Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Laube >

Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
Schließen

Navigation:

X.

Wenn die Menschen immer klar und deutlich wüßten, was sie wollten, wenn sie ihre verschiedenartigen, sich oft durchkreuzenden Wünsche absonderten von aller träumerischen Umkleidung, dann würden die menschlichen Zustände allerdings viel einfacher, leichter zu ordnen, zu regieren seyn, aber der Duft des Lebens ginge ebenfalls von dannen, der Reiz bunter Kombinationen, die Möglichkeiten des Herzens und der nächsten Morgenröthe, das vertrocknete Alles zu den reizlosen Landkartenstrichen. Ludwig sah wohl ein, daß es heillose Störniß und Verwirrung erzeugen müßte in der Welt, wenn jeglicher Gesell seinen unklaren Sympathien folgen wollte, wie er selbst sich eben gehen lasse, aber dies Getragenwerden von den Wogen der Neigung, des Zufalls war ihm gar zu reizend, als daß er sich zu einer entscheidenden Aenderung hätte entschließen mögen.

Georges Gesundheit war scheinbar wieder völlig hergestellt, nur eine auffallende Blässe des Gesichtes blieb zurück. Je mehr aber das Krankseyn zurücktrat, desto mehr ging auch die Aufmerksamkeit Fanny's wieder in das frühere Wesen über, was mehr ein zufälliges Nebeneinanderleben als ein engeres, nothwendiges Verhältnis andeutete. Paul war in dieser letzten Zeit, wo Georges krank lag, und Fanny alles Andre darüber vergaß, immer mißmüthiger geworden und lange aus dem Hause weggeblieben. Wenn Ludwig seiner Umgebung größere Aufmerksamkeit gewidmet hatte, so wäre ihm der unordentliche, wüste Lebenswandel Paul's nicht entgangen, welchem sich dieser ergab. Die Reisegefährten sahen sich aber Wochenlang gar nicht.

An einem stürmischen Winterabende führte der Zufall wieder einmal die ganze Gesellschaft auf Fannys Zimmer zusammen. Ein pfeifender Wind warf die Schneeflocken an die Fenster, man saß am lodernden Kaminfeuer, und Ludwig pries das Heimliche solcher Stubenabende, sogar Georges war redseliger als gewöhnlich, und ließ oft die Rolle sinken, in welcher er las, und mischte sich in das Gespräch. Uebrigens war er noch bleicher als gewöhnlich und sein Auge bewegte sich unstät, hatte einen unheimlichen Ausdruck.

Das bisher lebhafte Gespräch wurde plötzlich von einer allgemeinen Pause überrascht – Georges brach sie mit den Worten: Es ist ein gutes Sterbewetter draußen, der Wind verhöhnt die Erde, ich will Euch eine Geschichte erzählen, hört!

Es lebte vor einiger Zeit in Madrid ein junger hoffnungsvoller Dichter, der sich auf das Beste von denjenigen seiner Kollegen unterschied und auszeichnete, welche die Alltäglichkeiten und Trivialitäten des Lebens besangen. In seinem Herzen lebte eine ganz andere Welt, die wenig oder gar nichts mit der unsrigen zu schaffen hatte. Wenn er des Abends über die puerta del sol ging, wo sich in Madrid Alles zusammendrängt, wenn er dort unter das Menschengewühl der braunen und blauen Mäntel gerieth, so überfiel ihn eine peinigende Angst, erbärmlich, jämmerlich erschien ihm die Masse, welche sich um nichts bewegte als um die Interessen des Tages, er eilte weiter und immer weiter durch die belebten Straßen nach dem Thore von Segovia. Dort draußen setzte er sich auf einen kleinen Hügel und wartete des Mondes, der sein Licht über das Häusermeer Madrids, über die öde Ebene Castiliens goß. Da hinein zu starren, sich zu versenken in den dunkeln Schatten, welchen die Guadaroama-Berge herab in die Fläche warfen, das war seine einzige und größte Lust. Da gab ihm der ewige Geist der Poesie, den Niemand beschreiben kann, die zauberhaften Worte ein von den großen Geheimnissen der Welt, und die Verse strömten von seinen Lippen, wie es die Geschichte erzählt von den größten Sehern und Dichtern. – Was er zu Hause aufschrieb von dieser Begeisterung war immer nur ein schwacher Nachhall einer Poesie.

Zuweilen störte der Klang eines Tamburins oder das Klatschen von Kastagnetten seine erwünschte Stille, und er sah mit großem Aerger ein Paar weibliche Gestalten in seiner Nähe vorübergleiten. An einem überaus mondhellen Abende überraschte ihn der Gesang des Fandango wiederum, ganz nahe bei sich erblickte er zwei Frauen, von denen die eine den Fandango tanzte, während die andere die Melodie sang. Der Dichter ging unwillig nach Hause, und nahm sich vor, einen andern Ort für seine poetischen Meditationen auszuwählen. Zu seiner eignen Ueberraschung fand er sich aber beim nächsten Mondlichte wieder an demselben Platze. Auch Gesang und Tanz waren wieder da, und es bedünkte ihm, er sähe eine Elfe oder Fee, aus Mondesfäden gewoben vor sich. Das bestimmte ihn, wie er glaubte, näher zu treten, und er wußte lange nicht, ob seine Ueberraschung und Enttäuschung angenehm oder unangenehm gewesen sey: er fand nämlich in der Tänzerin ein reizendes junges Mädchen, das von ihrer Schwester begleitet im Mondscheine exercirte. Sie wohnte in der Nähe des Segoviathores, und war in Allem das Widerspiel des Dichters. Freilich bemerken wir aber gar oft, daß die Kontraste für uns den größten Reiz haben. Sie war lustig, sinnlich, naiv, drei Eigenschaften, die gar nicht im Bereich seiner Wünsche und Neigungen gelegen hatten. Kurz, das Mädchen, das er nach Hause begleitete, das er täglich besuchte, tanzte mit ihren schönen Füßen, ihrer geschmeidigen Taille, ihren schwarzen ausdrucksvollen Augen, mit der ganzen Beweglichkeit ihres Wesens eine Leidenschaft in sein Herz hinein, daß er sich um ihre Liebe, um ihre Hand bewarb, sie zu seiner Frau machte, ehe er sich Alles dessen, was er empfand und that, deutlich und klar bewußt wurde.

Einige Zeit nach dem ersten Taumel dieses Liebelebens fiel es ihm schwer auf's Herz: wo seine Poesie bleibe, seine ungewöhnliche Unterscheidung von der ordinairen Menschenmasse, und auf der andern Seite erregte ihm seine Frau die lebhafteste Unruhe. Sie wünschte, suchte, brauchte Gesellschaft, sie tanzte auch gern vor Anderen, sie hörte sich gern loben, wenn er ihr seine Gedichte vorlas, erklärte sie ihm geradezu, daß sie wenig oder nichts davon verstände, daß die alten kastilischen Romanzen, welche dies oder jenes Wirkliche beschrieben, schöner seyen, und daß sie diese immer für Poesie gehalten habe.

Als sie ihm dies wieder eines Abends gesagt hatte, nahm er seinen Mantel und ging davon; lustig spottend sang sie ihm die Romanze nach, wo der Cid mit seinen Reitern in's Thal zieht, und seine Gattin ihm den Abschied zuruft von der Zinne ihres Schlosses – »Held von Bivar, lebe wohl!«

Georges hielt inne und stand auf – »Nun, fragte Fanny, wie geht's weiter?«

Eine wunderbare Feierlichkeit lag auf Georges Gesichte, eine wehmüthige Trauer, er bückte sich zu der tiefer sitzenden Fanny, küßte sie auf das Auge, und mit dem unheimlichen Lächeln, was vor und nach der Krankheit an ihm bemerkt wurde, sagte er: die hatten sich nie verstanden, mein Kind, und den Dichter hat man an jenem Abende zum letzten Male durch das Segoviathor schreiten sehn.

Mit diesen Worten verließ Georges das Zimmer.

Alles schwieg, nur Fanny sagte leise vor sich hin: wunderlicher Mensch!

Der störsame Eindruck rastete indeß, wie gewöhnlich, nicht lange bei ihr, sie wurde munter und gesprächig wie früher, sang Lieder, tanzte und lachte.

Mehr als je drückte sie noch im Verlaufe dieses Abends ihre zärtliche Theilnahme an Ludwig aus, und Ludwig selbst schien in einer erhöhten Neigung bewegt zu werden – Paul verließ die Gesellschaft in schlecht verhehltem Mißmuthe.

Fanny saß auf der einen Seite Ludwigs, Clärchen auf der andern. Es fiel ihm auf, welche besorgliche Blicke diese nach der älteren Schwester richtete. Ludwig fragte sie leise, was ihr sey, und sie erwiederte eben so: die Geschichte vom Segoviathore peinige sie mit unerklärlicher Unruhe.

»Was flüstert ihr da?« rief Fanny.

Clärchen träumt – aber wo ist denn Georges hingegangen?

»Was weiß ich! Die Romantik, wie er's nennt, macht ihn hypochondrisch und langweilig – lassen wir ihn gehn.«

Fanny besaß das neidenswerthe Geschick, die innigsten Herzenstöne in der Unterhaltung anzustimmen, das Herz aufzublättern mit weicher Hand, Geständnisse aus dem eignen Innern, Blicke in unser eigenes Ich zu schaffen, von denen wir selbst kaum eine Ahnung gehabt. Sie selbst blieb dabei Nebensache: es war ihr glücklicher Takt, das Geheimniß des fesselnden Umganges auch in solchen Momenten ganz und gar zu erfassen. Man gewinnt nämlich die Menschen am Besten durch sie selbst. Die Aufgabe der Kultur, sich im Andern zu verläugnen, ist auch sehr lohnend. Sie erzählte Ludwig von seinen unscheinbaren Sympathieen, von den kleinen Möglichkeiten seines Herzens, putzte seine Unarten zu Liebenswürdigkeiten heraus, und brachte dies Alles in den schmelzenden, sanften Tönen ihres berauschenden Organes vor – sie machte ihm die Cour, wie man das im Alltäglichen zu nennen beliebt, ohne daß sie etwas Anderes im Sinn hatte, als ihr Wohlwollen aussprechen, ihr gutes Herz öffnen zu können. Nur die besten Menschen sind dieser Richtung und dieser Töne fähig.

Clärchens Mienen hatten sich aufgehellt zu freudiger Theilnahme, sie schob kleine Zusätze ein, die mit den Schilderungen der Schwester nicht immer übereinstimmten, aber wunderbar weite Perspektiven, ungewöhnliche Blicke öffneten in die verborgensten Kammern einer Menschenseele.

Einzelnes überraschte den von Glück bestürmten Ludwig in dem Maaße, daß er das Mädchen plötzlich an sich drückte und küssen wollte; sie sprang aber auf, und eilte in eine ferne Ecke des Zimmers, wo das Fortepiano stand, und irrte auf den Tasten umher.

Guter Ludwig, sagte Fanny, und reichte ihm die Hand zum Kusse. Er hielt sie fest, und blickte ihr mit schwärmerischen Blicken in's Antlitz. Sie standen auf, und gingen Arm in Arm durch das Zimmer. Clärchen fand weiche, sehnsüchtige Melodien auf dem Instrumente.– Niemand sprach, Ludwig schwamm ohne Gedanken in dem Himmel süßer Anregungen –

Clärchen, sagte er endlich, singen Sie eins Ihrer kleinen Lieder.

Das Wort war noch nicht zu Ende gesprochen, da begann sie schon. In solchen Stimmungen begegnen sich die Wünsche der Menschen auf allen Wegen, weil sie alle regsam gemacht sind, und wie Schatten umherfliegen und von der kleinsten Andeutung Gestalt und Leben gewinnen.

Durch die grüne Welt entlang
Wandelt Wunsch und Hoffen,
Woget wiegend Herz und Drang,
Lust – und schambetroffen. –

Weite, volle Gotteswelt
Schlägt mit tausend Herzen,
Alles locket und gefällt –
Es locken selbst die Schmerzen.

Vor der letzten Zeile hatte Clärchen ein Wenig pausirt, und sie sang dann plötzlich die Unregelmäßigkeit derselben mit klingender, starker Stimme.

Fanny ging zu ihr, und beugte sich liebend über sie. Ludwig, bestürmt von jener Glückesfülle, die ihn sonst ängstigte, jetzt aber schwellend hob, stahl sich aus der Thür; das Wetter war still geworden, der Mond lag friedlich auf dem Schnee, über welchen Ludwig schnell dahinflog nach seiner Wohnung.

– – – – – –

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.