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Die Schachtel mit der Friedenspuppe

Clemens Brentano: Die Schachtel mit der Friedenspuppe - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Erzählungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07625-0
titleDie Schachtel mit der Friedenspuppe
pages79-111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Baron ging zu Bette, Frenel zu seiner Frau. Beide waren unerschöpflich in Klagen und Erklärungen. Die Angst lag über dem Haupte Sanseaus; St. Luce hatte die ganze Lüge durchstudiert, in welche er die Untersuchung aufgelöst hatte, und bereitete sich auf den folgenden Tag vor. Aber es sollte ihm leichter und schwerer werden. Die Stube, in welcher Frenel und seine Frau schlief, war dicht neben der Gerichtsstube, ihr Bett stand an der Wand, die Sanseaus Lager berührte, eine ehemalige Tür, die in einen Wandschrank verwandelt worden war, machte jedes Wort in der Stille der Nacht hörbar. Frenel und seine Frau hatten das Herz zu voll, um zu flüstern, sie durchliefen in ihrem Gespräche alles, was sie erfahren, und was sie sich zu eröffnen hatten. Sanseau erwachte, hörte, verstand, und erfuhr, daß sein Feind neben ihm sei, daß man seine Geschichte ganz wisse, daß aller Ausweg vergebens sei. Feig war er nicht, er löste den Verband seiner Wunde. Schon rann sein Blut über das Bett zur Erde nieder, er fiel in Krämpfe. Der Schulz, der bei ihm zur Wache war, ward munter; der Chirurg eilte zum Kranken, er sah, was vorgefallen war, und ergriff die schleunigsten Mittel, die ihm zu Gebote standen, das wenige Leben, das dem Kranken noch übrig blieb, zurückzuhalten. Über den Bemühungen des Arztes erwachte das Haus; der Gerichtshalter und der Baron eilten herbei. Als der Kranke zur Besinnung gekommen war und sie bemerkte, winkte er ihnen, zu seinem Lager zu treten, und redete sie mit folgenden Worten an: »Die göttliche Gerechtigkeit will nicht, daß ich sterbe, ohne wieder gutgemacht zu haben, was mir noch gutzumachen übrig ist. Der Selbstmord, den ich vor zwei Stunden durch die Auflösung meines Verbandes an mir versuchte, ist mir nicht gelungen. Ich weiß alles, mein Neffe ist hier; der rächende Himmel hat ihn zum Schwiegersohne des Mannes gemacht, von dessen niedriger Gesinnung ich um 15 000 Livres das Mittel erkaufte, mich in den Besitz seines Vermögens zu setzen; ich habe heute nacht die Unterredungen der beiden Eheleute gehört, die neben mir schliefen. Ich fühle, wenige Minuten bleiben mir noch zur Wiedererstattung. Zu erforschen ist nichts mehr von mir, die Wahrheit ist in Ihren Händen. Dumoulin wußte nichts von dem Gebrauch, den ich mit der Leiche des Kindes vorhatte; er tat, was ums Geld bedungen war; auch meinen Namen hat er nicht gewußt, so wie ich ganz ohne Kenntnis des Kindermordes bin, den er zu diesem Zwecke begangen. Alles dieses erkläre ich Ihnen frei, und in der Hoffnung auf das Erbarmen Gottes, und bitte Sie, meinen letzten Willen zu empfangen.« – Der Gerichtshalter setzte nun das Testament Sanseaus auf, in welchem er die ganze Geschichte seines Betruges eingestand, seinen Schwager zum Erben seines ganzen Vermögens einsetzte, ihn um Schonung für seine Frau und um Stiftung einer Totenmesse für ihn an seinem Sterbetage in der Kirche St. Denis zu Paris bat. Nachdem ihm dieses Instrument vorgelesen war, und er es unterzeichnet hatte, diktierte er noch einen sehr rührenden Brief an seine Frau, und bat, man möge seinen Schwager, den Chevalier de Montpreville, und dessen Gattin zu ihm rufen. Der Baron ging, bereitete sie vor, und brachte sie an das Bett des Kranken. Montpreville wollte ihm die Hand reichen; Sanseau aber reichte ihm das Testament, und sagte nichts als: »Ayez pitié de moi, mon beau-frère, pardonnez à un malheureux, et priez Dieu, qu'il me pardonne.« Mehr konnte er nicht hervorbringen, er starb unter dem Ausruf Frenels: »Oui, oui, que Dieu vous pardonne, mon pauvre cousin, comme je vous pardonne de tout mon coeur.« – Ohne Tränen der Umstehenden ist er nicht verschieden. Frenel weinte aufrichtig, und seine gute Frau weinte auch um ihren bittersten Feind; sie hatten ihm herzlich verziehen. Sie verließen die Stube, und der Gerichtshalter protokollierte den Willensakt und den Tod Sanseaus. Hierauf begab er sich mit dem Baron, Frenel und seiner Frau zu dem angeblichen St. Luce; er ging den beiden letztern lebhaft entgegen, und grüßte sie mit den Worten: »Endlich sehe ich euch wieder, liebe Kinder!« Aber Frenel zog seine Frau zurück, und reichte ihm Sanseaus Testament hin, indem er sagte. »Dumoulin, leset den letzten Willen von Sanseau, meinem Schwager; er bittet Euch wegen dem Anfall auf Euer Leben um Verzeihung; er hat ihm das seine gekostet. Auch ich habe ihm verziehen, denn die Leiche, die Ihr ihm um 15 000 Livres verkauftet, ward, als ich zur Welt kam, meiner Mutter untergeschoben, und somit ich aus meines Vaters Erbschaft gestoßen. Alles ist gutgemacht, Ihr fehlt allein noch; bekennet, und gebt Mademoiselle Marie Geneviève de Renaut, die Ihr als Kind geraubt, ihren Eltern zurück, oder wollt Ihr mir diesen Auftrag überlassen?«

Diese Worte, kalt und scharf ihm in das Angesicht gesprochen, waren zu viel für die unverschämteste Stirne; er wankte, erblaßte und sank auf sein Bett nieder, und die gute Frenel, von gewohnter Kindesliebe gerührt, fiel ihrem Manne weinend in die Arme: »O Louis!« rief sie aus, »laß ihn nicht verderben, er hat auch mich nicht verderben lassen!« – Da hob Dumoulin die Hand empor, ohne sein Antlitz zeigen zu können, und rief aus: »Antoinette, du bist mein Kind nicht, aber erbarme dich meiner, du bist ja nicht schlecht durch mich geworden; ach verzeih, verzeih! und dann verlasse mich!« – Da reichte ihm Antoinette die Hand und sprach: »Ihr habt mir vieles geraubt, vielleicht zu meinem Besten; seid aufrichtig, Ihr habt es mit guten Menschen zu tun; Gott lohne Euch alles, was Ihr für mich getan, und erleichtere Euer Herz!« – »Das ist zuviel! zuviel!« rief Dumoulin aus; »weg, weg, verlaß mich, daß ich nicht verzweifle!« – Und als sie von neuem ihn beruhigen wollte, ward sein rohes Gemüt von so heftiger Leidenschaft zerrissen, daß der Baron die weinende Frau wegbringen mußte. Frenel aber faßte Dumoulin in seine Arme und sagte: »Entsetzlicher Mensch, mäßige dich, und tue das Deine; wir sind keine grausamen Richter, heute aber ist ein Tag der Rechenschaft. Heute vor einem Jahre rechneten die Völker mit einander; es ist dir für dein Gericht ein sehr heiliger Tag anberaumt; geh in dich, lies den letzten Willen Sanseaus, und füge hinzu, was du verschuldet hast.« – »O mein Herr«, rief Dumoulin aus, »das will ich, das will ich! verlassen Sie mich, gönnen Sie mir einige Stunden Zeit, ich will Ihnen alles niederschreiben, was ich weiß.« – Da gab ihm Frenel das Testament, und sie ließen ihn allein.

Wir überlassen ihn nun der Vorbereitung zu seiner Generalbeichte, die beiden Eheleute den mannigfaltigen Erklärungen, Tröstungen und Hoffnungen in ihrer sehr veränderten Lage, den Gerichtshalter seinen vielen Schreibereien über die vorliegende Geschichte, und folgen dem Baron nach seiner Baustelle und dem Hügel, wo er heute abend sein Freudenfeuer auf die Leipziger Schlacht anbrennen wollte. Er fand schon den größten Teil des Grundes seiner Scheune, der durch das Feuer nicht viel gelitten hatte, wiederhergestellt und die Bauern beschäftigt, die Reste des verbrannten Gebälkes auf der Anhöhe zusammenzulegen. Er ließ den Scheiterhaufen nun nicht mehr über dem Steine anbringen, denn er wollte diesen nun nicht sprengen, sondern als einen Denkstein für seine Nachkommen hier ruhen lassen. Schon wurden die gefällten und behauenen Stämme auf der Baustelle zusammengelegt, die Zimmerleute begannen zu schnüren, zu hauen, zu sägen, zu fügen, und zu bohren, und alle Kinder des Dorfes trugen Späne, Reisig und gefallenes Laub auf dem Hügel zusammen. Die Baronin kam zu ihrem Manne, und erzählte ihm von einem ganz gewaltigen Kuchenbacken, das in der Küche losgehe, und daß ihr Madame Frenel allerlei fremdartige Teige eingerührt habe. Es sollte heute abend ein rechtes Fest werden. Der Tag war ein schöner gelinder Herbsttag, und aus den nahen sächsischen Festungen hörte man rings den Kanonendonner. Die Arbeiter erzählten sich ihre Sorgen von dem vergangenen Kriegsjahr, und der Baron umarmte seine Frau herzlich und mit stillem Danke zu Gott, daß er ihn heil aus dem heißen Streite habe zurückkehren lassen. So kam unter mancherlei Verrichtungen der Abend heran; der Gerichtshalter überlegte, was mit Dumoulin nach seinem Geständnisse zu tun sein werde, und sie erkannten, daß notwendig seine Sache der Regierung übergeben werden müsse, wenngleich Frenel und seine Gattin dringend vorstellten, daß man ihm seine Freiheit geben sollte. Die Sonne war gesunken, und die Gesellschaft im Begriff hinauszugehen, als der Jäger, der bei Dumoulin wachte, dem Gerichtshalter dessen schriftliches Bekenntnis und das Testament Sanseaus zustellte. Er wollte hierauf auf seinen Posten zurückgehen, aber als der Gerichtshalter gehört hatte, daß er die Stube Dumoulins wohl verschlossen habe, gestattete ihm der Baron, bei dem Freudenfeste zugegenzusein. Der Gerichtshalter steckte die Papiere zu sich, um sie nachher zu lesen, und so gingen sie den Hügel hinan, der schon ganz von den Bewohnern des Dorfs umgeben war. Der Amtsbote hatte viele Kienfackeln bereitet, und die Kinder des Barons führten, mit Eichenlaub geschmückt, die ganze Dorfschule heran. Es hatte sich jedes noch ein Reiserbündelchen für sich gemacht, die warfen sie alle auf den Haufen. Dann nahmen der Baron, seine Frau, und Frenel und seine Frau, und der Gerichtshalter, und alle, welche unter den Anwesenden im Kriege mitgekämpft hatten, die Kienfackeln und steckten den Scheiterhaufen in lichte Flammen. Stumm stand die Menge um die Lohe herum, und rings am Himmel sah man die Freudenfeuer benachbarter Deutschen. Da sangen die Kinder folgende Verse, die ihnen der Schulmeister gemacht hatte, und die ganze Versammlung stimmte im Chor ein:

            Zu Moses sprach im brennenden Dorn
Der Herr auf Horebs Höhe:
Auf Pharao komme der Rache Zorn,
Mein Volk führ ich aus dem Wehe.
 
Chor:
    Heil uns, Heil uns! wer ist uns gleich!
    Der Herr war unsrer Hülfe Schild,
    Durch seines Siegesschwertes Streich
    Fiel unsres stolzen Feindes Bild,
    Wir schreiten über seine Höhe!
 
Und in der Feuersäule zur Nacht
Zog Gott auf ihren Wegen,
Führt sie durch Wüste, durch Not und Schlacht,
Zu der Verheißung Segen.
 
Chor:
    Heil uns! usw.
 
In unsrer Zeit war Gott in der Glut
Im Norden auf Moskaus Zinnen;
Da starrte des wilden Zornes Flut,
Da kamen die Völker zu Sinnen.
 
Chor:
    Heil uns! usw.
 
Da ist die mißhandelte Erde erwacht,
Und schlug mit den Fesseln zusammen,
Da begann die dunkle slavische Nacht
Mit tausend Gestirnen zu flammen.
 
Chor:
    Heil uns! usw.
 
Und heute zur Nacht, vor einem Jahr,
Da hatten die Völker geschlagen
Und sangen zu Leipzig am Siegsaltar,
Bis die Sonne des Friedens wollt tagen.
 
Chor:
    Heil uns! usw.
 
Herr Gott, dich loben, dir danken wir,
Schau auf uns in diesen Feuern,
Und wolle mit deinen Kindern hier
Den Bund des Heils erneuern!
 
Chor:
    Heil uns! usw.

Und der Himmel schien das fromme Lied zu erhören. Gegen zehn Uhr erschien hoch im nördlichen Meridian eine Feuerkugel, sie zog von Süden nach Norden. Sie begann mit einem blitzähnlichem Glanze, der fast eine Viertelstunde den Weg der Kugel begleitete und langsam erlosch, und nun erhoben die Freudenfeuer der Deutschen, welche vor der himmlischen Erscheinung zu verlöschen schienen, um so sehnsüchtiger und dankender ihre Flammen zur Nacht empor. Es war, als habe der Himmel sagen wollen: »Ihr leuchtet mit Freudentränen, wenn ich aber mit meinem Lichte euch erleuchte und die Nacht euch nehme, so sinken eure Flammen ein. Seht, mir gefällt euer kindisches Spiel, und ich gönne euch die heilige Nacht; aber wie ihr alle meine Feuer gesehen habt, unter einander aber nur jeder das seine, oder das der nächsten Nachbarn, so gedenket, daß nur das Licht von oben ein einigendes ist, und seid nicht eigensinnig, und bedenket nicht jeder seinen Vorteil, sondern gehört euch alle einander an, denn nur in allen ist Friede, und Kraft, und Dauer!«

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