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Die schlimmen Nonnen von Poitiers

Felix Dahn: Die schlimmen Nonnen von Poitiers - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleDie schlimmen Nonnen von Poitiers
seriesDahn, Sämtl. Werke
volumeBd. IV.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070523
projectid5b771ba0
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Neuntes Kapitel.

Nahe bei Tours, in dem lieblichen Gelände der Loire, lag, in Büschen und Gärten versteckt, eine schöne römische Villa, von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrhunderten vererbt in der reichen Senatorenfamilie der Gratiani. An dem Abend des gleichen Tages, da die jungen Königinnen Paris erreichten, ergoß die Frühlingssonne im Scheiden ihren roten und goldenen Glanz durch den breiten, von Platanen umsäumten Mittelweg des wohlgepflegten Hauptgartens, der das von Marmorsäulen getragene Wohngebäude umhegte. Einige Stufen führten von dem Garten empor zu dem Eingang, an dessen Mittelsäulen ein gelber Vorhang segelartig ausgespannt war, die Sonnenstrahlen aufzufangen über einem Krankenlager, das hier auf der obersten Stufe sorgsam, pfleglich und kostbar aufgerichtet war. Auf den weichen Kissen, mit seidenen Hüllen bedeckt, lag ein blasser Jüngling, dessen reiches schwarzes Gelock die bleiche Gesichtsfarbe noch greller hervortreten ließ; zu seinen Füßen saß eine alte Frau in dem würdevollen Gewand römischer Matronen; sie hatte das Antlitz auf die Decken gepreßt; ihre Thränen flossen reichlich; aber der Kranke wußte es nicht: er schlief.

Alles umher war ganz still und friedlich, wie feierlich, unter dem Glanz der sinkenden Sonne; nur leise scholl vom Wipfel einer Platane ferne her der Amsel melodisches Abendlied; die Mücken tanzten in den letzten Sonnenstrahlen; eintönig, leise goß der Brunnen in dem Marmor-Atrium der Villa.

Es war wunderschön ringsumher: Reichtum, Geschmack, edler Kunstsinn hatten all' dies Besitztum seit Jahrhunderten geschaffen, gemehrt, gepflegt, geschmückt.

Und der junge Erbe all' dieser Schönheit und Herrlichkeit, da lag er, schwer atmend, manchmal jäh aufzuckend, in fiebernder Betäubung.

»Mutter,« rief er nun und schlug die großen, runden, schwarzen Augen auf, die tief eingesunken lagen, aber ein seltsam Feuer sprühten, »jetzt ist sie aber da.« Die alte Frau richtete sich auf, die Spuren der Thränen mit zitternder Hand hinwegzutilgen trachtend: sie schüttelte leise das Haupt. »Du hast wieder geweint, Mütterlein! Wie unnütz quälst du dich doch! Ich sagte dir schon oft: mir fehlt nichts als – sie. Sie wird kommen: – sie muß kommen. Dann spring ich auf – und aller Schmerz ist – fort!« Er drückte ächzend beide Hände auf die linke Brust: wie waren diese Hände so abgemagert, so durchscheinend! »Mein Sohn, nimm, o nimm den Trank, den dir der gute Jude, der weise Jaffa, verordnet hat. Und selbst gemischt. Da ... –« Ungeduldig stieß er die Schale von sich. »Constantina heilt mich: – kein Trank der Welt! Sie wäre längst gekommen, hättet ihr von meinem Leiden ihr gemeldet.« – »Es ist geschehen. Aber –« – »Dann wäre sie schon hier. Kloster? Äbtissin? Sie liebt mich, sag' ich dir. Weigerte wirklich die Oberin – auch zu solchem Zweck! – ihr Urlaub, – nicht Mauern, nicht Riegel hielten sie fern von mir. Allein – es hilft euch nichts, daß ihr's meiner süßen Heiligen verbergen wollt. Sie weiß es doch! Den Heiligen zeigt Christus auch das Ferne, das Verborgene. Heute Nacht sah ich sie: – traurig und doch unsagbar trostlieblich sah sie aus. Sie winkte mir und sprach: »Ich weiß, Gratianus, du kannst der Schmerzen nicht genesen, bevor ich dir die Hand aufs Herz gelegt. Siehe, ich komme!« Und hier, den Platanengang schwebte sie heran: auf weißen Flügeln – oder auf den Strahlen der sinkenden Sonne? Ich weiß nicht! Lautlos war sie auf einmal da! Hier, zu meinen Häupten stand sie, unter dem Vorhang, und legte mir die kühle Hand aufs Herz. O that das wohl. Und sie kommt, ich fühl's – ...« Er schwieg, erschöpft. Er schloß die Augen.

Die Mutter ließ nun wieder den Thränen freien Lauf. Doch der Schmerz drohte, sie zu lautem Schluchzen fortzureißen; geräuschlos stand sie auf: noch einen Blick auf die festgeschlossenen Augen des Kranken – sie verschwand im Hause. – Sie wollte sich ausweinen, ausbeten im Oratorium vor dem geweihten Kreuz, das dereinst ein Pilger mitgebracht von dem Grabe der Apostelfürsten.

Die Sonne sank tiefer; leiser sang die Amsel; der Brunnen schien lauter, stärker zu gießen; ein sanftes Lispeln ging durch die breiten Blätter der Platanen. – –

Geräuschlos öffnete sich da zwischen der Flora- und der Pomonastatue des Garteneingangs das stolze vergoldete Gitterthor; in mächtigen Sätzen sprang aus dem Taxusgang zur Seite ein gewaltiger braungelber molossischer Hund herzu, dem Eindringling zu wehren: aber plötzlich kauerte er, schweifwedelnd, nieder: eine schlanke, weiße Gestalt legte die linke Hand ihm auf das breite Haupt, mit erhobenem rechten Zeigefinger Stille gebietend; und so glitten nun beide unhörbar den Mittelweg hinan, die weiße Jungfrau, die Hand ruhend auf des treuen Tieres Haupt, das langsam, traurig, jeden ihrer Schritte begleitete; nur einmal sah der Hund zurück: eine ganz schwarze Mädchengestalt folgte, unhörbar wie ihr Schatte, der Weißen: ein Wink der Führerin genügte, auch der Begleiterin bei dem Hunde Friede zu erwirken.

So waren sie zu dritt die Stufen hinaufgelangt. Der Hund legte sich zu Füßen des Lagers, die weiße Jungfrau trat an des Kranken Haupt zu seiner Linken: hinter ihr, vom Schatten des Vorhangs verdeckt, stand die dunkle Gestalt. Unsäglich traurig sah die lichte Jungfrau auf den Jüngling herab. – Nun trat – ihr Gebet war beendet, ihr Schluchzen gehemmt – die Mutter aus dem Innern des Hauses wieder auf die Schwelle. Tonlos, wie vor einer Erscheinung blieb sie stehen. Da schlug der Sohn die dunkeln Augen auf, griff, ohne sich umzusehen, nach der Hand der weißen Jungfrau und sprach: »Siehst du, Mutter? da ist sie. Ich hab' es wohl gewußt. Nun bin ich genesen.« Erst jetzt richtete er die Augen zu dem Mädchen auf: ein selig Lächeln zog um seinen Mund.

»Constantina, Engelkind!« rief die Alte. »Wie ward es möglich ... –?« – »Durch die Liebe, Mutter,« erwiderte die Jungfrau mit heller, aber starker Stimme, »Als – vor vielen Wochen – deine Meldung kam und deine Bitte, weigerte die Frau Äbtissin jeden Urlaub. Ich bat, ich flehte, ich weinte sehr, – umsonst. Umsonst schrieb mein Vater, er verlange, daß man mich an meines Verlobten Krankenlager entlasse. Sie blieb starr. Da erachtete ich es nicht für Sünde, als eine Anzahl der Genossinnen – aus sehr gerechten Gründen – das Kloster heimlich verließ, sie zu begleiten, nur, um hierher zu eilen. Die Führerin der Flucht, der wir alle uns eidlich verpflichtet, erlaubte mir's, – hier bin ich.« – »Aber« – der Kranke fuhr jäh empor, richtete sich gewaltsam auf, warf den schwarzumlockten Kopf zur Seite – »aber nicht allein! Von dieser Schwarzen da – mich schauert's kalt! sie steht mir in der Sonne – von dieser träumt' ich nicht!« – »Dank' ihr, Gratianus, es ist Julia, meine edle Freundin. Sie, sie allein erbot sich, mir hierher zu folgen, obgleich sie selbst recht krank. Sie ist die treueste von allen.« Die Begleiterin, den schwarzen Schleier dicht um Haupt und Schultern ziehend, verschwand leise hinter den Säulen. »Sie hat mich erschreckt. Mich fröstelt. Constantina, deine Hand. Hierher – so! Dicht ans Herz. Der Schmerz läßt nach – er ist fort. Fort! Zum erstenmal! Nach Monaten. Siehst du, Mutter? Wer hatte recht? Nun ist dein Sohn – genesen.« Er schloß, sehr müde, die Augen.

So sah er nicht, wie die arme alte Frau, die Hände über der Stirne ringend, zu seinen Füßen niedersank, neben den treuen Hund. Verzweiflungsvoll sah sie auf zu Constantina, ihr Mund öffnete sich zu wildem Weheschrei. Aber die Jungfrau, hoch aufgerichtet, hielt ihr, während sie die Linke auf des Geliebten Herz drückte, warnend, mahnend die offene Rechte entgegen: zwei große Thränen liefen langsam, langsam über des Mädchens ernste, feste Züge.

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