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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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5. Kapitel

Ein solcher Stier geht ruhig fürbaß.

Der unpsychologische Leser, der sich, wie ich hoffen will, in seiner guten Meinung von Herrn Ewald Brock durch die Unglücksschläge, die dieser gemarterte Mann im vorigen Kapitel zu überstehen hatte, nicht hat erschüttern lassen, wird nun flugs glauben, daß mein Held in heftig schöner Gemütsaufwallung sogleich nach Würzburg fährt, um den sechs mageren Semestern weitere sechs korpulente folgen zu lassen.

Oh über den unpsychologischen Leser! Ich beklage ihn. Wie wenig, wie schlecht kennt er Herrn Ewald Brock!

Wie? Hat er jemals gesehen, daß ein Stier, der bereits in der Deichsel gestanden, herumhoppste und brüllte wie ein junger Galoppant, wenn man ihn auf die Weide gelassen? Nein! Ein solcher Stier geht ruhig fürbaß, rupft sich sinnend das Maul voll Klee und legt sich langsam wiederkäuend ins dichte Gras.

Nun wohl: In ähnlicher Lage benahm sich Herr Ewald Brock ähnlich.

Es war ihm ganz und gar nicht galoppierend zu Mute. Salamander kommandieren, Füchse einpauken, die Backen hinhalten für andrer Leute lange Messer schien ihm eine zwar nicht unlöbliche aber doch mehr für das Jünglingsalter passende Beschäftigung. Er seinerseits, so fühlte er, gehörte nicht mehr zu jener heiteren, aber unerfahrenen Jugend, der dichtes Lockenhaar den Scheitel kränzt. Er hatte eine Platte. Er hatte einen Spitzbauch. Niemals mehr würde er den Schläger steif hoch halten können, wie es die Pflicht der Deckung gegen die Hochquart erfordert. Es lagerte zuviel anstudiertes Fett vor. Gelehrsamkeit ist ritterlichen Künsten undienlich. Wo sie nicht entnervt, verfettet sie. Es ist schon tragisch.

Also: Kein Gedanke an Würzburg! Aber, beim hohen Himmel, auch kein Gedanke an Halle! Der alte Herr in seiner Verstocktheit hätte es freilich am liebsten gesehen, wenn sich Herr Ewald in dieser unerfreulichen Stadt bis ins Endlose hätte fortnudeln lassen mit allen Disziplinen der Heilkunde. Aber nein! Diesmal liegen bindende Zusicherungen vor. Ein jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, sagt schon Moses oder Lassalle. Der ausbedungene Lohn seiner Arbeit aber war die Befreiung aus Halle.

Er für seine Person war mit lebhafter Entschiedenheit für Berlin. Das sei die Stadt für ein gereiftes Studium! Die klassische Stadt der älteren Semester! Die Reichshauptstadt! Die Hauptstadt der deutschen Wissenschaft! Virchow! Koch! Und wie sie alle heißen! Dutzendweise glänzen dort am Himmel der Medizin die Kapazitäten! Und Klinken giebt es soviele wie Kasernen!

Aber der alte Herr war kürzlich zum Historikertage dort gewesen und hatte, wie er des Nachts mit jungen Kollegen die Stadt besah, Beobachtungen gemacht, die es ihm geraten erscheinen ließen, sein Veto gegen Herrn Ewalds Übersiedelung an die Spree einzulegen. Gewiß, es müsse eine der großen Universitäten mit reichen klinischen Einrichtungen und ersten Koryphäen der Wissenschaft sein. Aber nicht Berlin. Nein, nicht Berlin. Sondern Leipzig etwa.

Also gut! In Gottesnamen: Leipzig. Es war wenigstens nicht Halle.

Herr Ewald Brock packte seine medizinische Bibliothek, seine Instrumente, sein Mikroskop zusammen und fuhr mit einem nachdenklichen Gesichte ins Sächsische.

Es ging ihm allerlei durch den Kopf während der Eisenbahnfahrt.

Was sollte er nun eigentlich in dieser Handels- und Universitätsstadt?

Studieren vermutlich?

Ganz wohl! Studieren! Gewiß! Das stand wohl unumgänglich fest. Denn, irrte er nicht, so wollte er Arzt werden.

Wollte? Doch wohl eigentlich mehr: Sollte! Aber gleich viel! Auf den Arzt lief es hinaus. Da war das Zeugnis des bestandenen Physikums. Dieser Obstkuchen war nun mal angeschnitten. Auch mußte die ärztliche Praxis nicht ohne Annehmlichkeiten sein. Und die medizinische Wissenschaft, so viele Schattenseiten sie ohne Zweifel hat, ist doch wenigstens nicht so zwecklos wie die andern. Sie bringt mit dem Leben in Berührung! Na, und das Leben ist doch noch immer das Amüsanteste auf der Welt. Wenn er z. B. Frauenarzt würde? Wie, Ewald?

Dabei fiel ihm die Frage aufs Herz, wie es denn wohl in puncto puncti stünde zu Leipzig der Stadt? Ob sie wohl annehmbar wären, die Töchter der Eingeborenen?

Doch vermutlich! Und es rührte sich ein Stückchen historisches Erbteil vom Vater her in Herrn Ewald Brock, indem er sich sagte: Es ist eine alte Universitätsstadt, die schon Generationen von Studenten in ihren Mauern sah. Da muß sich wohl ein guter Stamm Weiblichkeit gebildet haben. Überdies ist es immerhin ein ziemlich großer Marktflecken. Und richtig! Hat es Schiller nicht mit Paris verglichen?

Herr Ewald Brock fühlte sich beruhigt, und als er schließlich bedachte, daß sein Korps mit einem Leipziger in Vorstellungsverhältnis stand, daß er also als mitkneipender Korpsbursch eines standesgemäßen Unterkommens in entsprechender Gesellschaft sicher war, da dünkte es ihm eine ganz erfreuliche Schickung zu sein, daß er sich gerade in Leipzig studierenshalber aufhalten sollte.

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