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Die Schachtel mit der Friedenspuppe

Clemens Brentano: Die Schachtel mit der Friedenspuppe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSmtliche Erzhlungen
authorClemens Brentano
year1991
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMnchen
isbn3-442-07625-0
titleDie Schachtel mit der Friedenspuppe
pages79-111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Clemens Brentano

Die Schachtel mit der Friedenspuppe

Ein preußischer Edelmann, dessen Güter dicht an der sächsischen Grenze lagen, hatte ein junges Weib und seine zwei Knaben verlassen, um als Freiwilliger mit mehreren Männern und Jünglingen seiner Herrschaft den Fahnen des Fürsten Blücher von Wahlstadt zu folgen. Er hatte die Schlachten an der Katzbach, bei Leipzig, bei Laon und auf dem Montmartre mitgeschlagen, hatte geholfen, die entführte preußische Viktoria von Paris nach Berlin, heiliger und bedeutender als je, zurückzubegleiten. Die Sache des Vaterlandes war getan, und seiner Verpflichtungen entlassen, kehrte er nach seinem Gute zurück, und fand Weib und Kind, Freunde, Nachbarn und Untertanen liebender, treuer, bewährter und heiterer, als er sie verlassen. Nachdem er die ersten acht Tage seiner Rückkehr ganz seiner Gattin und seinen Kindern gelebt hatte, wendete er seine Aufmerksamkeit auf den Zustand seines Gutes, das, in der Nähe eines Schlachtfeldes liegend, mehrere Brandstätten aufzuweisen hatte. Bei seinen noch durch die Nachwehen vieler angestrengten Kriegsleistungen mannigfach behinderten Glücksumständen nur das Dringendste vermögend, beschloß er zuerst, eine Scheune wiederherzustellen, die niedergebrannt war. Als die Arbeiter alle berufen waren, die ihrem lieben Herrn zum Wiedersehen die Hände drückten, teilte er ihnen die Geschäfte aus, und sein Jäger wies den Zimmerleuten die Stämme im Forste an. Einige Steine, zum Fundamente nötig, schienen schwieriger herbeizuschaffen, denn da jene Gegend durchaus eine Ebene von leichtem Sandboden ist, waren die nächsten Felder um das Schloß seit langer Zeit zu vorkommenden Bauten von allen Steinen abgelesen worden. Sein Amtsbote sagte ihm, daß einige hundert Schritte vor dem Dorfe auf einer kleinen Anhöhe, wo das französische Bivouak gestanden, durch ausgehöhlte Feuerstellen ein großer Steinblock entblößt worden sei. Der Baron begab sich mit dem Amtsboten nach jener Stelle, und fand den entblößtem Stein noch angeschwärzt von dem Feuer der Feldküche jener Feinde, die nie wieder im freien Felde bei uns kochen sollen. Indem er, den Stein anschauend, unwillkürlich ausrief: »Die Flamme ist hinausgefahren, der Ruß ist geblieben!«, bemerkte er in dem Betragen des neben ihm stehenden Amtsboten ein Zucken und ungeduldiges Zurückhalten, und da er ihn deshalb schärfer anblickte, wollte dieser seine Unachtsamkeit hinter einem untertänigen Lächeln verstecken, aber zur großen Verwunderung des Barons sah dieser den schmunzelnden Mund des Amtsboten sich in ganz widernatürliche Lachfalten ziehen; die rechte Wange blieb unbewegt, und die linke, das ganze Lachgeschäft auf sich nehmend, zog den Mund bis zum Ohrläppchen hinauf. »Was Teufel schneidet Er für Gesichter?« sprach der Baron. Worauf der Amtsdiener wieder seine gewöhnliche Amtsmiene annahm, und seinem Herrn antwortete: »Ach, Herr Baron, hier auf der Stelle ist mir die Fatalität geschehen, hier an dem Stein, und darum übernahm mich der Zorn und die Ungeduld, als ich hierher trat, daß es mir in allen Gliedern zuckte. Als die Franzosen hier bivouakierten, war ich im Schlosse ziemlich allein; Weiber und Kinder aus dem Dorfe waren mit dem Vieh in den Wald geflüchtet, die Bauern hatten sich bewaffnet gegen Groß-Beeren gezogen, und ich war zurückgeblieben, um doch das Schloß nicht ganz leer dem Feinde zu überlassen. Sie hatten mich bald erwischt, ich hatte mir den Kopf verbunden und mich krankstellend zu Bette gelegt. Die Türen flogen durch Kolbenstöße auf. Zu plündern war nicht viel, wir hatten alles geflüchtet und vergraben, ich schien ihnen noch das Beste, was sie gefunden. Sie rissen mich aus dem Bette, da war ich bald frisch und gesund; aber die Not ward noch größer, ich sollte einem fatalen kümmerlichen blassen Gesellen, dem der Geiz und die Habsucht aus den Augen sah, tausend Fragen beantworten, die ich nicht verstand, denn er sprach französisch. Er war Sergeant, so nannte ihn sein Geselle, und während dieser, der besser Deutsch zu können glaubte, mein Examen übernahm, und auch nichts weiter vorbrachte als: ›Vor dich Coujon, vor dich Spißbub, vor mich du vin, de l'eau de vie, vor mich du pain, du beurre, poulets, poulets!‹ und ich immer lamentierte: ›Allfort, allfort!‹ schnitt der Sergeant mit dem Säbel die rotseidene Tapete an den Wänden herunter, denn ich hatte mich in die Gerichtsstube gelegt, weil ich da den ganzen Hof übersehen konnte. Ich protestierte gegen die verletzte Tapete, aber er gab mir ein Messer in die Hand, und trieb mich mit den Worten: ›Allons! coupez, Monsieur Allforte!‹ an, mit zu schneiden. Wir waren im besten Schneiden, als er mich etwas von Kosaken fragte, und da ich ihm hierauf antwortete: ›Viel, viel Kosaken!‹, ärgerte er sich, daß ich nicht auch ›Allfort‹ erwidert hatte. Er mußte nun in dem Schlosse nicht mehr recht trauen, und gab, indem er den Rock auszog, dem anderen mehrere Befehle, und ich mußte ihm die Tapete um den Leib herumwinden, wobei er einigemal sagte: ›Kolik, Kolik!‹ Nun gingen sie in den Hof, der sich währenddem mit Soldaten angefüllt hatte, ich mußte folgen. Der Offizier sprach noch etwas von Kosaken, und führte die Schar, die aus höchstens 150 Mann bestand, hierher auf den Hügel, weil hier die Heerstraße zu übersehen ist. Sie hatten bald ihre Einrichtung getroffen. Hier brieten sie einen Hammel am Spieß, und ich mußte den Braten wenden, der Sergeant begehrte wieder allerlei von mir; da ich aber immer ›Allfort‹ erwiderte, faßte er im Zorn mir die Haare hier über dem linken Ohr und riß sie mir mit solcher Gewalt aus, daß mir der Mund schief davon in die Höhe fuhr. Ich fing ein heftiges Geschrei an, und in demselben Augenblick schlug die Flamme aus dem Scheunendach. Einige Franzosen, die mit Licht unter dem Strohdach versteckten Vorrat gesucht, hatten die Scheune angesteckt. Als der Offizier die Flamme sah, wurde er äußerst ergrimmt. Es war Abend, er fürchtete sich, durch sie verraten zu werden, und mit Recht, denn ein Trupp Kosaken, der in der Nähe streifte, zog sich nach der Flamme heran. Es fiel ein Schuß der ausgestellten Vorposten, bald hörten wir Hurrah, und sahen am hellen Schein des Abendhimmels die Spieße der Kosaken vorüberfliegen. Es schien eine große Menge zu sein; die Franzosen waren schnell beisammen, sie eilten dem Walde zu, doch dort drüben am Jägerhaus, wo sie etwas vorsichtiger gingen, weil sie die Stangen von des Jägers Bohnenfeld, das verdächtig gegen den Abendschein abstach, etwa auch für Kosaken hielten, kamen sie in die Mache; es fielen noch einige Schüsse, die Flamme der brennenden Scheune leuchtete über das Feld; ich sah, wie das Getümmel sich in den Wald verlor, und eilte sodann mit mehreren Bauern, welche das Feuer herbeigelockt, die Scheune vollends niederzureißen, damit das Feuer nicht um sich griffe. Bis gegen Morgen waren wir fertig, in der Angst und Arbeit hatte ich die Schmerzen nicht so an meiner Kopfwunde empfunden, am Morgen wurden sie heftig, ich bekam einen Gesichtskrampf, und erst seit die gnädige Frau mir etwas Balsam gegeben, leide ich keine Schmerzen mehr, nur daß mir das Maul beim Lachen so hinauffährt. Das wird mir wohl ewig anhängen! – Wie ich nun mit dem gnädigen Herrn hierher trat, kam mir die ganze Geschichte wieder in die Glieder.« Der Baron gab hierauf dem Amtsboten einen Taler, und bezeugte ihm sein Mitleid, scherzhaft schließend: »Er muß sich des Lachens enthalten und immer eine rechte Amtsmiene machen.«

Schon begann der getröstete Amtsbote mit der Schaufel den Stein noch mehr zu entblößen, und der Baron hieb eine Birke um, den Block damit zu lüften, als die Baronin mit der Zeitung den Hügel heraufkam. Er warf sein Beil nieder und durchlief die Blätter mit der Begierde, die ihm, der lange von dem Vaterlande im Kriegstreiben getrennt, sehr natürlich war. Alles ist an den Blättern, die ruhig das Forum und den Gemüsemarkt des täglichen Lebens ausstellen, unter solchen Umständen interessant, ja selbst die ewig wiederkehrenden Namen der Auktionskommissaire, Buchhändler, und Schenkwirte. Die Baronin folgte seinen Blicken; die Ungeduld, mit welcher er las und alles Vaterländische liebzukosen schien, tat ihr selbst wohl – »Gut! das muß geschehen«, sagte der Baron, »und zwar hier auf der Stelle.« Die Baronin fragte, was er meine, und er las ihr aus der Vossischen Zeitung die Aufforderung eines deutschen Patrioten vor, den 18. Oktober, den Jahrestag der Leipziger Schlacht, mit Freudenfeuern auf allen Anhöhen zu feiern. – »Das geht in einem hin, gnädiger Herr«, sagte der Amtsbote, »wir werden den Stein hier doch mit Feuer sprengen müssen.« – »Desto besser«, erwiderte der Baron, »das Freudenfeuer der errungenen Freiheit sprengt dem Frieden die Fundamentsteine.« – »Wir müssen den Stein nun etwas in die Höhe wuchten«, sagte der Amtsbote, »und kleinere Steine unterlegen, damit die Flamme unter ihm wegziehen kann.« Der Baron brachte seinen Birkenstamm herbei, doch sie bemühten sich vergebens den Block zu bewegen. Indem sie in der Arbeit einhaltend über den Weg hinabsahen, erblickten sie gegen den Wald hin einen Zug aus russischer Gefangenschaft rückkehrender Franzosen. – »Das sind Zugvögel«, sagte der Amtsbote, »die bringen den Frühling, wann sie gehen.« – »Glück auf den Weg!« sagte der Baron. Der Trupp war schon den Wald hinein, sie versuchten von neuem, den Stein in die Höhe zu wuchten, als ein einzelner Franzose, der neben einer schwer bepackten Kibitke herschlenderte, ihre Anstrengungen bemerkend, sich mit Höflichkeit zu ihrer Hilfe anbot und, sein Fuhrwerk verlassend, ohne ihre Antwort abzuwarten, den Hügel herauf eilte. Schnell und heftig ergriff er den Hebebaum, und der Stein wich bald ihren vereinten Anstrengungen. Der Baron dankte, und fragte ihn, wo er geboren sei, wo er gefangen worden. Doch kaum hatte er gesagt, daß er das Unglück gehabt, in Paris geboren, und das Glück gehabt, in Moskau gefangen worden zu sein: so hörten sie unten am Wege den Schrei einer weiblichen Stimme. – »Ach, meine Frau!« rief der Gefangene aus, und eilte hinab. Der Baron und seine Frau folgten ihm auf dem Fuße, und fanden ihn unten hinter einem kleinen Busche beschäftigt, eine junge Person von sehr angenehmer Bildung einer Ohnmacht zu entreißen. Aber wie groß war des Barons Erstaunen, als er sie eine ihm wohlbekannte bunte Schachtel fest umklammern sah, und seine beiden Kinder neben ihr, welche ihn und die Mutter um Hülfe anflehten, weil die Französin die Pariser Friedenspuppe fortnehmen wolle. Der Baron beruhigte die Kinder, wenn es ihm gleich selbst verdächtig vorkam, die Französin die Schachtel mit solchem Eifer umfassen zu sehen, welche eine Pariser Modepuppe von Wachs, von der ersten Friedensmode, mit einem Chapeau à l'Angoulême au Bouquet de Lys enthielt, die er seiner Frau von Paris mitgebracht hatte. Die Baronin sagte ihm, daß die Kinder ihr mit der Schachtel, als sie herausgegangen, gefolgt seien, um sie hier unten, wo sie oft im Schatten spielten, zu betrachten; das weitere verstehe sie nicht. Sie könne unmöglich die feingebildete hübsche Frau für eine Diebin halten. Und nun verband sie ihre Bemühungen mit jenen des Franzosen, seine Frau zu sich zu bringen. Diese schlug kaum die Augen auf, als ihr Mann sie der Sorge der Baronin überließ und die Schachtel, von welcher nur der Zustand seiner Frau ihn zurückgehalten hatte, mit Heftigkeit und einem an den tiefsten Ingrimm grenzenden Ausdruck von Schmerz erfaßte. Der Baron näherte sich ihm fragend, was ihn und seine Frau so sehr an dieser Schachtel interessiere, die er von Paris mitgebracht habe. – »Ach«, rief er, »von Paris! – So ist sie es dann gewiß! – Was meine Frau angeht, so kann ich nicht begreifen, wie diese Schachtel sie interessieren kann, aber für mich ist es die Büchse der Pandora; all mein Unglück ist aus dieser Schachtel. hervorgegangen.« Während er dieses sagte, hatte sich seine Frau erholt, und sich ihm am Arme der Baronin genähert; als sie aber die Schachtel in seinen Händen sah, begann sie von neuem zu wanken, indem sie ausrief: »Ah, la boîte fatale!« Der Franzose blickte sie zürnend an, aus seinen Augen funkelte Angst und Verdacht. »Wie«, rief er aus, »wie, Antoinette, du kennst diese Schachtel?« – Sie schien über seine Heftigkeit zu erschrecken, und irgend etwas in ihrer Seele zu verbergen, was sie ungern bekannt wußte. Die Anstrengung brachte sie mehr zu sich selbst, und sie sagte mit einer Sammlung, die ihrem Zustande nicht natürlich schien: »Louis, die kleine Puppe darin hat mich so wunderbar erschreckt, sie erinnerte mich an die Leiche eines Kindes!« – »Ha! die Leiche eines Kindes! Unglückliche«, rief der Franzose aus, »welches Kindes? sprich!« – »Des Kindes meiner Freundin zu Moskau; erinnerst du dich nicht, Louis, wie ich damals betrübt war?« – »Zu Moskau«, sagte der Franzose kalt, »zu Moskau! – Hm, wohlan! laß uns unsere Reise fortsetzen«; und, sich ganz vergessend, wollte er die Schachtel nach seinem Wagen tragen, der am Wege hielt. Die Kinder des Barons, welche die geliebte Puppe nicht eine Minute aus den Augen verloren hatten, wollten schon schreien: »Er nimmt der Mutter ihre Puppe mit«, als auch der Baron ihm in den Weg trat, und ihn ersuchte, er möge nicht vergessen, daß die Schachtel seines Unglücks ihm nicht gehöre, und ihm das Seinige zurückgeben. Auch die Französin rief ihrem Manne heftig zu: »Louis, du vergißt dich; gib die Schachtel zurück, nimmermehr werde ich mit der unseligen Schachtel reisen.« – »Mit der unseligen Schachtel?« sagte der Franzose, und blickte sie forschend an, indem er sich beschämt dem Baron näherte. – »Mein Herr!« fuhr er fort, »verzeihen Sie mir eine Handlung, aus deren Unüberlegtheit Sie die Heftigkeit meines Interesses für diesen Gegenstand sehen können.« – »Ach«, sagte die Französin bestürzt zu der Baronin, »sie interessiert ihn so heftig!« – »Diese Schachtel«, fuhr der Franzose zu dem Baron fort, »mein Herr, ist mir von ungemeinem Wert, Ihnen kann eine jede dieselben Dienste tun; begehren Sie, was ich vermag, nehmen Sie die Puppe zurück, lassen Sie mir die Schachtel.« – Die kleine Französin sank bei diesem heftigen Anteil ihres Mannes an der Unglücksschachtel von neuem in Ohnmacht. »Mein Herr«, sagte der Baron, »sie wird mir durch die wunderbare Angst, die Sie und Ihre Frau mit derselben verknüpfen, mit jedem Augenblick geheimnisvoller; denn sie ward mir schon in Paris mit seltsamen Anmerkungen verkauft; ich überlasse sie Ihnen um keinen anderen Preis als um ein offenes Eingeständnis der Umstände, welche sie Ihnen so wert macht. Ihre arme kleine Frau ist überdem in einem Zustande, der ihr einige Ruhe nötig macht; können Sie sich von Ihrer Kolonne trennen, so bringen Sie die Nacht bei mir zu, und erzählen Sie mir Ihre Geschichte, die nicht ohne Merkwürdigkeit sein kann.«

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