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Die Schleppe

Heinrich Seidel: Die Schleppe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHeinrich Seidel's erzählende Schriften Band II
authorHeinrich Seidel
year1899
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDie Schleppe
pages153-208
created20030523
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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Heinrich Seidel

Die Schleppe.

Reichtum ist keine Schande . . .

Eduard Holding war soeben als ein neuer Mensch aus der Hand seines Schneiders hervorgegangen. Nun sind wohl wenige über alle menschliche Eitelkeit so erhaben, daß die Gewißheit, ein wohlgekleidetes Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein, nicht eine angenehme Wärme in ihrem Inneren verbreitete, und so fühlte auch Holding eine Art sonniger Behaglichkeit von diesem Bewußtsein ausgehen. Zudem hatte er bei Hiller ausgezeichnet zu Mittag gegessen und vorzüglichen Wein dazu getrunken und saß nun im Kaiserhof in einer abgeschlossenen Ecke des Cafés, von dem aufmerksamen Kellner, der seine Gewohnheiten kannte, bereits mit seinen Lieblingsjournalen versorgt, vor einer Tasse »Schwarzen«, blies den Rauch einer vortrefflichen Havanna vor sich hin und schaute, ehe er sich in die Zeitungen vertiefte, noch ein Weilchen in die Luft und dachte an nichts. Es gibt Momente rein körperlichen Behagens, wo Sorgen und Wünsche schlafen und der Mensch das Dasein einer Pflanze führt, die in der Stille der Luft mit allen Blättern den warmen Sonnenschein trinkt.

In dem Moment, als er die Augen wieder senkte und im Begriff war, eine Zeitung zu ergreifen, fiel sein Blick auf einen jungen Mann, der soeben gekommen war und ihn eine kurze Weile stillschweigend beobachtet hatte.

»Sieh da, Siebold,« sagte Holding erfreut, indem er mit auffordernder Handbewegung einen Stuhl zurechtrückte. Der andere setzte sich ohne weiteres, kreuzte die Beine, gab dem Kellner seinen Auftrag, fuhr sich durch das Haar, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, wippte mit dem Fuß auf und ab, alles mit einer unruhigen, nervösen Geschwindigkeit und fragte dann plötzlich: »Woran dachtest du eben, Teuerster?«

Holding that einen tiefen Zug aus seiner Zigarre, und indem er behaglich in den ausgeblasenen Rauch sah, antwortete er: »Ich dachte an gar nichts, mein Lieber.«

Siebold hatte eine silberne Bleistifthülse aus der Tasche geholt und wirbelte sie zwischen seinen Fingern. »Glückspilz,« sagte er, »wenn ich das nur einmal könnte! Ich grolle mit dem Schicksal über die ungerechte Verteilung der irdischen Güter.« Er machte eine Pause und rührte heftig in seinem Kaffee, der eben gekommen war. Dann fuhr er fort: »Ist das nicht ungerecht: mir ist ein unwiderstehlicher Hang zum Luxus angeboren und die Natur hat mich arm auf die Welt gesetzt; dir gab sie reichliche Güter in die Wiege und du hast keinen Bedarf, der über das Mittelmäßige hinausgeht. Ich hege den Verdacht, daß du jährlich von deinen Einkünften eine größere Summe zurücklegst. Gestehe!«

Holding lächelte. »Ich kann allerdings nicht alles bewältigen,« sagte er.

»Du hast vielleicht keine Ahnung,« rief Siebold, »daß dies ein großes Unrecht ist! Wer durch das Schicksal der Geburt so gestellt ist wie du, der hat auch Pflichten zu erfüllen, und eine der ersten ist, daß er seine Einnahmen in würdiger Weise wieder unter die Leute bringt. Das nenne ich zur Vermehrung des Nationalwohlstandes beitragen. Und wenn er auch nur seine Mittel verwendet, um die Hundezucht zu fördern, so will ich ihn schon verehren. Meine Neigung würde dies allerdings nicht sein. Ich würde mir vor allen Dingen ein Haus bauen, ein Haus, so behaglich, wohnlich und schön, wie es nur irgend zu erreichen ist. Die Pläne sind fast fertig, Sonntag nachmittags arbeite ich an diesem Traumbild. Dies Haus würde die schönsten Geräte enthalten, die zu finden sind, und die Zimmer würde ich ausschmücken, ein jegliches nach seinem Charakter, aber alle so, daß die Harmonie der Farben und Formen wie eine sanfte Musik in ihnen ist. Ich würde Künstler beschäftigen, die mir schöne Geräte arbeiten und herrliche Bilder malen sollten, und würde kein Mittel scheuen, das in ihnen zu fördern und anzuregen, was ich als das Gute und Edle erkenne. Ich würde eine offene Hand haben für die Unterstützung aller Bestrebungen, die dahin gerichtet sind, das Schöne und Zweckvolle zu fördern und zu beschützen, damit es zur Vernichtung des Häßlichen und Unverständigen beitrage, damit in unserem Lande die alte Kunstfertigkeit wieder erwache, die vor dem Dreißigjährigen Kriege so verbreitet war, daß selbst in den kleinen Städten Goldschmiedemeister saßen, deren Kunstfertigkeit von unseren ersten Künstlern noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. Dies würde ich thun – allein wenn du dich mit allem Eifer auf die künstliche Fischzucht werfen willst oder deine Mittel auf die Kultivierung eines wüsten Landstriches, meinetwegen in der Lüneburger Heide, verwenden willst, so habe ich gar nichts dagegen. Aber, verzeihe mir, dies behagliche In-den-Tag-hinein-schlendern, das ist eine Vergeudung von Mitteln und Kräften, die der Welt zu gute kommen sollten.«

Holding schien nicht viel von dieser Moralpredigt berührt zu werden; er schaukelte sich ein wenig auf den hinteren Beinen seines Stuhles und blies von Zeit zu Zeit einen vollendet schönen Rauchring in die Luft. Dann holte er eine Zigarrenspitze hervor, die aus einem mächtigen Stück hellgelben, gewölkten Bernsteins gearbeitet war, und widmete sich weiter dem Rest seiner Zigarre. Als Siebold schwieg, sagte er: »Vor drei Jahren habe ich einmal sechs Monate hindurch mir eine Zigarrenspitzensammlung angelegt, wie wäre das, wenn ich die Sache ins Große triebe und zur Hebung der Bernstein- und Meerschaumindustrie ein Zigarrenspitzenmuseum anlegte.«

Siebold rückte ihm näher: »Du spottest noch,« rief er, »mir ist es heiliger Ernst. Ich kenne diese abscheuliche Sammlung wohl. Ich erinnere mich, daß Monumente dabei waren, die der starke Mann aus dem Zirkus nicht mit den Zähnen hätte halten können. Auf der einen war Renz dargestellt mit sechs Hengsten, die alle auf den Hinterbeinen standen, und dergleichen Ungeheuerlichkeiten mehr. Ich habe dich niemals mehr bejammert als damals. Nichts ist schmerzlicher für mich, als dergleichen zu sehen, – Verschwendung von künstlerischer Kraft auf Undinge. Mit denselben Mitteln und in derselben Zeit hätten edle und herrliche Werke gebildet werden können, leuchtend für immer. Aber ich predige dir vergebens, ich bin der einzige, der dir die Wahrheit sagt, und in deinen Ohren ist es Rauch. Das ist der Fluch des Reichtums, daß er die Thatkraft lähmt und müheloses Gelingen schafft. Du weißt nicht und ahnst nicht, wie unsereiner seine Arme rühren und den Punkt erkämpfen muß, wo er steht, und die Rücksicht, die man ihm gewährt. Er muß geduldig dienen, oder wenn ihm die Natur Waffen gegeben hat, so muß er sie brauchen. Du dagegen gehst einher in dem goldenen Glorienschein, den die mühelos ererbten Dukaten von dir ausstrahlen, und dieser angenehme Schimmer erzeugt einen Abglanz freundlichen Lächelns, wohin du dich wendest. Er öffnet dir verschlossene Thüren und läßt die Blicke der Mädchen wohlwollend auf dir ruhen, denn ihre stillen Träume von köstlichen Kleidern, von einem prächtigen Wagen mit zwei Bedienten und von einer Loge im Opernhaus gewinnen in dem goldenen Glanz, der von dir ausstrahlt, ein neues Leben. Wenn du ein kleines kümmerliches Wortspiel machst, so ist es ein Witz, und die Welt lächelt bereitwillig, deine Talente finden Beachtung, man lauscht deinen Worten. Du kannst unendliche Dummheiten begehen, eh' es dir verdacht wird, und was man bei anderen Liederlichkeit nennt, wird bei dir durch den goldenen Schimmer zu verzeihlichem Jugendübermut verklärt. Hast du wohl einmal nachgedacht, ein wie großer Teil der Beachtung, die man dir schenkt, und der Freundlichkeit, mit der man dir begegnet, auf die Rechnung dieses goldenen Hintergrundes zu setzen ist, und hast du wohl einmal eine Berechnung angestellt, wie viele von deinen guten Freunden wohl die Probe bestehen würden, dich plötzlich arm und ohne Mittel zu sehen? Ich für mein Teil glaube, daß in diesem Falle der Kreis dieser Edlen sich außerordentlich lichten würde.«

Holding war allmählich das Blut ins Gesicht gestiegen; die Bürste seines Freundes erschien ihm doch ein wenig zu scharf. »Du machst einen starken Gebrauch,« sagte er, »von unserem Kontrakt, uns gegenseitig nichts übel zu nehmen. Ich sitze hier schließlich vor dir wie ein armer leinener Geldsack, den man nur schätzt seines Inhaltes wegen. Ich weiß, du bist eine sarkastische Natur und schaust die Welt durch scharfe Gläser an, denn was du von meinen Freunden und Bekannten sagst, geht doch wohl zu weit. Ich glaube, in dieser Hinsicht spricht eine gewisse Verbitterung aus dir.«

Siebold rückte näher an den Tisch und trommelte heftig mit den Fingern: »O nein, nein, teurer Freund,« rief er, »das kommt nur auf eine Probe an. Ich will mich selber öffentlich in den Leitungen als den größten Simplicissimus dieses Erdteils bekannt machen, wenn das Resultat nicht zu meinen Gunsten ausfällt.«

»Wie meinst du das?« fragte Holding verwundert.

Siebold rückte noch näher an den Tisch und sprach, indem er scheinbar die Streichholzbüchse anredete: »Du könntest ja zum Beispiel dein Vermögen einmal versuchsweise verlieren. Plötzlich. Morgen früh vielleicht. Morgen abend gehst du ja in die Gesellschaft zum Geheimrat Isenberg, wo fast der ganze Bekanntenkreis sich zusammenfindet; ich bringe die Geschichte von dem Verluste deines Vermögens vorher unter die Leute – na, nachher, da werden wir ja sehen.«

»Hm,« sagte Holding, »was würdest du vorschlagen, soll ich es ins Wasser werfen, soll ich Fidibusse davon machen oder soll ich es dem armen Bettler schenken, der auf die Mildthätigkeit der Menschen mit einem Leierkasten spekuliert, der nur noch anderthalb Töne hat?«

»Ich verspreche mir am meisten Vergnügen,« sagte Siebold, »vom In-die-Grabbel-werfen. Aber Scherz beiseite, du hast mich wohl verstanden. Du fingierst diesen Verlust und ich will schon dafür sorgen, daß es unter die Leute kommt. Was meinst du zu diesem Vorschlag? Rückgängig ist die Sache leicht wieder gemacht. Am anderen Morgen wird es für einen Irrtum erklärt, und die Sache ist in Ordnung.«

»Es widersteht mir eigentlich,« sagte Holding, »und doch reizt es mich, diesen Versuch zu machen. Schon um die Verkehrtheit deiner Anschauungen klar darzulegen, fühle ich mich dazu veranlaßt.«

Nach einigem Hin und Widerreden wurde dann wirklich beschlossen, die Sache in der vorgeschlagenen Weise zur Ausführung zu bringen, und nachdem die Freunde verabredet hatten, nach der Gesellschaft sich in der Weinhandlung von Joseph Engels in der Potsdamer Straße zu treffen, trennten sie sich.

. . . und Armut macht nicht glücklich.

Siebold hatte am anderen Tage seine Angelegenheit so geschickt als möglich betrieben. Er war vor dem Beginn der Gesellschaft zu Herrn Tütenpieper gegangen, einem älteren Junggesellen, der den Glanz und Ruhm seines Daseins darin suchte, in seinem Kreise der erste Verbreiter von Neuigkeiten zu sein, der seine Reden am liebsten anfing mit der Wendung: »Wissen Sie schon das Allerneueste?« und mit unermüdlicher Schnüffelnase bemüht war, diesen Ruhm aufrecht zu erhalten, und kein größeres Vergnügen kannte, als in der Weise eines Feinschmeckers so ein kleines Skandälchen bis auf das Intimste durchzukosten. Nachdem Siebold ganz beiläufig die große Sensationsnachricht mitgeteilt und gleichzeitig versichert hatte, sie sei noch vollständig unbekannt, weidete er sich noch eine Weile an Tütenpiepers Aufregung und Unruhe, denn dieser Herr erachtete jetzt jede Minute für nutzlos und verloren, die er mit dieser Kunde im Leibe unthätig in seiner Behausung verbrachte. Endlich verabschiedete sich Siebold, und indem er seine Wohnung aufsuchte, erfreute er seinen Geist damit, sich den braven Herrn Tütenpieper vorzustellen, wie er, strahlend im Glanze dieser ungeheuren Neuigkeit, den Mittelpunkt der Isenbergschen Gesellschaft bildete, wie er, umdrängt von dem Kreise der Neugierigen, achselzuckend mit den kleinen grünen Aeuglein zwinkerte, wie sein semmelblondes Gesicht und seine spitze Nase bald hier bald dort auftauchten und ein befriedigter Schimmer der Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit von ihnen ausging, und wie er schmunzelnd lächelte gleich einem Mephisto aus Semmelteig.

In später Abendstunde begab sich Siebold an den verabredeten Ort. Er brauchte nicht lange auf seinen Freund zu warten, denn schon kurz vor elf Uhr hörte er ihn vor dem Eingange des kleinen Hinterzimmers Rauenthaler bestellen mit dem Zusatz: »aber schnell.« Dann trat er ein. Er versuchte zu lächeln, allein es gelang ihm nicht besonders; es war ein Lächeln von jener verkümmerten und trübseligen Sorte, die schon im Entstehen einfriert und nicht an sich selber glaubt. Als er an dem großen runden Tisch auf dem schwarzen Ledersofa saß, stierte er eine Weile vor sich hin, und da ihm sodann einfiel, daß Siebold jedenfalls eine Aeußerung von ihm erwarte, tastete er nach dessen Hand, die auf dem Sofa lag, und klopfte sie eine Weile, indem er wahrscheinlich dadurch ausdrücken wollte: »Warte nur, warte nur, es wird schon kommen!«

Nachdem er sodann zwei Gläser Wein rasch hinabgestürzt hatte, legte er sich zurück in die Sofaecke und sagte mit den Ausdruck der tiefsten Ueberzeugung: »Siebold, du bist ein Scheusal!«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Du hast grausam an mir gehandelt, du hast den Nachtwandelnden angerufen, der am Rande des Abgrundes sorglos einhergeht, so daß er im Erwachen mit schauderndem Blick die Tiefen bemerkte, die neben ihm sich öffneten, du hast mir mit einem starken Ruck den Glauben an die Menschheit aus dem Herzen gerissen, und die Stelle ist nun leer und brennt. – Aber ich bin dir dankbar – ich möchte dich erdrosseln, aber ich bin dir dankbar. – Ueber alle Begriffe dankbar!« wiederholte er noch einmal und stierte dabei in die Luft mit der Miene eines auf einer einsamen Insel Ausgesetzten, der die letzte Spur eines vorüberfahrenden Schiffes am Horizont verschwinden sieht.

Siebold fühlte eine Regung von Mitleid in seinem Herzen, allein er schwieg.

»Bist du schon jemals Luft gewesen?« fuhr Holding fort, »hast du schon jemals Augen auf dir ruhen sehen, bei deren Blick du das Gefühl hattest, sie betrachteten durch dich hindurch jemand, der hinter dir steht? Du siehst dich unwillkürlich um, es ist aber niemand da. Mit solchen abwesenden Augen haben Leute mich heute angesehen und haben mit mir gesprochen, als hätten sie eine Maschine im Inneren, die das Notwendigste besorgte. Und alle hatten sie einen Drang, von mir loszukommen, als befürchteten sie eine Ansteckung. Ich hatte das Gefühl, als sei eine Kraft von mir genommen, die mich früher hob und trug und siegreich machte.«

»Es ging dir wie Simson,« bemerkte Siebold, »als sie ihm das lange Haar abgeschnitten hatten und er plötzlich fühlte, daß seine Muskeln Butter und seine Knochen Wachs waren.

»Ja, wie Simson,« wiederholte Holding, »sie hatten ihm das Goldhaar abgeschnitten.«

Nach einer Weile fuhr er fort: »Ich bin auch gutmütigen Augen begegnet, die mit einem Ausdruck von Mitleid auf mir ruhten, allein es waren wenige und ihr Eindruck ward wieder aufgehoben durch andere, in denen eine versteckte Schadenfreude lauerte – es waren meist Freunde, lieber Siebold, die allen meinen Launen sich am nachgiebigsten gezeigt haben, die stets bereit waren, meinen Ruhm mir ins Gesicht zu verkündigen.«

In diesem Augenblick veränderte Siebold seine Lage auf dem alten Glanzledersofa, und es entstand durch einen Zufall ein knarrendes Geräusch, wie wenn ein Seidenstoff zerreißt. Holding fuhr nervös zusammen. »Dieser furchtbare Ton,« rief er, »er bringt mich auf das entscheidende Ereignis des heutigen Abends. Antonie war auch da. Jetzt, da alles vorbei ist, darf ich dir es wohl gestehen, daß ich mich zuweilen mit dem Gedanken getragen habe, mein Schicksal mit dem ihren zu verbinden. Es war ein schmeichelndes Traumbild für mich, diese vielumworbene Schönheit und Herrscherin der Gesellschaft mein eigen nennen zu dürfen und an ihrer Seite ein vielbeneidetes Leben zu führen. Sie zeichnete mich sichtlich aus und begünstigte meine Hoffnungen, wie du wohl schon selber bemerkt haben wirst. Heute abend kam sie später als gewöhnlich. Ich sah sie in den Saal treten, und kaum hatten die Wirte sie begrüßt, so bemerkte ich Herrn Tütenpieper, der schmunzelnd und händereibend sich näherte, um seine Mission zu erfüllen. Sie erblaßte sichtlich, allein schnell fand sie ihre Fassung wieder; der Schwarm der Verehrer näherte sich allmählich, und sie stand bald in einer lebhaft plaudernden Gruppe, aus der zuweilen verstohlene Seitenblicke zu mir herüberzogen.

»Später sah ich sie durch den Saal gehen. Wahrlich eine königliche Gestalt. Kleine rundliche Figuren erhalten durch den nachfolgenden Schleppenschweif etwas possenhaft Putziges, allein einer solchen hoheitsvollen Schönheit kommt es zu wie ein natürlicher Ausklang. Die Zaghaftigkeit, die bereits über mich gekommen war, ließ es mich nicht wagen sie aufzusuchen, allein im Verlauf der Zeit kam es von selber, daß ich plötzlich vor ihr stand und mit ihr sprach, ich weiß nicht mehr was. Sie hatte ein Lächeln für mich, ein Lächeln, wie wenn die Sonne auf einer blanken Eisfläche glänzt, und ich merkte aus ihrem ganzen Wesen die innere Furcht, ich möchte Rechte geltend machen wollen, die ich aus ihrem früheren Benehmen gegen mich wohl hätte ableiten können. Das Gespräch dauerte nicht lange. Sie nahm die Gelegenheit wahr, sich einem anderen zuzuwenden, und auch ich wurde von einem Freunde angeredet, dem ich verwirrte Antworten gab. Und dann, wie es kam, vermag ich nicht zu sagen, fühlte ich plötzlich einen Zug an meinen Füßen, ich hörte ein verhängnisvolles Krachen von reißenden Nähten, ich taumelte erschreckt zurück von der Schleppe, auf die ich in meiner Verwirrung nicht geachtet hatte, und in demselben Moment sah ich ihr Antlitz mir zugewendet, mit jenem Ausdruck, der den Frauen für einen solchen Augenblick zu Gebote steht. Ein Medusenhaupt, lieber Siebold – ein Medusenhaupt! Ich begehre es nimmer wiederzusehen. Ich muß noch viel Wein trinken, um es aus meiner Erinnerung zu scheuchen. Sie rauschte stolz durch den Saal in ein Nebenzimmer und ich verlor mich, sobald es anging, aus einer Gesellschaft, in die ich niemals zurückzukehren wünsche.

»Am Ausgang traf ich Tütenpieper, der jedenfalls seine herrliche Sensationsnachricht heute abend noch weiter vertreiben wollte. Er belästigte mich mit einigen höflichen Redensarten und ließ durch alles, was er sprach, einen beleidigenden Ton freundschaftlicher Teilnahme durchschimmern, wozu er einen Mund machte wie ein luftschnappender Karpfen. Du weißt, ich habe ihn nie geliebt, allein heute abend fühlte ich etwas von den grausamen Regungen eines Indianers in mir, der seinen Feind langsam an einem Pfahl brät und ihm dazu kleine Hölzchen unter die Fingernägel treibt. Ich weiß, daß er an seinen Füßen mehr Hühneraugen als Zehen hat, und da ich nun einmal schon heute abend mit Ungeschicklichkeiten in der Uebung war, so benutzte ich die Gelegenheit und setzte ihm beim Abschied aus Versehen meinen Fuß mit der ganzen Wucht meines Körpers auf den seinigen. Ich weiß, es war peinlich, es war ordinär, es war meiner nicht würdig, aber der Schrei, den er ausstieß, war Balsam in meinen Ohren, und als er sodann kläglich die Straße entlang davonhumpelte, schaute ich ihm nach mit einem Gefühle innerlicher Befriedigung, das meinem Herzen äußerst wohlthat.«

Er lehnte sich in die Sofaecke zurück und schwieg eine Weile. Sodann richtete er sich wieder auf und fuhr fort: »Der heutige Abend ist ein Wendepunkt meines Lebens. Wie es werden soll, ist mir unbekannt, ich weiß nur, daß es anders werden wird. Doch jetzt vor allen Dingen gilt es zu vergessen. Dieser Abend gehört dem Rauenthaler!« Und er bestellte eine neue Flasche.

Als die Gläser frisch gefüllt waren, ergriff Siebold das seinige und sprach: »Der Reichtum gleicht der Sonne, die beides, Segen und Unsegen, in gleicher Weise spendet, die sowohl den befruchtenden Regen als den zerstörenden Orkan über die Erde sendet. Schon unsere ältesten Vorfahren waren sich der dämonischen Macht des Goldes bewußt, und in unserem nationalen Epos geht alles Unheil, aller Fluch vom Schatz der Nibelungen aus. Die Kraft dieses Dämons in segensreiche Bahn zu lenken, teurer Freund, laß von jetzt ab deine Sorge sein!« Die Gläser klangen mit hellem Ton aneinander.

Wandel.

Der nächste Morgen brachte Holding das Kopfweh einer durchschwärmten Nacht und das volle Bewußtsein seiner trübseligen Lage. Hinter ihm war die Brücke unwiderruflich abgebrochen und vor sich sah er ein wüstes unwirtliches Land, in dem Weg und Steg ihm unbekannt war. Aber er fühlte keine Reue. Er wollte die ganzen Folgen des einmal gewagten Schrittes tragen und hatte Siebold gebeten, den Widerruf einstweilen nicht stattfanden zu lassen. Das Gerücht mußte sich, dank Tütenpieper, mit rasender Geschwindigkeit verbreitet haben, denn den ganzen Morgen ward er überlaufen von bleichen Schustern, zitternden Schneidern, aufgeregten Friseuren, polternden Pferdevermietern und ähnlichen Gläubigern, die ihren Anteil aus dem Schiffbruch zu bergen trachteten und ihre Rechnungen einreichten. Er bezahlte sie alle und machte sich gegen Mittag fort, um die Einsamkeit des Tiergartens aufzusuchen.

Es war ein Märztag, klar und schön und voll Frühlingsahnung, wie sie dieser Monat zuweilen darbietet, wenn er in seiner Gebelaune ist. Die Sonne sendet unbehindert ihre Strahlen durch die entlaubten Wipfel und hebt den sanften grünlichen Schimmer hervor, der die knospenden Zweige des Unterholzes wie ein zarter Hauch umgibt. Der Frühlingsruf der Meisen und der schmetternde Schlag der Buchfinken tönt von allen Seiten durch den hellhörigen Wald; zuweilen schallt hoch aus sonnbeglänztem Wipfel der flötende Gesang einer Amsel, und doch, trotz allem Singen und Klingen, welch träumerische ahnungsvolle Stimmung schwebt über der Welt; ein stilles Sichbesinnen, ein heimlich Werden und Weben ist rings verbreitet, so daß man das stetige Aufsteigen des Saftes in die Zweige zu vernehmen glaubt und das unablässige Drängen und Wachsen der tausend jungen Frühlingskeime, die unter der schützenden Laubdecke des Bodens emporstreben.

Holding war nicht in der Laune, auf diese Dinge zu achten. Er schlenderte gesenkten Hauptes in den abgelegenen Wegen dieses anmutigen Waldes einher und dachte an die erfahrene Kränkung und an sein vergangenes Leben. Zum erstenmal war ihm mit Schärfe entgegengetreten, daß er eigentlich nichts war und nichts bedeutete. Er hatte stets auf weichen Kissen gesessen und niemals von der harten Not des Lebens etwas kennen gelernt. Seine Füße waren immer auf sanften Pfaden gewandelt, und er wußte nichts von den dornigen Ranken, die anderen, die ihre Wege selber bahnen müssen, sich hindernd um die Fuße schlingen, nichts von den tückischen Zweigen, die Voranwandelnde uns ins Gesicht zurückschnellen lassen. Er war durchs Leben geschlendert, dem müßigen Spaziergänger gleich, der bald hier dem Sange eines Vogels lauscht, bald dort sich in den Duft einer Blume vertieft und dann wieder behaglich am Wege steht und der Arbeit anderer zuschaut. Wahrhaftig, wenn er jetzt die Welt verließ, so blieb nichts zurück, an dem die Spuren seiner Thätigkeit hafteten, als eine Zigarrenspitzensammlung, die er verachtete.

Er dachte an Siebold und seinen rastlosen Fleiß, an die Hunderte von Werken, die dieser in seiner baukünstlerischen und kunstgewerblichen Laufbahn geschaffen und als selbständige Dinge in die Welt gestellt hatte, so daß sie von ihm zeugen mußten noch in spätester Zeit. Dunkle unklare Vorstellungen durchzogen sein Hirn, ein unbestimmter Drang ebenfalls zu schaffen und zu handeln und an der großen Menschenarbeit teilzunehmen. Wie draußen bei dem Schein der frühen Märzensonne die sprossenden Keime unter der Laubdecke verborgen zu dem noch unbekannten Lichte empordrängten, so regte sich auch in seiner Brust ein dunkles Weben und Streben, das noch nicht wußte, was es werden sollte.

Unter diesen Gedanken und Vorstellungen hatte er am zoologischen Garten den Tiergarten verlassen und schlenderte gesenkten Hauptes, die Hände auf den Rücken gelegt, den Kanal entlang, in der Absicht, Siebold aufzusuchen. Es war wenig Verkehr auf der Straße und Holding war überdies nicht in der Stimmung, auf die Begegnenden zu achten. So überhörte er auch, daß sich schnelle Schritte und das Rauschen von Kleidern hinter ihm näherten. Ein ältlicher Herr von ländlichem Aussehen mit glattrasiertem Gesicht und weißer Halsbinde führte eine junge Dame am Arm und da, als beide sich näherten, gerade ein Bauzaun das Trottoir einengte und Holding keine Anstalt machte auszuweichen, so waren sie genötigt, auf die Straße zu treten und um ihn hinwegzugehen. Die Wendung nach diesem Manöver auf den Fußsteig zurück fiel indes jedenfalls zu kurz aus, die Schleppe der jungen Dame schwenkte sich schnell herum, und plötzlich fühlte Holding wieder den verhängnisvollen Zug an seinen Füßen, und das ihm so entsetzliche Krachen reißender Seidennähte tönte in sein Ohr. In plötzlicher Erinnerung an seinen gestrigen Unfall war er aufs äußerste bestürzt, er vermochte weiter nichts als zusammenfahrend eine unverständliche Entschuldigung auszustoßen. Aber wie ward ihm zu Sinne, – wie von Sonnenschein übergossen ward sein Gemüt, als die junge Dame, statt mit dem erwarteten Giftblick ihn zu strafen, ein anmutig lächelndes Antlitz zurückwendete und ihn mit Augen anblickte, welche zu sagen schienen: »Es hat nichts zu bedeuten, verzeih, daß meine Ungeschicklichkeit dich so erschreckt hat.« Es lag so viel Güte, Selbstlosigkeit und Anmut in diesem Ausdruck, daß Holding in einem Gefühl der angenehmsten Ueberraschung stehen blieb und den beiden, die mit eiligen Schritten ihren Weg fortsetzten, verwundert nachsah.

Eine seltsame Wirkung hatte dieses kleine Ereignis auf ihn. Wie hinweggeschmolzen war plötzlich alle Verdrießlichkeit und Verstimmung vor diesem einen gütigen Blick aus schönen Augen. »Dem Himmel sei Dank, es gibt doch noch gute Menschen!« sagte er unwillkürlich ganz laut und folgte dann schnelleren Schrittes, um die junge Dame nicht so bald aus den Augen zu verlieren. Ein tiefes Wohlwollen für dieses weibliche Wesen erfüllte ihn. Wie sie am Arme des Alten so leicht und frei und doch so voll Demut einherschritt! Ein Hauch von Gesundheit und Frische ging von ihr aus, und in der kräftigen Fülle ihrer Erscheinung lag dennoch wieder eine stille Zartheit, eine so entzückende Vereinigung von Kraft und Anmut, daß Holding glaubte, nimmer dergleichen gesehen zu haben. Er folgte den beiden in gemessener Entfernung. Sie gingen über die Potsdamer Brücke und die Potsdamer Straße hinunter. Dann bogen sie ab und verschwanden in Frederichs Hotel. Die Welt war plötzlich leer, Holding ging langsam weiter und betrachtete das kleine Hotel mit einem Interesse und einer Andacht, als hätten sich plötzlich seine grauen Mauern in einen schimmernden Märchenpalast aus Gold und Edelstein verwandelt. Dann ging er ganz hintersinnig bis zum Potsdamer Platz, kehrte wieder zurück, um sich das merkwürdige Haus noch einmal anzusehen. Ob er sich gewundert hätte, wenn unter dem Musizieren von buntbekleideten Zwergen, die auf goldenen Trompeten bliesen und silberne Pauken dazu rührten, die Schöne in einem Kleide wie die Sonne auf den Altan getreten wäre, um die Huldigungen des Volkes entgegenzunehmen, ist sehr die Frage.

Neue Bahn.

Dieses Begegnis kam Holding nicht wieder aus den Gedanken. Am nächsten Tag ging er in aller Frühe nach Frederichs Hotel und erkundigte sich nach den Namen der Fremden. Er brachte in Erfahrung, daß der Prediger Junius aus Bordau, einem Dorfe der Provinz, mit seiner Tochter sich hier einige Tage aufgehalten habe, jedoch am gestrigen Nachmittage bereits wieder abgereist sei. Der Oberkellner reichte ihm sodann, nachdem er diese Auskunft gegeben hatte, die Kreuzzeitung und sagte: »Der Herr Prediger hat durch uns eine Anzeige befördern lassen, die heute in der Zeitung steht; vielleicht wünschen Sie ihn deshalb zu sprechen?«

Holding nahm das Blatt und las:

»Zum ersten April suche ich für meinen zwölfjährigen Sohn einen akademisch gebildeten Hauslehrer.

Bordau, den 18. März 1878.

Junius, Prediger.«

Holding verabschiedete sich, ging spornstreichs an die nächste Straßenecke und kaufte die Kreuzzeitung. Dann verfügte er sich eilfertig nach Hause und vertiefte sich wohl eine Stunde lang in das Studium dieser Anzeige, indem er drei Zigarren dazu aufrauchte. Sodann nahm er einen Rotstift, machte einen dicken Strich an den Rand, setzte sich in eine Droschke erster Klasse, fuhr zu Siebold und teilte diesem das Erlebnis des gestrigen Tages mit. Es darf nicht verwundern, daß die Wichtigkeit, mit der Holding diese Angelegenheit behandelte, dem Freunde die Mundwinkel ironisch kräuselte, allein in eine wirkliche Verwunderung geriet dieser, als jener plötzlich die Kreuzzeitung hervorholte und ihm das rot angestrichene Inserat unter die Augen hielt.

»Nun, was bedeutet das?« fragte Siebold.

»Akademische Bildung wird verlangt,« antwortete Holding; »die besitze ich. – Du hast durch deinen Rat mich in die Lage gebracht, in der ich mich jetzt befinde, nun verlange ich als Beweis deiner Freundschaft von dir, daß du alle Mittel in Bewegung setzest, um mir diese Stellung zu verschaffen. Da ich nun einmal für arm gelte, so will ich es auch weiter scheinen und mir die Liebe und Achtung der Menschen durch eigene Arbeit zu erringen versuchen. Ich leugne dabei nicht, daß dieses Mädchen bei der ersten Begegnung einen großen Eindruck auf mich gemacht hat und daß dieser Eindruck ein Hauptbeweggrund meines Handelns ist – aber, lieber Siebold, die Sache liegt nun einmal so, ich will keinen Rat mehr, ich will Hilfe, und da ich weiß, du hast durch deinen Onkel Verbindungen in den Kreisen der hohen Geistlichkeit, so bitte ich dich, das Deinige zu thun, mir sofort eine möglichst einflußreiche Empfehlung zu verschaffen.«

Es half Siebold nichts, daß er alle Mittel versuchte, seinen Freund von diesem auffallenden und übereilten Vorsatze abzubringen, und so sah er sich denn schließlich genötigt nachzugeben und sofort zu seinem Onkel, dem Provinzialschulrat, zu fahren. Hier traf er es insofern sehr glücklich, als sich herausstellte, daß der Prediger Junius ein Studienfreund des Onkels war, und es gelang ihm, indem er sich für seinen Freund Holding vollständig verbürgte, die schwerwiegende Empfehlung seines Onkels zu erhalten.

Somit wurde die Sache also gefördert, daß nach dem Verlaufe von acht Tagen Holding bereits in dem Besitze eines Schreibens aus Bordau war, das ihm die gewünschte Stellung zusicherte. Wegen der fortgeschrittenen Zeit sah er sich genötigt, sofort seine Anstalten zur Abreise zu treffen, und am 31. März verabschiedete er sich von Siebold, der ihm bis zum Stettiner Bahnhof das Geleit gegeben hatte, und dampfte etwas bänglichen Herzens, aber doch wohlgemut, davon, seiner Zukunft entgegen. Siebold sah dem sich entfernenden Zuge noch eine Weile tiefsinnig nach; dann schüttelte er ein wenig mit dem Kopfe, schnippte mit den Fingern und kehrte langsam, den weiten Weg zu Fuß durchschreitend, in seine Wohnung zurück.

Idylle.

Bordau, den 14. April 1878.

Lieber Siebold!

Es ist Sonntag Nachmittag, lieber Freund, weißt Du, was das auf dem Lande zu bedeuten hat, noch dazu an einem Tage, an welchem die Sonne so freundlich scheint wie heute? Es bedeutet: Ruhe, Frieden, Behaglichkeit, Beschaulichkeit. Ich weiß »hinten, weit, in der Türkei« gibt es Leute, verdrießliche übersättigte Leute, für die ich ein tiefes Bedauern empfinde; diese würden sich vielleicht weit kürzer fassen und würden sagen, es bedeutet Langeweile. Nun, je nachdem! Ich freue mich der Ruhe und des Friedens dieses Sonntages und diese Freude habe ich mir ehrlich verdient, denn es ist keine Kleinigkeit, sich in die Geheimnisse der unregelmäßigen Verba und der griechischen Konjugation plötzlich wieder hineinzuarbeiten, und die Kunst ist nicht gering zu achten, einem jungen intelligenten Menschen von zwölf Jahren Dinge zu lehren, die man bereits seit langer Zeit wieder vergessen hat. Aber es macht sich, lieber Siebold.

Ich sitze augenblicklich am offenen Fenster, natürlich einer Giebelstube, und wenn ich meine Augen erhebe, so blicke ich in den knospenden Frühlingsgarten, woselbst schon allerlei freundliche Krokos und verborgene Veilchen blühen, die zuweilen einen sanften Dufthauch zu mir herauf senden. Rechts über den Gartenzaun sehe ich den Wirtschaftshof und kann mich erfreuen an der Beobachtung eines prachtvollen Hahnes, der im deutlichen Gefühl seiner übernatürlichen Schönheit und seiner hühnerologischen Verdienste den Kamm sehr hoch trägt, und wenn er stolz dahinwandelt, ganz außerordentlich mit den Sporen aushaut. Weiterhin macht sich ein Truthahn bemerklich, der den größeren Teil des Tages darauf verwendet, sich aus unaufgeklärten Gründen in Wut zu befinden. Ich kann mir nur denken: er ärgert sich darüber, daß er gar keinen Grund zum Aerger hat. Es gibt ja auch Menschen von ähnlicher Gesinnung. Während ich noch mit der Beobachtung dieser nachdenklichen Thatsachen beschäftigt bin, machen sich schon wieder die Enten bemerklich, die bis jetzt beieinander platt auf dem Bauch in der Sonne gesessen und verdaut haben. Plötzlich von Entschlüssen, wie diese Tiere sind, erheben sie sich alle mit einemmal und watscheln in langer Reihe dem Teiche zu, woselbst sie mit Schlammschnabbern und Kopfstehen ihre Künste betreiben und zuweilen plötzlich, ohne jeden ersichtlichen Grund, in taktmäßigem Chor in ein ungeheures: »Park, park, park!« ausbrechen. Ich bemerke, die unendliche Fülle des sich mir darbietenden Stoffes reißt mich hin und ich breche ab, ohne den Tauben gerecht zu werden, die im Sonnenschein gurren, und ohne der Schwalben genügend zu gedenken, die über meinem Fenster ihre Nester haben; das übrige mannigfaltige Viehzeug, das in den Kreis meiner Beobachtung kommt, will ich gar nicht erwähnen. Es fehlt nur noch, Dir zur Vervollständigung des Bildes mitzuteilen, daß ich zu alle diesem eine lange Pfeife rauche. Ich habe mir sechs von diesen Instrumenten aus der Stadt mitbringen lassen. Es sieht kandidatenmäßiger aus.

Da ich voraussetze, daß Du jetzt eine vollständig gesättigte Vorstellung gewonnen hast von der Lage, in der ich mich in diesem Augenblick befinde, so erlaube mir, daß ich Dich in meiner jungen Begeisterung für den Sonntag auf dem Lande, mit den weiteren Vorzügen dieses Tages bekannt mache.

Gleich morgens beim Aufwachen entzückt mich der Gedanke, daß heute keine Schule ist. Die unregelmäßigen Verba stehen einer unschädlichen Wolke gleich am fernen Horizont, es ist der herrliche Tag, da die Geographie aufhört und die Weltgeschichte zu Ende ist. In diesem Hochgefühl drehe ich mich auf die andere Seite, um noch »ein Auge voll zu nehmen«, allein es ist unmöglich, bei dieser angenehmen Aufregung wieder einzuschlafen.

Demnach kleide ich mich an und wandere in den Garten, wo die Vögel ihre Morgenmusik machen und es mancherlei zu beobachten gibt. Zum Beispiel, ob die Spargel schon kommen, wie die Erbsen sich befinden und ob man die Radieschen bald ziehen kann. Dabei weht eine ganz andere Luft als an anderen Tagen, sie ist reiner und feierlicher und frei von dem Geräusch der Arbeit. Zum Kaffee finden sich alle Hausbewohner zusammen, und hier kann ich nicht mehr umhin, einer gewissen Persönlichkeit Erwähnung zu thun, die die eigentliche Veranlassung meines Hierseins ist. Sie heißt Frida. Ich habe diesen entzückenden Namen früher nie ausstehen können. Ich hatte als kleiner Knabe eine Tante dieses Namens, die nicht von der Anschauung abzubringen war, daß Bonbons den Zähnen schädlich seien, und die mir täglich siebenmal einen gewissen kleinen Otto als Musterbeispiel vorführte. Ich habe dieses Futteral aller menschlichen Vorzüge niemals gesehen und bin heute der Anschauung, daß er nichts gewesen ist als ein Phantom, eine pädagogische Erfindung meiner Tante, mich auf den Pfad der Tugend zu locken – aber gehaßt habe ich ihn mit der ganzen Kraft meiner Seele und noch bis vor kurzem flößte mir jeder Mensch Mißtrauen ein, der diesen Vornamen führte. Hiernach brauche ich Dir wohl kaum noch mitzuteilen, daß mein Zögling Otto heißt.

Ich weiß, Du hältst mich für verliebt und Du nennst in Deinen Gedanken mein Hiersein den Streich eines Hals über Kopf Verliebten. Du bist sehr im Irrtum. Was ich für Frida empfinde, könnte man am besten mit Wohlwollen und Verehrung bezeichnen. Es ist das Gefühl, das uns ergreift, wenn wir einem Werke der Natur gegenüber stehen, das in sich vollendet ist, und wenn ich an sie denke, so ist es mir »als in den Mond zu sehn«. Doch Du wirst dies alles nicht glauben, und ich sehe deutlich in Deinen Mundwinkeln die bekannten fatalen Kräusel. Somit will ich denn in der Darstellung meiner sonntäglichen Vergnügungen fortfahren, und da muß ich nun des Küsters gedenken, der auf dem Turme mit zwei Glocken ein äußerst kunstreiches Gebimmel vollführt, das in bestimmten Pausen oftmals wiederholt wird und jedesmal pianissimo anfängt, zur äußersten Stärke anschwillt und dann wieder abnimmt und ebenfalls pianissimo endet. Heute morgen war ich auf dem Turme und habe dabei zugesehen. Die Kirche liegt auf dem höchsten Punkt des Dorfes und man hat aus den Schalllöchern eine freie Umschau in die Gegend. Da ist es nun bemerkenswert zu sehen, wie von allen Seiten von den entlegeneren Orten her, wie von den Glockentönen herbeigezogen, die Leute auf die Kirche zustreben. Auf den Landwegen fahren die Wagen, während die Fußgänger meist auf Richtwegen, sogenannten Kirchsteigen, durch Kornfelder und Wiesen dahergezogen kommen, wo sie Reihen von dunklen Punkten bilden. Sie sammeln sich dann an der Kirche und stehen zwischen Gräbern umher in der Sonne, die Frauenzimmer im Sonntagsstaat, ein Gesangbuch, ein gefaltetes Taschentuch und einen Strauß von starkriechenden Blumen in den Händen, und die Männer im langen Staatsrock. Alle tragen sie dabei ein feierliches und gedämpftes Wesen zur Schau. Endlich kommt dann der kleine Sohn des Küsters mit dem riesigen Kirchenschlüssel und einer noch viel größeren Vorstellung von der Wichtigkeit seiner Mission und schließt die Kirche auf, welcher Akt von seinen gegenwärtigen Altersgenossen mit einem Ausdruck scheuer Bewunderung wahrgenommen wird, und selbst in den Mienen der alten Leute lese ich eine gewisse Befriedigung darüber, daß der Junge seine Sache so ordentlich und küstermäßig macht. Die Kirche füllt sich mehr und mehr, und nun kommen auch die wohlhabenden Bauern der Gegend zu Wagen an, der behäbige Domänenpächter mit seiner rundlichen Frau und zwei rosigen Töchtern, und zuletzt der Herr Baron, dessen Damen einen Hauch von Residenzlust um sich verbreiten und an diesem Orte wie exotische Blumen aussehen. Zuletzt kommt dann auch der alte, würdige Prediger in seinem schwarzen Talar durch das junge Frühlingsgrün gegangen und verschwindet in der kleinen Thür der Sakristei. Wir haben uns unterdes ebenfalls in die Kirche verfügt, und nun beginnt die Orgel und der Gesang, wobei ein alter Bauer mit einer unbeschreiblich krähenden Stimme sich besonders durch eine furchtbare Inbrunst und durch die Eigenschaft hervorthut, an bestimmten Stellen des Liedes in die Oktave überzuschnappen, offenbar jedoch der sicheren Ueberzeugung lebt, er und der Küster hielten die Sache aufrecht. So kommt die Zeit heran, da der gute, alte Prediger mit seinem weißen Haar und seinem rosigen Antlitz auf der Kanzel erscheint und eine milde, freundliche Predigt hält, die von Herzen kommt und zu Herzen geht, eine Predigt, die Aehnlichkeit hat mit dem Sonnenschein, der in breiten Strömen durch die alten Spitzbogenfenster hineindringt und Licht in die dunkelsten Winkel sendet. Aber manche von den verhärteten Bauernseelen mögen wohl schärferer Mittel zu ihrer Erbauung bedürfen, und es schmerzt den wahrheitsliebenden Berichterstatter tief, die Thatsache berichten zu müssen, daß jener alte Gesangskünstler, wahrscheinlich infolge der überstandenen Anstrengung, alsbald in einen sanften Schlaf verfällt und daß ein anderer älterer Herr in Kniestiefeln bei seinem mannhaften Ringen mit dem Dämon des Schlafes fortwährend mit dem Kopfe vornüber schießt und sich infolgedessen in einem fortwährenden Kampf mit einem unsichtbaren Ziegenbock zu befinden scheint. Aber das Bewußtsein der Heiligkeit des Ortes läßt niemand darüber lachen; vielleicht ist man auch durch jahrelange Gewohnheit gegen solchen Anblick abgestumpft, und ich glaube fast, ich, dem dies alles neu und nie erlebt ist, bin der einzige, der solches mit Bewußtsein bemerkt. Und wie soll ich Dir beschreiben jenes Gefühl, das mich trotz aller Aufmerksamkeit auf die Worte des Vaters kaum einen Augenblick verläßt, das Gefühl von der anmutigen Nähe seiner Tochter, deren sanfte Atemzüge mir durch das leise Knistern des sonntäglichen Seidenkleides vernehmlich sind. Zwar sitzt mein Zögling zwischen uns und doch verspüre ich an dieser Seite immer etwas wie einen sanften, elektrischen Anhauch.

Die Ströme des Sonnenlichtes rücken weiter und machen Dinge glänzen, die vorhin im Schatten lagen; ein verirrter Schmetterling flattert durch die Kirche und schlägt mit den Flügeln gegen die bleigefaßten Scheiben. Draußen zwitschern die Sperlinge und die ruhelos an den Fenstern vorüberschießenden Schwalben, und allmählich geht die Predigt zu Ende.

Mein lieber Siebold, ich bemerke vielleicht zu spät, daß ich diesen Brief angefüllt habe mit lauter kleinen Dingen, die mancher der Beachtung vielleicht nicht wert halten würde. Aber ich tröste mich mit einem Ausspruch, den Du gern im Munde führst und der also lautet: »Es gibt nichts Kleines in der Welt – der Kölner Dom ist auch nur aus Sandkörnern erbaut.« So laß es Dir gefallen, wenn ich alles, was mir einfällt, so an Dich hinschreibe, und sei allerbestens gegrüßt. Es dunkelt schon und ist ganz still geworden. Die Luft weht kühl von den Wiesen und am Horizont des hellgrauen klaren Frühlingshimmels brennt das Abendrot und leuchtet durch zierliches Gezweige der Bäume, die vom ersten jungen Grün des Frühlings leise angehaucht sind. Leb wohl für heute!

Dein Eduard Holding.

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