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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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IV.

Schauspieler von Bildung sind viel angenehmer für den Umgang, viel bequemer, als andere Leute von Bildung, denn sie haben die poetische Licenz, das Ursprüngliche der Lage immer bei der Hand. Sie achten das Gesetz des Umgangs, die äußere Sitte als eine allgemeine Uebereinkunft, als ein Mittel, sich zu schützen; aber sie unterscheiden am Besten, wie weit das letztere nöthig sey, weil sie das Maskenspiel der Verhältnisse am Meisten durchgewirkt haben, sie wissen am Schnellsten, wo die nothwendige Larve in Fratze übergeht, wo die Gesetze lähmend werden, wo es Gesetz wird, das Gesetz zu verlassen. Freilich gibt es wenig Schauspieler von Bildung.

Fanny besaß keineswegs die höchste Kultur, aber sie besaß allen Takt derselben. So verfolgt uns die scheinbare Ungerechtigkeit im Geschenkten, im Angebornen selbst bis in diejenigen Branchen des Lebens, welche wir nur dem Fleiß, der Aufmerksamkeit, dem Streben erreichbar zu glauben pflegen. Fanny war ein Triumph jener Unmittelbarkeit, welche die mittelmäßigen Menschen zu Neid und Mißgunst aufstachelt, sie war ein Liebling der Götter, mit welcher Bezeichnung die Alten solche Personen zu erklären beliebten, sie fand Alles, auch was sie nicht suchte; was Andre lernten, das ergriff sie, was Andre wußten, das empfand sie, Kopf und Herz waren bei ihr nicht gesondert wie Staatsgewalten, sie waren eins: mitten aus ihren Empfindungen sprang die Klugheit und umgekehrt tief aus ihrer sanften Weisheit hüpfte der Kuß.

Sie war mit ihrer Schwester die einzige Dame in der Männergesellschaft, welche im Erzherzog Karl zur Nacht aß, sie war dreist und heiter, ja sie war ausgelassen und kein Gedanke des Ungebräuchlichen, des Unsittlichen kam irgend einem Theilnehmer der Gesellschaft. So gewaltig ist ein ächtes, reiches Naturell, daß es neue, ungewöhnliche Zustände adelt, so bildsam ist die Sitte der Geselligkeit, daß sie sich im Grunde immer dem schönen Interesse unterordnet, wenn dieses Interesse in tüchtigen, edlen Naturen rege wird.

Die Gesellschaft fand sich in einem eleganten Zimmer des Hotels zusammen und bestand aus sieben Personen, außer den beiden Schwestern, Georges, Paul und Ludwig waren zwei ältere Theaterfreunde zugegen, welche neben ihren Geschäften zu dichten und zu musiciren gewohnt waren. Paul, der, wie gesagt, Fanny schon den Abend vorher kennen gelernt hatte, stellte Ludwig vor.

Ich kenne Sie schon, o, ich kenne Sie um und um, sagte sie, gestern Abend – nicht doch, heut Abend waren Sie ein theilnehmender Zuschauer im Theater, o Sie glauben nicht, wie solche Augen voll Aufmerksamkeit und mit schaffender Poesie singen und spielen helfen, Sie glauben es nicht, das Publikum macht die Hälfte des Schauspielers, wir sind wie Töne, es kommt Alles darauf an, wo diese gesprochen werden, welche Anregung sie hervorruft, welcher Raum sie aufnimmt und wiederklingt – à propos, mit Ihren schönen, dunkelblauen Augen müssen Sie meinen Georges und mein Clärchen lieben, das sind die beiden Helden, welche mich am Besten spielen und singen machen.

Fanny war durchaus keine blendende Schönheit, ihre Formen waren tadellos, erfüllt, indessen nicht so weich wie sie aus der Ferne erschienen, die graziöse Bewegung glich dies aber täuschend aus. Eben so bestand der Zauber ihres Gesichtes nicht in dem bloßen, plastisch Gegebenen, Ausdruck und Züge waren von so einnehmender Bequemlichkeit und Schattirung, der Gedanke, das Gefühl traten so unwiderstehlich bittend, so liebenswerth befehlerisch aus ihrem Antlitze, daß die bloßen Umrisse gar nicht in Betracht kamen. Wenn man es sich bequem macht, so nennt man solche Gesichter romantische, im Gegensatze zu den klassischen, welche durch ledigliche, unmotivirte Erscheinung einnehmen. Und wie der Dichter in dieser Poesie des Antlitzes herrschte das Auge. Es wußte selten Jemand zu sagen, von welcher Farbe es sey, die unmittelbar darin redende Seele war nicht an eine bestimmte, einzige Färbung gebunden; diese Bemerkung wird oft an Menschen gemacht, welche ein mannigfach bewegtes innres Leben führen. Im grellen Tagesscheine verblaßte Fanny's Auge zu einem zarten Grau, bei sanfterer Beleuchtung strahlte es dunkler, und des Abends beim Schein der Kerzen mochte man es schwarz glauben, da strahlte und blitzte es wie ein Stern, dem der Maler nur aus mangelnden Mitteln seiner Kunst eine goldgelbe Farbe giebt, dessen Kraft und Schönheit aber in jenem Strahle beruht, welcher nur empfunden, nicht wiedergegeben und beschrieben werden kann. Das rein und schön Menschliche, das Gottverwandte des Menschen steht in seinem Auge, das glänzendste Auge des Thiers hat keinen Strahl, keinen Blick, hierin ist auch die Natur am Seltensten ungerecht: alle übrigen Formen scheint sie oft dem Zufall zu unterwerfen, die bedeutendsten Menschen sind oft unschön gebildet, aber das Auge wird gewöhnlich der Triumph über das Aeußerliche, dieser Sieg scheint uns meisthin frei gegeben zu seyn über die spröde, zufällige Materie. Und zum Beweise, wie die tiefste Weisheit in den hergebrachten, gewöhnlichen Ausdrücken ruht, nennen wir das Auge allgemein den »Spiegel der Seele.«

Dazu war es bei Fanny frei, länglich, man mochte sagen offen geschnitten, sanft bog es seine Rundung und Tiefe in den Winkel hinein, die Pupille bewegte sich in einem milden, klaren Weiß, das vom lichtblauen Himmel einen Abglanz zu haben schien, lange, dunkle Wimpern warfen einen lockenden Schatten darüber hin, schmale, aber dunkle und kräftige Augenbrauen hoben es hervor in sanfter, wohlthuender Grenze, und aus all diesen schönen Umgebungen trat ein Blick, welcher eine ganze Liebesgeschichte war mit allen Nuancen, mit berauschendem Glück und begehrenswerther Trauer.

Ludwig saß auf der einen Seite neben ihr, und sog mit einer Alles vergessenden Trunkenheit den Zauber ihres Wesens ein. Sie trug noch das blendende gelbseidne Gewand, die Weiße ihres Nackens, ihrer Schultern, ihrer länglichen, immer geschäftigen Hände tanzten wie wärmende Sinnesfunken auf seinen Nerven umher, und wenn ihn beim Hin- und Herreichen eines Tellers oder einer Tasse ihre warmen Finger berührten, da durchfloß es ihn wie berauschender Wein, und sein Auge suchte das ihre und flog liebesüchtig durch das ganze, bewegte Antlitz, um welches in halber Auflösung die braunen Locken flatterten, von keinem Turban mehr gefesselt. Es schien, als bemerkte sie das wohl, denn sie lächelte freundlich und schalkhaft, und wendete sich dann rasch zu dem Nachbar auf der andern Seite, so daß Ludwig von den fliegenden Locken geküßt ward.

Dieser andere Nachbar war Georges selbst, ihr Bräutigam. Die Neigung, welche diese beiden Leute für einander hegten, hatte das Ansehn einer heißen glühenden Leidenschaft, auch wenn man bedachte, daß solche Verhältnisse unter Schauspielern sich immer lebhafter und auffallender äußern. Denn nicht sowohl die Vorstellungen selbst auf der Bühne, als vielmehr die Proben und was drum und dran ist bringt in den gegenseitigen Umgang der Schauspieler eine so große Légèreté und Vertraulichkeit, daß die gleichgültigsten Beziehungen und Verhältnisse oft den Schein einer engen Intimität gewinnen. Natürlich brauchen dann wirkliche Liebschaften noch viel lebhaftere Aeußerungen. Aber selbst für den, welcher diesen Stufengang genau kannte, war in dem Verhältnisse zwischen Georges und Fanny eine ungewöhnliche, auffallende Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit.

Georges war ein sehr einnehmender Mann. Neben schöner Figur und einem wohlgebildeten, ausdrucksvollen Gesichte besaß er eine Alles gewinnende Artigkeit, Zuvorkommenheit und ein wunderbar ansprechendes Organ. Es war jenes Organ, was seine Töne unmittelbar aus der Brust an der Quelle des Herzens zu schöpfen scheint – diese Art zu sprechen ist für den Redner selbst und für die Hörer gefährlich, aber in verschiedner Bedeutung des Wortes. Diese werden bestochen, jener greift fortwährend seine edelsten Theile an, und setzt sich der bedenklichsten Brustkrankheit aus.

Zu diesen Eigenschaften des jungen Bräutigams kamen noch einzelne Schatten von Melancholie, welche über ihn hinflogen, ihn mit einem wunderlichen, aber nicht uninteressanten Dunkel umhüllten. Es bedurfte also für Georges keines eben hervorstechenden Geistes, um ein Mädchen zu gewinnen, er besaß Reiz genug, um zu befangen und zu erobern. Seine geistigen Fähigkeiten hatten allerdings nichts absonderliches, indessen waren sie doch von der Art, daß man nicht leicht etwas vermißte: er war für mannigfaltige Ideen empfänglich, hatte einen großen Trieb zu lernen, sich zu bilden, ja er bezeigte sogar oft ein ausschließliches Vergnügen an geistig speculirenden Gesprächen. Daß er eitel war, fiel bei einem jungen, schönen Mann nicht auf, der auf den Brettern als Liebling des Publikums ausgezeichnet wurde.

Diese lebhaften Bezeigungen von Zärtlichkeit zwischen Georges und Fanny hätten nun eigentlich einen störenden Eindruck auf Ludwig machen sollen, man pflegt zu sagen, daß sie ein Anblick für Götter aber nicht für Menschen. Indessen war dem nicht ganz so, und Ludwig lächelte dabei. Gute Menschen sehen über Alles gern Glückliche und Liebende, und trotz der lebhaft keimenden Neigung für die schöne Fanny blieb Ludwig doch noch unbefangen genug, kein entschiednes Mißbehagen bei solcher Gelegenheit zu empfinden. Er knüpfte ein Gespräch mit den Theaterfreunden an über Schauspiel und Oper, und Georges selbst nahm bald Theil daran. Es war wohl leicht zu erkennen, daß er die angeregten allgemeinen Interessen nur dadurch zu den seinigen machen konnte, daß er sie zu einzelnen, persönlichen Beziehungen verkümmerte, daß seine Intuition der Rollen ebenfalls in einem kleinen, beschränkten Kreise sich bewegte, aber es galt doch immer schon für etwas Bedeutendes, wenn ein so junger, schön ausgerüsteter Schauspieler Theil nahm an solchen Diskussionen, und die Theaterfreunde schienen sehr befriedigt zu seyn.

Fanny sprach wenig dazu, aber dies Wenige bekundete, daß sie mit der eigentlichen intensiven Kraft des Talentes den Dingen tiefer in's Herz sah, als jeder Andere. Man ist gewöhnlich schnell mit abschmeckenden Worten bei der Hand, wenn große Künstler, denen die glücklichsten Erfolge zu Gebot stehen, wenn solche Künstler nicht in herkömmlicher rationeller Art den künstlerischen Stoff und die Mittel desselben definiren. Aber man vergißt hierbei gar zu leicht, wie all solche Erklärungen und Untersuchungen nur schwache Surrogate des eigentlich Ursprünglichen, Unmittelbaren der ächten Künstlerintuition sind, wie der Gedanke viel schwächer und unwichtiger ist, als die ächte künstlerische That, ein glücklicher Griff in vollkommnere Welten.

Bei Fannys unrichtig scheinenden Andeutungen ward Ludwig lebhaft auf diese Gedankenfolge gedrängt. Ihre Phantasie erschöpfte und überflog mit einem Worte alles mühsam Deducirte, und da sie bald herausfühlte – vielleicht ohne sich dessen bewußt zu werden – wie ihre Töne im Grunde nur mit denen Ludwigs zusammenstimmten, so traten sich Beide schnell näher in herzlichen Kunstergießungen.

Fanny trank gern Champagner, und die Gesellschaft wurde sehr belebt – mitten in der Lustigkeit aber brach sie plötzlich auf, nahm Georges Arm, und bat Ludwig, sie bis zu ihrer Wohnung zu begleiten, damit er den Weg wisse für den nächsten Tag.

Frauen, auch die muntersten und ausgelassensten haben immer das feinste Gefühl für den Moment, wo eine Gesellschaft sich ausgelebt hat.

Der Abend war schweigend mondhell, und diese feierliche Ruhe der äußeren Welt theilte sich auch unsrer Gesellschaft mit, sie zogen still durch den Schatten der engen Straßen hin, in welche hie und da gleich einem neugierigen Lauschen der Mond hereinkuckte, Paul führte Clärchen, und wisperte leise mit ihr, Ludwig ging neben dem Brautpaar.

An Fannys Hausthür wurden alle Männer verabschiedet, Ludwig erhielt eine Hand, Georges einen Kuß. Dieser ging noch eine große Strecke mit den beiden Reisenden, beschrieb ihnen mit den lebhaftesten Farben sein Glück, und erbat sich die Erlaubniß, morgen und öfter die Herrn besuchen zu dürfen. Die letzte Strecke Weges gingen sie allein, Paul nahm Ludwig unter den Arm, drückte diesen heftig und sagte: 's ist ein prächtiges Mädchen!

»Das kleine Clärchen?«

Ach – Fanny, Fanny.

»Sieh doch, mich dünkt, Du habest Dich gar nicht um sie gekümmert« –

Ach, wir haben uns mit den Augen unterhalten –

»So?«

– – – – – –

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