts Böses in des Richters Obhut. Und wir wollen doch nicht den Königsfrieden brechen auf des Königs Heerstraße mit gewaffneter Hand ... –«

Die Jungfrau überlegte; schon zog sie sacht den Zügel an. Da schrie Anstrudis: »Wehe, wehe! Wir werden fortgeschleppt! Und Chrodieldis schaut zu! Ist das deine Treue und das geeidete Wort?« Da gab Chrodieldis dem Rappen die Sporen, daß er in hohem Satz über die vorgehaltenen Speere hinweg in den Knäuel der Bürger und Fronboten sprang: »Gebt sie heraus, die Mädchen,« rief sie und schwang die Reitgerte. Zwei Bürger fielen ihr in die Zügel: ein Fronbote griff nach ihrer Hüfte, sie herabzuziehen aus dem Sattel. Im Augenblick waren die beiden Alamannen neben ihr, ihre Kurzschwerter blitzten. Der Fronbote, der ihr Gewand nicht loslassen wollte, stürzte mit blutendem Gesicht: – schreiend stoben die Gegner von den gefangenen Mädchen hinweg und auseinander. »Friedbruch! Waffen! Blutwunden! Friedbruch!« hörte man noch den Vicarius rufen: dann ward alles still.

»Die Mädchen sind gerettet,« sagte Sigbert, das Schwert einsteckend, leise zu seinem Bruder. »Ja, und wir sind verloren,« erwiderte dieser ebenso. »Aber es ging nicht anders. Jetzt hol' ich Basina und die andern schüchternen Täublein.« – »Aber wohin mit ihnen?« meinte Sigbert.

»Ja, wohin?« fragte Chrodieldis, die beiden Mädchen abwehrend, die ihr dankend die Hände drückten. Richauda küßte den Saum ihres Gewandes. »Wohin?« wiederholte sie, in Sinnen verloren.

Der schwere Ernst ihrer Lage stieg drohend vor ihr auf. Sie hatte kühn das Außerordentliche gewagt, jede Schranke scheuen Mädchentums stolz übersprungen. Diese Schranken, das erkannte sie nun recht klar, recht bitter, hemmten nicht nur, – sie schützten auch sehr wohlthätig. Und andre treue Herzen hatte sie mit hineingerissen in ihr wildes Geschick, hatte sie, tiefer als sich selbst, mit Schuld befleckt. Nun stand sie nachts auf offener Heerstraße – friedbrüchig. »Wohin?« Sie dachte an ihre Schwester – an England – an Kent –. Aber bis sie die Küste erreichten, waren sie längst eingeholt von der empfindlich verletzten, keck herausgeforderten Gewalt des Staates. »Wohin?« seufzte sie ratlos.

»Je nun,« antwortete ihr aus dem Halbdunkel heraus – denn der Feuerschein des Klosters nahm nun rasch ab – eine frische, resolute Summe, »ins Kloster können wir doch nicht – beim allerbesten Willen. Das hieße bei lebendigem Leib ins brennende Fegefeuer reiten.« – »O Basina! Auch dich hab ich in diese Not gebracht.« – »Ei was! Freundinnen gehören zusammen. Ein Glück aber war's für Frau Leubovera, daß wir gerade im rechten Augenblick den Brand wahrnahmen, bevor wir in die Stadt einbogen von der Straße weg! Ich wollte kaum glauben, daß es das Kloster sei, so nahe schien die Flamme der Stadt. Und lustig war's auch zu schauen – vom sichern Hügel aus! – wie ihr auf schnaubenden Rossen die Räuber auseinander sprengtet. Ich hätte gar zu gern mitgethan: wenn ich nur ein ganz klein bißchen mehr Mut hätte zusammenbringen können! – Nun, auf der Landstraße können wir nicht bleiben! Ins Kloster gehen wir nicht: aus Grundsatz und weil's brennt. Also: In die Stadt, ins Asyl!«

»Schwerlich lassen sie uns, die Bürger, jetzt ungestört Asyl gewinnen. – Ihr, treue Freunde, habt euer Wort gelöst und König Guntchramns Auftrag erfüllt. Ihr habt uns nach Paris und von Paris zurück nach Poitiers sicher geleitet. Habt Dank: – Dank fürs Leben! Verlaßt uns jetzt. Trennt euer Geschick von dem meinigen, dem schwer verstrickten. – Kommt, ihr Mädchen, wir suchen Asyl in der Basilika. Gelingt es nicht, so geben wir uns den Bürgern gefangen.«

»Nie! Nimmermehr!« riefen da Sigbert und Sigvalt. »Wir ziehen mit euch. Euer Los ist auch das unsere.« »Ich will doch sehen,« lachte Sigbert, »wer mir den Weg zur Kirche sperrt, wenn ich mit Basina zum Altar schreiten will.«

»O Sigvalt,« flüsterte Chrodieldis. »Laß mich! Und rette dich.« – »Hast du vergessen mein Treuwort, Geliebte? Ich bin dein Schild: im Leben und im Tode deck' ich dich. – Frisch, Genossen, bindet die Helme auf! Nehmt die Mädchen in die Mitte, senkt die Speere, schließt die Schilde fest an den Leib und vorwärts.« »Jawohl,« fiel Sigbert ein. »Der heilige Hilarius muß uns schützen, ob es ihn viel freut oder wenig. Und wer sich zwischen uns und unsern unfreiwilligen Schutzherrn drängt, – drauf mit Alamannenhieben!« »Das gefällt mir sehr,« rief Basina. »Komm, Chrodieldis! Königinnen sind wir!«

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