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Die Schachtel mit der Friedenspuppe

Clemens Brentano: Die Schachtel mit der Friedenspuppe - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Erzählungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
isbn3-442-07625-0
titleDie Schachtel mit der Friedenspuppe
pages79-111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als er dem Gerichtshalter erklärt hatte, daß dies alles sei, was er zu sagen habe, rückte ihm dieser die Schachtel vors Gesicht, und sagte: »Aber, mein Herr, Sie würden mich verbinden, wenn Sie mir aufrichtig erklärten, was Sie bei dem Anblicke dieser Schachtel so bestürzt hat, daß Sie ausriefen: es sei Zauberei!« – St. Luce sagte: »Ich muß wirklich gestehen, die Schachtel brachte mich in einige Verlegenheit; eine ähnliche wurde bei mir in Moskau von einem Franzosen als Beutegut von unschätzbarem Inhalt, voll Kleinodien, gegen die Summe von 15 000 Livres versetzt, die ich ihm bei dem Rückzuge darauf vorgeschossen; diesen Schatz hatte ich zu Moskau in meinem Garten vor meiner Abreise vergraben. Sie können denken, wie sehr ich erschrecken mußte, dieses jener so ähnliche Gerät, das vielleicht gar dasselbe ist, in Ihren Händen vor meinen Augen zu sehen. Ist es jene Schachtel, so habe ich erstens die 15 000 Livres verloren, zweitens kann ich in meinem Vaterlande zum Ersatz angehalten werden, wenn der Eigentümer mich auskundschaftet, drittens hänge ich von Ihrer Verschwiegenheit ab, denn es war Todesstrafe darauf gesetzt, wer deponierten Raub zurückhalte. Ich ersuche Sie daher flehentlich, mir nicht zu verbergen, woher Ihnen die Schachtel zugekommen, und mich aus meiner Unruhe zu reißen.« – »Ihre Erklärung ist mir einstweilen genug«, sagte der Gerichtshalter, »aber der Schrecken Ihrer Tochter und Ihres Schwiegersohnes bei dieser Schachtel, wie sollen wir diesen erklären?« – St. Luce antwortete hierauf: »So Sie meiner Tochter meine Aussage über die Schachtel vorlegen, zweifle ich nicht, daß sie dieselbe eingestehen wird; sie wußte um jene Deponierung. Mein Schwiegersohn aber wird nicht klar darüber aussagen können, es sei denn, daß seine Frau geschwatzt hätte, und sollte er verwirrt darüber aussagen, so hat sie ihm vielleicht Unwahrheiten gesagt. Das muß sich finden.« – »Das muß sich finden!« sagte der Gerichtshalter mit jener Kälte, die einem Lügner vor Gericht durch Mark und Bein schneidet. St. Luce aber war ruhig, und sagte nochmals: »Sans doute, cela doit se trouver! s'il vaudra la peine de démêler les contes qu'une jolie femme aime à faire à son époux en cas de nécessité.« – Dies sagte er mit einer so französischen Leichtigkeit und einem so frivolen Lächeln, als wisse er, daß es auch Deutsche gibt, die solchen allerliebsten Lug und Trug zu den sogenannten läßlichen Sünden rechnen, die mit Küssen gebüßt werden, oder mit Wurst wider Wurst. Der Gerichtshalter aber sagte nochmals: »Das wird sich finden, und es wird sich auch finden, warum Ihr Gegner bei dem Anblicke der Schachtel ausgerufen hat: ›O mein Gott, ich bin verloren!‹ Wie wäre es, mein Herr, wenn er der Depositair jener Schachtel in Moskau bei Ihnen wäre; wie wäre es, wenn er im Walde die Rückgabe derselben von Ihnen begehrt hätte; wie wäre es, wenn Sie ihn verleugnet hätten; wie wäre es, wenn er zu den Worten, mit welchen er Sie anfiel: ›Non, tu ne retourneras pas‹ noch hinzugesetzt hätte. ›avant de me rendre le trésor, que j'ai déposé chez vous‹?« – St. Luce war auf diesen Einwurf des Gerichtshalters nicht vorbereitet, er konnte seine Bestürzung nicht verbergen; doch bald sammelte er sich wieder, und sagte: »Mein Herr, eine allgemeine Amnestie und Gnade wird jetzt überall von den erhabenen Herstellern der bürgerlichen Ordnung gehandhabt; Sie sind ein Repräsentant dieser erhabenen Monarchen, lassen auch Sie solche Milde gegen mich obwalten; erklären Sie meinem Gegner, daß ich bereit bin, ihm seine 15 000 Livres zu lassen, wenn er nicht weiter von der Schachtel reden will.« – »Wie hoch war von Ihnen der Wert der Schachtel angenommen?« fragte der Gerichtshalter. – »Auf 30 000 Livres«, erwiderte St. Luce, »und ich Unglücklicher muß die 15 000 Livres verlieren; ich will sie auch gern verlieren, und ihm ewige Verschwiegenheit versprechen, wenn er mich wegen der Schachtel nicht in Anklage bringt.« – »Er wird schlecht mit diesem Vorschlag zufrieden sein«, sagte der Gerichtshalter, »und Sie würden gut dabei fahren, da die Schachtel noch bei Ihnen in Moskau steht; denn dieses ist die Schachtel nicht, die müßte denn über Paris von Moskau hierher gekommen sein.« – Auf diese Erklärung konnte St. Luce kaum mehr zur Fassung kommen, und er sah die Schachtel von neuem mit großer Unruhe an. Endlich brach er aus: »Wohlan, so erklären Sie ihm, daß ich bereit bin, ihm noch 15 000 Livres zu geben, so er weiter gar nichts mehr von dieser Schachtel erwähnt, und obenein, daß ich bereit bin, seinen Anfall auf mich als eine Ehrensache anzusehen.« – »Obgleich dieses keine Aufträge für eine untersuchende Gerichtsperson sind«, sagte der Gerichtshalter, »so werde ich doch alles für Sie tun, was ich tun kann; Sie selbst aber bringen sich in einen ungeheuren Verlust, da ich es Ihrer Regierung nicht verschweigen kann, daß Sie in Moskau einen so bedeutenden Schatz geraubtes Gut verborgen haben, das Sie werden ausliefern müssen.« – St. Luce sagte hierauf: »Das muß ich verschmerzen; ich werde Ihnen die Designation des Ortes einliefern, wo ich es vergraben habe; hoffentlich wird es noch dort ruhen; sollte es aber durch Verräterei entkommen sein, so bleibt kein Mittel, mir zu helfen.« Der Baron und der Gerichtshalter begaben sich nun wieder zu dem Verwundeten; er war etwas aufgerichtet, und imstande zu sprechen. Auf die Frage des Gerichtshalters sagte er folgendes aus: »Ich heiße Pigot, und bin ein Douanenoffizier von Rouen, wo ich, mit den Kohorten nach Lützen ziehend, meine Frau verließ; in der Lützner Schlacht ward ich von den Russen gefangen, und kehre jetzt nach Hause zurück. Hier im Walde stieß ich auf den Totengräber Dumoulin von Paris; er leugnete mir ab, daß er es sei, und wollte sich für einen Pelzhändler St. Luce aus Lyon ausgeben; diese Unverschämtheit ärgerte mich, und wir kamen in Streit; ich erklärte ihm, er solle aus Frankreich bleiben, es sei nur zu bekannt, welchen schmählichen Handel er in der Schreckenszeit mit Kleidern, Kleinodien und Altertümern aus den Grüften der größten französischen Familien getrieben. Dieses mein Drohen machte ihn wütend, und er drohte mir mit seinem Stockdegen, worüber ich ergrimmt mit dem Messer auf ihn zuging; das Übrige ist Ihnen bekannt.«

Der Gerichtsverwalter sagte nun zu ihm: »Dumoulin oder St. Luce erklärt, daß er Sie nicht kenne, nämlich, daß er Ihren Namen nicht wisse.«

Pigot: Das ist wahr.

Gerichtshalter: Aber er erklärt doch, ein Geschäft mit Ihnen in Moskau gemacht zu haben.

Pigot: Ich war nie in Moskau.

Gerichtshalter: Besinnen Sie sich; ist er Ihnen nicht noch 15 000 Livres schuldig?

Bei den Worten 15 000 Livres veränderte Pigot die Farbe. »15 000 Livres?« sagte er, »ich wüßte nicht.«

Gerichtshalter: Kennen Sie diese Schachtel?

Pigot. Sie scheint mir bekannt.

Gerichtshalter: Sind Sie zufrieden, wenn Sie sie ohne ihren Inhalt zurückerhalten?

Pigot: Allmächtiger Himmel, ich verlange ihren Inhalt nie mehr zu sehen!

Gerichtshalter: Sie riskieren auch nichts dabei, denn diese Schachtel ist nicht die, welche Sie meinen; jene ist noch in Moskau in Ihres Gegners Hause vergraben. Sind Sie zufrieden, daß die Juwelen, welche jene Schachtel enthält, an die russische Regierung zurückgestellt werden?

Pigot ward bei dem Worte »Kleinodien« sehr vergnügt und sagte: »Ich bin alles zufrieden.«

Diese Bereitwilligkeit zu den Vorschlägen seines Gegners, verbunden mit der Verschiedenheit ihrer Aussagen, befremdete den Gerichtshalter, und er brach das Verhör ab, weil er fürchtete, daß er beiden zu irgend einem Einverständnis durch seine Fragen Hülfe geleistet. Überdem war es Abend geworden, und dieser bot Gelegenheit zu vertraulicher Erforschung Frenels und seiner Gattin. Diese letztere war bereits durch die Baronin so gewonnen, daß sich alles von ihrer Offenheit erwarten ließ. Der Baron ließ den beiden Arrestanten ein gutes Abendbrot auf ihre Stuben bringen, und die übrige Gesellschaft setzte sich auch zu Tische. Beim Nachtische trank der Baron die Gesundheit der alliierten Monarchen und Ludwigs des Achtzehnten, worauf Frenel herzlich Bescheid tat. Hiernach trank der Gerichtshalter das Wohl aller tapferen Streiter für die gute Sache, und auch der edlen Frauen, welche in dieser Zeit, wo das ganze Vaterland zu einer Familie geworden, dem Hause so treulich beigestanden; dann trank man die Gesundheit der Gegenwärtigen, und der Gerichtshalter wendete sich mit dem Glase zu Frenels Gattin und sagte: »Es gilt dem Andenken Ihrer verewigten Frau Mutter, der Frau Dumoulin.« Frenel wendete sich bei diesem Namen zu seiner Frau, die bestürzt schien, und fragte: »Antoinette! hieß deine Mutter nicht St. Luce, wie dein Vater?« Antoinette sagte: »Ich weiß nicht, woher der Herr Gerichtshalter diesen Namen hat; ich habe ihn in Moskau einigemal auf alten Briefen bei meinem Vater gesehen, und er hat mir gesagt, er habe sie von einem Stiefbruder geerbt.« – »Weil wir auf die Sache kommen« , fuhr der Gerichtshalter fort, »so muß ich Sie bitten, mir zu erzählen, ob denn die Schachtel, welche heute so mancherlei Bewegungen bei uns hervorgebracht, jener, auf welche Ihr Herr Vater in Moskau seinem verwundeten Gegner 15 000 Livres vorgeschossen, und die, mit Kleinodien gefüllt, dort in seinem Garten vergraben liegt, so sehr ähnlich ist, daß auch Sie, als Sie ihr Ebenbild erblickten, durch die Furcht, jenes teure Pfand möge dort entwendet sein, erschüttert wurden?« – Antoinettens Verwunderung stieg bei diesen Reden mit jedem Augenblick. Sie sagte: »Ich weiß nichts von einer solchen deponierten Schachtel.« – Der Gerichtshalter bat sie, der Erforschung der Wahrheit kein unnötiges Hindernis in den Weg zu legen, da ihr Vater und sein Gegner, eben der, welcher die Schachtel bei ihm verpfändet gehabt, bereits alles eingestanden. Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Ich weiß, bei Gott! nichts von jener deponierten Schachtel.« Frenel, der seine Gattin mit gespannter Erwartung ihres Geständnisses angeblickt hatte, sagte nun zu ihr: »O meine liebe Antoinette, gestehe es, diese Schachtel hat dich nur durch die Ähnlichkeit mit jener deponierten so erschüttert; meine Ruhe, meine Liebe zu dir hängt an dem Geständnisse der Wahrheit.« Antoinette erwiderte ihm: »Du setzest mir einen hohen Preis, ja den höchsten, um diese Erklärung oder um die Wahrheit?« Frenel sagte: »Ja, um die Wahrheit allein.« – »So erkläre ich dir dann«, versetzte Antoinette, »um den Preis deiner Ruhe und deiner Liebe, daß ich von einer deponierten Schachtel nichts weiß.« – Dies war ein Donnerschlag für Frenel. »Meine Herren«, sagte er zu dem Gerichtshalter und zum Baron, »nach dieser Erklärung sehe ich, daß Sie von Ihren Inquisiten belogen sind, die auf eine ganz andere Art mit der Schachtel zusammenhängen dürften. Darf ich Sie ersuchen, Herr Baron, mir zu erzählen, wo Sie in Paris zu dieser Schachtel gekommen sind?« – Der Baron nahm das Wort und sagte: »Als ich die Friedensmodepuppe in Paris gekauft, sah ich bald, daß ich sie in meinem militärischen Felleisen unbeschädigt nicht transportieren könnte, und suchte mir also bei einer Trödlerin, die gleich an der Ecke meiner Straße« – »Welcher Straße?« unterbrach ihn Frenel – »der Rue St. Mathurin in der Vorstadt St. Antoine«, versetzte der Baron, und fuhr fort: »Die Trödlerin, eine junge, hübsche Frau, suchte ihre Schachteln durch, und keine wollte sich schicken. Nur diese alte bunte Schachtel, die hoch oben in einem Winkel stand, überging sie immer. Ich machte sie darauf aufmerksam, und bat sie, dieselbe auch zu versuchen, denn sie schien mir passend. Sie erwiderte aber: ›Ach diese! das ist die Unglücksschachtel, die mag ich Ihnen nicht geben, so sehr sie mir zuwider ist. Meine selige Mutter machte mich immer mit ihr zu fürchten; sie hatte sie mit vielem alten Geräte von einer Dame, bei der sie diente, erhalten. Sie sagte mir immer, da liege Zank und Streit, ja der Tod selbst darin, und drohte mir, sie zu öffnen, wenn ich nicht artig war. Nein, ich möchte die einem so artigen Herrn nicht verkaufen; sie könnte sie mit der schönen Dame brouillieren, der Sie die schöne Puppe schicken wollen.‹ – Die Schachtel wurde mir dadurch nur interessanter; ich nahm sie herab, die Puppe paßte genau hinein, ich wurde des Handels einig, und trug die Friedenspuppe in der Schachtel des Kriegs, Streits und Todes triumphierend davon. Sie können sich denken, wie mich nun heute die mannigfaltige Intrige um diese Schachtel interessieren muß. Sollte die gute selige Mutter der Trödlerin doch recht gehabt haben? Ich bitte Sie, Herr Frenel, halten Sie nun Ihr Versprechen, und erzählen Sie uns Ihre Geschichte und die der Schachtel.«

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