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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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III.

Der Tag hat etwas Nüchternes, wenn uns ein poetisches Interesse im sammtnen Gewande der Nacht, oder beim stillen, heimlichen Scheine des Mondes nahe getreten ist. So ging es Ludwig, als er am nächsten Morgen durch die Straßen lief, um das stille Gäßchen zu suchen; der Lärm, die mannigfache Fülle neuer Gestalten, welche an ihm vorübereilten, zerstreuten, befingen ihn, und er fand die kleine Gasse nicht. Mißmuthig kehrte er heim, und fügte sich dem Vorschlage Pauls, die Empfehlungsbriefe abzugeben, Visiten zu machen.

Jede Stadt hat für jeden Tag ein Favoritinteresse, was gleichzeitig überall besprochen wird; die geistreichsten Personen bedienen sich in der Konversation eines solchen, weil es eine Art von Medium darbietet zwischen producirendem Denken und völligem Schweigen, wie das Kartenspiel, und weil sie wohl fühlen, wie sehr ein solches nöthig sey, um die Geselligkeit aufrecht zu erhalten. Noch mehr solche stationairer Anknüpfungen gebraucht man beim Zusammenkommen mit Fremden – die allgemeinen Geselligkeitsverhältnisse und das Theater kommen dabei immer an die Reihe. Zufällig gab es nun eben ein Objekt in Wien, was all diesen Fällen zupaßte, es war eine junge Schauspielerin, welche durch ihre plötzliche, durch ihre blendende Erscheinung, durch ihre Erfolge in Sachen der Kunst und des Herzens, durch ihr Verschmähen trefflicher Partieen, durch die Wahl eines Bräutigams alle Fragen und Zusammenstellungen in Bewegung setzte. Paul und Ludwig hörten überall davon sprechen, und Paul konnte ein urtheilendes Wort mit abgeben, da er am Abend vorher im Gasthofe mit dieser Dame und ihrem Bräutigam beim Abendessen zusammengekommen war. Er hatte sie ebenfalls höchst liebenswürdig gefunden, und war von ihr und dem Bräutigam eingeladen worden. Dies rasche, günstige Zusammentreffen fand man sehr charmant, man hoffte neue Geschichten, neue Bemerkungen zu erfahren. Paul machte Glück durch dieses Glück und war sehr gesucht, der zerstreute Ludwig trat sehr in den Schatten.

Denselben Abend spielte die Dame, und Paul wollte hin. Ludwig hatte keine Lust, ihn zu begleiten, er scheute das Theater wegen der mannigfachen, lockenden Eindrücke, die es ihm verursachte und die ihn beunruhigten. Da sähe man eine Menge schöner Köpfe, es entwickelten sich auf der Bühne diese und jene reizenden Interessen, tausenderlei Sehnsucht und Verlangen würde geweckt und der Schmerz mangelhafter Organe der Auffassung und des Genusses werde peinigend.

Du bist ein Narr, sagte Paul, wir wollen eine dunkle Loge nehmen und Du kannst die Augen zu machen.

Sie gingen hin, und Ludwig setzte sich in der That so, daß er gar nichts sehen konnte. Da überließ er sich den Träumereien, welche die Musik anregte, diese willige, höfliche Muse, welche in ihrer Allgemeinheit jedem Gelüst den Ausdruck gewährt.

Plötzlich rauschte ein lauter Beifall durch das Haus, eine tiefe Stille folgte. Die berühmte junge Schauspielerin mochte aufgetreten seyn. Sie begann zu sprechen – »Paul, welch eine Stimme!« –

Eine schöne Stimme.

Die Schauspielerin sang ein Lied, Ludwig hätte sich nach der Aussicht vordrängen mögen, und doch wagte er es nicht, er athmete kaum – sollte sie's wirklich seyn?

Kaum war das Lied beendet, so begann der Beifallssturm von Neuem, und ein Mädchen, was vorn neben Paul saß, klatschte und rief, was sie vermochte und die Thränen liefen ihr über die Wange. Es war ein junges Kind von etwa siebzehn Jahren, der erste, duftige Hauch der Reife, wie er von Aprikosen und Pfirsichen schimmert, lag auf ihren Wangen, der Mund war klein und die Lippen schlossen sich noch schmal und spröde, sie waren noch nicht wach geküßt, die Augen aber strahlten in innigem Entzücken.

Paul betrachtete sie neugierig, und als sie das bemerkte, wendete sie sich zu ihm, trocknete sich die Augen und sagte mit großer Glückseligkeit: sie ist meine Schwester!

Ludwig fürchtete sich noch immer, vorzukucken – wenn's wieder eine andre wäre, dachte er voll Angst, wohin mit deinem Herzen und deiner Liebe! Aber die Neugier und der Reiz war größer als alle die wunderliche Bedenklichkeit, er trat vor, und ein lautes »Ach!« entschlüpfte ihm. Eben war es todtenstill im Hause, die Schauspielerin hatte eine stumme Scene. Alles hörte Ludwig's Ausruf und wandte die Köpfe nach ihm, sogar sie selbst sah von der Bühne hinauf zu ihm – sie war's, die weiße Dame von gestern, heut trug sie das gelbe Kleid, was auf dem Stuhl lag, den weißen Shawl als Turban, die Reiherfeder obenauf. Er hatte ihr Gesicht gestern nicht genau gesehn, aber alle Bewegungen, die Stimme, diese süße berauschende Stimme, sie war's, sie war's!

So glücklich war Ludwig lange nicht gewesen, alle seine Wünsche waren plötzlich einmal auf einen Gegenstand zusammengedrängt, sein Wesen, alle seine tausend Anfänge waren gesammelt.

Paul machte mit der kleinen, muntern Schwester ab, daß er sie noch heute hinbringen dürfte zu der schönen Schauspielerin – »Sie können beide mitgehn,« erwiderte sie schnell, indem sie an Ludwig hinaufsah, welcher neben ihr stand – wir essen im »Erzherzog Karl« zur Nacht, und die Schwester sieht gern Gesellschaft, wenn sie gespielt hat, Georges auch, besonders, wenn er gelobt wird. –

Wer ist Georges, mein Fräulein? »Ei, der dort, der feine, schlanke Bursch, welcher die Fanny eben umarmt.«

In diesem Momente applaudirte das ganze Haus –

»Sie wissen's alle die Leute, daß sich Georges und Fanny heurathen, ist's nicht hübsch, daß sie klatschen?«

Also Georges und Fanny werden sich heurathen? fragte Ludwig weiter.

»Freilich, morgen über acht Tage.« –

– – – – – –

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