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Die Schelmenkappe

: Die Schelmenkappe - Kapitel 46
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleDie Schelmenkappe
publisherCarl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
editorCarl Ferdinands
seriesFlemmings Saatbücher
illustratorHans von Volkmann
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
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Die kurze Wanderschaft

Karl Stoeber

Wer vor fünfzig und etlichen Jahren am Tage Matthäi die blauen Herbstblumen in dem oberen Altmühltal zählen wollte, der durfte nur mit einem Handwerksburschen gehen, dem seine Mutter noch von der Haustüre aus über die Wiesenfläche nachsah. Ihr Sohn, ein Schuhmacher, wie sein verstorbener Vater, war schon etliche Tage, in tiefe Gedanken verloren, auf seinem Rappen gesessen. Und wenn ihn seine Mutter fragte: »Andres, fehlt dir was? ist dir was?« so empfing sie jedesmal eine Antwort, aus der sie so wenig herausklauben konnte, als eine Henne aus Sägespänen. »Ich weiß es wohl, Andres,« sprach dann die Witwe in ihrem Herzen, »wo dich der Schuh drückt, ohne daß du es mir zu sagen brauchst. Dir gefällt es nicht mehr in deines Vaters Hause, und der Hoffartsteufel macht's dir zu enge. Du möchtest ein großer Herr Schuhmacher werden, wie du sie auf deiner Wanderschaft in Nürnberg und Frankfurt gesehen hast, und weißt nicht, daß du wärmer sitzest, als hundert andere Meister, die keinen Knieriemen mehr an den Fuß bringen, sondern nur zuschneiden. Aber in Gottes Namen! Willst du fort, so geh' fort! halt' ich dich auf, so bleibst du ewig unzufrieden: versuchst du's aber, so meine ich, wird es dich bald gereuen. Andres, es ist ein großer Unterschied zwischen einer Wanderschaft von etlichen Jahren und zwischen einem Abschied von Mutter und Heimat auf Nimmerwiederkommen!«

Endlich machte Andres eine halbe Schwenkung mit seinem Rappen und sprach: »Mutter, nun ich alles recht überlegt habe, kann ich Ihr sagen, daß ich nicht mehr hier bleibe.« »Warum, Andres!« fragte die Witwe hinter ihm an dem Hanfrocken, und tat, als wunderte sie sich so wenig über seine Rede, als hätte er gesagt, sie solle die fertigen Stiefel zu dem untern Wirt tragen, der sie bestellt. »Es ist hier nichts,« antwortete Andres, »was einer in diesem Neste ist, das muß er sein Leben lang bleiben.« »Du hast Recht,« versetzte seine Mutter, »dein seliger Vater hat wohl zwanzig Knieriemen zerrissen an sich und an dir, und am Ende hat es eben in seinem Lebenslaufe geheißen: »Der ehrbare Matthias Palmberger, Altreis (Altschuhmacher) und Schutzverwandter dahier.« Nichts dahinter und nichts davor.«

»Darum,« fuhr der junge Schuhmacher fort, »will ich nach England oder Amerika. Da hat schon mancher sein Glück gemacht.« »Jawohl, sein Glück gemacht,« stimmte die Witwe dem Sohne bei. »Gerade jetzt erzählt man viel von einem Sattlergesellen aus Schneeberg in Sachsen. Ackermann heißt er. Der ging über Paris nach London in England und ward daselbst ein so reicher und angesehener Mann, daß jetzt die Grafen und Fürsten in seinem Hause ein- und ausgehen, wie bei unsereinem die Hühner. Und der Erzbischof ist schon bei ihm zum Kaffee gewesen mit seiner Frau. Seinen armen Freunden in Schneeberg aber schickt er ein Goldstück um das andere.« – »Ich werde Eurer auch nicht vergessen, liebe Mutter,« versicherte der junge Mann auf dem Rappen und stellte die Stiefel des Wirts auf die Seite, nachdem er die letzte Hand daran gelegt hatte. »Ich werde Euch schon von Zeit zu Zeit schreiben, wie es mir geht. Und wenn Ihr einmal unter einem Briefe von mir leset: »Euer dankbarer Sohn Andreas, Hof-Schuhmachermeister Seiner Majestät des Königs von Groß-Britannien, Schottland und Irland«, dann dürft Ihr Euch flugs aufmachen wie der Erzvater zu seinem Sohne Joseph in Ägyptenland. Denn ich wollte mich Eurer nicht schämen, und wenn ich König würde.« »Bis dahin,« versetzte die Mutter, indem sie sich mit der Schürze eine Träne aus dem Auge wischte, »darfst du dir um meinetwillen keine Sorge machen. Denn ein neues Haus, zwei Kühe im Stall und etliche Morgen im Feld und an der Altmühl sind für eine Witfrau mehr als genug.«

Sie hatte noch nicht ausgeredet, als Andres schon anfing, um seinen Rappen herum aufzuräumen. Seine Mutter aber wehrte es ihm und sprach: »Lieber Sohn, das überlaß mir. Nimm nur das Handwerkszeug, das du als Geselle auf der Wanderschaft brauchst, und schnalle dein Bündel. Der Ranzen, den du vor drei Jahren aus der Fremde mitgebracht hast, ist noch ganz gut und hängt drüben in der Kammer. Indes habe ich Zeit, dir zum Abschied dein Leibgericht zu bereiten. Denn du sollst erst gegen Abend ausziehen und heute nicht mehr weiter als nach Merkendorf gehen. Du möchtest dir sonst wehe tun.« Und so geschah es auch. Andres schnallte sein Wanderbündel, aß sein Leibgericht mit großem Beifall, plauderte noch zwei oder drei Stunden mit seiner Mutter über dieses und jenes, und ging dann, von ihr bis vor die Haustüre begleitet. Die Witwe aber sprach bei sich, als sie, die beiden Hände in der Rocktasche, nach ihrem Stüblein zurückkehrte: »Ich lasse alles liegen und stehen, auch seinen Rappen: denn er wird nicht lange ausbleiben.« Und als eine Stunde darauf die Nachbarin kam und Schuhe zum Flicken brachte, nahm sie dieselben an und antwortete: »Morgen abend könnt Ihr wiederkommen und sie holen: da werden sie fertig sein.«

Andres aber, je weiter er ging, desto länger wurde ihm der Weg nach England und Amerika. Schon auf den Wiesen zwischen den beiden nächsten Ortschaften gelobte er bei sich selber, sich mit der neuen Welt nicht einzulassen. In dem großen Mönchswalde gab er auch England auf, in dem tiefen Sande hinter demselben fiel der Zeiger bis auf Frankfurt zurück, und als ihm in Merkendorf da und dort aus den Stuben ein heimliches Abendlicht entgegenschimmerte, wie vom Himmel die ersten Sterne, fühlte er ganz, was es heiße, Mutter und Heimat auf Nimmerwiederkommen zu verlassen. So kam er in die Herberge seines Handwerks, nippte ohne großen Appetit von dem Biere, welches ihm vorgesetzt wurde, und legte sich dann zwischen die Würzburger Fuhrleute, die auf dem Stroh in der Stube herumlagen. Sein Wanderbündel machte er zum Kopfkissen. Dann löschte der Wirt die mit Schmalz gefüllte Lampe aus, und das Mondlicht herrschte nun allein in der Stube.

Andres aber hatte einen schlimmen Platz gewählt. Sein Schlafkamerad zur Linken träumte vielleicht von einer Schlägerei. Wenigstens schlug er mit seinen großen und harten Fäusten gewaltig um sich, und traf dabei den Schuhmacher so in das Genick, daß dieser erschrocken aufsprang und eine andere Schlafstätte suchte. Eine lange, schmale Tafel, welche an der Wand von dem Fenster bis zur Stubentüre reichte, und auf der nichts stand, als ein Scheffel, lud ihn ein. Er hob den Scheffel herab und sein Wanderbündel hinauf und legte sich dann selbst nach Bequemlichkeit zurecht. Wenige Minuten darauf schloß ein sanfter Schlaf seine Augen, und eine Erinnerung aus seiner frühesten Jugend zog, in einen Traum verwandelt, durch seine Seele. Es träumte ihm, er liege als Knabe von sieben oder acht Jahren, zum Baden entkleidet, auf dem flachen Ufer der Altmühl, und wollte sich in dem schwarzen Schlamme wälzen, um dann seinen Kameraden plötzlich als Mohr zu erscheinen. Lange war es ihm, als könnte er über ein Brett nicht in den Schlamm hinunterkommen. Endlich wich das Hindernis, und er sank nun bis über die Ohren in die weiche, schwarze Masse. Eine Weile war es ihm wohl darin; aber durch eine rasche Wendung bedeckte er auch sein ganzes Gesicht, Mund und Nase damit, und war nun dem Ersticken nahe.

Darüber erwachte Andres und lag mitten in einem Backtroge, wie ihn hierzulande diejenigen Wirte haben, die ihr Brot für Kirchweihen, Hochzeiten usw. selbst backen. Denn während er sich in seinem lebhaften Traume bemühte, über das Brett in den Balsam der Schweine hinunterzukommen, wich der Deckel des Troges allmählich, schnappte dann auf und ließ den Träumer mit seinem Wanderbündel in den gärenden Semmelteig hinabgleiten. Als Andres seine Badewanne mit wachenden Augen sah, war er wohl mit einem Sprunge wieder heraus. Aber was nun anfangen? Hätte er Lärm geschlagen, so würde der Zorn des Wirtes, dem er sein Hochzeitbrot verdorben hatte, und der Spott der Fuhrleute, Dienstboten und Kinder haufenweise über ihn gekommen sein. Er beschloß also, wie der Iltis aus dem Taubenschlage, ohne Abschied davonzugehen, schüttelte sich, daß die Teigflocken weit umherflogen, nahm Hut, Stock und Wanderbündel und ging durch das Fenster wieder hin, woher gekommen war. Dabei lief er, was er nur konnte, um noch vor Tagesanbruch zu seiner Mutter heimzugelangen, und schwitzte unter seinem Überzug wie ein Schinken, der in Teig gewickelt in einem Backofen liegt.

Seine Mutter hatte indessen auch wenig geschlafen. Denn ihre zuversichtliche Hoffnung auf die baldige Wiederkunft ihres Sohnes war doch etwas gewichen. Sie trat schon, als der Morgen graute, unter ihre Haustüre, und sah den Wiesengrund hinauf, der fast bis an den Mönchswald vor ihr lag. Und es währte nicht lange, so erkannte sie in dem wandelnden Teige ihren Andres. Ob sie bei seinem Empfange mehr Freude oder mehr Erstaunen zeigte, war nicht zu unterscheiden. Andres hielt sich am wenigsten bei dieser Untersuchung auf, sondern schlüpfte, der Nachbarn wegen, so schnell als möglich unter Dach. Eine Stunde darauf, nachdem er sich von seiner Salbe gewaschen und in sein Hausgewand geworfen hatte, saß er schon wieder auf seinem alten Rappen und flickte die Schuhe, die tags zuvor gebracht worden waren, als wäre zwischen gestern und heute nichts Besonderes vorgefallen. Fort begehrte er nicht mehr, sondern suchte sich eine Gehilfin, die um ihn sei, nach dem Willen seiner Mutter, und hielt eine große Hochzeit. Etliche Tage zuvor erinnerte er sich an den Hochzeitteig, den er auf seiner Reise nach Amerika verdorben hatte, und schickte, jedoch ohne Namensunterschrift, dem Wirt in Merkendorf zur vollen Entschädigung drei neue Kronentaler mit der Post.

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