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Die Schelmenkappe

: Die Schelmenkappe - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/antholog/schelmen/.schelmen.xml
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleDie Schelmenkappe
publisherCarl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
editorCarl Ferdinands
seriesFlemmings Saatbücher
illustratorHans von Volkmann
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectidbe4212ab
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Geschwinde Reise

J. P. Hebel

Ein italienischer Kaufmann, der auf die Frankfurter Messe reisen wollte, hatte sich in Stuttgart um einen Tag verspätet. Also mußte er die Extrapost anspannen lassen. Er wollte wohl geschwind aus dem Felde kommen, aber mit geringen Kosten. »Postillon,« sagte er, als er sich in das Kaleschlein setzte, »fahr langsam: denn ich sitze nicht nur auf dem Kutschensitz, sondern auch auf einem Blutgeschwür, und meine entsetzliche Kopfwunde, da auf der linken Seite, wirst du wohl sehen.« Eigentlich war sie aber nicht wohl zu sehn. Denn der Kopf war mit einem Tuch verbunden, das zwar blutig aussah, aber unter dem Verband war keine Wunde. »Wenn du recht langsam fährst,« sagte er, »auf der Station soll's dich nicht reuen.« Der Postillon dachte: »Solchen Gefallen kann ich den Rossen tun, und was das Trinkgeld anbelangt, mir auch,« und fuhr so langsam, daß die Pferde selber anfingen, vor langer Weile zu gähnen, was doch selten geschieht. Dennoch schrie der Italiener: »O mein Kopf, o mein Bein! Fahr langsam!« Der Postillon sagte: »Wollt Ihr auf der Straße über Nacht bleiben, so will ich Euch abladen. Ich kann doch nicht ganz so fahren, als ob ich Mist auf den Acker führe. Es geht doch langsam genug!« Aber der Passagier sagte: »Ich schieß dich tot, wenn du nicht langsam fährst.« Auf der Station in Ludwigsburg, als er dem Postillon das Trinkgeld gab, suchte er ein paar schäbige Zwölfer und ein paar verschimmelte Kreuzerlein zusammen, bis es endlich einen halben Gulden ausmachte. Andere gaben einen Gulden oder darüber und, wenns sehr eilig war und es recht in der Tasche klingelte, auch einen Kronentaler. Aber alle Vorstellung des Postillons half nichts. »Hab ich Euch nicht gefahren, wie Ihr's verlangtet?« fragte er. »Nein, du hast mich nicht langsam genug gefahren. Geh zum Henker!« Der Postillon nahm das Geld und dachte: »Lieber wenig als gar nichts. Aber wart,« dachte er, »du bist noch lange nicht in Frankfurt.« Als der Ludwigsburger Postillon die Pferde einspannte, fragte er den Stuttgarter: »Ist der Weg gut?« »Schlecht,« sagte der Stuttgarter und nahm ihn ein wenig abseits. Da sagte er ihm, was für einen wunderlichen und geizigen Passagier er führe, wie ihm noch keiner vorgekommen sei. »Fahr den Ketzer drauf los,« sagte er, »daß die Räder davonfliegen. Er hat drei Löcher im Kopf und sitzt auf drei Blutgeschwüren.«

Der Passagier, als der Postknecht aufsah, sagte: »Fahr langsam, Schwager! Es kommt mir auf ein gutes Trinkgeld nicht an.« »Dein Trinkgeld kenn' ich«, dachte der Postillon. »Meine Pferde sind auf gesunde Herrn dressiert,« sagte er; »ich kann sie nicht halten, wenn sie im Lauf sind,« und fuhr drauf los, als wenn die ganze türkische Armee hinter ihm käme. Der Passagier im Kaleschlein bittet, lamentiert und flucht, daß sich der Himmel mit Wolken überzieht. Alles vergeblich! Auf der Station in Besigheim gibt er dem Postillon dreißig Kreuzer, wie dem ersten. »Was bringst du für einen bresthaften Herrn?« »Fahr nur zu,« sagte der Ludwigsburger, »es ist ohnehin nicht mehr viel an ihm,« und sagte dem Besigheimer, was ihm der Stuttgarter erzählt hat, und redet von dreißig Kreuzerlein Trinkgeld. So übergibt ihn einer dem andern, und jeder fuhr mit ihm geschwinder davon, so daß er noch eine Stunde früher nach Frankfurt kam, als nötig war. In Frankfurt sprang er zur Verwunderung und zum Staunen des Postillons kerngesund aus dem Kaleschlein und gab ihm auch dreißig Kreuzer.

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