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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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6. Kapitel

Er war nicht happig.

Wenn mein verehrter Leser zur Zeit, da diese wahre Geschichte spielt, mittags zwischen elf und zwölf Uhr auf der Grimmaischen Straße in Leipzig spazieren gegangen wäre, so würde er regelmäßig einem angenehm beleibten, doch nicht geradezu fetten Herrn begegnet sein, der mit der Miene eines erfahrenen, aber die Welt noch immer mit herzlichem Interesse betrachtenden Mannes und in der Kleidung eines von einem guten englischen Schneider bedienten Repräsentanten der wohlbegüterten Volksschicht einherwandelte, freundlich gemessen die steifen Mützenschwünge der Corpsstudenten mit einem leichten Heben seines glänzenden grauen Cylinderhutes erwiderte und nicht gar selten hübschen jungen Mädchen von confektionösischem Aussehen, wie sie um diese Zeit in dieser Straße immer in mehreren guten Exemplaren zu treffen sind, mit der hell behandschuhten Rechten kordiale Grüße zuwinkte, auch wohl ab und an mit einer dieser netten Personen in eine Nebenstraße einbog, um dort ungestörter freundliche Worte gefälligen Scherzes mit ihr zu tauschen.

Dieser liebenswürdige, joviale Herr, der Anfang der dreißiger stehen mag und in nichts an das Normalbild der Leipziger Studenten erinnert, ist Herr Ewald Brock.

Sieht man ihn so in seiner lebemännischen Haltung, der es aber nicht an einem Beitone von gemütlicher Leutseligkeit fehlt, so würde man einen Herren vor sich zu haben meinen, der die Klippen akademischer Prüfungen längst mit Gewandtheit umschifft oder überhaupt nicht den Ehrgeiz nach einem gelehrten Grade hat. Die unerbittliche Wahrheit erfordert es indessen, zu konstatieren, daß der imposant schäkernde Herr sich noch inmitten der strudelnden Fluten des Universitätslebens befindet. Wir haben Herrn Ewald Brock in seinem vierten Leipziger Semester vor uns, und es wäre unbillig, zu verlangen, daß er jetzt schon am Ende seiner Studien angelangt sein sollte. Wir wissen, es lag nicht in seinem Wesen, zu rennen, unanständige Eile war ihm fremd, seine Korpulenz verbot ihm geradezu, Sprünge zu machen.

Die Zeit dagegen, diese klapperdürre Geschwindspinne, raste in einem unangenehmen Tempo. Semester tobten förmlich an ihm vorüber. Es wurde ihm manchmal fast ängstlich, wenn er sie so jagen sah, die Generationen der akademischen Bürger. Jetzt waren schon die Bürschchen auf dem Plan, die zu seiner Zeit Quintaner gewesen waren.

Höchst überflüssig daher, daß der alte Herr unausgesetzt ans Studieren mahnte. Natürlich studierte Herr Ewald Brock. Man konnte sagen: Täglich. Nur übernahm er sich nicht. Er war nicht happig. Das unterschied ihn von den gewissenlosen Strebern, die, selbst erst Skizzen von Menschen, sich getrauten, praktische Ärzte zu werden, ehe sie praktische Menschen wurden. Welch' ein Fürwitz! Er seinerseits nahm es genauer, gewissenhafter. Erst galt es, das Leben zu ergründen, sich selbst in runder Fülle zu einem fertigen Menschen zu gestalten. Meint man, das gehe schnell? Ist das Leben nicht das schwerste Studium nach der übereinstimmenden Meinung aller Weltweisen? Man müßte ein Genie sein, um das im Husch zu erfassen. Hatte er sich aber je für ein Genie ausgegeben? Man weise ihm das nach! Ein Idiot war er ja gewiß nicht, aber sein Gehirn verdaute langsam. Das war Schickung wie ein schlechter Magen. Konnte er für sein Gehirn? Hatte er sich's gemacht? Und: Wenn er gesunde Instinkte für die Weiblichkeit hatte, war das etwa seine Schuld, sein boshafter Vorsatz? Daß er nicht wüßte! Er war nicht befragt worden, was für Instinkte er sich wünschte. Möglich, daß er sich die Instinkte eines Wander-Quäkers gewünscht hätte. Es ist alles möglich.

Immerhin genierten ihn ziemlich häufig Anwandlungen solcher Art, und er war in solchen Augenblicken nicht glücklich zu preisen. Ich fürchte, er wäre sogar schließlich einer schleichenden Übernachdenklichkeit mit melancholischen Momenten verfallen, wenn nicht ein glücklicher Umstand rettend eingetreten wäre.

Herr Ewald Brock lernte Fräulein Mathilde Holunder kennen

Mir ist, als ob ich jemand lachen hörte. Ach, Freund Leser, Sie finden den Namen Holunder zu lyrisch für Herrn Ewald Brock? Sie denken sich: Wie kann man einen so unpassenden Namen erfinden?

Lachen Sie immerhin! Aber reden Sie mir nicht von Erfinden, wenn Ihnen meine Freundschaft wert ist. Diese Geschichte ist so wenig erfunden wie der König David. Ich kann nichts dafür, daß der rettende Engel meines Helden Holunder hieß. Das Schicksal macht oft sonderbare Nomenclaturen. Es bringt es fertig, einen Dichter Klopstock und einen Händler mit alten Hosen Veilchenblüh zu nennen. Warum also sollte es eine Schlangendame nicht Holunder heißen?

Eine Schlangendame, eccoló! Endlich haben wir sie!

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