Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
Schließen

Navigation:

7. Kapitel

Ist sie nicht wie die Morgenröte lieblich?

Herr Ewald Brock lernte den Engel, der ihn retten sollte, kennen, als er eines Abends mit seinem Freunde Stilpe, dessen Bekanntschaft die Kenner der besseren modernen Litteratur in meiner anderen wahren Geschichte, der vom Negerkomiker, gemacht haben, die Vorstellung im Stadtgarten besuchte. Stilpe war eigentlich kein ganz passender Umgang für Herrn Ewald Brock, da er einmal einen Fehltritt begangen hatte. Er gehörte, wie meine Freunde wissen, zu jenen gefallenen Jünglingen, die, statt in ein Korps, in eine der vielen und mannigfach benannten anderen Verbindungen getreten sind, die der Korpsstudent kurz und schnöde allesamt mit dem Zweisilber Blase bezeichnet. Dieser Makel wog schwer für Herrn Brock, aber es war in dem Mirkokosmus Stilpe so vieles, das seinem Wesen ähnlich war, soviel Wahlverwandtes zumal, daß er mit Aufbietung einiger Seelengröße über die geringere soziale Stellung des Mannes hinwegsah und sich ihn, wenigstens für den circensischen Teil seiner Neigungen, zum Freunde erkor. Stilpe war, wie er, Mediziner in vorgerückten Semestern; gleich ihm übte er sich mit Ausdauer und Hingebung in den schwierigen Künsten des Lebens; gleich ihm betonte er bei diesen Studien den Umgang mit dem zarten und gemütvollen Geschlechte, das von der Weltordnung zur Ergänzung der rauhen Männlichkeit bestimmt ist; gleich ihm auch liebte er das Geistige in den Getränken. Unähnlich waren sich die beiden insofern, als Stilpes Wesen von größerer Agilität, so leiblich als geistig, war, wie sich das schon in seiner weitaus knochigeren, schmäleren Statur ausdrückte. Auch besaß er im Zusammenhange damit eine geläufigere Zunge, er war, in der reichen Tropik seiner Sprache zu reden, auf dem Klappenwerke protuberant gut beschlagen.

Diese beiden also, der tunfischdicke Herr Ewald Brock, und der heringschlanke Stilpe (dieser nicht völlig mit der sicheren Eleganz jenes, aber immerhin nicht ohne Sinn für modernen Schnitt gekleidet) betraten an einem Winterabend den Zuschauerraum des Stadtgartentheaters, wo sie sich mit der Miene der anerkannten Habitués nahe dem Klavier niederließen.

Sie waren gerade in ein Couplet hineingeraten, in dem ein hübsches dickes junges Mädchen behauptete, sie habe viel Courage, wohne Bel-Etage, ihre hohe Gage, die erlaube es ihr.

»Ein liebes kleines Ferkelchen,« sagte Stilpe, »aber wie kann man bloß Zickert heißen, wenn man so nette dicke Beinchen hat. Zickert kommt her von Zicke, das ist: Ziege. Ziegen aber haben keine Waden, wie schon der alte Buffon so richtig bemerkt hat. Mädchen, nenne dich künftighin Schinkel! Das schlägt in die Kunst und hat den Vorzug einer gewissen Suggestionskraft.«

»Ruhe!« rief das Publikum.

»Der Mob hat kein Interesse für Etymologie,« meinte Stilpe, »und da reden die Leute von gehobener Volksbildung. Kommt Zickert etwa nicht von Zicke, meine Herren?«

»Ruhe!« rief das Publikum.

»Ist Zicke etwa nicht eine korrumpierte Form von Ziege?« schrie Stilpe.

»Ruhe!« rief das Publikum.

»Lesen Sie im Buffon nach, verehrte Anwesende!« schrie Stilpe.

»Schmeißt den Kerl doch raus!« rief das Publikum.

»Schinkel ist das einzig Wahre!« donnerte Stilpe. »Wer für Stilpe ist, bekenne es laut und freudig mit einem deutlichen Ja!«

In diesem Augenblicke, als das Publikum Miene machte, aggresiv gegen Stilpe vorzugehen, kam eine weibliche Person, in einen dicken Theatermantel gehüllt, durch die Bühnenthüre in den Zuschauerraum, ging auf Stilpe zu und sagte sehr ruhig: »Du bist also noch immer der alte Esel! Willst du gleich stille sein?«

»Oh!« rief Stilpe erst laut, dann aber dämpfte er seine Stimme und sagte mit leiser Rührung: »Du bist es, Woglinde, meine süße Windung? Komm, rhythmisches Mädchen, lagere Dich an meinen Busen!«

»Das werd ich bleiben lassen. Aber ich will mich her zu Dir setzen, damit ich Dir den Mund zuhalten kann.«

»Unnötig, Du glättendes Öl meiner gelehrten Leidenschaft! Wo Deine Wonne bebt, schweigt meine Tuba.«

Während sich das Publikum langsam beruhigte, da es den wilden Hering gebändigt sah, stellte dieser das Mädchen seinem Freunde vor:

»Dieses aber, mein teurer Ewald, ist das Mädchen, von welchem schon die Alten sagten: ›Seht, welche ein netter Käfer!‹ Zücke Dein Monocle, Mann, und betrachte sie! Ist sie nicht wie die Morgenröte lieblich? Hat sie nicht unter blonden Haaren braune Augen? Rehe, lagernd unter Weizengarben, würde Salomo sagen, dieser begabte König, der das Hohelied gemacht hat. Sind ihre Backen nicht rot und rund und ihre Lippen desgleichen? Aber du mußt sie in Trikots sehen, die von der Farbe blonden Fleisches sind! Diese Beine . ! . Meine Harfe schweigt.«

Beine, – das Wort zündete bei Herrn Ewald Brock, der ohnehin mit Interesse in diese braunen Augen sah, die zu Stilpes Redeschwung belustigt lachten. Er sprach: »Hä, werden wir sie heute noch zu sehen kriegen, die p. p. Beine?«

Das Mädchen sprach: »Nein, Herr Doktor! Ich bin fertig da oben, und ich wollte schon nach Hause gehn, wie ich das Klappenwerk da erkannte. Ich hätt' es ja ruhig mit ansehen können, daß sie ihn an die Luft setzten, aber ich dachte mir: Er hat zwar eine entsetzliche Manier am Leibe, die Leute kaputt zu reden, aber schließlich ist er doch 'n ganz passabler Kerl, dem man einen Knochenbruch ersparen kann.«

Stilpe that beleidigt: »Redet sie nicht Pamphlete? Ach du Wabernde, warum beschimpfst Du mich? Hast Du mich nicht einsten geliebt, wie nur ein Mädchen mit Deinen Muskeln lieben kann? Trag ich nicht heute noch blaue Flecke von Deiner Liebe?«

Das Mädchen sprach: »Sie sind sein Freund, Herr Doktor? Na, dann wissen Sie, daß er mehr lügt, als nötig ist. Nee, Stilpeken, wenn ich nicht Deine schnodderige Seele verehrte, in Deine Knochen würd' ich mich nicht verlieben.«

Stilpe: »Ewald, das geht auf Dich! Pauline macht Dir Avancen!«

Herr Ewald Brock war nicht abgeneigt, dies zu glauben, denn dieses Mädchen that ihm wohl, obwohl er bei Tingeltangeldamen eigentlich eine robustere Umgangssprache vorzog und es stilwidrig fand, daß dieser Theatermantel so gewissermaßen hochdeutsch redete. Er sprach und legte Schmelz in seine Stimme: »Paula heißen Sie? Hä, ein schöner, wohlbeleibter Mädchenname. So . . . rund. Hä, mollig!«

Das Mädchen: »Na, eigentlich heiß ich Mathilde. Aber, sehen Sie, das ist kein Name für so einen Theaterzettel.«

Jetzt mußte Stilpe, wollte er nicht platzen, in das Gespräch eingreifen: »Paula Morlow. Man beachte, wie dumpf das dahin rollt. Schlangendame und Serpentine-Cancanöse. Letzteres Eigenbau, persönlich erfundene Spezialität. Auch Woglinde genannt, aber nur von mir. Im Zivilverhältnis Mathilde Hol . . . hol mich der Teufel, ich bring's nicht heraus, das Wort, es stinkt nach Fliederthee, . . . Hol . . . Hol . . . Mädchen, thu das Mündchen auf und sag's selber! Es ist unaussprechlich!«

Das Mädchen: »Kindskopf! Ich heiße nämlich Holunder mit meinem Familiennamen.«

Herr Ewald Brock gings wie dem verehrten Leser, der vorhin lachte. Es kam ihm unwahrscheinlich vor. So ein nettes, rundes Ding und: Holunder! Er faßte sich aber und sprach: »Hä, ein wirklich einigermaßen erstaunlicher Familienname. Aber, hä, nett, muß ich finden. Ja, sehr nett, hä. So 'n dichterischer Name!«

Stilpe war empört. »Ein ganz infamer Name. Paula, ich sage Dir, Du mußt heiraten, heiraten mußte, daß Du 'n los wirst. Du könntest geradesogut mit einer Crinoline herumlaufen wie mit dem Namen. Wenn ich nu' Aprikose hieße!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.