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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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XI.

Das Leben geht auf und ab, wie der Weg über eine gehügelte Fläche, ehe man sich dessen versieht, ist man zu schnell und unvorsichtig gegangen, und man liegt auf den Knieen. Glückliche Menschen sind diejenigen, welche von dieser Einsicht nicht zu ewigem Tappen und steter Furcht verleitet werden. Fanny gehörte zu den Glücklichen: wie der Vogel singend und flatternd begann sie den nächsten Tag, lebend und webend in einer muntern Rolle, welche sie diesen Abend zu spielen hatte.

Clärchen saß bei ihr im behaglichen Wohnzimmer, dessen Fenster nach Südost lagen. Ein sonniger Wintertag stieg mit der späten Sonne über die nächsten Dächer, wie eine unerwartete, kurze aber tüchtige Freude. Blendende Sonnenstreifen fielen in das Gemach und beleuchteten die Frauen. Fanny saß am Fortepiano und sang die Lieder ihrer Rolle, das dunkle Haar flatterte aufgelöst in seinem vollen Reichthume um das weiße leichte Hausgewand. Clärchen saß auf dem Sofa und nähte an der Schwester bunten Gewändern, welche diesen Abend mitzuspielen hatten. Das Mädchen schien jede Nacht merklich zu wachsen, und voller, gestalteter zu werden. Ein lockender Farbenschmelz lag auf dem jungfräulichen, morgengerötheten Antlitze, und die großen Augen sahen zuweilen von der Arbeit auf, glänzend und voll poetischen Sinnes fielen sie in den frischen Glanz des Wintertages.

Ein italienischer Fürst ward gemeldet. Fanny nahm an den Tagen, wo sie des Abends spielen wollte, selten Besuche an. Diesen am wenigsten, meinte sie, der Mann hat mir seit einigen Tagen mit Augen und Andeutungen die Kur gemacht, wie sie mir nicht gefällt, wenn mir der Mann nicht gefällt. Aber einen Adjutanten, Clärchen, hat er, der ist wunderhübsch, ein Cäsarskopf.

Der Abend kam, das Theater begann. Fanny sah entzückend aus, und spielte entzückend, das Publikum überbot sich in stürmischem Beifall. Jener Fürst kam im Zwischenakte auf die Bühne, und sagte ihr die schönsten Artigkeiten. Fanny war dreist genug – sie webte eben im vollen Uebermuthe ihrer Rolle – das Unbedeutendste darauf zu erwiedern, und den einige Schritte abseits stehenden Adjutanten zu fragen, wie sie ihm gefalle. Der feurige Italiener war auch so kühn heranzutreten, und die Rolle seines Herrn aufzunehmen.

Der Souffleur klingelte zum Anfange des zweiten Akts, die Liebhaber mußten entweichen. Der Vorhang ging auf. Nach einigen kurzen Scenen hatte Fanny ein Rendezvous mit ihrem alten Geliebten – Georges sollte die Rolle geben. Das Stichwort war da, Georges erschien nicht. Fanny wurde ungeduldig, hinter den Kullissen rannte und schrie Alles nach Georges.

Im Publikum verbreitete sich plötzlich das Gerücht, er sey verschwunden, völlig verschwunden, murmelnd lief es von Bank zu Bank, von Balkon zu Balkon; Fanny, welche nur die Bewegung, nicht aber die doppelte Ursache bemerken konnte, ward immer unruhiger.

Der Regisseur trat aus der Kullisse, und entschuldigte die Unterbrechung, man habe eben bemerkt, daß Georges noch gar nicht da gewesen, seine Garderobe leer sey, solchergestalt könne das Stück nicht zu Ende gegeben werden –

»Er hat sich ersäuft!« rief eine laute Stimme mitten aus dem Publikum. Fanny stürzte mit einem Schrei darnieder, der Vorhang fiel, die Zuschauer drängten sich durcheinander, und vermutheten, und forschten und fragten.

Aber man konnte nicht einmal ausfindig machen, wer die traurige Neuigkeit ausgerufen, viel weniger etwas Näheres.

Unterdessen saß Ludwig bei Clärchen im Zimmer, und betrachtete Bilder, welche ihm diese zeigte. Sie waren beide am Schlusse des ersten Aktes nach Hause gegangen, weil Clärchen ein wenig Kopfschmerz hatte, und die Hitze des vollen Hauses ihr nicht zusagte. Ihres Zimmers friedliche Stille hatte sie bald beschwichtigt, und sie erklärte dem aufmerksam horchenden Ludwig mit schalkhafter Naivetät alle Herrlichkeiten ihrer Mappe. Allem Anschein nach war sie unbefangner als sonst.

So kam die zehnte Stunde heran, Clärchen wunderte sich, daß Fanny noch nicht komme, und ward unruhig. Ludwig schrieb dies ihrer jungfräulichen Schüchternheit zu, und ging nach Hause.

Unterwegs begegnete ihm eine ganz langsam fahrende Kutsche. Das ist eine seltne Erscheinung in Wien. Aber seine Gedanken waren durch Fanny und Clärchen so absorbirt, daß er keine Notiz davon nahm.

So geht's im Menschenleben, die noch immer halbohnmächtige Fanny lag mit den bunten Theaterkleidern angethan in jenem Wagen, und wurde an ihrem vergnügten Liebhaber vorübergefahren.

– – – – – –

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