Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Sanfte - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFjodor Dostojewskij
titleDie Sanfte
publisherInsel-Verlag
yearo.J.
printrun36.-45. Tausend
firstpub
translatorAlexander Eliasberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180518
projectid76179be7
Schließen

Navigation:

V.
Die Sanfte revoltiert

Die Zwistigkeiten begannen damit, daß es ihr plötzlich einfiel, die Pfänder, die man uns brachte, nach ihrem Gutdünken und oft über den eigentlichen Wert hinaus einzuschätzen; ein- oder zweimal ließ sie sich sogar herab, mit mir über dieses Thema zu streiten. Ich ließ mich aber nicht umstimmen. Da mußte mir der Teufel diese Hauptmannswitwe schicken.

Die alte Hauptmannswitwe brachte ein Medaillon, ein Geschenk ihres verstorbenen Mannes, selbstverständlich »ein teueres Andenken«. Ich gab ihr darauf dreißig Rubel. Sie begann zu jammern und zu bitten, man möchte ihr den Gegenstand ja gut aufbewahren, sie wolle ihn unbedingt auslösen; selbstverständlich versprach ich ihr es. Kurz und gut, nach fünf Tagen kam sie wieder und bat, man möchte ihr das Medaillon gegen ein Armband, das höchstens acht Rubel wert war, umtauschen; selbstverständlich ging ich auf den Tausch nicht ein. Wahrscheinlich hatte sie schon damals etwas in den Augen meiner Frau gelesen; denn nach einigen Tagen kam sie wieder – ich war gerade nicht zu Hause – und meine Frau tauschte ihr das Medaillon um.

Ich erfuhr davon noch am selben Tage und sprach mit ihr darüber sanft, aber fest und vernünftig. Sie saß auf dem Bett, blickte zu Boden und spielte mit der rechten Fußspitze auf dem Teppich (es war ihre charakteristische Angewohnheit). Ein Lächeln, das nichts Gutes verhieß, spielte auf ihren Lippen; da erklärte ich ihr, ohne meine Stimme zu erheben, daß es sich um mein Geld handle, und daß ich das Recht hätte, das Leben mit meinen Augen zu betrachten und daß ich, als ich sie in mein Haus geführt, vor ihr nichts verheimlicht hätte.

Plötzlich sprang sie, am ganzen Körper zitternd, auf und begann – was glauben Sie wohl – wie wahnsinnig mit den Füßen zu stampfen; sie war in diesem Augenblick wie ein Tier, es war wie ein Anfall von Raserei, sie war wie ein rasendes Tier. Ich war starr vor Staunen; einen solchen Auftritt hätte ich von ihr nie erwartet. Verlor aber nicht die Selbstbeherrschung, zuckte mit keiner Wimper und erklärte ihr mit derselben ruhigen Stimme wie vorhin, daß ich sie der weiteren Mitarbeit an meinem Geschäfte enthebe. Sie lachte mir laut ins Gesicht und verließ die Wohnung.

Sie hatte aber gar kein Recht, die Wohnung zu verlassen: so war es noch während der Brautzeit zwischen uns abgemacht. Gegen Abend kehrte sie heim; ich sagte kein Wort.

Am nächsten Tage ging sie gleich am frühen Morgen weg; am übernächsten wieder. Ich schloß das Geschäft und begab mich zu den Tanten. Mit den Tanten hatte ich seit der Hochzeit nicht mehr verkehrt; weder ließ ich sie über meine Schwelle, noch gingen wir zu ihnen. Es stellte sich heraus, daß sie gar nicht bei ihnen gewesen war. Die Tanten hörten mir interessiert zu und lachten mich aus: »Geschieht Ihnen recht!« Auf solchen Hohn war ich aber gefaßt. Bei dieser Gelegenheit bestach ich die jüngere Tante, die unverheiratete, mit fünfundzwanzig Rubeln und versprach ihr noch weitere fünfundsiebzig. Nach zwei Tagen kam sie zu mir und meldete: »Hier ist ein Offizier, der Leutnant Jefimowitsch, Ihr früherer Regimentskamerad, im Spiele.« Ich war sehr erstaunt. Dieser Jefimowitsch hatte mir im Regiment am meisten geschadet; vor einem Monat war der unverschämte Mensch unter dem Vorwande, etwas versetzen zu wollen, bei mir gewesen und hatte, ich weiß es noch genau, versucht, mit meiner Frau anzubandeln. Ich war damals an ihn herangetreten und hatte ihm bedeutet, er solle mit Rücksicht auf unsere früheren Beziehungen sich nie wieder unterstehen, über meine Schwelle zu treten; dabei hatte ich mir aber nichts Besonderes gedacht, hielt ihn einfach für einen frechen Kerl. Da teilte mir aber die Tante mit, daß meine Frau mit ihm sogar schon ein Stelldichein verabredet hätte und daß eine frühere Bekannte der Tanten, eine gewisse Julia Ssamssonowna, eine Witwe, und dazu noch eine Oberstenwitwe, die ganze Sache deichsle; »zu diesem Frauenzimmer geht Ihre Frau.«

Ich will das Bild abkürzen. Die Sache kostete mich im ganzen etwa dreihundert Rubel, dafür war ich aber nach zwei Tagen so weit, daß mir die Möglichkeit gegeben wurde, während des Stelldicheins meiner Frau mit Jefimowitsch im Nebenzimmer hinter einer angelehnten Türe zu stehen und das erste Zwiegespräch, das die beiden unter vier Augen hatten, zu belauschen. Am Abend vorher gab es noch zwischen uns eine kurze, für mich aber allzu bedeutsame Szene.

Sie kam wieder gegen Abend heim, setzte sich aufs Bett, sah mich spöttisch an und begann wieder mit dem Füßchen auf dem Teppich zu spielen. Wie ich sie so ansah, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß sie in diesem letzten Monat, oder richtiger in den letzten vierzehn Tagen, nicht ihr gewöhnliches Wesen, nein, ein ganz fremdes, dem ihrigen entgegengesetztes Wesen gezeigt hatte: sie war plötzlich ein ganz wildes, aggressives, ich will nicht sagen schamloses, jedenfalls aber zügelloses Geschöpf geworden, das sich nach Stürmen sehnte, sie sogar förmlich heraufbeschwor. Dabei war ihr aber ihre natürliche Sanftmut im Wege. Wenn solch ein sanftes Geschöpf zu revoltieren anfängt und sogar jedes Maß überschreitet, kann man ihm doch immer ansehen, daß es sich dabei selbst Gewalt antut und die ihm angeborene Keuschheit und Scham unmöglich ganz unterdrücken kann. Daher überschreiten solche Naturen so leicht alle Grenzen, daß man seinen Augen gar nicht traut. Dagegen wird sich eine von Natur aus verderbte Seele bei solchen Anlässen immer im Zaume zu halten wissen; sie macht es häßlicher, doch mit erheucheltem Anstand, und maßt sich, an, Ihnen damit überlegen zu sein.

»Ist es wahr, daß man Sie aus dem Regiment fortgejagt hat, weil Sie aus Feigheit einem Duell ausgewichen sind?« fragte sie mich plötzlich mit blitzenden Augen.

»Ja, es ist wahr. Das Ehrengericht hatte mich aufgefordert, aus dem Regiment auszutreten, obwohl ich schon vorher um meinen Abschied eingekommen war.«

»Man hat Sie doch als Feigling fortgejagt?«

»Ja, so hieß es im Urteilsspruch. Ich hatte aber das Duell nicht aus Feigheit ausgeschlagen, sondern weil ich mich dem tyrannischen Urteil nicht unterwerfen wollte: ich sollte nämlich jemand fordern, der mich gar nicht beleidigt hatte. Sie müssen wissen, daß die Auflehnung gegen solche Tyrannei und die Bereitschaft, alle Folgen dieser Auflehnung auf sich zu nehmen, einen viel größeren Mut bedeutete als jeder Zweikampf.«

Ich hatte mich eben nicht beherrschen können, und meine letzten Worte klangen wie der Versuch einer Rechtfertigung; sie schien aber nur darauf gewartet zu haben, um über mich in meiner Erniedrigung lachen zu können.

»Ist es wahr, daß Sie sich dann drei Jahre lang wie ein Vagabund in den Straßen Petersburgs herumgetrieben haben, die Leute um zehn Kopeken angebettelt und sogar manchmal unter Billardtischen übernachtet haben?«

»Ich will noch mehr sagen: ich habe sogar oft im Nachtasyl am Heumarkt übernachtet. Ja, es ist wahr: nachdem ich das Regiment verlassen hatte, habe ich viel Schmach erlebt und bin tief gesunken; doch nie moralisch gesunken, denn ich selbst haßte am meisten meine Handlungen. Es war bloß ein Nachlassen meines Willens und meines Verstandes, hervorgerufen durch meine verzweifelte Lage. Nun habe ich das alles hinter mir ...«

»Ja, jetzt sind Sie ja eine Persönlichkeit, ein Kapitalist!«

Es war offenbar eine Anspielung auf die Pfandkasse. Ich hatte aber meine Selbstbeherrschung wiedergewonnen. Ich sah, daß sie noch weitere erniedrigende Erklärungen von mir erwartete, tat ihr aber nicht den Gefallen. Wie gerufen klingelte in diesem Augenblicke ein Kunde, und ich ging ins andere Zimmer. Später, nach einer Stunde, als sie schon zum Ausgehen angekleidet war, trat sie plötzlich vor mich hin und sagte:

»Warum haben Sie mir aber vor der Hochzeit kein Wort davon gesagt?«

Ich gab ihr keine Antwort, und sie ging fort.

Am nächsten Tage stand ich also in jenem Nebenzimmer hinter der Türe und hörte zu, wie sich mein Schicksal entschied; in der Tasche hatte ich meinen Revolver. Sie war etwas eleganter als gewöhnlich gekleidet und saß am Tisch, während Jefimowitsch sich anstrengte, im schönsten Lichte zu erscheinen. Und was glauben Sie? Es kam genau so (zu meiner Ehre sei es gesagt!), es kam genau so, wie ich es unbewußt vorausgeahnt und vorausgesehen hatte. Ich weiß nicht, ob ich mich klar genug ausdrücke.

Es kam so. Ich hörte eine geschlagene Stunde zu, und eine geschlagene Stunde währte der Zweikampf zwischen einer überaus edlen und erhabenen Frau und einem verdorbenen, stumpfen Kerl, einem Salonmenschen mit niedriger Gesinnung. Und woher, fragte ich mich ganz bestürzt, woher hat nur dieses naive, sanfte, sonst so schweigsame Geschöpf alle diese Worte und Kenntnisse her? Selbst der geistreichste Lustspieldichter hätte diese Szene voller Hohn und heiliger Verachtung, die die Tugend für das Laster hat, nicht erfinden können. Wieviel Geistesblitze waren in allen ihren Worten und Bemerkungen, wie scharfsinnig waren ihre raschen Antworten, wie wahr und gerecht alle ihre Urteile! Und zugleich diese mädchenhafte Naivität! Sie lachte ihm über seine Liebeserklärungen, Gesten und Anträge ins Gesicht. Er war offenbar mit der Absicht gekommen, die Sache gleich roh anzupacken, und hatte solchen Widerstand nicht erwartet; nun stand er wie ein begossener Pudel da. Anfangs hätte ich ja glauben können, daß es ihrerseits nur Koketterie wäre, »die Koketterie eines verderbten, aber geistreichen Geschöpfes, das auf diese Weise begehrlicher erscheinen will«. Aber nein: die Wahrheit erstrahlte klar wie die Sonne, und alle Zweifel mußten weichen. Nur aus Haß gegen mich, in den sie sich selbst hineingeredet hatte, hatte sie sich in ihrer Unerfahrenheit zu diesem Stelldichein bewegen lassen; als sie aber vor der Tatsache stand, gingen ihr plötzlich die Augen auf. Sie hatte in ihrer Herzensunruhe nach einer Möglichkeit gesucht, mich irgendwie, um jeden Preis zu beleidigen; und doch schreckte sie im entscheidenden Augenblick vor dem Schmutz zurück. Wie hätte auch dieser Jefimowitsch oder jemand seinesgleichen sie, die Sündenlose und Reine, die ihr Ideal im Herzen hatte, verführen können? Im Gegenteil, er rief bei ihr nur Gelächter hervor. Die ganze Wahrhaftigkeit ihres Wesens kam zum Durchbruch, und ihr Widerwille äußerte sich in Sarkasmus. Wie gesagt, dieser Hanswurst stand schließlich wie ein begossener Pudel da, war ganz kleinlaut geworden, so daß ich fürchtete, er könnte sie aus niedriger Rachsucht beleidigen. Und es sei nochmals zu meiner Ehre gesagt: ich hörte dieser Szene fast ohne Erstaunen zu. Ich hatte gleichsam etwas mir Wohlbekanntes wiedergefunden, war nur deswegen hingegangen, um es wiederzufinden. Als ich hinging, glaubte ich im Grunde an keine der Beschuldigungen, obgleich ich mir auch den Revolver eingesteckt hatte. Das ist die ganze Wahrheit! Hätte ich von ihr überhaupt etwas anderes erwarten können? Hätte ich sie sonst geliebt, geschätzt, geheiratet? O, ich sah, wie sehr sie mich haßte, sah aber auch zugleich, wie unverdorben sie war. Ich machte der Szene plötzlich ein Ende, indem ich die Türe öffnete. Jefimowitsch sprang auf; ich nahm sie bei der Hand und forderte sie auf, mit mir zu gehen. Jefimowitsch fand seine Fassung bald wieder und lachte laut auf:

»O, gegen die geheiligten Rechte des Gatten kann ich nichts machen, führen Sie sie nur fort! – Und wissen Sie,« rief er mir nach, »obwohl sich ein anständiger Mensch mit Ihnen nicht schlagen kann, stehe ich doch, aus Achtung für die Dame, zu Ihrer Verfügung. Wenn Sie es nur riskieren ...«

»Sie hören?!« sagte ich ihr, sie einen Augenblick auf der Schwelle zurückhaltend.

Auf dem Wege nach Hause sprach keiner von uns ein Wort. Ich führte sie am Arm, und sie ließ sich von mir führen. Sie war sogar furchtbar bestürzt und blieb es auch, als wir die Wohnung erreichten. Sie setzte sich auf einen Stuhl und heftete auf mich ihren starren Blick. Sie war ungewöhnlich bleich; auf ihren Lippen spielte zwar ein spöttisches Lächeln, sie sah mich aber seltsam feierlich und herausfordernd an und schien ernsthaft daran zu glauben, daß ich sie sofort mit dem Revolver niederschießen würde. Ich nahm den Revolver schweigend aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. Sie blickte jetzt abwechselnd auf die Waffe und auf mich. (Beachten Sie, bitte, folgenden Umstand: dieser Revolver war ihr schon bekannt. Ich hatte ihn mir noch bei der Eröffnung meiner Leihkasse angeschafft, und er war immer geladen. Als ich das Geschäft gründete, beschloß ich, mir weder große Hunde noch einen starken Diener, wie ihn z. B. Moser hat, zu halten. Denn bei mir öffnet die Köchin die Türe. Ein Leihkassenbesitzer darf aber doch nicht ganz auf Selbstschutz verzichten; daher hatte ich den geladenen Revolver. Sie zeigte schon gleich im Anfang Interesse für den Revolver, und ich mußte ihr das System und die Handhabung erklären; ich überredete sie sogar einmal, mit dieser Waffe nach einem Ziel zu schießen. Ich bitte Sie, dies alles zu beachten.) Ohne ihren verstörten Blicken weitere Beachtung zu schenken, legte ich mich halb angekleidet ins Bett. Ich fühlte mich sehr matt, auch war es schon elf Uhr geworden. Sie blieb noch etwa eine Stunde regungslos auf ihrem Stuhle sitzen. Dann löschte sie das Licht aus und legte sich, gleichfalls angekleidet, auf den Diwan, der an der Wand stand. Das war das erstemal, daß sie sich nicht zu mir ins Bett legte. Wollen Sie sich, bitte, auch diesen Umstand merken ...

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.