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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Elftes Kapitel.

Ohne die Antwort abzuwarten, eilte sie, so rasch die Füße sie trugen, quer in die blumige Wiese hinein. Hier saß, an eines klaren Bächleins Rand, die blonde Genoveva, das Haupt träumerisch an einen moosumwachsenen alten Markstein gelehnt. Sie zerpflückte bald Sternblumen, deren Weissagung befragend, bald flocht sie weiter an einem halbfertigen Kränzlein, das sie aus den bunt und üppig hier sprießenden Frühlingsblumen zu winden angefangen hatte. Sie summte dazu, träumerisch, gedankenvoll, ein Liedchen:

»Weit vom Weibe –
Nicht müht es den Mann!
Nach andern äugt er, der Arge,
Aber des armen
Mädchens Gemüt, –
Ferne vom Freunde
Sehnsucht fehlt es und Sorge! –
Blumen und Blätter,
Kleine Kränze,
Will ich den Wogen
Vertrauen und Träume der Trauer!
Führt sie zum Freunde,
Ihr willigen Wellen,
Und sagt ihm, wie selig ... –«

»Du bist es, Castula? Was bringst du mir?«

»Bessern Rat, als diesen Kranz in den Bach zu werfen! Bringt ihn dem Freund – mit eigenen Händen.« – »O weh! Du hast gelauscht –!« – »Heute, hier war nichts Besonderes zu erlauschen, Täubchen. Aber im Klostergarten, in der Werkzeughütte ... –« – »Heilige Genoveva!« – »Ohne Sorge! Die Klausnerin war auch einmal jung. – Herr Frontinus, des Senators Sohn zu Poitiers ist ein bildschöner Herr! Und weder des Januarius Schnee zur Mitternacht noch des Juli Sonnenbrand um Mittag konnten ihn fernhalten von der Zeughütte! Nun war er verreist, mondelang. Aber er ist zurück – seit acht Tagen.« – »Woher weißt du ... –?« – »Sein Freigelassener ist ein Freund eines meiner Freunde im Kloster ... –« – »Du? – Du, die Reclausa, die seit Jahren ihre Zelle nicht verließ vor lauter Frömmigkeit, vor lauter ... –« – »Sagt es nur: vor lauter Reuebuße für eine frühere Flucht! Ja, die arme verachtete Reclausa hat doch Freunde im Kloster! Und sein Freigelassener erkundete von meinem Freunde, wohin Ihr geflüchtet. Und kam, im Auftrag seines Patrons, auf Eurer Spur, nach Tours zu den Mönchen. Und warf mir dies Brieflein für Euch über die Mauer: hier, es sieht recht zärtlich aus, das Wachstäfelchen.« Selig las das blonde Kind: »O komm zurück – mich verzehrt das Verlangen.« Sie errötete bis an die Stirn, barg das süße Geheimnis im Busen und lächelte: »Gut, daß du nicht lesen kannst.« Castula lächelte gutmütig: »Ja, es ist immer gut, wenn man dumm ist: – gut für die andern.« – »Denke nur: er schreibt, ich solle zurückkommen ... –« – »Ah, das hätt' ich nie erraten! – So kommt zurück.« – »Unmöglich.« – »Sehr leicht. Ich gehe heute noch mit drei Edelfräulein –: Chrodieldis hat's erlaubt.« – »Im Kloster werden sie jetzt scharf Wache halten.« – »Nicht ins Kloster sollt Ihr! In die Stadt, zu ihm, dicht neben sein Haus, in die Basilika!« – »O süße Wonne, die mich durchrieselt! Ich will's noch überlegen, aber ich kann kaum anders. Er ruft: – Castula, wie dank' ich dir.« – »Habt mir nichts zu danken. Seht, andre – die führ' ich gern, an ihren stolzen Nasen sie gängelnd, ohne daß sie's merken, zu meinen Zielen. Aber du, – du thust mir weh und wohl zugleich im Herzen! Schau, Genoveva, ich war auch einmal wie du: gut und rein und blind vertrauend, bis ... –! Doch das ist nichts für dich! – Dich aber täusch' ich nicht. Denn du gleichst ihr, der Armen, die um fremde, – weh, um meine – Schuld! gelitten hat: der Süßen gleichst du, der Unschuldigen, die sie zertreten haben. Du staunst? Ja doch: ich habe eine Wut gegen das Kloster und gegen die Äbtissin und gegen – ha,« lachte sie, »fast gegen alles, was geistlich ist oder vornehm, gegen diese ganze Heuchelei und Sünde und Gewalt, die man zusammen Kirche und Reich der Franken nennt. Ah, das ist all' ein ungeheuerer, von Schätzen vollgestopfter Scheiterhaufe: – darauf liegt gebahrt die tote Treue. Hei, welche Hand darf die erste sein, die zündend die Fackel darein wirft? – Was ich will? Nur der Äbtissin Eine Frage vorlegen: – aber so, daß sie antworten muß, nicht wieder ihre Wolfshunde rufen kann gegen mich. Du schüttelst die blonden, die goldnen Ringelein, holdes Kind? Du meinst, die Klausnerin ist wahnsinnig? Mag sein! Dir aber thut sie nichts zuleide. Du darfst mir trauen!« – Und wieder ohne Antwort abzuwarten, lief sie fort; sie war diesmal der Entscheidung noch sicherer als bei den andern.


Und mit den vier Genossinnen war Castula zurückgewandert nach Poitiers. Sie hatte in der Nähe der Basilika des heiligen Hilarius, in einer Seitengasse versteckt, abgewartet, bis am frühen Morgen das Gitter des Nebenhauses, des Oratoriums, geöffnet ward, die Frommen zu den Horen zuzulassen: und sofort hatten die Fünf mit dem Ruf »Asyl! Asyl! Hilf, Sankt Hilarius!« sich über die Schwelle hinein in das Innere der Kirche geflüchtet. Gerade dieser Teil des Gebäudes war für die Asylsuchenden bestimmt: deren Zahl war das ganze Jahr hindurch nicht klein, wenn sie auch niemals die Menge der Schützlinge erreichte, die Sankt Martin zu Tours, der größte Heilige des Frankenreichs, unter seinem Frieden barg.

Deshalb hatte man hier, wie in den meisten stark als Freistätten gebrauchten und mißbrauchten Kirchen, eine besondere Abteilung den Flüchtlingen angewiesen: Asyl gewährte freilich jeder Raum innerhalb der geweihten Umfriedung. So ward die Verwendung des übrigen Baues für die Kirchenzwecke nicht beeinträchtigt durch das Leben der Schützlinge in dem Oratorium und deren häufige Verhandlungen mit den Abgesandten der Staatsgewalt; um dieser sehr nötigen Vorsicht willen hatte man den den weiblichen und den den männlichen Schützlingen zugeteilten Raum durch eine dicke und hohe Zwischenmauer geschieden.

Der den Frauen gewährte Raum war leer, so schien es. Verschüchtert, unbehaglich sahen sich die Edelfräulein in dem halbdunkeln, kahlen, schmalen Viereck um: ein Kreuz, ein verblaßtes Mosaik: die Lämmer, die der gute Hirt schützend um sich schart, darstellend, ein Betschemel, ein paar Decken auf den Steinstufen, die als Lagerstätte dienten, das war alles; ein Krug Wasser und ein paar Brote waren frisch hineingetragen worden von einer unfreien Magd der Kirche, die, mit einem verwunderten Blick auf so vornehmen Besuch, auf so feine Gestalten, schweigend wieder ging.

Castula durchmusterte den Raum; sie maß vor allem fünf Schritte vom Eingangsgitter ab, die Zwischenmauer entlang, nach hinten, machte plötzlich Halt und klopfte mit der geballten Faust an die Mauer: Mörtelbewurf bröckelte ab: – es klang wie Holz. Sie nickte und schritt weiter in die finstere hinterste Ecke, bückte sich und hob ein grobes Segeltuch auf, unter dem ein drohendes Brummen hervordrang: »Dacht' ich's doch! – Wieder hier, Struzza?« Da richtete sich unter der Decke ein gewaltig Weib auf: braunrote Haare strich sie sich aus dem breiten Gesicht: »Du bist's? Die Arleserin? Nun wird's lustiger!« rief sie aus rauher Kehle. – Weindunst ging von ihrem Atem aus. »Wer ist das, o all' ihr Heiligen?« rief Genoveva erschrocken und flüchtete hinter Anstrudis, während Richauda bis an die Thüre zurückwich. – Nur Ulfia blieb von dem Eindruck verschont: sie lag auf der untersten Stufe und schlief sanft.

»Das ist eine – Freundin von mir! Struzza, aus dem Bajuvarenland hierher verschlagen, das heißt: Herrn Truchtigisel zu Soissons entlaufen und seiner gestrengen Ehefrau. Auch eine Klausnerin, – aber eine wilde.« – »O,« flüsterte Genoveva, hinter Anstrudis scheu hervorlugend, »die in den Steinbrüchen hauset, draußen vor der Stadt?« – »Was hast du da für feine Püppchen mitgebracht?« grinste, wenig freundlich, die Rothaarige. »Sie soll manchmal einen Dämon haben, ist das wahr?« fragte Richauda. »Oder der Dämon mich,« lachte das Weib. »Sie ist gar so groß,« meinte furchtsam selbst Anstrudis. »Und sie frißt kleine Kinder,« fügte die Vorgestellte bei, die Furcht und den Abscheu der Mädchen bemerkend.

»Sie beißt nicht!« beruhigte Castula. »Wenn sie nüchtern ist,« grinste die Riesin. – »Was hat dich diesmal hergeführt?« – »Bah, eine geringe Sache! Nicht jede heilige Klausnerin hat einen Klosterkeller neben ihrer Zelle.« – »Still! Schweige doch!« – »So hab' ich denn eine Amphora Rhonewein gestohlen. Und den Hund von einem Hehler, der mir heimlich die Hälfte weggesoffen hatte, mit der Faust niedergeschlagen: – war halb tot. Wer sind die vier jungen Katzen?« – »Edle fränkische Fräulein.« – »Haben die auch gestohlen? Haben sich wohl eher stehlen lassen, eh? – Höre, schaff mir bald die nasenrümpfenden Puppen aus den Augen oder ich erdroßle sie wie vier Schnepfen auf vier Griffe.« – »Geduld! Freilich müssen sie fort, bevor wir die Männer hereinlassen. Mein Freund, der Kellermeister, der früher einmal hier Asyl gesucht, hat mir das Geheimnis der Zwischenthür verraten. Wie viele mögen drüben sein?« – »Nach dem Lärm, den sie heute Nacht machten, wohl dreißig.« – »Das genügt.« – »Wofür?« – »Für mein Werk: ein großes! Bücke dich.« Sie raunte ihr ins Ohr. »Heia! Gevatterin! Das lob' ich mir! Dir fällt doch immer was ein! – Mir – mir hat der viele Wein – und die Wut über die viele Geißelung – das Denken verstört. Die Äbtissin! Die bitt' ich mir aus.« – »Nein! Die gehört mir! Ich muß sie etwas fragen! – Aber still! Erst muß alles mit den Männern drüben beredet sein.« – Angstvoll drängten sich während dieser geflüsterten Unterredung die drei Mädchen zusammen um die schlafende Ulfia, mit scheuen Blicken die beiden unheimlichen Weiber betrachtend.

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