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Die Schauspielerin

Heinrich Laube: Die Schauspielerin - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Laube
titleDie Schauspielerin
publisherHeinrich Hoff.
year1836
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150527
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VIII.

Es war ein dunkler, rauher Abend, als er über die »Wieden« nach der Stadt hineinfuhr; einzelne Stöße des Herbstwindes flogen bereits wie schmerzliche Erinnerungen durch die Luft; und dennoch schien es Ludwig, er komme an in seiner Heimath. Georges war der erste, den er im Gasthofe traf. Im Augenblicke des Erkennens lebte dieser auf, und sprach von Glück und Freude, den wackern Genossen, den lieben Flüchtling wieder zu sehen, wieder zu haben, alle Spuren seines sonstigen Enthusiasmus traten hervor, aber Ludwig erkannte bald, daß es nur Spuren seyen, daß dieser flackernde Enthusiasmus ganz das unreife Kind einseitiger Richtung geblieben, und wie eine magre Flamme bereits in sich verkehrt sey. Der blaß gewordene Georges sank schnell wieder zusammen in eine dumpfe Gleichgültigkeit, wie sie ihm jetzt eigenthümlich zu seyn schien, und er spielte seine Partie Billard weiter, als ob nichts vorgefallen wäre. Er war ganz das Bild eines Menschen, der sich einzelnen, zufälligen Regungen bis zur begeisterten Theilnahme hingegeben und darüber versäumt hat, das ganze, mannigfache Innere gleichmäßig anzuregen – einzelne Täuschungen zerstören dann solche Menschen, es ist kein Aplomb in ihren Zuständen, und wenn ihnen dies Einzelne fehlgeht, so sinken sie von der künstlichen Höhe ihrer Stimmung zur grauen Leere oder gar zur Verzweiflung herab.

Georges ließ es ohne Weiteres geschehn, daß Ludwig sich entfernte, um in's Theater zu eilen. Fanny spielte. Vor dem Schauspielhause ankommend, glaubte er Paul's Stimme zu erkennen – er war's, ein Lichtstreif von einer Laterne, an welcher er vorüberging, fiel auf sein Gesicht. Eine Dame ging neben ihm her. Ludwig hüllte sich enger in den Mantel, drückte den Hut tiefer in die Augen und näherte sich dem Paare. Ohne Mühe erkannte er Stimme und Figur der Frau von Weiden, der alten »Tante,« und das Gespräch bekundete sich schnell als ein garstiges Gezänk. Paul machte ihr Vorwürfe über unzulängliche Erfüllung von Zusagen und Versprechungen, die »Tante« klagte seinen Ungestüm an, entschuldigte sich mit unvorgesehenen Schwierigkeiten, die Dame sey eigensinnig, und das brauche Zeit, überhaupt sey sie gewohnt von Kavalieren in solchem Punkte feiner und artiger behandelt zu werden. – Angeekelt von solchem Stoffe ging Ludwig fort und trat in's Haus. Das Stück war just zu Ende, er eilte auf die Bühne, von welcher Akteurs und Aktricen eben nach den Garderoben stürmten; langsam und nachdenklich, die letzte von allen, kam Fanny. Er trat in den Schatten einer Kulisse, um sie eine Strecke vorüber zu lassen; so schön hatte er sie nie gesehn, Alles war voller, runder an ihr geworden, im Kätchen von Heilbronn, schlaftrunken, nachtwandlerisch, aber mit einem duftenden Schmelz von Verlangen, bedeckter Freude, verstohlner Sinnlichkeit schritt sie daher, in die hohle Hand hatte sie das Kinn gestützt. Fanny! rief er leise – sie wendete sich um – »Ludwig, liebster Ludwig!« schrie sie auf, sprang auf ihn zu, und faßte seine Hände – Gott sey Dank, daß Sie da sind, Sie lieber Böser, Sie treuloser Lieber, – und dabei drückte sie seine Hände fester – ich freue mich unsäglich, daß ich Sie wieder sehe, wieder habe! Und in diesem Tone rauschte eine überaus lebhafte, wirkliche Freude in einzelnen Worten und Ausrufungen weiter. Sie trocknete sich nur rasch die Schminke von der Wange, ließ sich vom Mädchen den Mantel reichen, und nahm dann Ludwig's Arm. Alles an ihr sprudelte und bebte vor Lust und Heiterkeit über den wiedergefundenen Verräther, wie sie ihn nannte, und das war bis in das Innerste so ächt und wirklich, daß Ludwig bezaubert wurde von Reiz und Schönheit des wunderbaren Wesens. Sie kümmerte sich auf dem Wege bis zu ihrer Wohnung nur um ihn, fragte nur nach seinem Interesse, selbst nach dem kleinsten, daß er auf keine Weise etwas Anderes aufbringen konnte, und wie einen berauschenden Trank alle die Liebenswürdigkeit einschlürfte. Es kam auch so gar kein Zögern, kein Stocken in diesen Strom, daß sie selbst daheim am Theetische immer noch neu zu fragen, zu schelten, zu drohen, zu bitten, zu schmeicheln hatte, und Ludwig aus seiner Verzauberung und Betäubung nicht erwachen konnte. Ihr phantastisches, reizendes Theaterkostüm, was sie nicht abgelegt hatte, war auch ganz geeignet, die kühnste Illusion aufrecht zu erhalten, und ihr ungezwungenes, freies Benehmen, was mitten aus einer theatralischen Dichtung empor gewachsen war, ließ auch ihn alles Uebrige vergessen, und einer Stimmung und Situation folgen, wie man sie nüchtern nur in Mährchen möglich glaubt. Sie küßten einander die Hände, sie strichen sich die Locken aus der Stirn, sie tändelten wie die unbefangensten Kinder, und keine Frage der gewöhnlichen Verhältnisse konnte aufkommen zwischen ihnen. Kaum bemerkten sie es, daß Clärchen eintrat, und Fanny wenigstens wurde dadurch nicht im Geringsten an ihrem Jubel und ihrer Zuthunlichkeit behindert – sie erzählte nun der ein wenig verlegnen Schwester alles das von Neuem, was sie sich bisher selbst vorgesagt hatte über das Wiederfinden des lieben Freundes.

Es dauerte noch eine lange Weile, ehe Ludwig erzählen konnte, daß er Georges gesprochen, ehe er nach ihm fragen konnte.

Ach, sagte Fanny, ohne in ihrem Tone gestört zu werden, der ist ein langweiliger Peter geworden, und quält sich mit hypochondrischen Gedanken herum; jedenfalls ist er ein schlechter Ehemann, denn es ist wie ich eben sehe bald elf Uhr, und ich habe ihn seit vorgestern Abend nicht erblickt, wo wir zusammen Komödie spielten.

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