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Die Schelmenkappe

: Die Schelmenkappe - Kapitel 29
Quellenangabe
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typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleDie Schelmenkappe
publisherCarl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
editorCarl Ferdinands
seriesFlemmings Saatbücher
illustratorHans von Volkmann
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectidbe4212ab
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Der Hofnarr

Karl Stoeber

Der Hirschenwirt in Möhren wartete seinen Gästen mit Bier auf, und, wenn er Zeit hatte, auch mit allerhand Geschichten. Seine Geschichten aber waren nicht matt und sein Bier nicht schal. Sein Bier bremste in die Nase, und seine Geschichten blieben immer noch frisch, und wenn er sie auch schon zwölfmal aufgetischt hatte, absonderlich die von dem Prangerl in München.

Der war seiner Profession ein Tagdieb und lebte von seiner und anderer Leute Narrheit. Es war aber kein Narr von Natur, sondern in seinem Gesicht stand geschrieben: »Der Prangerl ist keiner; wer aber einer ist und ihn bezahlt, dem will er einen abgeben,« und daheim auf seiner alten Mutter Stuhl, soll er so vernünftig gesessen sein, wie der Pfarrer auf seinem Filialgaul. Wenn er aber seinem Brot nachging, trug er einen großen Stern von rotem Saffian auf seiner Brust und hinten zwei Kammerherrnknöpfe. Denn seine beste Kundschaft hatte er bei Hof.

War der Herr Kurfürst ärgerlich über seine Münchner, oder zornig über die Suppenschwaben, oder ungnädig auf einen Hofschrangen, machte er ein Gesicht wie der Bär am Fasttag; oder war er so griesgrämisch, daß ihn die Mucken an der Wand ärgerten, dann holte man den Prangerl. Denn wenn allen das Maul verboten war, durfte er noch reden, und wenn keinem mehr etwas einfallen wollte, und guter Rat teuer war, hielt er nur sein großes spanisches Rohr einen Augenblick unter die Nase und sagte dann: »so oder so kann's gehen,« und siehe da, es ging allemal.

Aber nicht allein dem Herrn Kurfürsten sprang er mit seinem Witz und Verstand bei, sondern auch geringeren Leuten, die mit ihm ratschlagten und dabei die halben Guldenstücke oder die Konventionstaler in der Hosentasche hören ließen.

So hat er zum Exempel dem reichen Bauer Max Schnitzelhuber, da drunten bei Wasserburg zu Haus, aus einer großen Not und Herzensangst geholfen, dessen einziger zwanzigjähriger Bub, Xaver, in eine traurige böse Geschichte hineingekommen war. Gibt's da am Stephanstag im Stern zu Wasserburg eine Schlägerei. Der Xaverl ist auch dort, und weil er in seinem Rausch denkt: »wer einnimmt, darf wieder ausgeben auch,« nimmt er im Zorn einen Maßkrug und haut dem Bauernlang seinem Balthes damit dermaßen auf den Kopf hinauf, daß er schreit: »Maria und Joseph!« und maustot umfällt. – Das war ein Schrecken! Nicht lange dauert's, so kommen die Kordonisten und schleppen den Xaver ins Landgericht. Umsonst ist sein Klagen und Jammern, umsonst bitten Vater und Mutter für den einzigen Sohn! Der Bub kann's nicht leugnen. Der Richter erkennt auf Todesstrafe, und die Akten werden nach München geschickt, zur Bestätigung des Urteils.

Als dies dem Xaver seine Eltern erfuhren, machte sich sein Vater selbst auf den Weg nach München, ob ihn gleich seine Füße kaum tragen wollten, und bat dort bei den Herren Kriminalräten für den Buben. Aber die gestrengen Herren gaben ihm schlechten Trost. Die Akten, sagten sie, seien schon dem Herrn Kurfürsten übergeben, und einer schickte ihn zu dem andern. Und der letzte, zu welchem er ging, bedeutete ihm, die Gerechtigkeit dürfe man nicht in ihrem Lauf aufhalten, wie einen Gaul.

Da wanderte nun der Alte mit bekümmertem Herzen durch die schönen Straßen und Gassen der Stadt. Wo sollte er nun Hilfe finden für seinen Sohn? wie sollte er sein bis in den Tod betrübtes Weib trösten, wenn er wieder heimkehren müßte und keine bessere Nachricht mitbringen könnte? – von solchen Gedanken niedergedrückt, trat er in das Wirtshaus zum Franziskanerbräu, allwo er einstellte, wenn er auf die Schranne nach München fuhr.

Darum fragte ihn auch der Wirt sogleich, warum er denn heute so betrübt ausschaue, und der Bauer schüttete sein ganzes Herz vor ihm aus und erzählte ihm, daß sein Sohn geköpft werden sollte, und wie er alle die Herren um Barmherzigkeit angefleht hätte, wie sie aber alle so kalt gewesen wären wie die Eiszapfen, und daß er nun seines Jammers kein Ende wisse.

Hinter dem Ofen in der Wirtsstube saß aber noch ein Gast, ein Mann mit einem roten Stern auf der Brust und eine Maß Bier vor sich. An den wendete sich der Franziskanerbräuwirt und sagte: »da könntet Ihr helfen, Herr Prangerl, und den Kurfürsten für den armen Buben bitten. Es sind brave Leut' und ein großer Jammer. Und auf ein Trinkgeld kommt's auch nicht an. – Nicht wahr, Toni, Ihr laßt's Euch schon was kosten, wenn Euer Xaver wieder auf freien Fuß gestellt wird?« »Ach,« antwortete der Bauer, »hundert Gulden zahlte ich auf der Stelle her.«

Aber der Mann mit dem roten Stern schüttelte den Kopf und sagte: »Ja warum nicht gar! Was fällt Euch ein, Leut'? Euer Bub dauert mich; aber Ihr kennet unsern Herrn Kurfürsten. Bei dem geht's nach dem Gesetz, und die Schmieramperl helfen nix. Der Xaverl dauert mich wirklich, noch so jung und sonst so brav. – Aber um hundert Gulden, da kann ich nix tun.«

Erst als der Bauer noch hundert und dann noch dreihundert Gulden zu zahlen versprach, wenn sein Sohn begnadigt würde, schlug der Prangerl ein und sagte: »Morgen in aller Frühe geht Ihr zu einem Advokaten und laßt Euch eine Bittschrift machen. Vornherein darf sie lauten wie sie will: aber merkt's Euch, am Schluß muß es heißen:

Und so bitte ich denn Dero Kurfürstliche Durchlaucht, daß Sie meinem Sohn Xaver jedwede Strafe erlassen und ihn allergütigst in die Arme seiner liebenden Eltern zurückgeben möchten und ersterbe in tiefster Ehrfurcht

Dero alleruntertänigst treugehorsamster Max Schnitzelhuber, Bauer.

Und wenn Ihr die Supplik habt, dann kommt Ihr wieder zum Franziskanerbräu, da werdet Ihr mich finden.«

Der Bauer kam, und der Prangerl trank gar aus und ging mit der Bittschrift in die Residenz. Als er in das Kabinett des Kurfürsten trat, fing er an überlaut zu lachen. »Was hast denn heut wieder, Prangerl?« fragte ihn die Durchlaucht, »was gibt's denn zum Lachen?« Aber der Hofnarr lachte immer ärger und ärger, bis der Kurfürst fast unwillig ward und ihm allen Ernstes befahl, augenblicklich zu sagen, warum er lache. Der Hofnarr wischte sich mit der Hand die Tränen aus den Augen und erzählte: »Mir ist was Nett's passiert. Geh ich da in die Theatinerkirch 'nein, und eh ich mich's verseh, sperren's auf einmal die Türe zu, lassen keinen Menschen mehr 'naus und die Herren Kapuziner fangen an nach dem Glauben zu fragen.« – »Haben's dich auch gefragt, Prangerl!« – »O versteht sich, Kurfürstliche Durchlaucht!« – »Was haben's denn dich gefragt, du Narr?« – »Ich hab' das Vaterunser hersagen sollen.« – »Du wirst's doch gekönnt haben, das wäre sonst eine schöne Schand'!« – »Ich? ich hab's nicht gekönnt. Eine Bitt' ist mir nicht eingefallen.« – »Welche denn, Prangerl?« – »Die nach der, welche lautet: dein Reich komme.« – »Weißt denn jetzt, wie die Bitt' heißt?« – »Nein, Kurfürstliche Durchlaucht, ich weiß's noch immer nicht.« – »Ich will dir's sagen, paß recht auf, sie lautet: »dem Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.« Jetzt merk's aber ordentlich. Das ist ja ein wahrer Spektakel für einen Christenmenschen!« – »Ach, Kurfürstliche Gnaden, ich kann's halt nicht recht merken, ich hab' gar ein schwaches Gedächtnis und vergeß's allemal wieder. Euer Durchlaucht könnten mir einen rechten Gefallen tun, wenn's mir den Anfang der Bitt' da auf das Papier herschreiben täten. Sein's halt so gütig! Schreiben so schön und haben die Feder schon in der Hand.«

Der Kurfürst schreibt den Anfang der Bitte: »Dein Wille geschehe« auf, und weil der Hofnarr gar so schön bittet, setzt er auch seinen Namen »Karl Theodor« darunter. Dann gibt er den Wisch wieder zurück und sagt: »Jetzt schieb' dich wieder, Prangerl. Ich hab' da eine recht traurige Arbeit. Da schau' den Stoß Akten. Ein Bauernsohn in Wasserburg hat einen andern bei einem Raufhandel erschlagen. Das Landgericht hat ihn zum Tod durchs Schwert verurteilt, und ich werd' ihm auch nicht helfen können. Er dauert mich, der arme Kerl!« – »Was?« erwiderte Prangerl »jetzt wollen's den Buben doch noch köpfen lassen, und zuerst versprechen's und unterschreiben's, daß er frei werden soll, und nachher reut es Sie wieder! Da hab' ich Respekt!« – »Was schwätzest du da?« fiel der Kurfürst ein, »bin ich ein Narr oder du? Wem hab' ich was versprochen, wo hab' ich was unterschrieben?« – »Na, Kurfürstliche Durchlaucht, lesen's nur gefälligst, was Sie unterschrieben haben! Da schauen's, da steht:

Und so bitte ich denn Dero Kurfürstliche Durchlaucht, daß Sie meinem Sohn Xaver alle Strafen erlassen und ihn allergütigst in die Arme seiner liebenden Eltern zurückgeben möchten, und ersterbe in tiefster Ehrfurcht

Dero alleruntertänigster treugehorsamster Schnitzelhuber, Bauer.

Und nun schauen's noch weiter! Einen Finger breit darunter steht:

Dein Wille geschehe!
Karl Theodor.

»Kurfürstliche Durchlaucht, was wollen's jetzt anfangen? Soll die Unterschrift nix gelten? O, haben's Barmherzigkeit und sagen's: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben! Denken's an den blutjungen Tropfen und an seinen alten Vater! Lassen's Gnade vor Recht ergehen!«

Aber der Kurfürst antwortete unwillig: »Prangerl, Prangerl, was hast du da angestellt! Meinst du, die Unterschrift gilt etwas? Du machst schönes Zeug! Willst deinen Kurfürsten für'n Narr'n halten! Das soll dir nicht gelingen! Marsch! 'naus, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat!«

»Gnädigster Kurfürst,« rief der Hofnarr dagegen, »haben's Barmherzigkeit und lassen's mich nur ausreden! Sehen's, fünf Personen haben's heut glücklich gemacht, wenn die Unterschrift gilt. – Der erste sind Sie; denn Sie brauchen dann nicht die dicken Akten zu lesen. Der zweite ist der Xaver. Wie froh wird der sein, wenn er aus dem Käfig herauskommt und sein Kopf fest droben sitzen bleibt! – Der dritte ist der Vater des Buben. Wie wird der und sein Weib Gott um Ihr Wohlergehen bitten, wenn Sie ihnen ihren Sohn freilassen. – Der vierte – aber das ist eine närrische Geschichte, fuhr Prangerl fort, indem er sich hinter den Ohren kratzte – der vierte, der heut glücklich wird, der bin ich. Ich hab' mit einem Wort Schulden, beim Zacherlbräu 20 Gulden, beim Stachus 16 Gulden, beim Pschorrbräu 30, und mit dem Franziskanerbräu hab' ich noch nicht gerechnet. – Und da hat mir nun dem Buben sein Vater versprochen, daß er mir 500 Gulden gibt, wenn ich seinen Sohn freimach'. Den fünften hätt' ich aber bald vergessen. Das ist meine Mutter. Der blieb für die Leichenkösten und für Seelenmessen etwas übrig. Und wenn's noch weiter langt, soll auch mein guter Freund, der alte Wachtmeister, was davon haben. Hat nur ein Bein und sechs Kinder. – Einverstanden, Euer Durchlaucht! Sagen's Ja, um aller Barmherzigkeit willen! Gilt die Unterschrift oder gilt sie nichts?«

»Nun, in Gottes Namen,« antwortete der Kurfürst, »die Unterschrift soll gelten! Der Bub mag hingehen, wo er will, er ist frei! Aber Prangerl, untersteh' dich nimmer, das heilige Vaterunser und meine Gnade also zu mißbrauchen! Merk' du's selbst und sag's allen Leuten, sie sollen's nur recht beten, dann brauchen's nicht so oft die Händ' über dem Kopf zusammenschlagen.«

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