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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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12. Kapitel

Aber das streift ja ans Aschgraue!

Am nächsten Sonntag entwickelte sich das Mittagessen bei Schlangendamens, wie Stilpe das Haus Brock-Holunder nannte, zu einem heiter-feierlichen Gelage.

Herr Brock war in Frack und weißer Binde, Paul hatte das »berühmte seidene« an, das zur Erzielung eines soliden Eindruckes zugleich mit den Möbeln gekauft worden war, und Stilpe erschien in einem hochkragigen braunen Bratenrocke, dessen Schnitt an die Zeit der Biedermeierromantik erinnerte.

Gleich wie er ins Zimmer trag, ließ er alle Register seines Klappenwerkes los: »Träume kommen aus dem Bauche sagte jene Canaille, ehe sie sich aufknüpfte. Pfui, was für ein würdeloses Axiom! Ich tilge es aus dem Buche der Weltweisheit und schreibe dafür mit Zinoberzügen hin: Träume kommen aus der Erkenntnis!«

Sprach's und ließ sich in den Schaukelstuhl fallen, daß er wippte.

Herr Ewald Brock knöpfte seinen Frack auf, strich sich über den Leib und sagte: »Mehlsuppe!«

»Kleingläubiger!« erwiderte Stilpe. »Denkst Du, daß Dein roher Hohn mich aus der Verfassung bringt? Bah! Mein Cerebralsystem ist robuster als Dein eintöniger Witz. Träume kommen, – wie sagte ich doch?«

»Aus der Erkenntnis, sagtest Du.«

»So? Sagte ich? Verwundersam! Was man nicht alles sagt! Aber merke Dir den Spruch, Ewald! Es könnte sein, daß er richtig wäre!«

»Nun bitte ich Dich, Mensch wie bist Du bloß, hä, auf den Unsinn gekommen!«

»Ich kam auf diesen Gedanken, wie ein Philosoph auf einen Gedanken kommt, d. h. der Gedanke kam zu mir. Was sollte ich anders thun, als ihn aussprechen? Er kam, also war er da. Er war da, also mußte er gesagt werden. Dies zur Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes.«

In diesem Augenblicke trat Paul mit der Suppenterrine ein.

Stilpe erhob sich zeremoniös, küßte Paul die Hände und sprach: »Siehe, die Bundeslade, getragen von Gabriel, der Engel schönstem. Pulchra ut sol, clara ut lux. Ich will ahnungslos sein, wie jener Knabe Baron, dem ich gestern eine Bierzeitung vorlas und den Glauben beibrachte, es sei das Pronunciamento einer neuen Literaturrichtung, ja, ich will ein unantastbarer Strohkopf heißen, wenn unter diesem Deckel von gebrannter Erde nicht Kalbshirnklöschen schwimmen, sanft umspielt von allerlei Gemüsen. Ist es so, Woglinde?«

»Nein, aber Krebssuppe ist es,« erwiderte Paul. »Du, mein Lieber, bist nicht wert, davon zu essen, wenn Du Dich damit abgiebst, naive Gemüter auf den Leim zu locken.«

»Es ist schnöde,« bemerkte Herr Brock, »aber es sieht ihm ähnlich. Gieb ihm wenigstens keine Klöschen!«

»Sagte ich's nicht? Hatt' ich nicht recht? Klöschen schwimmen in jener Flut! Auf, laßt uns ein Lied zu Ehren der Klöschen singen! Mach Du indes die dicken Burgunderbäuche auf, Ewald! Wie aus dem durchschnittenen Halse jenes Sängers, den sie Orpheus nennen, quille in breitem Strome gemach der rote Saft. Ich will hoffen, daß irgendwo auch Sekt steht. Sähe ich ihn, so würde mir noch wohler sein, obwohl es mich auch so dichtert. Denn es dichtert mich immer vor der Suppe.«

Und Stilpe hatte die Niederträchtigkeit, folgendes zu singen:

Sah ein Knab ein Klöslein stehn,
Klöslein in der Suppe,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
S' war ihm gar nicht schnuppe,
Klöslein, Klöslein, Klöslein rot,
Klöslein in der Suppe.

Knabe sprach, ich breche Dich. . . .

Da fiel ihm Paul ins Wort: »Sing das Lied Deinem Baron als moderne Lyrik vor, Stilpe, aber laß uns damit ungeschoren. So ein schönes Lied zu verekeln! Ich möchte heulen, wenn ich bloß die Melodie höre, so wunderschön ist es. Und so ein ruppiger . . . . Na, mach, Ewald, die Suppe wird kalt!«

Aber Stilpe erwiderte: »Jetzt wird dieses erstaunliche Mädchen auch noch sentimentös. Mir wird es angst, ich fürchte mich! Menschen, sagt, was gehen hier für schwierige Sachen vor? Graue Cylinder gehen um in den Hörsälen, und Schlangendamen kochen Suppen, daß Nase, Aug und Ohr auf die Zunge neidisch werden. Aber diese mythologische Suppenvollkommenheit vermag es nicht, die zarteren Reize des gefühlvollen Mädchenbusens zu beeinträchtigen: Mathilde kocht nicht bloß, nein, sie schwärmt auch . . . ! Ewald, wer hat Dir Deine Prinzipien gestohlen? Holunderin, wer hat Deine Tanzschlange gehäutet? Ich erlebe es noch, daß ich dieses Fabelheim als Hofprediger verlasse. Wachsen mir nicht schon Bäffchen, Woglinde?«

»Nein«, sagte Paul, »Du bleibst so ruppig, wie Du immer warst.«

»Aber an Weisheit nehme ich doch offenkundig zu, Mädchen. Ich bitte Dich, raube mir nicht diese Gewißheit. Gestern, als jener Baron, den ich schon einmal in dieser Gesellschaft zu nennen mir herausnahm, schwärmerisch sprach: ›Wahrlich, es ist ein herrliches Gefühl, mitschaffen zu dürfen, wenn auch als bescheidene Kraft, an den hohen und hehren Aufgaben dieser Zeit, und ich fühle so recht, daß auch ich,‹ – das übrige ist Nebensache, – wahrlich, da fühlte auch ich so recht, wie weise ich bin, und ich sagte zu dem erschütterten Knaben: kennen Sie mein Neuestes? ›Leider nein!‹ sagte das liebe Gemüt. Nun, so hören Sie! sprach ich und sang:

Weise bin ich worden
Wie der König Salomo,
Stifte mir den Orden
Zum gezähmten Floh.

Als ich fertig war, lauschte mein süßes Knäbel noch immer, denn er dacht', es komme noch was. Ist es nicht schön? sagte ich. ›Oh, ja‹ sagte er. Und tief? sagte ich. ›Zu tief für mich‹ klagte er. So warten Sie noch ein wenig, Herr Baron, sagte ich. Auch Ihre Zeit wird kommen. Halten Sie nur unentwegt fest an der Fahne Ihrer schönen Hoffnungen, edler Adelsmensch!«

»Sag mal Stilpe«, fragte Paul, »thut Dir die Zeit nicht leid, die Du mit solchem Unsinn verstreust?«

»Nein,« sagte Stilpe, »denn es ist mein Metier, die Zeit zu verstreuen, wie Du gar anmutig hinwarfst. Deshalb bin ich auch Dichter geworden seit vorgestern. Habt ihr mir das nicht an diesem loreleihaft schönen Bratenrocke angesehen? Auch unterrichte ich im Dichten. Jener Baron ist mein erster Schüler. Talent wird nicht verlangt. Nur Unentwegtheit.«

»Ich hoffe, daß das alles deine Deiner gewöhnlichen Lügen ist, Stilpe,« sagte Paul.

»Soll ich's Euch beweisen, daß ich dichte?« rief Stilpe, »soll ich Euch mein penetrantes Gedicht an die unentwegte Fahne vorlesen?«

»Nee, Stilpe,« entschied Herr Ewald Brock, »das thu' nicht. Rede soviel Unsinn, als Du magst, aber lies keine Gedichte vor.«

Und Stilpe redete in der That bis zum Nachtisch Unsinn in allerhand Schattierungen. Als aber der Kaffee an die Reihe kam und Paul hinausgegangen war, weil sie als Mieterin mit dem Hauswirt eine Besprechung hatte, wurde er ernsthaft.

»Du,« sagte er zu Herrn Brock, »was denkst Du Dir denn eigentlich, was Du mir schuldig bist, daß ich Dir Mathilden beigelootst habe?«

Herr Brock reichte ihm cordial die Hand und sagte: »Danke!«

»Ich glaube, Mann, Du weißt gar nicht, was Du an dem Mädchen hast! Ich hab's ja auch jetzt erst gemerkt, was für ein Frauenzimmer das ist, was für eine ganz unglaubliche Person! Ich trau' mir kaum noch, sie mehr Du zu nennen! Die hat ja mehr intus, als Du und ich zusammen! Das ist ja gar keine Schlangendame mehr! Das ist ja eine Frau, vor der man knien sollte! Du bist ja diese eminente Person nicht im allerentferntesten wert! Gott straf mich!«

»Nu, nu,« sagte Herr Brock, der beim Verdauen war, »einen bunten Hund brauchst Du mich deshalb nicht gleich zu nennen. Aber es freut mich, daß Du dahinter kommst, was, hä, was für ein Kerl Paul ist. Ein Kerl sag' ich Dir! So was lebt nicht! Wenn ich jemals Staatsexamen mache, so ist sie schuld dran! Niemand sonst!«

»Du gewiß nicht,« pflichtete Stilpe bei.

Und Herr Ewald stand auf, ging auf Stilpe zu, klopfte ihm mit dem rechten Zeigefinger feierlich auf die Schulter und sagte: »Und wenn ich ihr das jemals vergesse, so bin ich ein ganz gewöhnlicher Hallunke!«

Sprach's und begab sich wieder zurück an den Ort, da er zu verdauen gewohnt war.

Stilpe aber sprach: »Weißt Du was, heirate sie zur Belohnung!«

Da erhob sich Herr Ewald Brock zum zweitenmale. Diesmal sehr schnell, ging wieder auf Stilpen los und sah ihn nicht eben freundlich von oben bis unten an. Als Kommentar zu seinen Blicken bemerkte er bloß: »Du, das sag ich Dir! Davon laß' Deine Witze!«

»Aber Scherz ohne, Ewald! Ich wüßte nicht, was Du gescheiteres thun könntest!«

Herr Brock saß bereits wieder und hatte seinen alten ruhigen Ton: »Aber Stilpe! Wo denkst Du hin! Mein Vater wird nächstens Geheimrat werden. Gott, das Geheule, wenn ich mit einer Schlangendame angezogen käme.«

»Und Serpentine-Cancanöse. Tja! . . . Dumm! . . . Schade! . . . Aber mußt Du denn gleich alles verraten? Kannst Du die Schlangendame nicht unterschlagen und bloß die Pfarrerstochter aktiv werden lassen?«

»Was für eine, hä, Pfarrerstochter?«

»Na, das hat sie Dir doch wohl erzählt?«

»Nee, was denn?«

»Was, das hat sie nich? Aber das streift ja ans Aschgraue! Das is ja so zu sagen übermenschlich!«

»Wenn ich nur wüßte, was!«

»Na, daß sie sich Dir nicht als Pfarrerstochter vorgestellt hat.«

»Quatsch nich!«

»Aber wenn ich Dir's sage! Ernstlich! Sie hat mir's selber mal erzählt, damals, wie ich sie kennen lernte. Sie litt gerade an so 'ner kleinen Gemütsdepression, weißt Du, wie's in den besten Familien vorkommt, wo man durchaus jemand haben muß, den man am Westenknopf nimmt und nicht eher losläßt, als bis er den ganzen p. p. Jammer erfahren hat. Na, und sie verfiel auf mich, weil ich gerade auch so deprimiert und für Elegieen milde empfänglich war. Nämlich dann bin ich nich so ruppig wie Du denkst. Herrgott, Du weißt ja selber, was moralischer Jammer ist, hoff ich. So mürbe ist einem, so müde, matsch und marode. Man kommt sich vor, wie eine Kommode, in der der Wurm schleicht und picke-pick macht. Vermoulu, nennen's die Franzosen, wie mir Mathilde damals sagte.«

Stilpe machte eine Pause. Aber Herr Brock war ungeduldig und sagte: »Komm doch zur Sache, Mensch! Siehst Du denn nicht, daß ich endlich wissen möchte!«

»Na, Gott, es ist kein Roman. Es ist eine Geschichte, häufiger als Selbstmord. Also: Der Vater ein Pastor im Schlesischen, die Mutter eine Französin. Wie sich die Menschen manchmal finden und mengen. Im Himmel liebt man die Ragouts. Der Alte hatte das Mädchen aus der Fremde im Schlosse eines dieser schlesischen Großgrafen kennen gelernt, wo er die jungen Edelbuben als Präzeptor, sie die kleinen Komtessen als Gouvernante striegelte. Und so wurde aus dem schlesischen Gottesmanne und der netten fidelen Französin, NB. wie sie sich geheiratet hatten, unsere, pardon: Deine Mathilde. Und das ist nun ihr ganzes Verhängnis: Daß sie aus zweierlei Blute ist. Sie hat's einfach nicht aushalten können zu Hause und ist durchgebrannt, wie die Mutter gestorben ist und die Pfarre in Friedenberge, oder wie das Nest heißt, ganz langweilig wurde. In Breslau ist sie zum Ballet gegangen. Da hat ihr aber die Schuhriegelei auch nicht gefallen, und, fix wie sie ist, hat sie sich unter der Anleitung von so 'nem Impresario ihre Spezialität zugelegt. Damit ist sie dann weit herumgekommen, in London, Brüssel, Paris, was weiß ich!«

»Das hat sie mir erzählt, wo sie überall war.«

»Na ja, und schließlich hat sie bemerkt, daß der Impresario sie schauderhaft betrog, und da hat sie ihm den Laufpaß gegeben, was sehr temperamentvoll, aber nicht gescheit war. Denn nun ist sie ein bißchen unter die Räder gekommen. Hat's nicht verstanden sich selber zu managen, wie die vom Brettl sagen. Daher der Name Stadtgarten. Hör' mal: Das hast Du doch hoffentlich gemerkt, daß sie keine von den ortsüblichen Trampelfüßlerinnen ist!«

»Hä, natürlich! Natürlich! Aber, daß sie mir nicht . . .«

»Ja, daß sie Dir davon nichts gesagt hat, ist wirklich . . . Du, ich finde, das ist doch eigentlich fabelhaft anständig von ihr. Das is doch . . . nich?«

Herr Brock machte ein bekümmertes und ratloses Gesicht: »Ja, das ist . . . Aber das hilft mir ja doch nichts! Das ist ja, das ist ja eine verdammte Chose! Jetzt wird die Geschichte ja ungemütlich für mich. Am Ende . . .«

»Was am Ende?«

»Am Ende denkt sie selber ans Heiraten!?«

»Das glaub' ich nicht.«

»Es wäre auch gräßlich! Denn daran ist ja gar nicht zu denken!«

Herr Brock stand wieder auf und bewegte sich schnaufend durchs Zimmer.

Stilpe aber geleitete ihn mit folgenden klugen und tröstlichen Worten nach und nach wieder zu seinem Verdauungsstuhle: »Hab keine Angst. Sie denkt bloß ans Bemuttern. Glaube mir, der ich seit vorgestern ein Dichter bin! Der alte Holunder aus Schlesien ist einfach zum Durchbruch bei ihr gekommen. Und nun seelsorgt sie ein bißchen für Dich. Eines Tages aber wird wieder die alte Dame aus dem Lande Oui aktiv in ihr werden, und dann, mein Sohn, wirst Du ihr zu dick und phlegmatisch sein. Plötzlich wirst Du verwaist in diesem bauchigen Stuhle sitzen und nach den paulinischen Wickelklösen seufzen. Sei klug, gräme Dich nicht und laß Die keine grauen Gedanken wachsen. Laß vielmehr, so lange es Dir beschieden ist, Deine Seele von ihr retten und diesen imposanten Leib pflegen.«

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