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Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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10. Kapitel

Mädchen, Mädchen, studiere die Architektonik moderner Gelehrsamkeitstempel!

Herrn Ewald Brocks Beschäftigung war leider um ebensoviel unerfreulicher wie sie unästhetischer als die Pauls war. Daß er ein Tänzer wäre statt eines Medizinbeflissenen! Resigniert blickte er, so weit es ging, an seinem Bauch hinab. Himmlische Güte, was für ein Stück Fleisch wird man mit der Zeit! Das kommt von diesem vielen Sitzen hinter den Büchern.

Es kann nicht verschwiegen werden, daß Herr Ewald Brock zu Beginn seiner Garçon-Ehe die Tendenz zu einer gewissen beschaulichen Passivität hatte. Wozu studieren, wenns einem auch ohne dies so gut geht? Aber in dieser Hinsicht huldigte Paul ganz anderen Ansichten. Sie entwickelte Grundsätze von einer erstaunlichen Neigung fürs akademisch Löbliche. Als ob sie eine Gouvernante wäre, dazu bestellt, Herrn Ewald Brock zum Fleiße anzuhalten, ward sie nicht müde, immer und immer wieder an die Kollegs, an die Kliniken zu erinnern, ja, sie scheute sich gar nicht, selbst von den Stationen des Staatsexamens zu reden. Zwei hatte Herr Brock thatsächlich hinter sich. »Nu, hopla, die andern!« meinte Paul in ihrem weiblichen Eigensinn. »Weißt du, mein Dickes, in zwei Jahren allerspätestens muß die Geschichte geschehen sein. Du siehst, ich drängele nicht, aber länger darfst Du Deinen guten Alten wirklich nicht kränken. Schließlich wird er wild und heimst Dich ein. Na, und dann?«

Verflucht ja, und dann!

»Kind, Du mußt nicht an die Zukunft denken. Es ist, hä, es ist dumm, an die Zukunft zu denken. Man verekelt sich bloß die Gegenwart damit. Hakschebaksche, wie die weisen Greise in der Türkei voll Tiefsinn sagen. Lasset uns tanzen und fröhlich sein, denn es wäre möglich, daß wir morgen die Gicht hätten.«

Aber das Kind machte seine braunen Augen weit auf, so weit wie das Mädchen auf dem Pear-Soap-Plakat, und sprach:

»Laß Du die türkischen Greise sagen, was sie mögen, Dickes. Wir kriegen die Gicht noch lange nicht. Aber wer in Leipzig faul ist, muß in Halle streben. Daher ist es besser, in Leipzig nicht faul zu sein und an morgen zu denken. Thust Du's nicht, thu' ich's

Und, beim Himmel, sie that's recht ausgiebig und ermangelte nicht, auch Herrn Ewald Brock daran zu erinnern. Sie massierte ihn förmlich mit Ermahnungen. Wenn er das Mädchen nicht wirklich lieb gehabt hätte, wär er ihr längst durchgegangen.

So in der Fuchtel war er weiß Gott nicht einmal in Halle gewesen. Zu nachtschlafender Zeit bereits, früh um neune, holte Paul sein müdes Fleisch aus den Federn. Er wehrte sich mannhaft, wurde groß sogar, und die Not erleuchtete seine Phantasie zu kühn erfundenen Ausflüchten: Daß er Influenza habe, daß er nervös werde durch ungebührlich frühes Aufstehen, daß das lange Schlafen erblich sei bei den Brocks . . . Nichts half. Seine Lebensweise wurde umgekrempelt wie ein paar Hosen beim Ausklopfen. Es war keine Möglichkeit mehr, bis um elf zu schlafen, dann auf den Grimmschen Bummel, dann zum Frühschoppen ins Korpsstübchen und abends um sechs Uhr zum Mittagstisch zu gehn, um sich stark und tüchtig zu machen für lehrreiche Nachtwandelungen mit Stilpe. Stilpe war überhaupt abgeschafft.

»Das ist kein Umgang für Dich,« sagte Paul. »Stilpe soll alleine versumpfen, bis er's selber dicke kriegt. Der frißt sich schließlich auch ohne Staatsexamen durch. Ein Klappenwerk wie seins kommt nie aufs Trockene. Paß auf, er wird mal Journalist oder sonst was Gemeinnütziges und verdienst sich ganze Hüte voll Geld. Aber Du, mein Dickes, was willst denn Du machen, wenn Du kein Staatsexamen machst?«

»Paul, Du mußt mich nicht für ein Nilpferd halten; das ist beleidigend.«

»Na, so mach Dein Staatsexamen, daß ich sehe, wie gescheit Du bist!«

»Werd' ich machen, Paul, werd' ich! Verlaß Dich, hä, verlaß Dich darauf. Aber ich bitte Dich: Nicht drängeln! Ich bin das nicht gewöhnt. Es macht mich, hä, nervös macht mich's. Du siehst ja, wie ich in den Kliniken herumstrebe. Seit drei Wochen stirbt hier kein klinischer Fall, den ich nicht Dir zu Liebe studiert hätte!«

»Ja, weil ich Dich hinführe, Dickes. Alleine gingst Du nie!«

Herr Ewald Brock lächelte bei diesen Worten.

»Was giebt's denn da zu feixen, Dickes?«

»Ich lächle Dir Dank, mein unentwegtes Mädchen. Komm, führ Dein Lamm auch heute zur Schlachtbank!«

Dieses Fragment aus einem Frühstückstischgespräch im Brock-Holunderschen Hause möge einen Begriff von den erzieherischen Praktiken geben, mit denen die merkwürdige Schlangendame das schwache Fleisch ihres möblierten Herrn höheren Zielen zuzuführen bestrebt war.

Schon bei der Wahl der Wohnung hatte sie das Studium Herrn Ewalds im Auge gehabt. Ihm wäre es angenehm gewesen, mitten im Weichbilde der Stadt, der Grimmaischen Straße nicht allzufern, am liebsten im Hause der Friedrich Wilhelm Krausischen Weinstube zu wohnen, deren kalte Küche ihm als der Ausbund alles pikant Nahrhaften erschien. Aber Paul bestand auf dem öd unerfreulichen Mediziner-Viertel, wo in aufdringlicher Protzigkeit immer ein Hörsaal neben einer Klinik steht.

»Siehst Du,« sagte sie, »hier hab ich's gerade so nahe zur Markthalle, wie Du zu Deinen Professoren.«

Und richtig, Tag für Tag, wenn sie ihren Marktkorb nahm, mußte er seine Instrumententasche nehmen und sich von ihr, ob sich sein Stolz auch bäumte, zu seinen Instituten führen lassen.

»Was müssen die jungen Semester denken!« mahnte er. »Du sollst kein Ärgernis geben, Paul, steht in der Bibel!«

»Sag ihnen lieber, daß sie mich nicht so jugendlich angrinsen sollen. Es ist wahrhaftig kein Vergnügen, sich von diesen Jünglingen anstarren zu lassen. Sei froh, daß ich Dir das Opfer bringe. Wär's nicht nötig, thät ich's nicht.«

Es war in der That keine Annehmlichkeit für Paul, ihren dicken Knaben zur Schule zu bringen, und sie lief immer sehr schnell ihres Weges, wenn sie ihn glücklich abgeladen hatte.

Eines Tages begegnete sie, wie sie von der Markthalle kam, Stilpen. Der hatte keinen geringen Ärger auf sie, denn er wußte, daß sie es gewesen war, die ihm den grauen Cylinder abspenstig gemacht hatte.

»Mädchen,« sprach er, »Deine Tugenden stinken zum Himmel. Ich erlebe es noch, daß Du Präsidentin des Vereins zur Rettung gefallener Mediziner wirst. Pfui, welch ein niedriger Ehrgeiz! Und das nennst Du Liebe, Woglinde! Ach, wüßtest Du, wie's wohlig ist dem Fischlein in der Flut! Ach, könntest Du sehen, mit was für sorgensauerem Gesichte der gute Ewald jetzt zum Frühschoppen schleicht!«

»Er schleicht mit gar keinem Gesichte zum Frühschoppen, mein Lieber! Ich wollte, Du gingest auch dahin, wohin ich ihn führe.«

Das kann ich nicht, Woglinde, maßen ich nicht die Ehre und das Vergnügen habe, ein I. A. C. B. zu heißen, was auf deutsch ein inaktiver Korpsbursche heißt ich nicht etwa von der Vokalmusik der Esel herzuleiten ist.«

»Red keine Rätsel!«

»Rätsel? Wie, Du bist die Vertraute eines Korpsburschen und weißt nicht, daß nur Korpsstudenten des Eintrittes ins Korpsstübchen gewürdigt werden?«

»Dummes Zeug! Ewald geht nicht mehr ins Korpsstübchen.«

»Oh Du ländliche Unschuld! Oh du armes, schnöde betrogenes Geschöpf! Sie schwebt auf reinen Sohlen durch die Gemüsestände und kauft naiven Herzens Sellerie, indes der gewissenlose Heuchler lichtenhainert, daß die Korpsfüchse vor Bewunderung epileptisch werden!«

»Ist das wahr, Stilpe?«

»So wahr als dies hier ein Selleriekopf ist.«

»Aber wie ist denn das möglich!«

»Mädchen! Mädchen! Studiere die Architektonik moderner Gelehrsamkeitstempel!«

»So red mal deutsch!«

»Wenn aber meine Worte dann Keulen sind, die Dein Vertrauen zu Blei zermalmen?«

Er meinte: Brei.

»Herrgott, die Klappe! Willst Du vernünftig reden oder nicht?«

»Auf Deine Rechnung und Gefahr, unbegreifliche Vestalin! Ich halte Dich nicht, wenn Du in Ohnmacht fällst! Also kurz und infam: Die medizinischen Institute dieser berühmten Stadt erfreuen sich nicht nur einer Eingangspforte, die vorne, sondern auch eines Ausfallsthores, das hinten ist. So sind sie für Herrn Ewald Brock recht wohl geeignet, als Durchgänge zum Thüringer Hof benutzt zu werden.«

»Ich danke Dir, Stilpe. Du bist doch ein guter Kerl. So einen Gefallen kannst Du mir wieder mal thun. Willst Du Sonntag bei uns zu Mittag essen? Es giebt Schöpsenbraten mit Wickelklösen.«

»Ist das Deine Ohnmacht, abgebrühte Schlange? Aber frage nicht, ob ich will! Ah, was muß eine Schlangendame für Wickelklöse machen! Denn der Wickelklos war, wie schon Winkelmann und nach ihm der große Roscher in Wurzen nachgewiesen, bereits zu den Zeiten der olympischen Spiele das Wappentier der Schlangendamen. Aber könntest Du statt Schöpsenbraten nicht ein weniger anzügliches Gericht dazu geben?«

»Du sollst extra Schnepfendreck dazu kriegen, Du Rüpel! Aber ein guter Kerl bist Du doch!«

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