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Die Schelmenkappe

: Die Schelmenkappe - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/antholog/schelmen/.schelmen.xml
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleDie Schelmenkappe
publisherCarl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
editorCarl Ferdinands
seriesFlemmings Saatbücher
illustratorHans von Volkmann
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectidbe4212ab
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Die Rätsel

J. P. Hebel

Es saßen eines Tages im Wirtshause zum goldenen Kreuz etliche Handwerksburschen an einem Tische und zechten lustig zusammen. Da kam auch ein Schneiderlein in die Zechstube, dem man's aber ansah, daß er sein Handwerk nicht leidenschaftlich treibe, denn er hatte einen alten abgeschabten Rock an, welchen er wohl auf einem Täntelmarkt gekauft haben mochte, und die übrige Kleidung paßte ganz gut dazu. Der setzte sich, ohne Umstände, an den Tisch zu den Gesellen, und er langte seinen Beutel heraus, und verlangte von der Kellnerin um das Geld, das er drinnen hatte, eine Maß Bier und zwei Kreuzer Brot: tut sechs Kreuzer. Die Burschen sahen sich einander an, als wollten sie sagen: Der steht uns nicht an, und wir wollen ihn vom Tisch vertreiben. Sie verabredeten sich, und schlugen vor: sie wollten sich der Reihe nach Rätsel aufgeben, und wessen Rätsel erraten würde, der müsse einen Zwanziger geben: wessen Rätsel aber nicht erraten würde, dem falle das eingelegte Geld zu. Und, sagten sie, wer nicht daran teilnehme, der sei nicht ihr guter Kamerad und müßte vom Zechtisch weg. Die Schelme dachten, das Schneiderlein, in dessen Beutel es ganz helle sei, werde sich sogleich auf und davon machen. Der aber sagte: »Mir auch recht,« und tat mit einem guten Schluck den Kameraden Bescheid. Der Bruder Danziger nahm zuerst das Wort und sagte: »Bruder Wiener, wieviel Wege gehen von andern Orten nach Wien?« Der Wiener antwortete: »Keiner, denn alle Wege muß man selber gehen, reiten oder fahren.« Jener mußte einen Zwanziger in die Büchse legen. Nun fragte der Bruder Wiener den Bruder Danziger: »Wenn man zu Danzig durch das Olivaer Tor hinausgeht, was ist an der rechten Hand?« Der Bruder Danziger sagte: er wisse das nicht, weil er nie zu jenem Tor hinausgekommen sei. Da sagte das Schneiderlein: »Die fünf Finger sind an der rechten Hand:« und der Wiener mußte bezahlen. Nun kam die Reihe an den Bruder Schlesinger: der sagte zum Schneider: »Weil du doch weißt, was fünf sei, so sag mir einmal: Wenn fünf Vögel auf einem Baum sitzen, und der Jäger schießt einen herunter, wieviel bleiben?« »Keiner,« antwortete der Schneider, »denn die übrigen fliegen davon.« Der Vierte fragte: »Warum schabt man den Käs?« Man antwortete: »Wenn er Federn hätte, so würde man ihn rupfen.« Der Fünfte fragte: »Welche Speise kann man nicht essen?« Antwort: »Die Glockenspeise.« Der Sechste: »Was ist das Beste am Salat?« Antwort: »Daß er sich biegen läßt, sonst könnte man ihn nicht ins Maul schieben.« Der Siebente fragte: »Warum läuft der Has über den Berg?« Antwort: »Wenn der Berg unten ein Loch hätte, so würde er durch das Loch laufen.« Der Achte: »Wer sieht mehr, der ein oder der zwei Augen hat?« Antwort: »Der nur ein Auge hat; denn dieser sieht an dem andern zwei Augen, der andere aber nur eines.« Der Neunte fragte: »Welches ist der mittlere Buchstabe im ABC?« Einer, nachdem er lange nachgezählt, antwortete: »Das N.« »Nein,« sagte der Schneider, »das V.« Der Neunte mußte bezahlen wie die Vorhergehenden. Der Zehnte fragte: »Wo sind die höchsten Berge?« Man sagte: »Wo die tiefsten Täler sind.« Der Elfte: »Welche Kerze brennet länger, eine Wachskerze oder eine Unschlittkerze?« Die Antwort war: »Keine brennt länger, sondern beide kürzer.« – Jetzt kam die Reihe an den Schneider. Die Schelme hatten das Ding insgeheim unter sich abgekartet, daß sie die Bußgelder unter sich wieder verteilen wollten, und drum haben sie sich lauter solche Rätsel aufgegeben, die der günstige Leser und jedermann weiß, der das Haus- oder Reisebüchlein von Odilo Schreger gelesen hat. Der Schneider, dachten sie, werde sein Rätsel auch nicht weiter herholen, und, wenn sie's errieten, hätten sie doch einen Zwanziger gefischt, der in die Zeche gehen sollte. Das Schneiderlein aber nahm mir nichts dir nichts die Büchse und steckte die Zwanziger ein. Ihr erratet es doch nicht, sagte er; und ich möchte nicht, daß ihr euch den Kopf zerbrechet. Die Gesellen aber fuhren auf und verlangten das Geld heraus und das Rätsel. »Nun, weil ihr denn so wollt,« sagte der Schneider. »Was ist das? Das erste weiß ich allein; die zweite wisset ihr, aber ich nicht: das dritte ist sowohl mir als euch unbekannt.« Die Burschen dachten hin und her, aber keiner konnte es erraten. Da stand endlich das Schneiderlein auf, trank aus, und wollte mit dem Geld fortgehen. Jene sagten, sie wollten sich gefangen geben; aber er sollte ihnen das Rätsel auflösen. Der Schneider sagte, er wolle das tun, es koste aber noch einen Zwanziger, damit das Dutzend voll wäre. Aus großer Neugierde willfahrten sie ihm. Da sagte der Schneider: »Daß meine Hosen zerrissen sind, das weiß ich, aber ihr nicht.« Und damit wies er ihnen das Hinterteil, und sie fanden es so, wie er gesagt. Dann nahm er den Hut ab und sagte, als ob er betteln wolle: »Das andere weiß ich nicht, aber ihr: ob ihr mir nämlich wollet Tuch zu einem Paar neuen Hosen verehren.« Die Gesellen mußten nun selbst lachen; sagten aber »nein«. »Und das dritte,« sagte der Schneider, »wissen wir alle nicht, ob, wenn ich auch Tuch dazu hätte, mein Meister sie mir umsonst wollte machen lassen.« Und mit diesen Worten ging er, sich höflichst verbeugend, zur Tür hinaus.

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