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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Zwölftes Kapitel.

Das Palatium der Merowingenkönige zu Paris – das wichtigste, in dem sie am häufigsten weilten – war derselbe alte Kaiserpalast, in welchem weiland Julian dem Apostaten von seinen Legionen die Kaiserkrone aufgezwungen ward. Es sind die Räume, die heute die Namen: »Museum der Thermen« und »Hotel von Clugny« tragen. Die etwa achtzehn Mädchen waren in den Frauengemächern des weitläufigen Gebäudes untergebracht worden: diese standen leer. Denn die Königin-Mutter, die hohe Brunichildis, war vom Hofe vertrieben worden von der herrschenden Bischofs- und Adelspartei, die den jungen König Childibert, Brunichildens und des allzufrüh ermordeten vortrefflichen König Sigiberts Sohn, zu seinem und des Reiches schweren Schaden, damals noch völlig beherrschten. König Guntchramn, den Oheim, hielten sie nach Kräften fern von ihm. Mutter und Oheim hatten dem Jüngling eine Braut, die schöne und sanfte Faileuba, ausgewählt, um durch die Segnungen der Ehe die erwachenden sehr lebhaften Neigungen des jungen Merowingen zu bekämpfen. Aber die »Erzieher« des Königs hatten keine Freude an dieser Verlobung. Sie ließen die Braut sowenig wie die Mutter in die Nähe des königlichen Jünglings kommen, schoben die Vermählung immer wieder hinaus – ins Unbestimmte – und versicherten sich ihrer festen Herrschaft über den Heißblütigen, indem sie immer für lustige, wechselnde Zerstreuungen sorgten.

In dem Vorsaal vor des Königs Gemach saßen beim Brettspiel an einem Marmortisch zwei Männer; der Bischofsmantel des einen und der reiche Waffenschmuck des andern deuteten den hohen Rang der beiden Freunde an. Nur dieser Vorsaal führte zu dem königlichen Cubiculum: wer hier Stellung nahm, hielt den jungen Herrn in Belagerung; nie – bei Tag und bei Nacht – fehlte einer der beiden Männer in diesem Saal.

»Lieber Schwager und Herzog,« sagte der Bischof nach langem Schweigen – und um die vornehmen bedeutenden Züge spielte ein feines Lächeln: »du bist auf dem Schlachtfeld, Dank dem heiligen Martinus, ein besserer Feldherr als auf diesen Marmorfeldern: – du giebst nicht acht! – Denk an deinen König!«

Der andere, eine gewaltige Kriegergestalt, warf das mächtige Langschwert, das er zwischen den Knien trug, quer über den Schos und schob eine reichgestickte Scheitelhaube zurecht, die er unter dem stolzen Drachenhelm zu tragen pflegte, den er nun neben sich auf einen niedern Schemel gestellt hatte.

»Weil ich an meinen König denke, Schwager Egidius,« lächelte der Kriegsheld, »an den von heißem Merowingenblut – nicht an den toten hier von Elfenbein – geb' ich auf das Brettspiel nicht acht. – Ich hoffe, wir gewinnen das andre Spiel.« – »Gewiß! Diese beiden Mädchen kamen zu rechter Zeit.« »Sollten sie deine Heiligen uns zu Hilfe gesandt haben?« höhnte der Herzog. »Frau Venus nannten eure römischen Ahnen diese Heilige, denk' ich.«

»Du reibst dich gern an der Geistlichkeit!« lächelte der Bischof. »Und doch wo wärest du ohne ... –« – »Die Beichte! – Gewiß! Mittags Wein, Abends schöne Freundinnen, Morgens die Beichte. Wer damit keinen merowingischen Königsknaben beherrschen kann, ist ein Tropf, kein austrasischer Palatin.« »Beherrschen und –« flüsterte der Bischof – »verderben. Das Bürschlein wird nicht alt bei diesem Leben.« – »Schadet nichts! – Das Merowingenhaus steht nur noch auf sechs Augen. Es hat lang genug geherrscht. Auch andre Frankengeschlechter ...–«

Da wurde die Vorhausthüre, die nach dem äußern Gang führte, aufgeschlagen und, geführt von vier reichgekleideten Höflingen, traten Chrodieldis und Basina in den Saal, gefolgt von den beiden Alamannen, die, sich tief vor dem Bischof und vor dem Herzog verneigend, an der Thüre stehen blieben; die beiden Gewaltigen schienen die Eintretenden nicht zu achten, sie waren ganz in ihr Spiel vertieft.

Zwei Höflinge gingen in des Königs Gemach, die Mädchen zu melden. »Sehr willkommen, sehr!« klang es vernehmlich heraus. Die Höflinge erschienen wieder und winkten den Mädchen, zu dem König einzutreten. Sie mußten an dem Spieltisch vorüber; beide Männer warfen einen raschen Blick auf sie und spielten weiter. Da blieb Chrodieldis stehen, hart an dem Tisch. »Ihr wurdet beide gestern,« sagte sie laut, »der Ehre gewürdigt, uns zu begrüßen und unsere Namen zu erfahren. Ihr, Herr Egidius, seid ein Bischof des Herrn: Ihr habt eure besondre Hoheit – Du aber, Herzog Rauching, lerne nun und merke dir's, wie man eine Königin der Franken zu begrüßen hat.« Und heftig schlug sie ihm mit der Hand die Stirnhaube vom Kopf, daß sie weit weg auf den Estrich flog.

Wütend fuhr der Herzog auf, erbleichend vor Zorn, – der Spieltisch stürzte um, die elfenbeinernen Figuren klirrten über den Mosaikestrich hin – Rauching rang nach einem Wort: aber schon war Chrodieldis rauschenden Gewandes im Gemach des Königs verschwunden. Glutrot vor Schreck folgte ihr Basina.

Die Scene war von furchtbarer Wirkung auf alle Zeugen: die beiden Alamannen eilten unwillkürlich ein paar Schritte vor, wie um dem verwegenen Mädchen beizuspringen: die vier Höflinge zitterten am ganzen Leibe: dann fiel ihnen ein, daß sie die Spielfiguren auflesen konnten. Welches Glück! Welche Ablenkung! Welche Beschäftigung! Der Bischof, der ebenfalls aufgesprungen war, blickte, die Finger der Rechten ausstreckend, gespannt zu dem gewaltigen Herzog hinauf. Dieser aber holte tief Atem und die geballte gepanzerte Faust drohend gegen das Königsgemach hin erhebend, stöhnte er heiser hervor: »Warte!«

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