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Die Schelmenkappe

: Die Schelmenkappe - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/antholog/schelmen/.schelmen.xml
typelegend
authorVerschiedene Autoren
titleDie Schelmenkappe
publisherCarl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.
editorCarl Ferdinands
seriesFlemmings Saatbücher
illustratorHans von Volkmann
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090919
projectidbe4212ab
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Die Dümmere

Karl Simrock

Es war einmal ein Schlachter, der machte Bankrott. Da sagte er zu seiner Frau: »Nun will ich graben und auf Tagelohn arbeiten.« Als er aber ein paar Tage gearbeitet hatte, da waren ihm seine Hände wund, und er sprach zu seiner Frau: »Ich muß nun wieder schlachten.« Er ging also aufs Land, um sich ein Kalb zu kaufen, und als er in ein Dorf kam, fragte er, ob sie nicht ein Kalb zu verkaufen hätten. »Nein,« sagten die Bauern, »wir haben nicht; aber hier nebenbei wohnt ein Müller, der hat fünf Ochsen.« Da sagte der Schlachter: »Die kann ich auch brauchen,« und ging nach der Mühle.

Als er nun nach der Mühle kam, war der Müller nicht zu Hause. Der aber hatte, als er ausging, zu seiner Frau gesagt: »Wenn da jemand kommen sollte und auf die Ochsen handeln, so kannst du sie nur für fünfzig Taler das Stück losschlagen, für weniger aber sind sie nicht feil.« Nun kam der Schlächter; er fragte die Frau, ob sie ihm nicht die Ochsen verkaufen wollte. »Ja,« sagte sie, »für fünfzig Taler das Stück, für weniger aber nicht.« Der Fleischer war's zufrieden und wollte so viel geben; »aber,« sagte er, »ich habe jetzt nicht so viel bares Geld bei mir. Wenn ich alle fünf auf einmal nehme, so können wir's ja so machen, daß ich zwei gleich mitnehme und dafür die drei übrigen Ihr zum Pfande dalasse, bis ich komme und das volle Kaufgeld bringe.« Die Frau antwortete, daß er es damit halten könnte, wie es ihm gerade paßte, und war froh, einen so schnellen und vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben.

Als nun ihr Mann nach Hause kam, fragte er sie gleich: »Na, hast du die Ochsen verkauft?« – »Jawohl,« antwortete die Frau, »alle fünf auf einmal an einen Schlachter aus der Stadt, das Stück für fünfzig Taler und um keinen Schilling weniger.« »Das ist ein guter Handel,« dachte der Mann, aß erst ein paar Bissen, und nachdem er damit fertig war, verlangte er das Geld zu sehen. Da erwiderte die Frau: »Das Geld habe ich noch nicht bekommen; der Schlächter wird es über vierzehn Tage bringen, wenn er die drei letzten Ochsen abholt. Die hat er so lange zum Pfande hiergelassen, zwei hat er gleich mitgenommen.« – »Nun,« sagte der Mann, »da ist doch auf Gottes weiter Welt kein dümmeres Frauenzimmer als du bist,« und er war sehr ärgerlich und sagte: »Die vierzehn Tage will ich noch warten, kommt aber binnen der Zeit der Schlachter nicht wieder, so reise ich fort von hier und kehre in meinem ganzen Leben nicht zurück, ich müßte denn eine Dümmere finden, als du bist.«

Der Müller wartete nun diese vierzehn Tage; aber wer nicht kam, das war der Schlachter, und so reiste der Müller richtig weg.

Er war schon ziemlich lange gereist, und nirgends in der Welt hatte er noch eine dümmere Frau gefunden, als die, welche er zu Hause gefunden hatte. Da kam er endlich bei einem Schlosse an, in dem eine verwitwete Gräfin wohnte, und hier sprang der Müller in einem weg in die Höhe und gaffte nach dem Himmel hinauf. Die Gräfin wurde seiner vom Fenster aus gewahr und schickte sogleich ihre Kammerjungfer hinunter, um ihn zu fragen, was er doch da vorhätte, oder was ihm fehlte.

Der Müller sagte: »Wir haben oben im Himmel einen Tanz gehalten, da bin ich der Luke zu nahe gekommen und heruntergefallen; nun kann ich gar nicht den rechten Sprung wiederkriegen, um hinaufzukommen. Ich muß nun weitergehen und suchen, ob ich die rechte Fährte anderswo wiederfinde.«

Er tat nun, als ob er fortgehen wollte, und dabei sah er immer noch nach dem Himmel hinauf. Aber die Kammerjungfer hatte der Gräfin kaum die Nachricht von dem Müller gebracht, der aus dem Himmel gefallen war, so kam diese ihm selber nachgelaufen und fragte, wenn er aus dem Himmel gefallen wäre, so kenne er vielleicht auch ihren verstorbenen Mann.

»Jawohl,« sagte der Müller, »den kenne ich ganz gut; eben noch habe ich mit ihm getanzt.« – »Wenn das ist, lieber Mann,« sagte die Gräfin, »so kann Er mir wohl auch berichten, ob mein seliger Mann noch die großen Stiefel trägt mit den goldenen Sporen und seinen grünen Rock?«

Da antwortete der Müller: »Gnädige Frau, der arme Herr hat neulich die goldenen Sporen aus Not verkaufen müssen; die Stiefel hat er noch, aber sie sind schon ganz entzwei, auch den grünen Rock trägt er noch, aber er ist so abgeschabt, daß ihm die Hemdärmel daraus hervorgucken.«

»Gott steh mir bei,« rief die Gräfin aus, »das ist ja eine wahre Schande, wie schlecht es ihm da geht! Hör' Er mal, Er könnte mir einen rechten Gefallen tun, wenn Er für den seligen Herrn etwas Zeug zu einem neuen Rock mitnehmen wollte. Mein Sohn trägt gerade noch dieses Zeug. Ich will Ihm dann auch noch vierhundert Dukaten mitgeben und ein bißchen Gutes zu essen und zu trinken.«

Der Müller sagte, das wolle er von Herzen gern besorgen, und die Gräfin gab ihm dann alles mit auf den Weg.

»Das wäre doch einmal eine, wie ich sie suchte,« sagte der Müller und ging fort.

Bald darauf kam der Junker nach Hause und fand seine Mutter ganz traurig und in großer Betrübnis. Er fragte sie nach der Ursache. »Ach,« sagte die Gräfin, »da war hier eben ein Mann aus dem Himmelreich, der hat mir so schlechte Nachrichten vom seligen Papa gebracht; der hat aus Not schon seine goldenen Sporen verlauft, seine Stiefel sind entzwei, und sein Rock ist zerrissen. Ich habe nun dem Manne etwas Zeug und vierhundert Dukaten mitgegeben; es tut mir wahrhaftig so leid um den seligen Papa.« Der Sohn sah gleich, wie die Sache stand und ließ schnell seinen Schimmel satteln und jagte dem Müller nach.

Es dauerte nicht lange, so merkte der Müller, daß einer hinter ihm drein kam. Verstecken konnte er sich nirgends; aber da begegnete ihm eine alte Frau. Die fragte er, was er ihr geben sollte, wenn sie ruhig eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, unter seinem Mantel auf der Erde sitzen wollte. Die Frau verlangte fünf Taler, aber der Müller gab ihr zehn, wenn sie nur genau das tun wollte, was er verlangte. Das versprach sie und kroch unter den Mantel. Noch einen Augenblick, so war der Junker auf dem Pferde bei ihnen und fragte den Müller, ob er nicht einen Mann habe eilig vorüberlaufen sehen.

Da sagte der Müller: »Jawohl, vor einer Viertelstunde ging einer hier rasch vorüber, und zuweilen lief er sogar. Er nahm den Weg da quer übers Moor, aber wenn Ihr nur auf meinen Bienenkorb hier sehen und die Bienen mir hüten wolltet, so lange bis der ausgeflogene Schwarm wieder drin ist, so wollte ich Euch den Mann bald wieder einbringen.«

Der Junker versprach ihm noch ein gutes Trinkgeld obendrein, stieg ab und wollte die Bienen hüten. Der Müller aber setzte sich schnell auf und jagte mit dem Schimmel davon. Da sah der Junker bald, daß es kein Bienenkorb, sondern eine alte Frau war, und nun ging er ohne den Schimmel nach Hause. Und als ihn seine Frau Mutter fragte, ob er denn den Mann gefunden hätte, so sagte er: »Ja, ich habe ihn bald gefunden und habe ihm auch noch den Schimmel mitgegeben, damit er eher hinkommt.«

Der Müller aber reiste wieder zu seiner Frau, und als er bei ihr ankam mit dem Schimmel und mit den vierhundert Dukaten und mit dem Zeug zu einem neuen grünen Rocke und mit all dem guten Essen und Trinken, das er dem seligen Herrn nach dem Himmel hatte mitnehmen sollen, da sagte er zu ihr: »Nun will ich bei dir bleiben, denn ich habe doch eine Dümmere gefunden, als du bist, und habe sogar noch mehr verdient, als alle fünf Ochsen wert sind.«

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