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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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Ich ergreife jede Gelegenheit, hochgeehrter Herr, Ihnen darzulegen, mit welcher Treue, Ergebenheit und Achtung, mein Herz an Ihrem Glauben in Sachen der Kunst und Wissenschaft hängt, wie lebhaft es Ihre schöne Stellung in unsrer Literatur und die günstige Einwirkung Ihres Charakters zu erkennen glaubt.

In einer Zeit verwirrender Kämpfe, wo alles Ursprüngliche und Umfassende ohne Beachtung blieb wegen der dominirenden Einzelnheiten, wo auch die Literatur und Gesellschaft nur Gegensätze zu enthalten schien, in einer Zeit, wo auch ich mitten im Wirbel bedenklich herumgetrieben ward, da nahmen Sie mich freundlich auf, Sie fragten nicht nach Partei und Namen, Sie griffen mit weicher Hand nur nach dem, was man beim Schriftsteller Talent heißt; Sie sagten es nicht direkt, aber ich erfuhr es durch Sie, daß die vielen zufälligen Richtungen unsrer Tage einen Menschen nicht erschöpfen. Der Mensch ist mehr als ein historisches Moment, denn er kann deren viele erzeugen – daß ich dessen und somit eines größeren Reichthums meiner selbst inne wurde, habe ich sicherlich größtentheils dem Glücke zu verdanken, das mich vor Ihr freundliches Antlitz führte.

Ich halte dies für einen wichtigen Abschnitt im Leben eines Mannes, welcher sein Amt darin sucht, fortwährend vor seiner ganzen Nation zu sprechen. Die Welt ist mir von da erst die Welt geworden, seit mir die kleinste Manifestation ihrer Mannigfaltigkeit wichtig und beachtenswerth erschien – es gibt eine bornirte, störende Liebe und eine beglückende. Ich meine störend oder beglückend mit Bezug auf das, was außerhalb der Liebenden ruht. Die bornirte Liebe kennt nur ein Einziges und will nur ein Einziges kennen, sie will eine Sonne ohne Strahlen seyn, welche nur einen Punkt entzünden soll, mag rings umher alles Andere darüber verderben – der Anblick dieser Art ist leider im gewöhnlichen Leben nicht so gar selten, es begegnen uns gar oft solche Liebesleute, welche in Eifersucht, Mißgunst und Unzugänglichkeit beweisen, daß in der gegenseitigen Neigung aller Quell von Theilnahme erschöpft, daß ihnen kein Atom von Zärtlichkeit übrig geblieben ist für die Welt, daß ihre Liebe keine Atmosphäre geworden ist, wie sie der beglückenden Liebe zu Theil wird. Von der letzteren gewinnt Alles, und das ist ihr göttliches Kennzeichen.

Die Zustände unsrer Bildung haben heutiges Tages gar Vieles, was diesem Phänomene entspricht, und ich glaube namentlich durch Sie erkannt zu haben, daß der Gewinn jener schöneren Liebe ein Wesentliches Goethescher Anschauungsweise, daß er der Kern heutiger Kultur sey, von welchem aus die schönsten Ranken, Stauden und Bäume unserm strebsamen Menschen entsprießen.

Es waren frische, sprossende Frühlingstage, als ich das Glück hatte mit Ihnen unter den Linden auf und ab zu wandeln, Gespräch und Ansichten verloren sich niemals in enge Defiléen, aus denen nur gewaltsam ein Ausweg zu bahnen ist, niemals in die Spitzen der Winkel drängten sie sich, sondern in die Weite der Möglichkeit, der Spekulation, der rastlosen Aufnahme; ich fühlte es innig, wie solchergestalt das Herz schmiegsamer und williger werde, jedem Gedanken, jeder Anschauung sich anzuschließen, und aus der Mitte solch neuer Welt traten zwei große, klare Augen mit einem überaus wohlthätigen Blicke. Dieser Blick, welchen mir der Verkehr mit Ihnen entschleierte, ist hoffentlich in mir geblieben, ich glaube, ihn stets zu sehen, und er versagt mir dann niemals seinen Rath.

Es ist der Geschmack.

Wenn eine Klage gerecht ist über das Treiben unsrer jetzigen Literatur, so ist es die über Vernachlässigung des Geschmacks. Gedanken, Richtungen werden in Fülle angeregt, daran leiden wir sicherlich nicht Mangel, aber die Form, das Maaß, die innerste Bedingung der Harmonie ist wenig zu finden. Ich lasse meine Worte diese Richtung nehmen, weil sie mich auf Novellenproduktion und Beurtheilung derselben führt, wie sie eben gang und gäbe sind, und weil sie somit einen Bezug auf das folgende Büchlein gewinnen.

Die Geschmacklosigkeit unsrer derartigen Produktion prägt sich vielleicht auf der einen Seite in zu grober Absichtlichkeit aus, auf der andern in zu farbloser Ausdruckslosigkeit. Nur für jene scheinen mir einige Zeilen am Orte zu seyn. Es mußten Ideen an die Leute gebracht werden, ohne daß man sich die Zeit nahm, ihre Abklärung abzuwarten: von allen Dingen des Gedankens und der Erscheinung fallen mit den kommenden Tagen und Nächten Flitter ab, Schlacken, Äußerlichkeiten, die Schöpfung an sich ist so sehr das vollkommenste Kunstwerk, daß sie ohne unser Zuthun die Dinge ordnet und gestaltet auch für das feinste künstlerische Bedürfniß; richtiges Gefühl und guter Geschmack wartet auf solchen Prozeß des Geistes und giebt nur das Gewonnene, nicht jedes Erraffte.

Dies Eine wird mannigfach vermißt. Ein Zweites ist die Gewaltsamkeit, mit welcher eine wirkliche Form behandelt wird: diese oder jene polemische Richtung, diese oder jene Spekulation muß in ihrer rohesten, ersten Erscheinung Novelle werden, ein philosophisches System muß sich wohl oder übel in eine Erzählung dehnen, und die Kritik geht mit eben solcher Herzhaftigkeit an das Unheil. Sie empfängt nicht willig das einmal Gegebene als Ganzes, um darüber zu sprechen, wie man einen Menschen empfängt, der ebenfalls ein Fertiges ist; nein, sie findet es tadelnswerth, daß nicht diese oder jene Sympathie die Seele des Ganzen sey, und diese erste ungerechte Anforderung verfolgend, verschiebt und verrückt sie nun nach Stimmung und Laune das Ganze.

Ich übergehe noch den Ausdruck; es war wohl an der Zeit, einer dürren, öden Sprache zu entrinnen, Leben, Grün und Sonnenstrahl in die Sätze zu bringen, aber wie zu all dem eben Erwähnten bedurfte es auch hier eines feinen Geschmackwächters. Es giebt nun einmal viel Wendungen und Worte, welche in der Schrift garstig erscheinen – Schönheit, Schönheit ist der Ruf, der so selten ein Echo findet bei unsern schöngeistigen Produkten.

Muß ich hinzusetzen, daß ich dies Alles aus Ihrer Anschauungsweise, wenigstens harmonirend mit derselben gesagt glaube? Daß ich es nicht deshalb vor eine eigne Novelle schreibe, um diese marktschreierisch anzuempfehlen, indem ich davon rede, was an vielen andern auszusetzen sey?

Aber allen Bezug will ich dennoch nicht läugnen; gerade die angeregten Fehler denke ich nicht begangen zu haben. Wie viel andre übrig waren, wird mir nicht verborgen bleiben. Zwei Sommerwochen eines anspruchslosen Landlebens haben mir Sonnenschein, grünen Bergwald, blaue, fröhliche Ferne genug gegeben, um in fröhlicher Zuversicht alte Gestalten früherer, bewegterer Tage herauf zu locken vor meine Blicke. Möchten sie in solcher Art und solchem Verhältnisse erschienen seyn, daß sie einer Widmung an Sie, geehrter Herr, würdig zu achten wären; dann hielt ich meine Zuversicht und die Novelle für erfüllt.

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