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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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2. Kapitel

Haben Sie schon einmal junge Stiere gesehen?

Es wäre mir ein schmerzlicher Gedanke, wenn ich annehmen müßte, daß im fröhlichen Gewimmel meiner Leserschaft irgendwelche Voreingenommenheit gegen Herrn Ewald Brock bestünde. Oh ja: Er könnte strengeren Anschauungen in allerlei Punkten huldigen. Er könnte mehr Gesetztheit zeigen und standhafter gegen die Lockungen der Welt sein. Er könnte mehr Prinzipien haben. Kurz: Er könnte Ihnen, verehrter Leser, und Ihnen, teure Leserin, ähnlicher sein.

Aber: Haben Sie schon einmal junge Stiere gesehen, die nach überstandenem Winter aus dem Stall auf die Weide gelassen werden? Himmel, was für einen hufschlenkernden Galopp vollführen diese Burschen! Wie heben und senken sie die Hörner! Mit was für herausfordernden, tumultuarischen Augen sehen sie den blauen Himmel und die grüne Wiese und die roten Kühe an! Und ihr Gebrüll gar! Sie können's zwar noch nicht so donnertönig voll wie die alten schnauzwütigen Stiersenioren, aber sie thun es mit viel mehr Schwung, Hingabe und Leidenschaft.

Nun wohl: In ähnlicher Lage benahm sich Herr Ewald Brock ähnlich.

Einstweilen, im väterlichen Halle, mußte er seinen Freiheitsgefühlen freilich noch einigen Zwang anthun. Da war der salbungsvolle Herr Vater mit ernsten Reden, da war die gelindere Frau Mama mit sänftlich guten Lehren, da waren die sittigen Schwestern mit still eckigen Geberden. Wehe, wenn er hier losgaloppiert wäre!

Also benahm er sich nach Kräften wohlanständig, trug einen langen schwarzen Rock, ein kleines schwarzes Hütchen, bescheidene Klappkragen, ein dünnes kümmerliches Shlipslein, hatte sein Haupthaar rechts gescheitelt, seine Augen bescheidentlich gesenkt und seine Zunge in gutem Zaume. Trank auch nicht zuviel Berauschendes und mied bedenkliche Lokale. Dafür zeigte er sich ernsten Antlitzes allen Ermahnungen recht zugänglich, kaufte sich viele medizinische Bücher und ein Mikroskop, ging sogar einmal in ein Kirchenkonzert. Kurz, er benahm sich so brav, daß es den guten Eltern kein Wagnis schien, ihn aus der häuslichen Hut nach Würzburg zu entlassen, wo auch Brock senior einsten studiert hatte.

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