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Die Schildbürger

Karl Simrock: Die Schildbürger - Kapitel 12
Quellenangabe
typesatire
booktitleDie Schildbürger
authorKarl Simrock
publisherVitalis Verlag
addressFurth im Wald
isbn3-934774-37-7
titleDie Schildbürger
pages119
created20011201
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Wie ein durchreisender Landstreicher den Schildbürgern Rath giebt, wie sie Tag in ihr Rathhaus bringen sollten.

Als die Schildbürger gemeldetermaßen an ihrer Arbeit waren, reiste von ohngefähr ein Wandersmann vorüber, sah ihnen lange zu, vergaß seines offenen Mauls, wäre auch bald zu einem Schildbürger geworden, weil er nicht wissen konnte, was doch Solches bedeute. Des Abends aber in der Herberge, denn aus Neugierde blieb er dort über Nacht, um das Abenteuer recht zu erfahren, fragte er: warum er sie so in der Sonne arbeiten gesehen, er könne sich nicht denken, was sie eigentlich für Arbeit gethan hätten. Da ward ihm von den anwesenden Schildbürgern gesagt: es sei geschehen, um zu versuchen, ob sie das Tageslicht in ihr neu gebautes Rathhaus tragen könnten.

Der fremde Gesell war ein loser Vogel, gewitzt und geschoren, wie er sein soll, nur daß er weder Federn noch Wolle hatte, und gedachte bei sich, seines Orts habe er einen guten Fang zu thun, welchen er aus Händen zu lassen nicht gesinnt war. Er fragte sie also: ob sie mit ihrer Arbeit etwas ausgerichtet hätten? – »Nicht einen Deut«, sagten die Schildbürger. – »Die Ursache ist,« sprach der Gesell, »weil ihr die Sache nicht so angegriffen habt, wie ich euch wollte gerathen haben.« Als sie dies hörten, wurden sie so froh wie die Juden zu Frankfurt, als ihnen Prophetenbeeren feil geboten wurden, verhießen ihm von dem ganzen Flecken und allen seinen Einwohnern eine namhafte Verehrung, wenn er ihnen solchen Rath mittheilte. Dies versprach er ihnen Morgen zu leisten. Darum hießen sie ihn guter Dinge sein und befahlen dem Wirth, ihm tapfer aufzutragen und vorzusetzen, und was er verzehre, an der Gemeinde Kerbholz zu schneiden. Also zechte der gute Gesell selbige Nacht redlich ohne Geld und das billig, weil er fürderhin ihr Baumeister sein sollte.

Als darauf die liebe Sonne den Schildbürgern den hellen, lieben, lichten Tag wieder brachte und scheinen ließ, führten sie den Gesellen zum Rathhaus und besahen es mit allem Fleiß oben und unten, hinten und vorn, innen und außen. Als nun der fremde Künstler sich eine Weile bedachte und in seiner Schalkheit berathschlagt hatte, was zu thun wäre, hieß er sie hinaufsteigen und die Dachziegel wieder aufheben, welches auch alsbald geschah. »Nun habt ihr«, sprach er, »den Tag in euerm Rathhause und mögt ihn darin lassen, so lang es euch gefällt. Wenn er euch beschwerlich ist, so könnt ihr ihn auch wohl wieder hinausjagen.«

Aber sie verstunden nicht, daß er meinte, sie sollten das doch nicht wieder drauf decken, weil es sonst wieder finster würde, wie es zuvor gewesen, ließen es gut sein und hielten den ganzen Sommer Rath darin. Sie verehrten dem Künstler aus dem gemeinen Säcken auch ein Ehrliches, und ließen ihn mit großem Dank davon ziehen. Der gute Gesell that wie ein anderer guter Schlucker auch gethan hätte, nahm die Verehrung an, zählte nicht lange nach, sondern zog hinweg, schaute oft hinter sich, ob ihm Niemand nacheilte, das Geld wieder zu holen und kam also nicht wieder. Es weiß auch heutiges Tages noch Niemand, wer oder woher er gewesen und wohin er kommen sei, nur wissen die Schildbürger das gewiß von ihm, daß sie ihm den Rücken das letzte Mal gesehen haben.

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