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Die Schelmenkappe

: Die Schelmenkappe - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/antholog/schelmen/.schelmen.xml
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleDie Schelmenkappe
publisherCarl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
editorCarl Ferdinands
seriesFlemmings Saatbücher
illustratorHans von Volkmann
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectidbe4212ab
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Das Land der Betrüger

H. Klettke

Ein sehr reicher Kaufmann, den seine Geschäfte oft zu reisen nötigten, mußte sich einst in ein entferntes Land begeben. Vorher fragte er diejenigen, die oft dahin zu reisen hatten, welche Ware wohl dort den meisten Absatz fände. Da sagte man ihm: das Sandelholz. Er kaufte daher einen großen Vorrat davon. Als er nun an das Ziel der Reise kam, war es schon spät abends und er war besorgt, in dieser Stadt eine gute Wohnung zu finden. Da begegnete er einer Frau, an die er sich deshalb wandte.

»Wer bist du?« fragte ihn diese. »Ich bin ein Kaufmann,« antwortete er ihr, »bin hier fremd und komme aus einem entfernten Lande.«

»Hüte dich,« erwiderte sie ihm, »vor den Bewohnern dieser Stadt, sie suchen auf alle Art die Fremden zu betrügen. Dabei sind sie sehr listig und diebisch, und es macht ihnen die größte Freude und Ehre, einen Fremden hintergangen Zu haben. Lachend verzehren sie dann sein Hab und Gut.«

Am Morgen begegnete ihm ein Mann aus dieser Stadt. Dieser grüßte ihn und fragte ihn sehr zuvorkommend: »Wer bist du und woher kommst du?«

»Ich bin ein Kaufmann und komme aus Samarkand.«

»Was hast du denn für Waren mitgebracht?« fragte ihn der Mann.

»Sandelholz habe ich mitgebracht,« war des Kaufmanns Antwort; »denn man hat mir gesagt, es habe in dieser Stadt einen hohen Wert.«

»Der dir dies gesagt hat, hat dich sehr betrogen,« antwortete jener, »hier zündet man das Feuer damit an und allen Bewohnern dieses Landes dient es als Brennholz. Es gilt hier nichts mehr als die gewöhnlichen Kloben.

Darüber war der Kaufmann sehr erstaunt, bereute es sehr, so viel Sandelholz gekauft zu haben und war fast in Verzweiflung, den größten Teil seines Vermögens so dabei verlieren zu müssen. Er begab sich nun in einen der Gasthöfe der Stadt, und wie die Nacht anbrach, sah er einen Kaufmann, der unter einem Kessel Feuer anmachte, und zwar, wie er leider sah, mit Sandelholz. Das war indes bloß eine veranstaltete List des Mannes, mit dem er geredet hatte. Der fremde Kaufmann aber glaubte nun gewiß, daß das Sandelholz in dieser Stadt wirklich einen so geringen Wert habe und schloß mit dem Manne, der das Feuer anzündete, einen Handel ab, durch welchen er ihm sein ganzes mitgebrachtes Sandelholz verkaufte, und zwar verpflichtete sich der Käufer, ihm dafür einen Sack voll von dem, was er sich wünschen würde, zu füllen und ließ das kostbare Holz in seine Speicher bringen.

Der Kaufmann ging aber voll Betrübnis ein andermal wieder aus. Er hatte blaue Augen. Nun war in dieser Stadt ein Mann, welcher ebensolche blaue Augen hatte, wie er, dabei aber einäugig war. Dieser sah es jenem sogleich an, daß er ein Fremder wäre, lief daher auf ihn zu, fiel ihn wütend an und rief: »Du hast mir mein Auge gestohlen! Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du gibst mir eine Entschädigung dafür.«

Der Kaufmann weigerte sich und so entstand ein Wortwechsel, der viele Leute herbeizog: diese brachten es dahin, daß sie sich bis morgen geduldeten. Indes verlangte der Einäugige ein Pfand für seine Zurückkunft, ohne welches er ihn nicht loslassen wollte. Der Kaufmann gab ihm eins und ging davon.

Unterdes war einer seiner Schuhe zerrissen und er gab ihn daher einem Schuhflicker mit den Worten: »Bessere ihn aus und was dich befriedigt, werde ich dir dann geben.«

Mit diesen Worten ging er davon und blieb unterwegs bei einer Menge von Leuten stehen, welche das Richterspiel spielten. Er gesellte sich zu ihnen, um sich von seinem Kummer und Ärgernis zu zerstreuen. Da baten sie ihn, mit ihnen zu spielen, welche Einladung er annahm. Zum Unglück aber verlor er, und der Sieger verurteilte ihn, das Wasser des Meeres auszutrinken, oder ihm eine große Summe Geldes auszuzahlen. Darüber war er ganz außer sich und sprach: »Laßt mir Zeit bis morgen.«

Diese Frist wurde ihm gestattet, und der Kaufmann entfernte sich höchst betrübt und wußte nun nicht, wo er hingehen sollte. Während er so in seinen Gedanken vertieft war, kam eine alte Frau und sprach: »Es scheint mir, du bist ein Fremder.«

»Freilich, bin ich's,« sprach er verdrießlich.

»Nun wohl, so hüte dich vor den Bewohnern dieser Stadt, denn es sind unverschämte Betrüger. Ich sehe dich so betrübt, es ist dir gewiß schon etwas begegnet?«

Er erzählte ihr hierauf alles, was ihm begegnet war.

»Der erste Betrug, den man an dir ausgeübt hat,« erwiderte die Alte, »ist der mit dem Sandelholz, denn das Pfund gilt hier zehn Goldstücke. Ich wünsche sehr, daß du noch zu deinem Gelde kommen mögest. Ich kann dir nichts weiter raten, als daß du an das Stadttor gehest; dort wirst du einen blinden Greis sitzen sehen, der ein sehr weiser und unterrichteter Mann ist. Er kennt alle Schelme und Betrüger dieser Stadt: denn alle Abende kommen sie zu ihm, erzählen ihm alle ihre Streiche und holen sich Rat bei ihm. Kannst du dich also verbergen oder verkleiden, so gehe hin, damit du sie reden hörest, ohne von ihnen gesehen zu werden. Ich rate es dir sehr, versäume es ja nicht: vielleicht hörest du dort etwas, was dir sehr nützen kann.«

Sie ging davon, und der Kaufmann begab sich an den bestimmten Ort, wo er auch den Greis wirklich fand. Er versteckte sich ganz nahe bei ihm, und es dauerte nicht lange, so hatte sich auch schon eine Menge Leute bei ihm versammelt. Zu seiner Freude bemerkte er unter ihnen auch die vier Schelme, die ihn betrogen hatten. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, erzählte jeder dem Greise, was ihm den Tag über begegnet war. Endlich kam auch der Mann, der das Sandelholz gekauft hatte und sagte ihm: »Ich habe heute Sandelholz fast umsonst gekauft, und zwar um einen Sack voll von dem, was der Verkäufer wünschen würde.«

»Du hast einen sehr schlechten Handel gemacht,« erwiderte der Greis: »deine Gegenpartei kann vor dem Richter ihren Prozeß gewinnen.«

»Wieso das? Und wenn er einen großen Sack voll Gold verlangte, so würde ich ihm denselben gern geben, denn ich würde noch viel dabei gewinnen.«

»Siehst du denn nicht ein,« entgegnete ihm der Greis, »daß, wenn er von dir einen Sack voll Flöhe verlangt, halb Männchen, halb Weibchen, du ihm dieselben nicht geben kannst?« Da sah er ein, daß er nicht gewinnen würde und zog sich zurück.

Nun trat der Einäugige hervor und sprach: »Heute habe ich einen Mann, der ebensolche blaue Augen hatte als ich, getroffen; diesen habe ich angefallen und zu ihm gesagt: ›Du hast mir mein Auge gestohlen‹, und ich habe ihn nicht eher von mir gelassen, als bis er sich durch ein Pfand verpflichtete, mir das zu geben, was ich verlangen würde.«

»Wenn der Mann wollte, so könnte er dich überlisten.«

»Und wie das?«

»Wenn er dir nun sagt: Reiß vorher dein Auge aus und ich will eins von meinen ausreißen; dann wollen wir sie gegeneinander wiegen. Sind sie einander an Gewicht gleich, so wird man dadurch erst sehen, ob es wahr ist, was du behauptest. Dann,« fügte der Greis hinzu, »bist du eines Betruges überführt und du wirst ganz blind sein, da er nur einäugig sein wird.« Da sah dieser ein, daß er überlistet werden könne und zog sich zurück.

Nunmehr trat der Schuhflicker hervor: »O Greis, es ist heute ein Mann zu mir gekommen, der hat mir einen Schuh zum Ausbessern gegeben. ›Was gibst du mir dafür?‹ fragte ich ihn. ›Was dir Freude machen wird‹, war die Antwort. Ich verlange aber nichts weniger als sein ganzes Vermögen.«

Da sagte zu ihm der Greis: »Wenn er wollte von dir nehmen, anstatt dir zu geben, so könnte er es tun.«

»Und wie denn?«

»Wenn er dir nun sagte,« fuhr der Greis fort, »der Sultan hat seine Feinde besiegt, seine Gegner in die Flucht geschlagen und seine Bundesgenossen vermehrt. Macht dir diese Nachricht Freude? Wenn du sagst: ja, so nimmt er seinen Schuh und geht fort, ohne dir weiter etwas zu geben. Sagst du aber: nein, so wird dir der Hals abgeschlagen.« Hier erkannte er, daß er überlistet werden könne und trat zurück.

Nun sprach derjenige, der mit dem Kaufmann das Richterspiel gespielt hatte, zum Greise: »Ich spielte heute mit einem Manne und habe gewonnen. Da trug ich ihm auf, entweder das Meer auszutrinken, oder wenn er das nicht könnte, mir einen Teil seines Vermögens zu geben.«

Da sprach der Greis zu ihm: »Wenn er wollte, so könnte er dich überlisten.«

»Und wie das?« fragte jener.

»Er darf dir nur sagen,« erwiderte der Greis, »du solltest die Ausflüsse der Ströme verstopfen, denn nur das Meer habe er sich verpflichtet zu trinken, nicht aber die Ströme, die sich hinein ergießen. Das wirst du aber nicht können und dann würde der Urteilsspruch der Richter gegen dich ausfallen.« Hieraus ersah er, daß er verlieren könne.

Sodann nahten sich noch mehrere andere dieses Gelichters dem Greise und erzählten ihm, was sie den Tag über getan hatten. Der Kaufmann aber merkte sich wohl, was der Greis gesagt hatte, dankte ihm in seinem Herzen und ging froh von dem Orte, wo er sich verborgen hatte, ohne bemerkt zu werden, nach Hause und erwartete ruhig den andern Morgen. Der Tag war noch nicht lange angebrochen, als sich auch schon einer von den Betrügern bei ihm meldete, und zwar derjenige, mit dem er das Richterspiel gespielt hatte. Der Kaufmann sagte ihm, daß er sein Versprechen nicht zurücknehme. »Du mußt aber vorher,« sagte er, »die Mündungen der Flüsse und Bäche verstopfen, damit ich das Meer, wie du gewollt hast, austrinken kann.«

Der Betrüger fand hier kein Mittel, auszuweichen. Er sah, daß er sich selbst eine Grube gegraben hatte, und der Kaufmann ließ ihn nicht eher los, bis er ihm hundert Goldstücke gegeben hatte. Er ging darauf davon, und der Kaufmann schöpfte nun Mut, ging zum Schuhflicker und sagte zu ihm: »Der Sultan hat seine Feinde überwunden, seine Gegner unterdrückt, seine Hilfsvölker haben sich vermehrt und seine Familie ist zahlreicher geworden. Bist du damit zufrieden?«

»Sehr wohl,« erwiderte jener, und der Kaufmann nahm nun seinen Schuh, ohne irgendeinen Lohn zu geben und ging davon. Kaum war er zwei Schritte gegangen, als der Einäugige ihm begegnete und ihm zurief:

»Gib mir mein Auge!«

»Sehr gern,« antwortete der Kaufmann, »reiß aber vorher das deinige aus: ich werde zugleich eins von meinen ausreißen; dann wollen wir sie wiegen, wenn dann eins soviel wiegt als das andere, so werde ich sehen, daß dein Vorgeben, daß ich dir nämlich dein Auge gestohlen habe, wahr ist, und du kannst mir dann dein Auge wieder abnehmen. Sind sie aber von verschiedenem Gewicht, so erkenn' ich, daß du ein Lügner bist und werde dich vor dem Richter anklagen, um Ersatz für mein Auge zu erhalten.«

Bei diesen Worten wurde der Betrüger kleinmütig, bat erst um Erlaß, dann um Aufschub.

»Ich bin ein Fremder,« antwortete der Kaufmann, »und kann niemandem Aufschub verstatten, und ich lasse dich daher nicht los, bis du mir Genugtuung verschafft hast.«

Da sah sich der Betrüger genötigt, ihm hundert Goldstücke auszuzahlen. Hierauf begab sich der Kaufmann zu demjenigen, der ihm sein Sandelholz abgekauft hatte und verlangte Bezahlung.

»Was willst du für dein Sandelholz haben?« fragte ihn dieser.

»Ganz, wie wir den Vertrag miteinander gemacht haben, einen Sack voll dessen, was mir belieben wird.«

»Was verlangst du denn?« fragte jener; »ich will nicht geizig gegen dich sein, und wenn du den Sack voll Gold verlangst, ich würde dir ihn geben.«

»Ich verlange kein Gold,« erwiderte der Kaufmann.

»Was willst du denn?«

»Ich will einen Sack voll Flöhe, halb Männchen und halb Weibchen.«

»Das ist ja ganz unmöglich,« sagte jener, »das kann dir niemand geben.«

»Gestehe also,« sagte der Kaufmann, »daß ich dich überlistet habe, und ich verlasse dich nicht eher, als bis du mir Entschädigung gibst.«

Da kaufte sich der Betrüger mit hundert Goldstücken los und gab ihm das Sandelholz zurück. Er verkaufte dies nun in kurzer Zeit, machte großen Gewinn dabei und kehrte in sein Land zurück, – ein Glück, welches er kaum zu erreichen gehofft hatte.

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