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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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18. Kapitel

Also sprach die Moral

Jetzt kamen triste Tage für Paul und Ewa.

Die Moral, noch nicht zufrieden damit, daß ihr jene Möbelhekatombe gebracht worden war, verlangte, unbescheiden, wie sie ist, nochmal ein Opfer.

Sie sprach: Nachdem ihr endlich die goldene Leiter zur Wohlanständigkeit beschritten habt, indem ihr in die Reihe der staatlich akkreditierten Paarungs-Candidaten eingetreten seid, die in der Saale-Zeitung und dem Leipziger Tageblatt als Verlobte verkündet worden sind, ist es fürder nicht mehr angängig, daß ihr eure Möbelehe weiterführt. Nicht eher schütze euch dasselbe Dach, ehe ihr durch die Vermittelung des Herrn Pastors Petermann mit dem Himmel und durch die Vermittelung des Standesbeamten Schulze mit dem Staate einig geworden seid, hinfüro in ihrem Schutze als approbierte Ehemenschen miteinander zu leben. Hat euch dann der goldene Ring zu würdigen Gefäßen christstaatlicher Eheliebe vorschriftsmäßig geaicht, so will auch ich nichts mehr dagegen haben. Was ihr gethan habt, soll dann vergessen, und was ihr thun werdet, soll mir gleichgültig sein. Aber bis dahin achtet, bitte, auf die Reglements!

Also sprach die Moral.

Und Fräulein Mathilde Holunder fuhr gen Halle, ihre Brautzeit im Hause der zukünftigen Schwiegermutter zu verleben. Man nahm sie herzlich und mit Liebe auf, und zum Danke entzückte sie Alles, was in ihre Nähe kam. Sogar Fräulein Petermann. Aber wohl fühlte sie sich gar nicht.

Jeden Tag schrieb sie an Ewa einen Brief des Inhalts: Mach, daß Du fertig wirst, mein Dickes. Denn wenn Du noch lange brauchst, so stehe ich nicht gut dafür, daß ich plötzlich mal in eurer guten Stube lostanze, und wenn gleich Petermanns da sind. Und halt's wahrhaftig auf die Dauer nicht aus. Schrecklich gut sind Deine Leute, und ich habe sie gerne. Aber ledern sind sie auch. Und der ganze Leib thut mir weh, wenn ich nicht tanzen kann.

Jetzt erst versteh ich meinen Béranger:

Dieu donna l'air, la terre et l'onde,
Dit le merle, aux seuls animaux,
Nous y vivions exempts de maux,
Mais chaque race trop féconde
Poussa tant et tant de rameaux,
Qu'on étouffa dans ce bas monde.

        Ils sautaient,
        S'ébattaient,
        Coquettaient
        Et chantaient,
        Chantaient,
        Chantaient.

Nach dieser Strophe scheint es, daß Béranger auch mal in Halle gewesen ist. Laß sie Dir von Stilpe'n übersetzen, aber mach, mach, mach!

Dein Paul.
 

Herr Ewald Brock aber hegte selber das dringende Verlangen nach möglichster Abkürzung dieser tristen Epoche, und er setzte mit einem raschen Sprunge heilen Leibes über die letzte Station weg, holte sich, wie der Knabe auf dem Carousselpferde das Stechringel, mit geschickter Hand das Diplom eines Doktors der Medizin und fuhr in aller Gelehrsamkeit und Freude nach Halle.

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