Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Die Schlangendame

Otto Julius Bierbaum: Die Schlangendame - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Schlangendame
authorOtto Julius Bierbaum
year1910
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDie Schlangendame
created20010514
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
Schließen

Navigation:

9. Kapitel

Unglaublich, wohin überall sie ihren Kopf stecken konnte.

Herr Ewald Brock fühlte sich als inoffizieller Ehemann so wohl, wie sich offizielle Ehemänner nach den übereinstimmenden Aussagen Sachverständiger selten fühlen. Paul, so nannte er seine Frau, wenn niemand, außer etwa Stilpe, zugegen war, entwickelte, so anmaßend dies von einer derartigen Person sein mag, alle Tugenden einer deutschen Hausfrau. Man hätte sie eine teutsche Hausfrau nennen können, so tüchtig war sie. Sie hielt die Wirtschaft zusammen und kochte, als wäre sie nie eine Schlangendame, geschweige denn eine Serpentinecancanöse, gewesen.

Gewesen! Denn, wie es von den Damen der höheren Bühne so schön in den Zeitungen heißt, wenn sie geheiratet haben, auch sie hatte »der Kunst den Rücken gekehrt.« Sie schlangendamte und serpentinecancanierte nur noch in Separatvorstellungen vor ihrem süßen und kunstverständigen Ewald.

Ah, es waren begnadete Stunden reinsten Kunstgenusses, wenn er in der guten Stube auf dem brav breiten Divan lag, das lange Nargileh im Munde, lässig schön nur mit einer blauseidenen türkischen Pumphose und einem allerliebsten, schnürenverbrämten Smoking aus hellbrauner Kamelhaarwolle bekleidet, und sie sprang durch die schwere Portière ihres Schlafzimmers herein, im Trikot von der Farbe blonden Fleisches, oder auch ohne Trikot, bloß blond, und hob an, auf dem weichen Brüsseler Teppich ihre geschmeidigen Künste zu zeigen.

Der Teppich war blaß apfelgrün, anemonenblau und pfirsischblütenrot gemustert. Hände und Füße des kunstreichen Paul versanken linde darin, während Unter- und Oberkörper in den anmutigsten Windungen voll Ausdruck und Kraft rhythmisch auf- und niedergingen in einem sanft roten Lichte, das von einer japanischen Ampel herunterfiel, um die aus roter Seide ein feiner Schleier war. Unglaublich, wohin überall sie ihren Kopf stecken konnte mit den langen, weichen, blonden Haaren. Es sah manchmal ganz buddhistisch aus, feierlich schön verrenkt, andachtheischend. Man hörte nichts, als ihre tiefen Atemzüge, die wie eine heiße Begleitung ihrer Bewegungen waren. Manchmal knackte, wie verstohlen, ein Knöchel. Das gab etwas Ängstliches in diese breite Stille. Und dazu ein odeur de femme im Zimmer, gemischt mit dem süß vollen Geruche des schwer parfümierten türkischen Tabaks, ein Parfüm, das auch wie in Wellen ging, überall hinzog, alles durchtastete, um alles sich hing, so voll geladen mit allerlei drängenden Zuflüsterungen, so schwer und üppig, daß Herr Brock wohl zuweilen tief Atem holen mußte, wie wenn es ihm eine schmerzliche Wollust wäre, stöhnend auch etwas hineinzusagen in dieses warme Wellenspiel von Weib und Duft. Beim Schlußtric wirkte er sogar persönlich mit. Er ließ sich rücklings langsam auf den Teppich nieder und richtete seine entzückten Augen schwärmerisch gen oben, wo Paul mit gespreizten Beinen, lieblich anzusehen, über ihm stand. Dann schloß er wie ein verzückter Fakir seine Augen, indessen Paul langsam, ganz, ganz ängstlich langsam Kopf und Oberkörper hinten über tief zu ihm hinab bog, bis ihre heißen Lippen die seinen berührten. Sie nannten das gar gruselig den Schlangenkuß. Es war aber sehr angenehm. Dann machte Paul einen schwierig schönen Schwung, auf die Hände gestützt, Beine hoch, genau über Herrn Ewalds ängstlich verklärtem Gesicht, und, hopp, war sie hinaus durch die Portière.

Herr Ewald erhob sich mühsam, rollte den Teppich zusammen und stellte ihn in die Ecke. Hinter der Portière aber raschelte Seide, krachten Corsettspangen, pochten Tritte von Hackenschuhen. Dann die Portière auf, und es begann Pauls denkwürdige Glanznummer: Cancan serpentant.

Daß ich ein Tanzmeister oder Frank Wedekind wäre, Ihnen mit allen Finessen der Technik klar zu machen, wie Paul den braven Pariser Schüttelbein- und Schwenkebauchtanz, den unsre Vorfahren Cancan nannten, und den ätherischen Londoner Serpentinetanz in einander schmolz. Es war ihre eigenste Erfindung. Ein bißchen kühn und im Grunde stilwidrig, aber von einer anbetungswürdigen Tollheit.

Unten schwarzseidenes Cancan-Costüm, schwarz bis auf die gestickten Unterhöschen mit vielen, vielen Rüschen, zitternd wie Espenlaub, oben der breitfaltige himmelblauseidene Tanztalar von Miß Loë Fuller, die gepriesen sei in alle Zeiten für das, was sie unsern Augen Gutes gethan hat.

Der leise Armflügeltanz mit den blauen Seidenwellen weht durch die rote Luft, – ach du unschuldiger Schmetterling! Bisch – bisch flattert er rundum, scheu, keusch. Steht im Beben still. Hebt und senkt die Schillerflügel, als warte er. Dreht sich in seiner wellenden Schönheit. Jetzt wächst er über sich hinaus. Jetzt ist er groß wie eine blaue Flügelsonne. Das ist den schwarzen Höschen unten zu viel. Sie knistern vor Ungeduld, dieser englischen Ästhetik cancanierend durch die Parade zu fahren. Sie können's und können's nimmer aushalten. Hup, saust eines der roten Stiefelchen hervor, schmeißt den blauen Talar hoch auf und winkt der japanischen Lampe einen Trällergruß. Doch die Arme lassen nicht ab von englischer Feierlichkeit. Sie runden die Seide zu blauen, drehenden Muscheln, sie predigen seidene Predigten. Aber die französischen Beine lassen sich nicht imponieren. Wie ein Gassenhauer trällert eine Pirouette dazwischen, jup, mitten in das blaue Hallelujah. Und jetzt wird der Kopf angesteckt. Jach wirft er sich nach hinten, daß die blonden Haare wie ein goldener Strahlenkranz aufstehen. Und wie im Taumel wieder nach vorn, daß sie hinunterstrudeln, und nun im Kreise rundum wie Sonnenfackeln, indessen die Beine toll auf- und niedergehen und der Unterleib sich allbereits nach vorwärts wagt. Fort mit dem blauen brittischen Flügelschlag! Die Arme müssen auch mit hinein in den Trubel der cancanischen Beine! Weg den weiten Talar! Paul wirft ihn hinter sich. Und nun im gelben Mieder auf dem schwarzen Hemd, im kurzen schwarzseidenen Röckchen los, furioso, cancanoso, als wollte sie alle Glieder von sich werfen und oben an der Decke tanzen.

»Toller Balg!« weiter wußte Herr Ewald Brock nichts zu sagen, wenn dann Paul, mit Decken sorgsam eingehüllt, auf dem Divan lag und stammelte: »Ah, das thut gut, so mit Kopf, Arm, Bein und Leib zu tanzen!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.