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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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II.

Am späten Abend strich Ludwig einsam auf dem Glacis umher, und schwelgte. Die Luft war wie Mädchenodem und unter dem Monde flog zuweilen eine seltsam gestaltete Wolke hin, welche einen feinen Strichregen in die Donau warf; der Leopoldsberg saß schwarz wie ein pfarrherrlicher Hausvater im Hintergrunde, einzelne Liebespaare gingen Arm in Arm an dem vom Glück gepeinigten jungen Mann vorüber. Besonders ein Paar beschäftigte ihn sehr: die Dame war eine hohe, schlanke und doch volle Gestalt, der runde Oberkörper wiegte sich üppig und herausfordernd auf den stolzen Hüften, und das weiße Gewand, was um die gerundete Erscheinung kräuselnd flatterte, um den stolz spielenden Fuß tändelte, der weiße Schleier, welcher im Winde flog, so lange die Dame ihr Gesicht gegen den Begleiter kehrte, zog Ludwig unwiderstehlich an. Er ging mit ihnen vor- und rückwärts, blieb stehn, um sie an sich vorübergehn zu lassen. Aber die Dame hatte für nichts Augen, als für ihren Begleiter, ihr Kopf war immer nach ihm hingewandt, fast in seine Schultern hineingedrängt, und die Aussenseite des Gesichts verbarg der Schleier. Ein Mädchen, dessen Angesicht uns verborgen wird, ist immer ein Engel. Als Ludwig merkte, daß die Liebesleute in eine Straße hinabbogen, ging er voraus – es ist ein merkwürdiger Beweis gegen das Interesse am bloß Allgemeinen, daß uns bei solcher Gelegenheit alle übrigen Mädchen verschwinden vor dem Zauber einer einzigen Schönheitsmöglichkeit. Wie koncentrirte sich dem jungen Glücklichen in diesen weißen Gewändern, und er vergaß seine eigne, gewöhnliche Klage, daß sich das Glück nicht koncentrire.

Die Straße war eng, in welche ihm das Paar folgte, aus einem Parterrezimmer strahlte Licht, und Ludwig wollte beim Scheine desselben seine Göttin erblicken. Wenn sie nur nicht früher in ein Haus treten – nein, sie gehen zwar immer langsamer, aber sie kommen immer näher, der Schleier ist ganz zurückgeschlagen. Ludwig tritt in den Schatten, sie sind neben ihm, die Dame wendet ihr Antlitz nach der Stelle, wo er an die Mauer gelehnt ist, ihr forschendes Auge will die Dunkelheit bei Seite schieben – ein Mädchen mag noch so betheiligt erscheinen, sie sieht jede Huldigung auch ohne Augen, sie hat einen sechsten Sinn dafür. In dem suchenden Blicke der Dame lag die ganze Geschichte von dem Hin- und Hergehen Ludwigs auf dem Glacis, von seiner Begleitung bis daher – er war betroffen von dem Zauber dieses Antlitzes, von dem halben Lächeln, das wie ein Schalk über die halbgeöffneten Augen und den leise zuckenden Mund hüpfte.

Ehe er zu sich kam, waren die Liebesleute eingetreten in das Haus, sie erschienen in dem lichten Parterrezimmer – Alles das dünkte Ludwig eine Traumerscheinung – die weiße Dame nestelte den Schleier von ihrem Haupte, und setzte sich auf einen Stuhl, dunkle reiche Locken fielen über das gesenkte Antlitz, die Hände ruhten im Schooße, der Liebhaber knieete vor ihr nieder, und drückte sein Haupt in diese Hände. Ach, wie weich und warm mochten sie seyn!

Ludwigs Augen wurden feucht von Thränen der Liebe, der Freude oder des Glücks, er wußte es nicht. Gute Menschen weinen zuerst über das Glück, was sie erblicken.

Plötzlich, als fiele es ihr jetzt erst ein daß Jemand außen seyn könne, sprang sie auf, eilte zum Fenster und zog die Florgardinen zu. Ludwig stand noch einen Augenblick regungslos, und bedeckte seine Augen mit der Hand, dann ging er langsam fort. Aber – ist nicht da, von wo der Lichtschimmer an der entgegengesetzten Wand spielt, ein kleiner offner Strich, den die Gardine nicht bedeckt – wahrlich man kann einen Theil des Zimmers sehen durch diese Falte, er kehrt zurück und schaut und schaut.

Vorher hatte er nur Augen für sie gehabt, und die Umgebung nicht beachtet, jetzt war sie nur zuweilen in seinem Gesichtskreise, und er mußte nothgedrungen beachten, was sich sonst seinen Augen bot. Auf einem Armstuhle dicht am Ofen lag ein schreiend gelbes Frauengewand, als sey es eben hingeworfen, daneben an der Erde ein weißer Shawl und eine Reiherfeder, unweit des Fensters, durch welches er blickte, stand ein kleiner Tisch, der mit allerlei wunderlichen Kleinigkeiten bedeckt war, welche in bunter Verwirrung durcheinander lagen. Perlen, Bänder, Papierrollen, Armspangen, glitzernde Flittern in ganzen Häufchen, auch an der Erde fand sich Einzelnes von diesen Utensilien. –

Seine Aufmerksamkeit ward unterbrochen, die Dame flog mit einer Guitarre durch den Raum, welchen er übersehen konnte, er hörte sie lachen, präludiren und unter Lachen eine klingende, von Fülle und Ueppigkeit duftende Stimme erheben:

Und wenn du mich liebst, warum zagt dein Gesicht,
Fürchtest Du denn, was Dein Herze spricht?
O, das Herz ist so klug.
Und hat Liebe genug,
Liebe, liebe nur lustig, es mangelt ihm nicht!

Wenigstens dem meinen nicht! sprach sie dazwischen, und lachte wieder und sang wieder:

Ach, ich war noch so jung, und ich war noch so klein.
Da zogen die Küsse schon jubelnd ein,
O, wie lang ist das her.
Und doch fehlt's nimmermehr
Meinem Herzen an Küssen und Liebesschein. –

Es kamen Leute die Straße entlang, er konnte nicht länger stehn bleiben, und träumend ging er von dannen.

»Und doch fehlt's nimmermehr
Meinem Herzen an Küssen und Liebesschein«

klang zitternd durch alle seine Nerven, er bemerkte es nicht, daß der warme Nachtregen immer stärker fiel, und blieb stehen, als er an einem lichten Fenster ein Mädchen sah, das den weißen Arm herausstreckte in den Regen, dann mit der feuchten Hand das Haar aus dem Gesichte strich, das weiße Nachthäubchen drauf stülpte und das Fenster schloß; und in bewußtloser Träumerei schritt er weiter und kam in seinen Gasthof. Die Welt bewegte sich in tönenden Harmoniken um seine Sinne, und als er entschlief, war's ihm, als sänke er in den Himmel; der Regen klatschte sanft an die Fenster.

– – – – – –

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