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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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14. Kapitel

Was stöhnst Du denn so?

Herr Ewald Brock hatte eine schlechte Nacht nach dem Gespräche, das von Paul so brüsk abgebrochen worden war. In seinem ganzen Leben war es ihm noch nicht passiert, daß er im Bette nachgedacht hatte. Heute mußte er auch das noch erleben.

Erst war's bloß wieder dieses inwendige Herumgewandere, dieser unangenehme Fremdkörper, der in der Magengegend hin und her rollte. Dann lichtete sichs ein bißchen, und Herrn Brock kam eine Empfindung, wie: Die Verhältnisse haben sich verschoben.

Das ist's! Aber wie denn? Ja, so: Paul stand nicht mehr neben, sondern über ihm.

Das war es.

Infames Gefühl! Bisher war es ihm, unbewußt zwar, aber im Effekt ganz deutlich, eine wohlthuende Empfindung gewesen, sich einzubilden, er habe Paul zu sich emporgezogen. kam es ihm auf einmal umgekehrt vor.

Aber nein: Das ging nicht! Wirklich nicht! Unmöglich! Ein ebenso unwürdiges wie unbequemes Verhältnis! Und so ungewöhnlich! Wider die Natur geradezu! Er erinnerte sich, ähnliches, aber lange nicht in dieser Stärke, empfunden zu haben, wenn ihm ein junger Fuchs zu gescheit gekommen war. Na, den hatte er ja bald kirre gekriegt. Er zwiebelte ihn mit Ganzen und Halben solange, bis er sich entweder duckte oder austrat.

Ob er wohl Paul'n würde ducken können?

Unsinn. Das war's ja eben, daß er so ganz machtlos, so positiv unten war.

Also mußte denn er das Feld räumen, er! Die Manneswürde erheischte es. Jawohl!

Aber kaum hatte er sich zur Höhe dieser Überzeugung emporgeschwungen, da wurde ihm zum Wimmern weh.

Ach Gott, es war aber doch so schön mit Paul'n zusammen! So mollig, so angenehm sicher. In seinem ganzen Leben war ihm ja noch nicht so wohl gewesen, obwohl er sich nicht besinnen konnte, jemals ein solcher Streber gewesen zu sein, wie jetzt.

Und das soll also aus sein? Richtig und radikal aus?

Wie er auf diesen Gedanken stieß, wälzte Herr Ewald Brock seinen Leib so gewaltig im Bett, daß die Matratze schmerzlich aufstöhnte und die Bettpfosten murrten. Dieser Gedanke war zu furchtbar. Er trieb ihm den Schweiß aus allen Poren.

Herrgott, Herrgott, Herrgott! Was sollte das werden?

Er sollte also wieder hinabgeschleudert sein in die haltlos flutende miserable Mange derer, die nomadenhaft in allerlei Kneipen herum essen und sich mit impertinenten Philösen und ihrem schmachvollen Kaffee abfinden müssen? Er, er sollte wieder Sonntags im Schloßkeller zu Reudnitz mit den skizzenhaften Mädchen anbandeln müssen, die, ohne Distancegefühl, alle Menschen wie die jüngsten Semester behandeln? Ach, und niemals würde er mehr auf dem Divan liegen und durch den Rauch seines Nargilehs sehn, wie ihre schönen, vollen, runden . . . .

Oh! Ohh!! Ohhh!!!

Er überstöhnte die Tonleiter der Matratze.

Aber nicht genug des Jammers. Tiefer noch ins schmerzende Fleisch der Pfahl. Ein Gedanke kroch ihn an, daß er sich entsetzt im Bette aufrichten mußte, als sähe er Gespenster: Himmel, was wird aus seinem Staatsexamen werden?

Verzweifelt fiel er zurück, und eine Bettplanke sah es ein, daß es vergebens sei, hier standhaft zu bleiben. Sie brach, und Herr Ewald Brock lag nun in einer Höhle, tief und unbequem. Aber diese Lage war Wollust gegen den Schmerz seiner Gedanken.

Nie, sagte er sich mit Entschiedenheit, nie wird er das Staatsexamen machen. Verbummeln wird er, versumpfen! Auf den Kathedern werden Leute stehn und lehren, die in Sexta saßen, als er die Universität bezog. Er wird der Spott der akademischen Jugend sein und sich irgendwohin verkriechen müssen. Und das Ende? Das Ende? Der Alte wird ihn, wie sich's gebührt, ja, wie sich's gebührt, enterben. Enterben!

Nochmals schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung im Bette empor, und nun wußte auch die zweite Planken keinen Ausweg mehr als brechen. Er aber lag wie im Grabe tief.

Recht so! Nur immer tiefer!

Doch da kam auch die Beruhigung. Seine Manneswürde war bezwungen und grollte nicht mehr. Er resignierte. Jedes Auftrumpfen mit derlei stolzen Dingen ist vergebens, ist umsonst. Es geht nicht. Er muß sich fest anklammern an Paul. Fratzenhaft, der Gedanke, fortzugehen. Er kann ja gar nicht. Und wenn all' das Widrige, das Kneipenessen, die Philösen, die inferioren Mädchen, ja, auch wenn das mit dem Staatsexamen nicht wäre, – er könnte doch nicht fort. Fest sitzt er. Verliebt ist er.

Dieser Gedanke schwang ihn zum Bett hinaus. Er lief zu Pauls Stubenthür. Er pochte. Erst leise, dann immer gewaltiger.

Keine Antwort.

Er rief. Er schrie. Er fluchte. Er bettelte.

Keine Antwort.

Er ließ den Kopf sinken. In seinem Nachthemde glich er, wie er so knickebeinig dastand, einem mittelalterlichen Büßer. Es war unrecht vom Monde, ihn in dieser Situation auch noch anzuscheinen.

Noch einmal klopfte er. Noch einmal flüsterte er sehr zärtlich: Paul!

Keine Antwort. Nichts.

Er wankte zum Bett und warf sich trostlos in die Matratzenhöhle. Da erkannte die dritte Planke, daß jeder Widerstand vergeblich sei, und brach. Nun lag er ganz bejammernswürdig. Tief ruhte der runde Schwerpunkt seiner Leiblichkeit, aber aufwärts strebten Beine und Oberkörper.

Doch was war das gegen den Schmerz seiner Seele? Die geknickte Linie seines Körpers war nur ein schwaches Abbild seines vielfach geknickten Herzens.

Es war ihm klar: Paul würde ihn verlassen. Schrecklich schnell war Stilpes Prophezeiung Wahrheit geworden. Er sah sich schon einsam in dem Polsterstuhle sitzen und vergebens die Arme nach ihr ausstrecken.

Mit diesem traurigen Bilde im Gemüte schlief er ein, und herzlose Träume verzerrten es ihm noch mehr.

Früher als sonst, obwohl er so schlecht geschlafen hatte, wachte er auf.

Ob sie schon fort war? Nein, er hörte sie mit den Kaffeetassen klappern.

Ach, wie war seine Stimme matt und bange, als er rief: »Paul?«

Kurz war die Antwort: »Komm doch!«

»Willst Du nicht erst eine Weile zu mir herein, Paul?«

»Nein; mach schnell!«

Gott, er mußte sich die Strümpfe selber anziehn. So würde es nun immer sein. Ach! Oh!

»Was stöhnst Du denn so?« fragte Paul mit unzärtlichem Gleichmut.

»Ach Gott, mir ist nicht wohl!«

»Mir auch nicht. Mach! Der Kaffee wird kalt.«

Äh, was für ein Gesicht sein Spiegel ihm zeigte. So sah seine Zukunft aus: Matte Augen und schwarze Ränder darum.

Ängstlich trat Herr Ewald Brock ins Zimmer. Da saß Paul am Kaffeetisch und las die Zeitung. Sag gar nicht auf.

»Was fehlt Dir denn, Paul?« wagte Herr Ewald zu sagen.

Da ließ sie das Blatt sinken, sah ihn groß an und sagte: »Hast Du's eingesehen?«

»Ja, Paul.«

»Na, dann ist's gut.«

Herr Ewald Brock war überglücklich. Er wollte gleich auf sie zu und sie umarmen.

Aber sie wehrte ab. »Nein, erst Dein Wort, daß Du nie wieder von solchen Gemeinheiten anfangen wirst.«

»Ich hab's ja nicht so gemeint, Paul.«

»Dein Wort!«

»Ja, Paul, ich gebe Dir mein Wort.«

»Du bildest Dir also nicht ein, daß ich von Dir geheiratet sein will?«

»Nein ich bilde es mir nicht ein.«

»Das ist Dein Glück.«

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