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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Zehntes Kapitel

Und an demselben Abend, da die Königinnen Paris erreichten, waren Castula die Klausnerin und ein paar der Mädchen schon wieder in Poitiers, im Asyl des heiligen Hilarius. Castula hatte Chrodieldis zwar darin die Wahrheit gesagt, daß sie sich dorthin begeben wolle mit so vielen Genossinnen als ihr folgen würden. Aber nicht hatte sie der Fürstin anvertraut, was sie von jenem Asyl aus weiter ins Werk setzen wollte. Nur sehr wenige folgten ihr, und diese aus ganz besonderen Gründen.

Die erste, die Castula für den Gedanken des ruhigen Abwartens gewonnen hatte, war die arme Ulfia von Passau.

Arm war »das dicke Kind« zu nennen, nicht wegen Mangels an weltlichem Gut oder an leiblicher Gedeihlichkeit – im Gegenteil: Ulfia hatte des ersteren genug und des letzteren fast zu viel: – sondern weil es unaufhörlich die Zielscheibe der Neckereien aller Genossinnen war vermöge unbeschreiblichen Schlafbedarfs. Sie war immer so furchtbar müde, die kurzgewachsene, vollblütige Kleine! Kaum der Kindheit entknospt, hatte sie noch ganz Kindergewohnheiten; und die Anstrengung, die es sie gekostet hatte, sich fortab als Jungfrau zu begreifen und zu benehmen, lag ihr noch schwer in allen ihren nudelrundlichen, rosa behauchten Gliedern. Nicht mit Unrecht hatte die muntere Allberahta, das schöne Haupt in den üppigen Nacken werfend, gemeint, wenn man sie schon »Rotundula« schelte, müsse man die Passauerin »die Kugel« nennen.

Sie schlief immer. Die Äbtissin mußte Monat für Monat die Strafwachstunden, Halbe-, Viertel-, Achtelstunden fallen lassen, die das unglückliche Bajuvarenkind verwirkt hatte, weil es zu spät kam zur Hora, zu spät zur Matutina, zur Messe, zum Frühstück, zur Morgenarbeit, zum Hauptmahl, ja auch zum Nachmittagsschlaf: – denn sie war, den letzten Bissen im Munde, regelmäßig schon an der Tafel eingeschlafen und konnte weder durch Zuruf noch durch Hukbertas Rippenstöße noch durch Basinas Kitzelversuche mit ihres eigenen Haarzopfs Spitzen unter der Nase zum Erwachen aufgeschmeichelt werden, wann es aufstehen hieß, das Nachtischgebet zu sprechen. Beim Abendessen sank sie mit dem stumpfen Näslein oft vornüber in die gemeinsame klösterliche Abendmilch; und in ihre Zelle und in ihr Bett gelangte sie ohnehin nie anders als im Halbschlaf wankend, geführt von gutmütigen Freundinnen, an denen es ihr bei ihrer großen Herzensgüte und – sofern sie nicht gerade schlief – liebenswürdigen Fröhlichkeit nie fehlte.

Einmal hatte sie den ersten Preis im Goldsticken erhalten, Basina den zweiten (Chrodieldis war auf Wasser und Brot gesetzt worden, weil sie den kostbaren Stoff über die Scheibe für ihre Lanzenwürfe gespannt hatte). Beide durften sich ihren Lohn erbitten: Basina bat, sie so lange im Klostergarten Kirschen von den Bäumen pflücken und essen zu lassen, – mit der sonst streng verpönten Aufbeißung der Kerne, – bis sie genug haben werde: dies Ziel ward spät, aber doch erreicht; der Garten war noch nicht ganz leer: aber alle Sperlinge zogen laut scheltend davon. Ulfia hatte gebeten, sie einmal im Leben ausschlafen zu lassen. Doch sie kam um ihren Lohn! Nachdem sie achtundzwanzig Stunden ohne Unterbrechung geschlafen, weckte sie die Äbtissin angsterfüllt: »Aber doch auch nicht die Augen lassen sie einen Menschen zumachen in diesem Hause,« brummte sie, legte sich auf die andere Seite und – schlief fort.

Da waren denn dem Grafenkind von Passau die letzten Abenteuer wenig erwünscht gewesen. So fand Castula günstig Gehör, als sie gleich nach der Flucht von Tours sich an die Bajuvarin wandte. An einer langen Latte, die sie aus einem Weinberg gerissen, schwang sie sich über den Graben der Heerstraße und ging auf einen Haufen frisch geschnittenen Frühheues zu, auf welchem sich Ulfia hingestreckt hatte, während die anderen aus den mitgeflüchteten letzten Gaben des guten Dodo ein hastig Frühstück bereiteten und einnahmen.

Die Klausnerin war eine mittelgroße Gestalt; ihr starkes braunes Haar zeigte nur hier und da durchlaufende weißgraue Streifen, die dunkle Farbe des Gesichts, die feurig unter starken Brauen hervorblitzenden schwarzen Augen bezeugten ihre südgallische Herkunft; der Mund, jetzt herb und trotzig aufgeworfen, mußte früher sehr reizvoll gewesen sein und die ganze Erscheinung trug die Spuren ehemaliger hervorragender Schönheit; das immer noch anziehende Gesicht war nur zerrissen und entstellt durch seltsame, unregelmäßige Narben.

Sie stand lange betrachtend vor der Schläferin, deren tiefe volle Atemzüge so gleichmäßig den jungen Busen hoben und senkten. Das rosige Gesicht blühte in Unschuld und Gesundheit: ein kleiner blauer Schmetterling mit vielen Äugelein auf den Unterflügeln, der gern an allerlei Süßem nascht, war lang hin und hergeflogen über ihrer Stirn: er ließ sich nun am Ansatz der Haare nieder und sog den Duft dieses jungen Lebens ein. Rührung oder Mitleid – mit sich selbst oder mit dem holden Kinde? – oder Wehmut lag in den Zügen der Reclausa. Endlich beugte sie sich – der Falter flog davon – und sprach laut, ganz nahe der Schlummernden zierlichem Ohr: »Herzulfia, schläfst du?« – »Zum erstenmal seit vielen, vielen Wochen!« – »Lagst du gut?« – »Sehr gut.« Und das rosige Gesicht sank schon wieder auf den weichen, nackten Arm. Aber Castula träufte ihr aus ihrem Kürbiskrug einen Tropfen kalten Wassers in den Busen und rief ihr ins Ohr: »Sollst noch besser liegen: – auf dem Heuboden des Bischofshofes zu Poitiers, wenn du mit mir umkehrst! Willst du?« – »Kann nicht.« – »Warum nicht?« – »Chrodieldis – versprochen! – Gute – Nacht!« Aber die Klausnerin zupfte sie am Ohrläppchen: »Chrodieldis hat's erlaubt.« – »Aber wie? – Zu Fuß? – Bin zu müde.« – »Zu Esel.« – »Zu Esel! Das wäre was! Die gehn gleichmäßig!« – »Wie eine Schlafwiege. Und ich gelobe dir: du sollst schlafen, schlafen – bis alle Könige und alle Bischöfe und die Äbtissin und Chrodieldis einig sind.« »Das wird lange! Ich folge dir!« hauchte sie noch und sank aufs Heu zurück. »Ein Grafenkind, auch im Schlaf, ist immer etwas wert,« raunte die Klausnerin, »Der werden sie nicht viel thun. – Nun zu der Herzogstochter.« – Und sie humpelte – denn der eine Fuß lahmte ihr ein wenig – über die Heerstraße zurück und einen kleinen Hügel hinan, auf dem, hochaufgerichtet, stand Anstrudis, des Herzogs Siggo stolzes Kind; sie lehnte den Rücken an einen Baum und spähte scharf nach Westen; unwirsch zupfte sie an den Flechten ihres braunen Haares, die sie nach vorn über die Brust geworfen hatte. »Was thust du hier, o Herrin?« – »Du meinst wohl Chrodieldis. Sie ist hier Herrin: – wie allerwärts.« – »Was thust du hier?« – »Ich stehe Wache: ich spähe, ob wir verfolgt werden, von Tours her.« – »Freiwillig?« – »Auf ihr Geheiß.« – »Ha, es behagt ihr wohl, Herzogstöchter umher befehlen, auf Wache schicken zu können.« – »Sie versteht zu befehlen, das muß man ihr lassen.« – »Ist nicht schwer, findet man sogar Siggos, des Langobardenbesiegers Kind, bereit, zu gehorchen. Mach ein Ende! Geh mit mir nach Poitiers ...« – »In das Kloster? Niemals!« – »Gegen das Kloster!« Anstrudis horchte hoch auf. »Laß der Hochfärtigen den billigen Ruhm, von Ort zu Ort heimlich zu entwischen. Ich gehe nach Poitiers, das Kloster zu stürmen. Du staunst? Entschlossene Männer stehen bereit, mir zu helfen. Willst du uns führen? Willst du vollenden mit der Faust, was jene erbitten will?«

»Gern! Wie gern! Aber mein Eid ... –« – »Sie läßt jede ziehen, die will: – und dich am liebsten, die ihr an Rang, an Ansehen nächste.« – »Ich gehe mit! Komm, ohne Abschied von – ihr.« – »Recht! Ich hole dich hier ab. Noch ein paar andere bring' ich mit.«

Und sie schlich wieder hinab auf die staubige Straße; da saß am Rande des Grabens, unter hochaufgeschossenem Unkraut, Richauda, des reichen Thesaurarius Charigisel hübsche, viel verwöhnte, verzärtelte Tochter und flickte mit langen Stichen, weit ausziehend, mit grauem Bindfaden den Saum eines wenig klösterlichen Mantels, der, von köstlich gewebtem Stoff, einst veilchenblau von Farbe und reich gestickt gewesen war: allein von Regen und Schnee jener ersten Märznacht hatten Farbe, Gewebe, Stickerei kläglich gelitten.

Castula setzte sich zu ihr in den Graben, zog eine Schere aus dem Gürtel und half ihr. »Risch – rasch! Fort damit. Lauter Fetzen! Schade drum! Welch herrliches Zeug! Das ist nicht hier im Frankenreich gewebt worden!« »Dank für die Hilfe!« seufzte Richauda. »Das kommt aus Byzantion. Mein Herr Vater hat dort, als Gesandter unsrer Könige, vom Kaiser kostbare Ehrengeschenke erhalten. Das ist ein »holosericon himation«, ein ganz seidener Mantel.«

»O heilige Radegundis,« seufzte Castula. »Daß ein Edelkind wie Ihr hier, an dem Graben auf der Heerstraße, an solchen Prachtgewanden flickt! – Und seht nur, wie Eure Haare staubig sind! Schaut einmal hierher, schöne Herrin!« – »Einen Spiegel? Ei Castula! So eitel?« Die Klausnerin, die heute noch viel schöner war als das eitle junge Kind, lächelte: »Nur für Euch hab' ich das Spiegelein beigesteckt. Behaltet es nur. Gott, o Gott! Wenn ich denke, wie viele Truhen voll solch' köstlicher Kleider Ihr im Kloster liegen habt, die Euch der Herr Vater schickte. Und Ihr durftet sie nicht tragen! Warum? Weil dann vollends Leuba, die Äbtissin-Nichte ... –« »Äbtissin-Nichte, das ist gut!« lachte Richauda. – »Nicht mehr anzuschauen war neben Euch. Und all diese Truhen, – sie verbrennen demnächst. Oder andere teilen sich darein.« »Wie das?« rief die Kleine erschrocken und sprang auf. »O Gott! Meine Schmucksachen! Nicht wieder sobald geht mein Vater nach Byzanz. Warum soll ich sie verlieren?« – »Weil Anstrudis und tapfere Männer das Kloster stürmen! Geht mit und rettet, was Ihr könnt von Eurem Eigen.«

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