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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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17. Kapitel

Sie thun meinem Zartgefühl nicht weh damit

Herr Professor Brock war einigermaßen erstaunt, wie er Fräulein Mathilde Holunder sah. So hatte er sich die Pfarrerstochter aus dem Schlesischen in der That nicht vorgestellt. Er hatte was Strengeres erwartet, so im Gesichte wie in der Figur. Ein weiblicher Freigeist, der seiner Gesinnung die Kindesliebe, das traute väterliche Heim zum Opfer gebracht hatte, der, so hatte sich der Professor der Weltgeschichte aus Halle gedacht, müßte etwas Antigonehaftes haben. Auch an Hypatia, die Tochter des Theon in Alexandria, hatte er gedacht, die ihren Anbetern die bewußten rotmelierten Läppchen schickte mit dem Satze: Id quidem amas. Und nun saß diese niedliche Blondine vor ihm, mit den runden roten Backen, der etwas nach oben lächelnden kleinen Nase, den braunen, gar nicht grüblerischen Augen und diesen unphilosophisch runden, festen und man möchte wohl sagen: üppigen Formen. Wie doch das Äußere täuschen kann, dachte der Herr Professor. Daß dieser kleine, wie es schien nur zum Lächeln bestimmte Mund begabt sein sollte, über theologische Streitfragen zu disputieren! Die Garderobe, freilich, die verriet schon eher Sinn für das Weltabgewandte. So vorgestrig kleideten sich selbst die Pastorstöchter in Halle nicht.

Und der Geschichtsforscher wandte sein inneres Auge von Paul auf Ewald und dachte. »Ah,« dachte er sich, wie er diese viel zu kurzen Ärmel (Paul hatte mit arger List das Kleid gewählt, in dem sie einstens durchgebrannt war) »das ist es, das ihr meinen Ewald unsympathisch macht: Dieser weltliche Sinn für helle, karierte Jackets und graue Cylinderhüte, diese thörichte und unziemliche Neigung für grelle Cravatten und ungebührlich hohe Stehkragen.«

Es bedurfte Pauls ganzer liebenswürdiger Natürlichkeit, den Professor aus seiner feierlichen Dankesbefangenheit in eine freie Gesprächsstimmung zu bringen, in der er, so weit es ihm überhaupt möglich war, frisch von der Leber weg sprach.

»Wie haben Sie es nur, mein liebes Fräulein,« fragte er, »fertig gebracht, meinen Ewald auf die rechte Bahn zu führen!? Er war doch, nicht wahr, beklagenswert prinzipienlos, wie er in Ihre Hände kam.«

»Ihr Herr Sohn war,« erwiderte Paul in einem sanft gesalbten Gouvernantentone, »in der That ein wenig haltlos, als er bei mir mietete. Es fehlte ihm jeder Sinn für das Systematische, jeder Zieltrieb, möchte ich wohl sagen.«

»Sie haben da die richtige Kennzeichnung seiner Fehler gegeben, mein Fräulein. Oh, die Systemlosigkeit! Ja! Und der mangelnde Zieltrieb! Aber: Mit welchen Mitteln haben Sie es nur vermocht, diese fehlenden ihm einzupflanzen?«

Und Paul mit holder Bescheidenheit, niedergeschlagenen Auges, lind wie eine gute Amme: »es war nicht so schwer, Herr Professor. Ihr Herr Sohn, Sie wissen es selbst, ist nicht schlecht. Er ist nur schwach. Wo er freundliches Interesse spürt, entwickelt er Erkenntlichkeit. Und wenn man nur unermüdlich ist in Aufmunterung, Fürsorge, Zuspruch und Bitte, so bringt er es nicht leicht übers Herz, das Gegenteil von dem zu thun, was sorgliche Anteilnahme ihm empfiehlt. Nur Geduld und Sanftmut ist vonnöten. Daran und an dem freundlichen Hinweise auf das, was seine Familie von ihm zu fordern berechtigt und er als guter Sohn zu leisten verpflichtet ist, habe ich es nicht fehlen lassen. Das ist Alles, Herr Professor!«

»O, mein liebes Fräulein, das ist viel! Aber dennoch, ich glaube, dennoch würde es nicht genügend gewesen sein, wenn nicht das freundliche Geschick es gewollt hätte, daß mein Sohn, ja, wie soll ich es nur sagen, ohne Ihr Zartgefühl zu verletzen, mein liebes Fräulein, daß mein Sohn mit besonderer Empfänglichkeit gerade für die sorgliche, ratende Güte Ihrerseits ausgestattet war, mit einer Empfänglichkeit, die, wie ich bemerkt zu haben glaube, ihre Wurzeln in einem sehr, hm, lebhaften Gefühle seinerseits für die wertvollen und, hm, ja, und anmutigen Eigenschaften Ihres Wesens hat.«

Die Hervorbringung dieses vielgliederigen Satzwurmes, der seinem Munde keineswegs glatt, sondern wie in angstvoll erschöpften Zuckungen entkam, bereitete Herrn Brock senior nicht geringe Schwierigkeiten und Fräulein Holunder viel Vergnügen. Es war ihr nicht leicht, dieses Vergnügen zu verbergen, aber es gelang ihr. Sie fand sogar die Kraft, zu erwidern wie folgt: »Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Professor, so wollen Sie sagen, daß Ihr Herr Sohn eine Art brüderlicher Zuneigung für mich empfindet. Sie thun meinem Zartgefühl nicht weh damit, ich bin dieser Zuneigung froh und erwidere sie von Herzen.«

Herr Brock senior fühlte, daß die Entscheidung nahe herbeigekommen war. Jetzt oder nie, dachte er sich und stürzte sich voll Mut und Entschlossenheit in den Strudel des folgenden Satzes: »Mein liebes Fräulein, verzeihen Sie es mir als dem Vater Ewalds, wenn ich Ihnen widerspreche.« (Das war nur das Sprungbrett.) »Jene Empfindungen meines Sohnes, auf die zu deuten ich mir erlaubt habe, nicht ohne vorher reiflich mit mir zu Rate gegangen zu sein, diese Empfindungen sind, ich bitte Sie, mich ohne, verzeihen Sie: ohne jene mir wohlbegreifliche mädchenhafte Scheu anzuhören, die ich als schönes Zeichen echter Weiblichkeit hochschätze, die aber . . . . . ja: diese Scheu muß in gewissen Verhältnissen . . . . . indessen: ich wollte mich eigentlich, obwohl der Gegenstand es erfordert . . . . kurz, liebes Fräulein: Diese Empfindungen meines Sohnes, von denen ich außerdem nur sagen möchte, daß ich sie verstehe und daß ich mich von Herzen darüber freue, ja, wahrhaftig recht von Herzen freue, liebes Fräulein –: Diese Empfindungen sind nicht brüderlicher Natur!«

Gottlob, dachte sich Paul, jetzt hat er's überstanden, der arme liebe alte Herr. Ich fiele ihm weiß Gott gerne um den Hals und machte ein Ende. Aber er wünscht nun mal mädchenhafte Scheu. Also muß er noch ein bißl zappeln.

Und sie sprach, indem sie das Lachen, das in ihren Augen war, durch ein in vielen Lebenslagen des Weibes probates Senken des Kopfes verbarg: »Auch dieses Empfindungen, Herr Professor, ehren mich, und sie ehren mich doppelt, wenn sie von Ihnen gutgeheißen werden, indessen . . .«

Sie schwieg. Es war die raffinierteste Kunstpause, die je gemacht worden ist.

Der Professor aber fing das Indessen mit dialektisch geübtem Munde, so wie ein gelehrter Pudel den Brodhappen fängt, nicht minder kunstreich auf und hing daran folgende Wortschnur: »Kein Indessen, liebes Fräulein, kein Indessen! Ach, ich weiß ja, was meinem Ewald noch fehlt. Glauben Sie mir, mein liebes Fräulein, auch ich betrachte es mit Mißfallen, wie er leeren und lächerlichen Äußerlichkeiten einen Wert beimißt, dessen völlige Grundlosigkeit uns beiden, Ihnen und mir, gleich klar ist. Diese auffallend gefärbten hohen Hüte! Diese eines ernsten Mannes unwürdigen Halsbinden! Diese eher grotesken als schönen kurzen Röcke! Es ist klar, daß alles dies ein stilles Wesen wie das Ihre abstoßen muß, ein Wesen, das, ein seltener Fall bei Damen Ihres Alters, allem Äußerlichen abhold ist und in die Tiefen des Innerlichen forscht. Aber, liebes Fräulein, die Liebe, – seien Sie nicht böse über dieses Wort –, die Liebe wird ihn Ihnen ähnlich machen, – so weit es geht –, und Ihre sanftmütige Geduld wird es vermögen, daß Ewald auch diese Dinge ablegt, die doch nur die gewissermaßen petrefakten Reste seiner früheren, nun gottlob überwundenen nichtigen Lebensanschauungen sind.«

Paul konnte sich kaum halten. Heiliger Himmel, wenn der Professor jetzt den Kleiderschrank aufmachte und ihre schwarzseidenen Unterhosen sähe, mit den gelben Spitzen, oder gar, Gott sei mir armem Sünder gnädig, die fleischfarbigen Trikots! Ob er wohl am Leben bliebe?

Die Komödie, die sie da aufführen mußte, war ihr aber eigentlich nicht mehr amüsant. Es fiel ihr wahrhaftig schwer, diesen gläubigen Herrgottskäfer von einem Professor, diesen liebsorglichen, drollig guten Papa so schnöde anzumimen. Aber es giebt nun mal Papas, die durchaus beschwindelt werden müssen, wenn sie nicht Malheur anrichten sollen. Hilft nix! Weiter im Text:

»Ach, Herr Professor, nicht dieses eigentlich ist es. Wenn ich es Ihnen . . . gestehe, wenn ich Ihre gütige Offenheit mit . . . mit . . . – wenn ich es vor Ihnen als dem Vater mei . . . dem Vater des Herrn Ewald aussprechen darf . . . ach, Herr Professor, es ziemt sich wohl nicht . . .«

»Sprechen Sie, liebes Fräulein! Sprechen Sie! Oder nein! Sprechen Sie nicht! Ich weiß nun, oh, ich weiß, ach Gott, und ich freue mich ja so, ich bin ja ganz glücklich, daß Sie . . . Ich danke Ihnen! Es ist, ja ein Segen! Ich danke Ihnen!«

Jetzt war für Paul der schwierige Augenblick gekommen.

Der eine alte Herr war gewonnen, nun galt es, den andern aus Sehweite zu rücken, zu verhüten, daß Schwiegervater zu Schwiegervater eilte. Der alte Herr in Freienberge, das wußte sie, der würde in seinem Lutherzorne alles hinausgezetert haben, was geeignet gewesen wäre, in Halle unangenehme Sensationen zu erregen. Gottlob, daß sie alt genug war, seinen Ehekonsens nicht mehr zu brauchen. Und da sie auf seinen Segen, schlimm genug für ihn, doch nicht rechnen konnte, so sollte er nur recht weit aus dem Rahmen bleiben. Wie das aber dem guten Professor beibringen?

Paul that's mit einer gewissen melancholischen Eleganz. Sie malte mit beweglichen Worten die grimmige Orthodoxie des unbeugsamen Kanzelmannes, und sie erzählte, wie es ganz unmöglich sei, ihn ihr jemals wieder freundlich zu stimmen, denn er würde von ihr den Abschwur ihrer heiligsten Überzeugungen, also das Unmögliche verlangen. Und auch, wenn sie es Ewald zu Liebe thäte, was aber ein allzu schmerzliches Opfer für sie wäre, so würde doch des Zwistes kein Ende sein. Nein, sie könne Ewald nur dann zum Manne nehmen, wenn seitens seiner Familie jeder Versuch zu einem Verhältnis mit der ihren unterlassen würde.

Herr Brock senior war zwar betrübt über diese Notwendigkeit, aber er erklärte, nachdem er sie von allen Seiten rednerisch beleuchtet hatte, sie einzusehen, und er schloß die letzte seiner Reden über diesen Punkt mit den Worten: »Gebe nun Gott, meine liebe Tochter, Gott, den auch Ihre freieren religiösen Anschauungen gewiß nicht leugnen wollen, daß Sie an der Seite meines Ewald das Familienglück finden mögen, das Ihnen im Vaterhause leider versagt war.«

Bei dieser Gelegenheit wurde Paul zum erstenmale in ihrem Leben auf die Stirn geküßt.

Der Kuß ging ihr durch und durch.

In meinem Leben spiel ich nie wieder so eine Komödie, gelobte sie sich. Man kommt sich ganz infam vor, wenn man so einem guten alten Würdenträger was vormachen muß.

Zu Herrn Ewald aber sagte sie: »Weißt Du, Dickes, das bist Du wirklich nicht wert, was ich heute für Dich geleistet habe. Alles andre war schließlich ganz angenehm. Aber das war eklig.«

»Gott,« sagte Herr Ewald, »ich habe mit all meiner Ehrlichkeit dem alten Herrn noch nicht halbsoviel Freude gemacht, wie Du mit Deiner Komödie.«

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