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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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V.

Ludwig war durch und durch erfüllt von Fanny, Alles war heiter in ihm und leicht am nächsten Morgen, er glaubte sein völliges Genüge zur Welt gefunden zu haben, allen Reichthum, alle Schönheit in diesem ausgezeichneten Wesen zu erblicken. Aber er wollte dies Behagen, was ihm noch nimmer geworden war, durch keine Leidenschaft gestört wissen, und Fanny nur äußerst selten wiedersehn. Wäre sie frei, sagte er zu Paul, so würbe ich mit allem Aufwand meiner Kräfte um die Liebe dieses wunderbaren Geschöpfes, und selbst dann dünkte es mich ein Wagestück, ja zuweilen gar ein Frevel, dieses reiche Mädchen zu heurathen: es würde mir Angst, so viel Anlagen und Vollkommenheiten auf mich beschränkt zu sehn, die gewöhnliche Ehe ist ein zu begränztes Institut für den Reichthum solches Wesens, ich beneide Georges, und doch ist er schwerlich zu beneiden. Nur manchmal will ich sie wiederfinden, sie gibt mir eine zauberische Ruhe bei der Fülle dieser Welt.

Paul, welcher eben mit seinem Anzuge beschäftigt war, lachte – Du bist ein unverbesserlicher Träumer, Ludwig, und über dem Weitesten vergißt Du das Nächste: Fanny ist eine Schauspielerin.

»Pfui Paul, klebst Du auch an solchen ordinairen Vorurtheilen! Es mag wahr seyn, daß die Schauspielerinnen zu einer leichteren Anschauung, zu einem lebhafteren Wechsel der Gefühle angereizt werden, da sie fortwährend mit den buntesten Kombinationen derselben beschäftigt sind, da ihnen der Liebesverkehr gleichsam officiell nöthig wird, und es ist gewiß eben so wahr, daß man sie mit einem andern sittlichen Maaßstabe beurtheilen muß als die Menschen, welche in strengen abgesonderten Verhältnissen leben, aber dies gehört nicht in den Bereich, der eben vor uns liegt. Hier gilt es, wenn auch eine verwandte, doch eine ganz andere Betrachtung: die Schauspielerin von Geist und Herz wird so tausendfach angeregt, die Fähigkeiten ihres Herzens werden so vielfältig geweckt und ausgebildet, daß nur ein ungewöhnlich begabter Mensch all diesen klaren oder unklaren Forderungen ihres Wesens Genüge leisten kann. Nur darum ist es ein gewaltiges Wagestück, eine ausgezeichnete Künstlerin zu heurathen, deren Phantasie so viel Möglichkeiten des Reichthums und Glücks gebiert oder doch verlangt, wie sie nur das stete wechselnde und schaffende Genie gewähren kann.«

Ludwig gewann es über sich, in den nächsten Tagen Fanny nicht aufzusuchen. Georges kam täglich, und schloß sich mit Wallung, ja mit Enthusiasmus an ihn, erzählte ihm von seiner Braut, und wie sie täglich frage, warum Ludwig nicht zu ihr komme, welch herzlichen Antheil sie an ihm nähme. O solch ein Freund wie Sie, pflegte er zu schließen, thut uns so Noth, ein Mann, welcher den Reiz der Kunst so tief empfindet, dessen Geschmack durch so viel Kenntniß und Wissenschaft geläutert ist.

Ludwig ließ sich indeß von seinem Vorsatze nicht abbringen: es befing ihn eine gewisse Scheu, wenn er an ein öfteres Zusammenseyn mit Fanny dachte, die Menschen sollen eine geheime Vorempfindung haben, ob ihnen diese oder jene Personen Liebe gewähren möchten, und wie sich diese in Aeußerungen gestalten dürfte. So ging es ihm mit Fanny, aber es lag ihm hinter den Küssen und den Augen voll schwelgerischer Liebe ein gähnender Abgrund, in den er gestürzt werden müsse aus ihren heißen, weichen Armen. Und es ward ihm ein täglich festerer Glaube, daß dies kein hypochondrischer Schatten und nicht aus seiner sonstigen Ueberflußkrankheit erwachsen sey: diese Krankheit war in eine wohlthuende Sehnsucht verwandelt, wenn er Fanny's gedachte; freilich war's eine Sehnsucht, die ihn oft zu Thränen, zu heißen, Alles unterwerfenden Thränen übermannte!

Der Hochzeitstag des Brautpaars war nahe, ein warmer regnerischer Abend hüllte die Stadt in einen duftenden, sprühenden Nebel, Ludwig lag im Fenster und träumte und schwärmte. Da trat Georges ein – er sah verdrießlich aus. Fanny sey nicht zu Hause gewesen, erzählte er, und habe nicht zurückgelassen, wo man sie finden könne. Dann bat er Ludwig, übermorgen der Hochzeit beizuwohnen, und dieser fand in der Eile keinen schicklichen Grund, es abzuschlagen, nahm sich aber vor, des andern Tages fortzureisen; hab ich doch ein Bild gefunden, dachte er, für mein ganzes, Leben, begnüge dich, unruhig Herz.

Georges ging, Ludwig ließ einen Wagen bestellen, er wollte zu einer Gesellschaft fahren, wo er sich einigen Bekannten empfehlen könne, schon am andern Morgen wollte er reisen.

Die schöne durchfeuchtete Luft, welche er auf dem Wege einathmete, trieb alles Besorgliche aus seinem Wesen, und er trat von einer elastischen Behaglichkeit geschaukelt in den Salon. Es war ein vornehmes Haus, dem er auf's Beste empfohlen, und wo er zuvorkommend empfangen worden war. Auch für die höhere Gesellschaft in Wien ist es bezeichnend, daß sie von der ungezwungenen Heiterkeit des Nationalwesens belebt ist, wie denn in einer wirklichen Nationalität alle Aeußerungen verwandt sind; die jüngere Welt tanzte, die ältere ging sprechend, scherzend, lachend in den anstoßenden Gallerieen und Gemächern auf und ab. Man sah nur wenig Spieltische, und über das Ganze war jene Wienerische heitre Sinnlichkeit ausgegossen, welche das ganze Leben für ein wechselndes Vergnügen ansieht. Die Formen der Geselligkeit werden als leichte Schutzmittel mit leiser, beweglicher Manier gehandhabt, und nie und nirgends arten sie in die Pedanterie aus, welcher man so häufig im Norden begegnet; die Künste erscheinen immer in der einnehmendsten Gestalt, die Gesundheit ist ein vorausgesetzter und doch immer beachteter Mittelpunkt, die Räume sind wohnlich und wohlthuend – natürlich bildet sich aus alle dem eine Atmosphäre, welche durch die gefälligste Anlockung besticht. So ward denn auch Ludwig aufgenommen, und alle Freude schien ihm erfüllt, als er im Contretanze vor sich Fanny hin- und hereilen sah. Jetzt trat ihm keine Besorgniß nahe: dieses weibliche Geschöpf und diesen Moment hielt er flugs für eine Prädestination seines Geschicks. Wir sind ja immer geneigt, unsere Thaten an den Knöpfen abzuzählen und bei dem kecksten Verstande uns hergebrachten Orakeln zu überlassen.

Sie begrüßten einander wie alte Bekannte, die sich lange, sehr lange nicht gesehen haben. Fanny machte ihm Vorwürfe, daß er sich so selten mache, und Clärchen, die auch dabei war, sagte: Ja wohl! Auf die Frage nach Georges erklärte Fanny, sie habe einmal eine Abwechselung haben, vor allen Dingen einen illegitimen Streich machen wollen, nach dem sie sich schon lange herzlich gesehnt habe. Das Leben ginge seit einiger Zeit gar zu ordentlich und am Schnürchen, auch müsse sie Georges einmal böse sehn, es sey gar zu hübsch, einen zürnenden Mann durch nichtsbedeutende Gründe und bloße Schmeicheleien zu versöhnen, sie müsse ihre wirkliche Macht erproben.

Ludwig trat mit ihr zu einer neuen Française an, und ein feiner Beobachter hätte leicht erkennen mögen, daß diese beiden Personen einander in vieler Rücksicht angehörten. Der gegenseitige Rapport, die Neigung scheint sich oft wie ein Vorausbestimmtes in den äußeren Formen anzudeuten, man glaubt eine Hinneigung, ein passendes Anschmiegen in Diesem und Jenem zu erkennen. Daß ein längeres Zusammenleben diese Erscheinung deutlichst auspräge, stellt sich täglich an tausend wirklichen Liebespaaren vor Augen.

Fanny war völlig in Weiß gekleidet, und ihre blendende Haut ward nur durch das dunkle Haar gehoben. Die Augen strahlten in tieffarbigem Glanze, mehr als je lag jener Brautschmelz der Sehnsucht, der rücksichtslosen Liebe in den sanften Gedanken ihres Antlitzes. Der hochgewachsene Ludwig nahm sich bedeutungsvoll neben ihr aus. Sein brünetter Kopf war von Luft und Sonne noch mehr gebräunt und die dunkelblauen Augen blickten aus seinem scharf geformten Kopfe wie südlicher Himmel über eine markirte, interessante Landschaft. Fremde, welche den Bräutigam nicht kannten, fragten flüsternd, ob dieser leichte Tänzer es sey, und wenn Fanny Einzelnes von diesen und ähnlichen Fragen vernahm, da ward sie roth, ihre Hand schloß sich fester in Ludwig's, und sie sagte ihm wohl nach einer kleinen Pause: Wenn ich Georges nicht hätte, so möchte ich wohl Sie zum Bräutigam – hätten Sie Lust dazu?

Ludwig begleitete die beiden Schwestern nach Hause. Als der Wagen über das Glacis fuhr, schlug Fanny vor, auszusteigen, und zu Fuß weiter zu gehn. Es hatte aufgehört zu regnen, und der Boden nur war noch feucht – sie ließ sich aber durch ihre feine Fußbekleidung nicht abhalten, und hing sich an Ludwig's Arm. Clärchen ging an seiner andern Seite, und so schritten sie langsam über die Bastion durch die Nacht dahin. Ein lauer Wind jagte dunkle Wolkenschatten unter den Sternen einher, die Lichter vom Glacis herauf flimmerten matt, es war still und heimlich, und die schwarzen Umrisse der Stadt und der Vorstädte übten einen beruhigenden, nahe Wohnlichkeit verkündenden Eindruck auf das Gemüth aus. Die Nachtwandler gingen schweigsam dahin; ganz gegen sonstige Art war auch Fanny mäuschenstill und hing schwer mit ihrem warmen Körper an Ludwigs Arme.

Dieser erzählte nur zuweilen abgebrochne Geschichten von den Sternen. Das sind lauter unglücklich Liebende, sagte er unter Andern, sie sehen einander, und können sich nimmer erreichen; das eherne Gesetz der Welt hat sie festgebannt an eine Stelle, an einen Kreis.

Clärchens Arm zuckte in diesem Augenblicke an dem seinen, Fanny wendete ihr Gesicht, und sah ihm schweigend in die Augen – dort jenes reiche, glänzende Gestirn – fuhr er fort – hoch am Himmel ist die Cassiopeja, wie schmerzt mich oft ihr Anblick; mit Glanz und Reichthum begabt, mitten unter schimmernden Welten bleibt sie einsam, das kleine, kaum sichtbare Sternchen neben ihr erscheint mir glücklicher, weil es weniger Ansprüche kund gibt. Je mehr Gaben, desto mehr Unglück, denn auch dies hat seine Fähigkeiten.

»Still doch,« sagte endlich Fanny leise, »mit so traurigen Dingen! Da sind wir an der Straße – kommen Sie übermorgen ja – ja? Sie sollen Clärchen führen, mein gutes Clärchen, komm!«

Die Schwestern umarmten sich. »Warum bist Du so bewegt, Clärchen? Was ist Dir? Gute Nacht, und erzählen Sie Georges, wie glücklich wir gewesen sind, wenn Sie ihn eher sehn als ich – warum ist er nicht da, der Narr, ich gäb' ihm so gern einen Kuß, und mehr als einen – gute Nacht, Sie Guter, da haben Sie auch noch die zweite Hand – gute Nacht!«

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