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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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VI.

Ludwig war zur Hochzeit geblieben, Paul hatte ihm gar zu lebhaft zugeredet. So saßen sie denn im großen geschmückten Zimmer über dem Gemache, was Fanny bisher bewohnte; die jungen Eheleute hatten sich geräumig und schön eingerichtet im ersten Stocke, das behagliche Zimmer par terre war an Clärchen übergegangen.

Es war eine bunte Gesellschaft von jungen, vornehmen Herren, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, Schauspielern und Sängern, die beiden alten Theaterfreunde waren auch zugegen, und eine betagte Dame, pensionirte Wittwe ward sie genannt, und Frau von Weiden hieß sie, repräsentirte die Ehrbarkeit. Es war die kluge, hilfreiche Frau der unbesorgten, jungen Welt, sie gab guten Rath, führte in Gesellschaften ein, machte die Duenna und sagte Jedermann, daß sie sehr anspruchslos sey, das Bischen Freibillet was sie von den Herrschaften der Kunst bekäme, werde ihr Niemand verdenken, und für ihr einfaches Leben reiche die kleine Pension hin, welche ihr der Minister zufließen lasse mit Rücksicht auf frühere Gefälligkeiten. Von zwanzig Jahren her kannte sie alle Helden und Heldinnen der Bühne, und sie pflegte sich zu rühmen, daß immer sehr noble Kavaliers bei ihr aus- und eingegangen seyen, und noch ein- und ausgingen. Ihre Figur war groß und stattlich, der Umfang derselben machte der Wiener Küche Ehre, die Weitläufigkeit ihrer Proportionen kontrastirte imponirend mit der Kleinheit ihrer Pension, das Gesicht war über und über fröhlich roth, und ein stereotypes schwarzes Pflasterchen auf der breiten Nasenkuppe kokettirte mit den kleinen, glänzenden Speckaugen und gab ihr das Lüstre einer alten Dame von Versailles. In stillen Stunden ward sie »die Tante« genannt, aber bei den ersten Gläsern Wein mußte man sie »gnädige Frau« anreden.

Ludwig, der neben der strahlenden Braut saß, hatte sein Aergerniß an der alten Dame, und verhehlte das Fanny nicht. Diese stimmte lebhaft ein, und gestand ihm, daß sie ein wahres Grauen vor dieser Figur empfände, die Gäste hätten sie ungeladen mitgebracht, und das süßlich lächelnde Gesicht des alten Weibes verderbe ihr den ganzen Abend. Ich weiß immer nicht, was es heißt, setzte sie hinzu, wenn man von der bedenklichen Stellung unseres Standes in den geselligen Verhältnissen spricht, ich denke nicht nach über solche Dinge, weil ich mich um die Welt nicht kümmere, und mein Herz gewähren lasse, aber, wunderlich, wenn ich diese Frau von Weiden sehe, da fällt mir's immer ein, daß ich eine Schauspielerin bin, eine Schauspielerin, und das Wort findet die häßlichste Betonung in mir. Nichts in der ganzen Welt bringt mir sonst einen ähnlichen Gedanken und ein ähnliches banges Gefühl unter dem Herzen. Ich hab' es immer nicht begreifen können, warum Clärchen nicht singen und spielen will, sie kann es so gut wie ich, und besser als ich, sie ist inniger, aber wenn ich diese Frau von Weiden sehe, dann glaub ich einen Grund von Clärchens Antipathie vor den Brettern zu empfinden.

Clärchen saß still auf der andern Seite neben Ludwig, und Paul, der sich eifrig mit ihr unterhielt, bekam selten Antwort.

Die Gesellschaft ward immer muntrer, und um Frau von Weiden her ward die Lustigkeit sogar etwas lasciv, es sonderten sich Pärchen ab nach den Fenstervertiefungen, es sprang ein Schauspieler auf den Stuhl und hielt eine Rede an »die Tante,« worin er ihre Menschenfreundlichkeit und Humanität empfahl, es wurden Toaste ausgebracht und manche mitten in ihrer Entwickelung unterdrückt dadurch, daß ein schöner Arm sich aufstreckte, und eine kleine Hand den Mund des Sprechers zudrückte – nur in dem Kreise am obern Ende des Tisches, wo das Brautpaar saß, blieb die Heiterkeit in wohlthuenden Grenzen. Die lüsternen Herrn kamen zwar von allen Seiten, die Braut zu beglückwünschen, und mancher versuchte es wohl, ein Wort der Weinlaune und der Liebeslaune anzubringen, aber Fanny besaß jenen hell polirten Schild, an welchem alles Uebelgestaltete artig und wohl geformt zurückgespiegelt ward.

Georges hielt ihre Hand in der seinen und bedeckte sie mit Küssen, den Paradehandschuh hatte er herabgestreift, und sie überließ ihm zärtlichen Blicks den weißen Arm, ja, wenn es eben Niemand sah, drückte sie ihm einen vollen Kuß auf die Lippen. Aber die Unterhaltung führte sie mit Ludwig und inniger als je. Als die Gesellschaft immer lauter wurde, stand sie von der Tafel auf, gab Georges den einen, Ludwig den andern Arm und ging in's Nebenzimmer, Paul und Clärchen folgten. Man spazirte auf und ab, und als die Letzteren einen Augenblick an's Fenster traten, um in die Dunkelheit hinaus zu sehen, und Georges einem Fragenden an der Verbindungsthür Rede stand, nahm sie ihr Myrthenkränzchen vom Haupte, drückte es mit den warmen Fingern auf Ludwigs Mund und schlüpfte durch eine Nebenthür davon.

Es war Ludwig heiß um's Herz, er trat zu Paul und Clärchen, und öffnete das Fenster. Paul fragte nach Fanny, und als er sah und hörte, daß sie fort sey, forderte er Ludwig auf, mit nach Hause zu gehen. Dieser rief als Antwort in die Straße hinab nach dem Kutscher, Paul ging. Als sich Ludwig zurückwendete, sah er Clärchen noch neben sich stehen und in ihrem großen Kindesauge lag ein so lieber, trauriger und doch süßer Ausdruck, daß er sein Herz an diesen Anblick gefesselt fühlte. Ein schneller Thränenhauch flog durch Clärchens Auge bei Ludwigs längerem Verweilen. Er faßte ihre Hände, drückte einen Kuß auf die niedersinkenden Wimpern und sagte »gutes Clärchen!« Ein wunderlicher Schlag ging durch das Mädchen, und preßte einen Moment die Finger fester, sonst regte sie sich nicht, und Ludwig ging.

Als er vor die Thüre trat, empfing ihn ein leuchtender Blitz und heftiger Donnerschlag, brausend flog eine dunkle Gewitterwolke über die Häuser. Da nahm er seinen Mantel aus dem Wagen und ließ Paul allein fahren – seine Brust war zu voll, sie mußte sich einsam ausarbeiten. Nicht der Schmerz einer quälenden Eifersucht, Fanny in den Armen eines Andern zu wissen, nicht der gewöhnliche Neid ähnlicher Art peinigte ihn, nein, wunderbar genug fühlte er theilweise jenes schmerzliche Unbehagen wieder, an nichts Bestimmtes gewiesen zu seyn mit seiner Neigung, und doch wiederum nicht dieses Unbehagen allein: auch ein lichter Schimmer, ein sanfter wohlthätiger Klang flog durch sein Herze, er wußte nicht, von wannen er kam. Seine Phantasie schwatzte und koste mit Fanny's Bilde, und doch fand er immerwährend Clärchens Auge vor seiner Seele; es war eine bunte Verwirrniß in ihm, und der donnernde und leuchtende Himmel dünkte ihm äußerst harmonisch zu seiner Stimmung.

Der Myrthenkranz Fanny's mußte in Clärchens Händen geblieben seyn, er hatte ihn nicht mehr.

Rastlos lief er durch die Nacht, es verging Stunde um Stunde, das Gewitter tobte aus, warmer Regen in großen, schweren Tropfen fiel nieder, hie und da gingen durch die Wolkenspalten die Sterne leuchtend auf, endlich breitete sich der klare, schimmernde Himmel in aller stiller Pracht über die Erde, die Luft wehte in schwachen, lauen Strömungen. Ludwig lehnte sich erschöpft an ein Fenstergesims, und holte tief Athem – er war so in der Irre umhergerannt, daß er ohne es zu wissen wieder bei Fanny's Hause angekommen war, und an demselben Fenster Ruhe fand, durch welches er damals Fanny betrachtet hatte. Aber die jetzige, schüchterne Bewohnerin hatte die Bretterladen geschlossen, es war nichts zu sehen, aber bei der nächtlichen Stille vernahm er einen leisen Gesang:

Einsam nur beglückt die Thräne;
Stiller Irrthum ist mein Glück,
Was ich hoffe, was ich wähne,
Traum und Dunkel ist mein Glück.

Wenn er naht, so bebt mein Herze,
Wenn er geht, da bricht's entzwey.
Nur in nächtlich stillem Schmerze
Schwebt ein auglos Glück vorbei.

Ach, die Welt ist laut und störend,
Und mein Liebster sieht mich nicht,
Herz und Aug, ihm angehörend,
Ach, er fühlt und sieht es nicht.

Liebe, Herz, im Dunkeln weiter,
Wünsche, weine, bet' für ihn,
Sey ihm ungesehn Begleiter,
Mag er bleiben, mag er ziehn.

Die Stimme sank zum Geflüster herab, Ludwig wußte kaum, ob er die letzten Strophen richtig zusammengesetzt hatte; es ward völlig still; er ging langsam in seinen Gasthof zurück, weckte den Kellner, ließ Postpferde bestellen und packen. Paul, der noch wachend auf dem Sofa lag, schlug die Begleitung ab, und das war Ludwig im Grunde sehr erwünscht. Vielleicht komm ich bald wieder, sagte er, ihm die Hand reichend, vielleicht nicht bald – Paul schien nichts zu beachten, Ludwig sprang in den Wagen, der Postillon klatschte und Räder und Peitsche hallten einsam wieder in stiller Nacht.

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